Foto: University of Salford Press Office – Flickr – CC BY 2.0

Male-only-panels: Sprecher sind Teil des Problems – und müssen Teil der Lösung sein

Wenn Podien und Talkshows nur aus männlichen Gästen bestehen, müssen die Männer das selbst ändern, argumentiert Agenturgeschäftsführer Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach in einem Gastbeitrag.

 

Es liegt nicht am Organisationsteam allein

Ich gehe schon länger nicht mehr auf Veranstaltungen, bei denen nur oder überwiegend Männer auf Podien sitzen oder stehen. Nun gehe ich sowieso nicht mehr so viel auf Veranstaltungen, aber das hängt direkt miteinander zusammen. Dazu aber unten, am Ende.

Eigentlicher Anlass dieses Textes ist, dass es mich immer wieder und immer sehr ärgert, wenn Sprecher auf Veranstaltungen, die Kritik bekommen, weil sie Teil eines #maleonlypanel sind, sich von dieser Kritik angefasst fühlen und sie auf die Veranstalterinnen (meistens sind es Veranstalter) abschieben wollen. Das halte ich für falsch.

Tagungen zu veranstalten ist ein mühsames Geschäft, oft vor allem kein wirtschaftlich sinnvolles. Wenn ich es mir nicht einfach mache, indem ich nicht die gleichen Leute immer wieder auf meine Podien setze, sondern neue Gäste, ist es wirklich und echt viel Arbeit. Insofern – ich bin schließlich als Agenturgeschäftsführer auch selbst dafür verantwortlich, dass mein Unternehmen Geld verdient – kann ich es bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, dass die (meist männlichen) Veranstalterinnen solcher langweiligen Tagungen das schnell-schnell machen und mal eben auf ihre seit Jahren funktionierenden Boys-Netzwerke zurückgreifen. Bis zu einem gewissen Grad, wie gesagt.

Darum sind (wir) Sprecher so sehr in der Pflicht

Und darum finde ich ein „Naming & Shaming“ von Sprechern, die auf rein männliche Panels, Podien oder Veranstaltungen gehen, richtig und wichtig. Nur wenn sich keine Sprecher mehr finden für diese Form von überholter Inszenierung, nur dann wird sich etwas ändern. Außer bei denen, die Interesse haben, eine gute Tagung zu organisieren, aber das haben nun mal nur wenige, Geld verdienen, u know.

Erst, wenn es für uns Männer unangenehm wird, auf einem #maleonlypanel zu sitzen, erst, wenn das, was wir uns versprechen von einer Präsentation – Reputation, Neugeschäft, Bekanntheit – nach hinten losgeht, erst dann wird der Druck groß genug sein, dass sich etwas ändert. Vielleicht bin ich selbst schon zu alt und zu lange im Geschäft, als dass ich hier an eine freiwillige Veränderung außerhalb von Nischen glaube.

Es gelingt mir selbst auch nicht immer, mich an meine eigenen Regeln zu halten – wenn du für Kundinnen arbeitest, ist es immer ein Balanceakt zwischen dem, was für diese richtig und notwendig ist und deiner eigenen Haltung. Insofern werde ich dieses Jahr auf einem #maleonlypanel sitzen – aber immerhin im Rahmen einer Veranstaltung, die auch andere Formate hat (womit ich mir als typischer PRler das ganze schönrede und die kognitive Dissonanz aufzulösen versuche).

Aber es gibt Dinge, die ich tun kann – und wenn es selbst mir, der nicht viel auf Podien ist, gelingt, sollte es für die Rampenmenschen, die viel auf Podien und sehr gefragt sind, ein Leichtes sein. Ich muss nur dran denken.

1. Über das Format informieren und klare Bedingungen stellen

Wenn ich für ein Podium oder einen Vortrag angefragt werde, frage ich inzwischen intensiver nach dem Kontext. Ist es eine langweilige Veranstaltung, bei der es nur Vorträge und Podiumsdiskussionen gibt? Oder werden auch andere Formate ausprobiert? Das an sich ist nach meiner Erfahrung schon ein guter Indikator. Und weil ich auch selbst keine Lust hätte, als Zuschauerin auf eine traditionelle Frontaltagung zu gehen, gehe ich da eben auch als Sprecher nicht hin. Habe ich Lust und kann etwas beitragen (was ich ja als typischer von sich überzeugter Mann zu jedem Thema glaube tun zu können), dann sage ich zu – unter der Bedingung, dass zum einen nicht jemand mit auf dem Podium sitzt, mit dem ich nicht zusammen auftreten möchte, weil das meine eigene Reputation beschädigen würde; und dass es zum anderen eben kein #maleonlypanel wird. In letzter Konsequenz habe ich auch noch am Veranstaltungstag meine Teilnahme abgesagt.

Ich kenne keinen Redner, der sich nicht erkundigt, wer denn noch redet, der nicht eine „Blacklist“ hätte – insofern ist es von Männern, die sich herausreden, sie könnten ja nichts für die Zusammensetzung des Podiums, auf dem sie sitzen, schlicht gelogen. Sie haben nicht dran gedacht. Oder es ist ihnen nicht wichtig, dass auch andere Menschen als mittelalte weiße Männer da mit ihnen auf der Bühne sind.

2. Platz machen für andere

Man muss nicht jede Anfrage selbst erfüllen. Wenn mein eigenes Geschäftsmodell darauf beruht, dass ich persönlich so oft wie möglich auf Podien zu sehen bin, geht das nicht. Aber für viele Vielredner, wahrscheinlich für die allermeisten, die nicht als Freelancer arbeiten, trifft dies ja nicht zu. Werde ich also angefragt, stelle ich mir und meinem Team mehr und mehr die Frage, ob ich dahin muss – oder ob jemand anderes gehen kann. Mir ist wichtig, dass meine Direktorinnen sich auf Bühnen stellen. Dass sie das nicht nur üben, sondern sich zeigen. Und ich gebe zu, dass ich auch schon den Trick angewendet habe, mich kurzfristig von einer von ihnen vertreten zu lassen, wenn die Veranstalterinnen nicht bereit waren, von Anfang an die „zweite Reihe“ auf die Bühne zu lassen.

Dies ist tatsächlich emotional nicht so einfach, weil es mir – wie vielen anderen, die ich kenne – einfach auch echt Spaß macht, auf Bühnen zu stehen. Und ich so eitel bin, zu glauben, dass ich auch etwas zu sagen habe. Nur: Wenn wir, die so sind, nicht zurückstehen, wird sich nichts ändern. Denn mehr andere Leute auf dem Podium heißt weniger von uns mittelalten weißen Männern. Ist so.

3. Anprangern und Boys-Netzwerke stören

Es ist eine sehr ungute Tradition, sich in dieser Frage aus falsch verstandener Solidarität nicht die Augen auszuhacken. Auch als jemand, der gerne spricht, auch als Mann – ich darf das Anprangern von #maleonlypanels nicht den Frauen überlassen. Ich weiß, wie diese Männernetzwerke funktionieren – und muss sie, denke ich, von innen heraus stören und am Ende zerstören. Kann offen über die Jungs-Netzwerker sprechen und ihnen widersprechen. Kann öffentlich machen, wie beispielsweise Dauerteilnehmer an Jurys in diese eine misogyne Grundstimmung und eine Herrenwitzatmosphäre schaffen, die direkte Auswirkungen auf die Zusammensetzung von Podien und Preisen hat.

Jedenfalls kann ich dieses, wenn mir eine Veränderung wirklich wichtig ist – wichtiger sein als mein eigenes Stück vom Award- und Podiums-Kuchen; wenn ich mich traue, das Boys-Netzwerker-Kartell zu provozieren, das es in jeder Branche immer noch gibt. Helfen kann dabei, eigene Netzwerke zu bilden, sich neu zu solidarisieren, wie wir es gerade mit den Male Feminists Europe machen und mit dem Netzwerk #men4equality.

Warum ist mir das wichtig?

Zum einen, weil ich durch Herkunft und mit Überzeugung Feminist bin. Zum anderen aber noch viel mehr, weil ich selbst auch keine Lust habe, an den immer gleichen, hoch-ritualisierten Veranstaltungen teilzunehmen. Sie langweilen mich.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es in der Tat ein guter Lackmustest ist, ob sich andere Sprecher als die ewig gleichen Männer finden lassen – wenn das schwer ist oder unmöglich, dann ist oft das Format oder das Thema nicht wert, verfolgt zu werden. Dann ist es Zeit, die Rituale aufzubrechen, andere Formen zu probieren. Ähnlich, wie zum Beispiel streng quotierte Redelisten im politischen Geschäft dazu führen, dass weniger langweilige Fensterreden gehalten werden – sondern andere Formate wie Speeddating etc. erprobt.

Also, Männer: Sagt die #maleonlypanels ab, damit sich etwas bewegt.


Hinweis: Der Autor verwendet in seinem Text das generische Femininum. Männer sind mit der weiblichen Form von z.B. Veranstalterinnen mit gemeint.

Titelbild: University of Salford Press Office – Flickr – CC BY 2.0


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