Foto: Dove

Melanie: „Respekt für meinen Beruf zu haben bedeutet, Respekt für meinen Körper zu haben“

Melanie steht auf Risiko. Für sie ist die Emotion der Angst dabei mehr als ein Indiz für Gefahr, sondern – wie sie sagt – ein Gefühl, dass sie gerne reflektiert, um damit zu arbeiten. Außerdem liebt sie kreative Abwechslung und hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht: Sie ist Stuntfrau.

 

Schönheit sitzt tiefer

Sich einfach mal fallen lassen: für Melanie ganz alltäglich. Bei jedem Stunt muss sie auf sich selbst vertrauen, daher sind Selbstbewusstsein und Körpergefühl essentiell für ihren Erfolg und ihre Gesundheit. Mit ihrer Geschichte ist Melanie Teil der neuen Dove Kampagne, die im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht.

Das Besondere: Die Frauen sind allein aufgrund ihrer individuellen Geschichten gecastet worden und legten ihrer Bewerbung kein Foto bei. Die Produzent*innen haben die Frauen am Set also zum ersten Mal gesehen. Wir haben nachgefragt: Mit welchen Vorurteilen hat Melanie als Frau im Business zu kämpfen? Und warum ist es so wichtig, keine Angst zu haben, sondern Respekt?

Melanie, wie bist du Stuntfrau geworden? 

„Ich habe schnell festgestellt, dass es mir sehr viel Lebensenergie gibt, mit meiner eigenen Angst zu arbeiten und mich ihr zu stellen. Ein Beispiel: Lange bevor ich Stuntfrau wurde, habe ich mit meinem Sohn einen Hochseilgarten besucht. Als ich da oben stand überkam mich plötzlich Panik – ich konnte keinen Schritt mehr gehen. Gleichzeitig fand ich dieses Angstgefühl total interessant und ich habe gespannt beobachtet, was der Kopf dabei mit dem Körper anstellt. Das hat mich so gereizt, dass ich immer mehr Erfahrungen in Richtung Extremsport gesammelt und den Unterschied zwischen Angst und Respekt kennengelernt habe. Als ich dann mit einer Freundin ein Stunt-Workshop in Dänemark besuchte, gab es keinen Weg mehr zurück. Dort hatte ich dann auch meinen ersten Dreh. Dabei wurde mir noch einmal mehr bewusst, dass es wichtig ist, keine Angst zu haben, sondern Respekt.“

Was ist für dich der Unterschied zwischen Angst und Respekt?

„Der ganz entscheidende Faktor ist dabei Kontrolle – eben zu wissen, was man zu erwarten hat. Im Hochseilgarten hatte ich plötzlich so große Angst, dass ich keine Kontrolle mehr über mich hatte. Bei einem Stunt jedoch ist Kontrolle enorm wichtig: Ich muss meinen Körper kontrollieren, um die Situation im Griff zu haben. Meine Muskelzellen, Sehnen und Fasern müssen wissen, wann sie wie und was zu machen haben, damit beim Sturz nichts passiert. Habe ich also statt Angst Respekt, bin ich mir der möglichen vorhersehbaren Faktoren und Gefahren bewusst und kann durch eine gute Vorbereitung mögliche Kontrollverluste eindämmen. Ich habe Respekt vor dem Stunt und weiß, was passieren kann. Aber ich minimiere das Risiko. Angst lähmt, Respekt macht handlungsfähig.“

Zu dieser Vorbereitung gehört sicherlich viel Training, aber auch Mut. Woher nimmst du dein Körpergefühl und Selbstbewusstsein?

„Schon während der Schule habe ich sehr viel Sport gemacht, von Jazzdance bis zur rhythmischen Sportgymnastik – ich hatte schon immer ein gutes Gespür für meinen Körper. Damals habe ich auch gemerkt, wie viele Bewegungsarten der Körper lernen kann. Das war für mich eine wichtige Erfahrung. Aber es hat sicherlich auch geholfen, dass ich immer neue Sportarten ausprobiert habe, weil mich vieles schnell gelangweilt hat. Mein System funktioniert nur mit Abwechslung. 

Letztendlich besteht ein Stunt aber aus sehr viel Routine und Übung. Die Bewegungsabläufe müssen bis ins kleinste Detail einstudiert und zu jeder Zeit abrufbar sein. Dieses langwierige Üben eines einzelnen Stunts widerspricht zwar meinem Verlangen nach Abwechslung, ist aber enorm wichtig!“ 

Welche Rolle spielt dabei Selbstbewusstsein und Selbstkontrolle?

„Wenn es dann zum Stunt kommt, spielt das eine sehr große Rolle: Es gibt gar keinen Platz für ‚Ich kann das nicht‘. Es ist eher: ‚3-2-1-Action!‘ Dann muss der Kopf abschalten und ich führe hochkonzentriert und kontrolliert aus, was ich vorher durch viel Übung verinnerlicht habe. Ich weiß, dass ich es kann, setze den Fokus und los geht’s. Das Gefühl, dass dann einsetzt, ist einmalig.“ 

Was sind für dich als Stuntfrau die größten emotionalen Herausforderungen?

„Lange Produktionen, bei denen ich 24/7 präsent sein muss, waren Herausforderungen für mich und ich brauchte lange Erholungsphasen. Jetzt weiß ich: Wenn ich in meinem eigenen Rhythmus bin, bin ich wesentlich belastbarer. Seitdem ich mir Zeit für mich durch Yoga und Meditation nehme, habe ich meine Mitte gefunden. Dadurch nutze ich meine Sensibilität anders und sehe sie als Stärke.

Eine weitere emotionale Herausforderung ist das Thema Vorurteile gegenüber Frauen. Viele Stundkoordinatoren lassen sogar Frauen von Männern doubeln, weil sie Frauen einen bestimmten Stunt nicht zutrauen. Das muss man sich mal vorstellen!“

Wie sieht es mit anderen Frauen aus, beispielsweise beim Thema Konkurrenz?

„Obwohl es in der Branche viele großartige, charakterstarke und feurige Frauen gibt, die mich inspirieren, gibt es auch eine gewisse Ellenbogenmentalität. Mittlerweile stehe ich darüber. Ich habe festgestellt, dass kein Beruf der Welt es wert ist, sich Situationen auszusetzen, in denen man sich nicht wohl fühlt. Innerlich ‚hässliche‘ Frauen und Männer blende ich inzwischen einfach aus und fokussiere mich lieber auf die tolle Community, in der man sich gegenseitig hilft und voneinander lernt.

Und was sind die körperlich größten Herausforderungen?

„Disziplin ist ein Muss: Ich trainiere fünf Mal in der Woche. Blaue Flecken und Narben gehören dazu. Ich benutze meinen Körper gern und wenn man seinen Körper benutzt, dann sieht der eben auch dementsprechend aus. Was er dann braucht, ist intensive Pflege. Auch hier spielt Respekt wieder eine große Rolle: Respekt für meinen Beruf zu haben bedeutet, Respekt für meinen Körper zu haben. Ich mache nur dass, was ich mir auch wirklich zutraue. 

Etwas paradox ist es natürlich schon, denn ich muss mir ja ständig die Frage stellen: Wie vermeide ich Unfälle und Verletzungen, die ich ja eigentlich machen will? Dafür gibt es keine Schule. Bei vielen Sport-Ausbildungen liegt der Fokus schließlich darauf, dass es erst gar nicht zum Sturz oder einer Gefahr kommt. Ich muss aber genau das ausführen und darstellen.“

Du lebst quasi immer in einer für den Körper gefährlichen Grauzone, bist gleichzeitig hochkonzentriert und körperlich leistungsfähig – abseits aller Vorurteile. Das ist deine Geschichte. Gab es Geschichten anderer Frauen der Dove Kampagne, die dich beeindruckt haben?

„Weil extreme Situationen ein großer Teil meines Lebens sind, fand ich beispielsweise die Geschichte von Laura beeindruckend: Sie fotografiert als Unterwasserfotografin Haie – das finde ich natürlich total spannend. Emotional beeindruckt hat mich aber auch die Geschichte von Alex, die ihrem Sohn eine Niere gespendet hat. 

Insgesamt war ein toller Mix von Frauen am Set, sowohl was das Team von Dove betrifft, als auch die gecasteten Teilnehmerinnen. Die Geschichten der Frauen in den Fokus zu nehmen und eine Kampagne zu planen, ohne die Frauen auch nur einmal vorher gesehen zu haben, hat mich nachhaltig beeindruckt – dass die Frauen trotz und wegen ihrer Geschichten und den dazugehörigen Rückschlägen ein so positives Mind-Set haben aber noch viel mehr. Frauen sind so stark! Und jede einzelne hat gestrahlt.“

Liebe Melanie, vielen Dank für das Interview.

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