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#Metoo und ihre Schwestern – wie Hashtag-Aktivismus Debatten über sexualisierte Gewalt verändert

Über ein Jahr liegt der Beginn der #metoo-Debatte zurück. Welche Chancen bietet die Diskussion, sie lösungsorientiert weiterzuführen? Das Manuskript zum Vortrag von Teresa Bücker: „#metoo und ihre Schwestern. Debatten um (sexualisierte) Übergriffe und Gewalt in den (sozialen) Medien“ von der bff-Fachtagung: #menschenrechte – Fachberatungsstellen gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Konzepte für die Zukunft.

Vortrag bei der bff-Fachtagung: #menschenrechte – Fachberatungsstellen gegen geschlechtsspezifische Gewalt

Vielen Dank für die Einladung, heute mit ihnen weiterdenken zu dürfen, danke für ihre großartige Arbeit in all den Jahren, danke auch an das Internet, all die mächtigen Hashtags und die Menschen, die sie nutzen um ihre Geschichten zu teilen, einander zuzuhören, sich solidarisch zeigen und damit Dinge in Bewegung zu setzen. Wir wissen spätestens seit #metoo, und eigentlich auch schon vorher, dass die digitale Welt keine separate Welt ist, dass wir auch nicht zwischen Online-Aktivist*innen und analoge Aktivist*innen unterteilen müssen, denn diese Welten gehören zusammen – und nur ein Tweet kann die ganze Welt in Bewegung setzen.

Wie Hashtags wirken

Was können Hashtags, verlinkte Schlagworte in sozialen Medien, bewirken? Die Publizistin und Aktivistin Kübra Gümüşay beschrieb Hashtags, egal ob #schauhin, #aufschrei, #ausnahmslos, #metoo oder #metwo, in einem Interview mit EDITION F so: 

 „Das Spannende an Hashtags ist ja, dass sie eine Art Label sind, um eine Konversation zu kennzeichnen. Es wird ein digitaler Raum geschaffen, in dem Menschen sich zusammenfinden, um zu einem bestimmten Thema zu sprechen. Ich halte das deshalb für sehr mächtig und wertvoll, weil sich so tausende Menschen zusammenschließen können, und zwar ohne, dass irgendeine Redaktion oder mächtige Institution das vorschreiben muss oder die Relevanz eines Themas überhaupt erkennt. (…) Der Rassismus z.B., den Menschen in ihrem Alltag, tagtäglich mit dem Verlassen ihres Hauses erleben, war zuvor lange Zeit kein Diskussionsthema. Das hat sich durch Hashtags geändert und das wiederum zeigt ihre Macht.“ 

Unter #aufschrei begann 2013 in Deutschland die erste große Debatte über Sexismus und sexuelle Belästigung, in im digitalen Raum angestoßen wurde. #aufschrei wurde als erstes Hashtag mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet. Die Jury schrieb in ihrer Begründung für die Preisvergabe:

„Dabei belegt #aufschrei eindrucksvoll, wie der Brückenschlag zwischen digitalem Resonanzraum und arrondierenden publizistischen Leistungen gelingen kann. Der Wunsch der Jury, den diese Nominierung intensiv diskutierte: Weitere gesellschaftlich virulente Themen sollen eine digitale Diskussionsheimat finden, gestützt von einer neuen, verzahnten On- und Offline-Debattenkultur.“

Die Grimme-Jury fasste damit ebenfalls, dass die Preisvergabe keinen Abschluss einer Debatte feststellen sollte, vielmehr erkannte er die Debattenführung als eine Praxis an, die Zukunft haben soll. Und sie behielt recht, denn seither hat es zahlreiche Hashtags im deutschsprachigen Raum gegeben, die bundesweite Debatten angestoßen haben, die sich mit struktureller Diskriminierung befasst haben. Der Anfang Dezember von Twitter veröffentlichte Jahresrückblick für Deutschland gab an, dass #wirsindmehr, mit dem sich Menschen gegen rechte Hetze und Gewalt positionierten, das am häufigsten genutzte Hashtag 2018 war – gefolgt von #metoo.

Was kann #metoo verändern?

Es ist über fünf Jahre ist es her, da durfte ich auf der Münchner Frauenkonferenz einen großen Vortrag über #aufschrei halten und ich finde noch immer bemerkenswert, dass diese erste große Debatte über Übergriffe, Macht und Missbrauch schon so lange zurückliegt. Oder erst so kurz? Das hängt vielleicht von der eigenen Erfahrungsspanne ab, denn mit Mitte 30 bin ich noch vergleichsweise jung und viele von Ihnen hier in diesem Saal haben vermutlich schon 30 Jahre Berufserfahrung. Oder auch 30 Jahre und mehr Erfahrung damit, was Gewalt und sexualisierte Übergriffe mit unserer Gesellschaft machen, wie präsent sie sind, wie wenig sich in all dieser Zeit verändert hat. Bewegt sich nun etwas?

Ist #metoo die große Schwester des #aufschrei und wenn ja, was hat sich mit dieser Netzbewegung verändert? Ich würde heute mit Ihnen gern zurückblicken auf ein Jahr #metoo und andere Bewegungen im Netz, aber auch nach vorn und darüber sprechen, welche Rolle sozialen Medien dabei zukommt, das Zusammenleben der Menschen zu verändern und Gewalt zurückzudrängen. Dabei ist „soziale Medien“ nicht der richtige Begriff, um zu beschreiben, wer die Akteur*innen sind. Denn hinter Hashtags stehen Menschen, die etwas bewegen möchten. Hier wird großes zivilgesellschaftliches Engagement deutlich, persönliche und intime Erfahrungen von einzelnen Menschen, die digital sichtbar werden und dann konkret im Alltag wirken können, die politisch wirksam werden können. Und neben den so genannten sozialen Medien spielen auch die regulären Medien eine Rolle, die von der Zivilgesellschaft aktiviert und in die Pflicht genommen wurden. Online-Aktivismus wurde lange Zeit, auch zur Zeit von #aufschrei und teils auch noch heute, belächelt, als wenig wirksamer Aktivismus dargestellt; als „Klick-Aktivismus“, von dem keine Macht und Veränderung ausgehen kann. Es wäre tollkühn, dieses Urteil heute noch zu fällen, denn #metoo hat tatsächlich noch einmal eine andere Wirkmächtigkeit hier auf die Bühne gebracht und den Online-Aktivismus zu einer Schwester des zivilgesellschaftlichen Engagements heranwachsen lassen, die längst nicht mehr krabbelt, sondern Berge hinaufrennt und über Hecken springt.

So begann #metoo in den USA

– Am 5. Oktober 2017 erschien in der „New York Times“ eine Recherche, in der der Filmproduzent Harvey Weinstein der Vergewaltigung, Nötigung und sexueller Belästigung über einen langen Zeitraum hinweg beschuldigt wurde.

– Zehn Tage später rief die Schauspielerin Alyssa Milano unter dem Hashtag #MeToo andere auf, ihre Erfahrungen zu teilen. Das Hashtag verbreitete sich auf rasante Weise nicht nur in den USA, sondern in mindestens 85 weiteren Ländern, die teils eigene Hashtags nutzten. Hashtags sind weder auf Landes- noch auf Sprachgrenzen beschränkt. Damit machen sie sichtbar, wie nah wir einander transnational sind, es kann erschrecken, weil es die Verbreitung sexualisierter Gewalt sichtbar macht, aber durch die internationale Solidarisierung auch ermutigen.

– Die schwarze Aktivistin Tarana Burke hatte das Hashtag bereits 2006 u.a. im Netzwerk Myspace benutzt. Ihr Ziel: „Empowerment durch Empathie“ innerhalb schwarzer Communitys von Frauen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben. Tarana Burke ist wichtige Protagonistin der #metoo-Bewegung und hat gerade einen Ted-Talk gehalten: „Me Too is a movement, not a moment“.

– In den USA haben im Zuge der Debatte viele namhafte und mächtige Männer die Konsequenzen ihres Verhaltens zu spüren bekommen und ihren Job verloren und die Scham spüren müssen, die ansonsten vor allem etwas ist, dass die Opfer sexualisierter Gewalt spüren.

– In der #metoo-Debatte wurde u.a. kontrovers diskutiert, ob neben sexualisierter Gewalt auch Belästigung und Sexismus diskutiert werden sollen und ob und wie sie ineinandergreifen.

– Die #MeToo-Debatte hat die mediale und öffentliche Bühne für viele weitere Themen rund um sexuelle Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und strukturelle Diskriminierung geöffnet.

#metoo in Deutschland

– In Deutschland wurde die Debatte teils zunächst als Hollywood-Problem verortet, bis am 3. Januar 2018 das Zeitmagazin eine Rercherche über den Regisseur Dieter Wedel veröffentlichte. Ihm wurden von mehreren Schauspielerinnen sowie ehemaligen Mitarbeiter*innen schwere Delikte bis hin zu Vergewaltigung vorgeworfen. Ohne die Recherche des Zeitmagazins wäre die Debatte in Deutschland vermutlich mit dem Jahreswechsel zu Ende gewesen.

– Mittlerweile gibt es weitere Anschuldigungen gegenüber bekannteren Männern, wie zum Beispiel Gebhard Henke, WDR-Programmbereichsleiter, der zum 14. Juni 2018 abberufen wurde, sowie dem früheren Präsidenten der Münchner Musikhochschule, Siegfried Mauser.

– Es folgten größere Recherchen von deutschen Medien zu u.a. Übergriffen im Reitsport, im Journalismus, in der Erdbeerernte in Spanien und Marokko und Berichte über viele weitere Branchen, in denen Frauen in Abhängigkeitsverhältnissen Missbrauch ausgesetzt sind.

– Das Persönlichkeitsrecht in Deutschland bewirkt, dass eine Verdachtsberichterstattung wie zum Beispiel in den USA seltener möglich ist. Wenn also der Eindruck entstanden sein sollte, in Deutschland würde der Missbrauch entlang von Machtstrukturen seltener stattfinden, dann ist das vor allem die Abwägung von Persönlichkeitsrecht und Presse- und Meinungsfreiheit, die der Verdachtsberichterstattung in Deutschland engere Grenzen setzt und Beschuldigte schützen soll. Bis ein rechtskräftiges Urteil ergangen ist, wiegt gerade für nicht prominente Beschuldigte das Persönlichkeitsrecht schwerer, so dass keine Namen genannt werden dürfen. Obgleich man auch in den USA klar sehen konnte, wie langwierig die Recherche für die #metoo-Stücke waren und wie viele Frauen bereit sein mussten, auszusagen, bevor man eine Investigativ-Recherche wie die über Harvey Weinstein oder Bill Cosby publizieren konnte. So beeindruckend die Recherchen sind, der Effekt, den es haben kann, dass ein Mann mutmaßlich sehr viele Frauen missbraucht und eingeschüchtert haben soll, erweckt in der Schwere und Fallzahl der Vorwürfe auch immer den Eindruck von Ausnahme-Fällen und verharmlost die Geschichten, in denen es vielleicht nur eine Person gab, die Täter*in oder Opfer war. Die persönlichen Geschichten, die normale Menschen über soziale Netzwerke erzählt haben, sind auch hier ein Korrektiv, um sichtbar zu machen, was ohnehin belegt ist: Dass sexualisierte Gewalt und das Ausnutzen von Macht über andere überall vorkommt und nicht auf Branchen, soziale Schichten oder kulturelle Gruppen beschränkt ist.

Der große Verdienst der #metoo-Debatte ist außerdem, dass er die mediale Bühne weit geöffnet hat für viele Themen, nicht nur für sexualisierte Gewalt und sexuelle Belästigung mit einem Fokus auf die Berufswelt. Seit #metoo ist es für viele Themen, die vorher vor allem in feministischen und frauenbewegten Nischen stattgefunden haben, Aufmerksamkeit von Seiten der Medien zu bekommen, und damit auch stärker in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs zu gelangen, was ich später noch näher ausführen werde.

#metoo in den sozialen Medien

Als sich #metoo sich im Oktober 2018 jährte, wurde oft gefragt, was sich seither getan hat. Haben sich Machtstrukturen in Luft aufgelöst und gehört sexuelle Belästigung einer vergangenen Zeit an?

Ich möchte Ihnen kurz vorstellen, was an der Oberfläche sozialer Medien deutlich wurde, auch wenn bislang umfangreiche Daten für den deutschsprachigen Raum fehlen. Diese Studie des Pew-Research-Center für die USA zeigt uns aber spannende Einblicke, die in Teilen übertragbar sein dürften, sie wurden im Oktober 2018 veröffentlicht

– Das #metoo-Hashtag wurde von Menschen über 19 Millionen Mal genutzt. Zum Auswertungsdatum im Oktober 2018 waren das mehr als 55.000 Tweets pro Tag.

– Die häufigsten Themen in #metoo Tweets waren persönliche Erlebnisse und die Bezugnahme auf Hollywood und einzelne Celebritys, sowie Tweets über Politik auf nationaler Ebene und Politiker*innen, in denen z.B. Maßnahmen zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gefordert wird. 

– 71 Prozent der verfassten Tweets waren in Englisch, 29 Prozent in anderen Sprachen. Die größten Anteile an den Sprachen hatten Afrikaans (7%), Somali (4%) und Spanisch (3%).

– Die Mehrheit der US-Nutzer*innen von Social Media sieht regelmäßig Inhalte zu sexualisierter Gewalt oder Belästigung. 65 Prozent geben an, häufig oder ab und an Posts zu Themen rund um #metoo zu sehen, das Geschlechterverhältnis bei der Wahrnehmung dieser Inhalte ist ausgeglichen.

– 44 Prozent der US-Abgeordneten bezogen in den Wochen nach den ersten Vorwürfen prominenter Frauen in mindestens einem Social-Media-Post Stellung zu Fragen von sexualisierter Gewalt. Hier zeigte sich jedoch ein deutlicher Geschlechterunterschied und weibliche Abgeordnete äußerten sich signifikant häufiger.

Was ich so spannend an diesen Zahlen finde, ist die deutliche Gelegenheitsstruktur, die sich zeigt für politische Maßnahmen und weitere gesellschaftliche Debatten, denn die Aufmerksamkeit für das Thema ist nach wie vor da, Internetnutzer*innen nehmen Themen rund um #metoo häufig war und sie  führen die Debatten klar mit politischem Bezug und Erwartungen an Politiker*innen. Das heißt auch, dass ein Vakuum entsteht, wenn auf die Aktivitäten und Erwartungen der Nutzer*innen, die schließlich Bürger*innen sind, nicht reagiert wird. Für Organisationen wie den bff e.V. bedeutet es, dass die Chancen, dass die eigene Arbeit wahrgenommen und unterstützt wird, höher sein könnte als vor den großen Hashtag-Debatten über die Kernthemen, zu denen die Frauenberatungsstellen arbeiten. 

Welche Zahlen gibt es für Deutschland?

– Zwei Drittel der Deutschen sagen, die #MeToo-Debatte als etwas Positives erlebt zu haben, weil sie auf Probleme aufmerksam gemacht hat. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar Public für den SPIEGEL. Sowohl Männer als auch Frauen stimmten zu jeweils 66 Prozent der Aussage zu, die Debatte, in der Umfrage auf das Thema  „sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ fokussiert, sei gut gewesen.

– Nur 4 Prozent der Männer und 3 Prozent der Frauen gaben in dieser Umfrage, die Debatte interessiere sie nicht oder betreffe sie nicht. Das überrascht auch deshalb, weil als Argument gegen die Relevanz der Debatte immer wieder gestellt wurde, #metoo beschäftige nur ein besonders gebildetes Publikum und werde eher von Menschen in Großstädten wahrgenommen.

– Aus einer anderen Spiegel-Umfrage ging hervor, dass rund die Hälfte der Befragten angeben, durch #MeToo-Debatte keine konkreten Verbesserungen erlebt zu haben, 32 Prozent waren unentschieden. 18 Prozent der Teilnehmer*innen gaben an, am Arbeitsplatz weniger sexuelle Belästigung zu bemerken. Nur rund zehn Prozent berichten von weniger Belästigung im privaten Umfeld.

– Das ifo Bildungsbarometer 2018, die größte Bildungsumfrage in Deutschland, kam unter anderen zu den Ergebnissen, sexuelle Belästigung in Deutschland werde von 45 Prozent der Frauen und nur 30 Prozent der Männer als ernsthaftes Problem betrachtet. Für kein oder ein kleines Problem halten es 22 Prozent der Frauen, aber 37 Prozent der Männer.

– Dreiviertel-Mehrheiten sind in beiden Geschlechter-Gruppen aber jeweils dafür, dass im Schul-Unterricht Themen wie Gleichstellung, Gewalt und Machtmissbrauch von Männern gegenüber Frauen und sexuelle Belästigung behandelt werden. 

Die Ergebnisse des Ifo-Bildungsbarometers zeigen hier wieder: Die Erwartungshaltung, dass politische Maßnahmen ergriffen werden, ist da, nicht nur in informierten Nischen oder von Seiten von Feminist*innen. Die Debatte wurde zwar als positiv erlebt, konkrete Verbesserungen im Alltag sind jedoch mehrheitlich nicht spürbar – daraus ergibt sich das Bedürfnis nach Initiativen, die Veränderungen anstoßen. Die Ergebnisse deuten daraufhin, dass viele Menschen interessiert zu erfahren, welche Ideen und Maßnahmen geeignet sind, um Sexismus, sexuelle Belästigung, sexualisierte Gewalt, Gewalt in Partnerschaften und Familien effektiv zu bekämpfen und erwarten, dass diese Maßnahmen auch ergriffen werden. Awareness-Kampagnen reichen nicht mehr.

Wie die medialen Debatten verliefen

Wenn man jetzt auf #metoo zurückblickt, hat man einige der Absurditäten vielleicht schon vergessen. Die Debatte kam in Deutschland nur langsam an. Die erste große Talkshow dazu lief im November, und das war nur ein Zufall, denn die ARD hatte schon lange einen Themenabend zu einem Fernsehfilm über eine Falschbeschuldigung geplant und dazu eine Sendung mit Maischberger im Anschluss an den Spielfilm, der auf einer wahren Begebenheit beruhte. Ich wurde für diese Sendung angefragt und bin ehrlicherweise fast aus den Schuhen gekippt, denn mitten in der #metoo-Debatte das Thema Falschbeschuldigungen groß aufzuziehen … mir fehlen dafür eigentlich nach wie vor die Worte, doch der Fernsehfilm und die Sendung waren offenbar nicht schiebbar oder es bestand nicht die Bereitschaft, die Ausstrahlung zu verlegen. Der Sendungstitel lautete: „Sexuelle Nötigung, Lügen, Vorurteile – Männer unter Generalverdacht“. Eigentlich unvorstellbar, einer Sendung mitten in der ersten intensiven Phase der #metoo-Debatte so einen Spin zu geben.

Ich habe die Teilnahme an der Sendung zugesagt, weil ich mich bei solchen Anfragen dann frage: Wenn ich absage, wer kommt dann? Es besteht ja immer die Möglichkeit, dass Birgit Kelle dann kommt und empfiehlt, sich die Bluse zu zu machen oder aber die Debatte rassistische instrumentalisiert wird und fälschlicherweise behauptet wird, vergewaltigt würde nur von „Fremden“ oder Falschbeschuldigungen wären eigentlich das viel größere Problem.

Die Anne Will-Sendung kam einige Tage später, Ursula Schele, die Vorsitzende des bff e.V., war dort auch zu Gast und die Sendung hatte immerhin den Titel „Die Sexismus Debatte – Ändert sich jetzt etwas?“ Maybrit Illner griff das Thema erst im Februar auf unter dem Titel „Macht, Sex, Gewalt – der späte Aufschrei“, hart aber fair ebenfalls im Februar mit „Macht, Mann, Missbrauch – was lehrt uns der Fall Wedel?“. Jedoch machte keine große Talkshow #metoo zum Jubiläum im Oktober 2018 erneut zum Thema oder diskutierte zum Aktionstag „Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ im November über die Erfahrungen in Deutschland.

Ist Hollywood überall?

Ingesamt auffällig an der deutschen Debatte war jedoch, dass sie von Abwehrhaltungen geprägt wurde. In meiner Wahrnehmung wurde die Debatte zunächst so geführt, als wäre #metoo vor allem ein hollywood-spezifisches Problem und ich denke, dass ohne die Wedel-Recherche des Zeitmagazins die Debatte in Deutschland nach dem Jahreswechsel vorüber gewesen. Namen von mutmaßlichen Täter*innen zu nennen hat damit leider eine große Bedeutung. Sie werden gebraucht, um den Erfahrungen von vielen Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, Legitimation zu verschaffen. Erst mit der „Einbürgerung der Debatte“ über einen prominenten Fall wurde #metoo auch in Deutschland zunehmend ernstgenommen und verstärkte die Berichterstattung insgesamt.

Es sind aus eben schon erläuterten Gründen aber nur wenige weitere Namen gefallen und mit Konsequenzen verbunden worden. Ronan Farrow, der die Geschichte in den USA recherchiert hat, war an diesem Montag in Berlin bei der Verleihung des Reporterpreises in Berlin zu Gast und er sagte klar: „There’s complicity in the media.“ Die Medien sind Komplizen, sie tragen eine Mitschuld. Und ich bin nicht allein mit der Meinung, dass genau das auch für die Medienlandschaft hier gilt. Die Schweigekartelle gibt es genauso in Deutschland, Strukturen, die Täter*innen schützen und versuchen Opfer zu diskreditieren oder sie abweisen.

#maletears

Die deutsche Debatte prägt auch, dass Männern viel Mitgefühl entgegengebracht wird und man sich um sie sorgte. Ich habe mich nicht getraut nachzuzählen, wie viele Beiträge rund um das Thema, ob man noch Komplimente machen dürfe, erschienen sind. Oder über die Angst, mit Frauen Fahrstuhl zu fahren. Die Angst vor ruinierten Karrieren. Männer unter Generalverdacht. Frauen, die Anschuldigungen als Machtinstrument missbrauchen. All diese Frauen, die nur Anschluldigungen gegenüber mächtigen Männern Karriere gemacht haben … wo sind die bloß? Schon in der Debatte um das Sexualstrafrecht schrieb die stellvertretende Chefredakteurin der Zeit, Sabine Rückert, einen langen Text unter dem Titel „Tatort Schlafzimmer“, der prophezeite, dass Männer nun dem großen Risiko ausgesetzt seien, vermehrt von Sexualpartner*innen einer Strafttat beschuldigt zu werden: „Was leidenschaftliche Liebesnacht und was Vergewaltigung war, definiert die Frau am Tag danach.“ Die Verschärfung des Strafrechtes seie „verhängnisvoll“ und „unnötig“, so Rückert.

Flaßpöhler: Frauen müssen sich besser wehren

In der #metoo-Debatte avancierte die Philosophon Svenja Flaßpöhler zu einem beliebten Talkshow-Gast und veröffentliche schnell ein Buch im Ullstein-Verlag, indem sie die neoliberale Logik der Eigenverantwortung ins Zentrum stellte. Ihr Hauptgedanke in ihren Thesen war dabei die „potente Frau“, die sich wehren kann und muss. Ein klassisches Victim-Blaming also. Flaßpöhler forderte Gewaltbetroffene dazu auf, ihre Mitschuld zu reflektieren und kritisierte, dass Männer zu schnell beschuldigt würden. Vor allem die strukturelle Gewalt ökonomischer Abhängigkeit, die es Menschen teils kaum möglich macht, Jobs, in denen sie belästigt werden oder Beziehungen, in denen Gewalt stattfindet, zu verlassen, wurden von Flaßpöhler relativiert und weitgehend ignoriert. Trotz dieser offensichtlichen Schwächen ihrer Argumentation bekam Flaßpöhler medial eine ungeheure Resonanz. Eine Frau, die sich in der #metoo-Debatte nicht an die Seite der Frauen stellt und feministisch argumentiert, war für Medien eine attraktive Abwechslung.

Vorwurf: Prüderie

In der #metoo-Debatte wurde zudem wieder und wieder das Klischee von den lustfeindlichen Feministinnen bedient, das so alt ist wie der Feminismus selbst. Der offene Brief der französischen Schauspielikone Catherine Deneuve, den sie gemeinsam mit 99 anderen Frauen aufsetzte, bekam viel positive Resonanz. Die Autorinnen sahen in der #metoo-Debatte „Hass auf Männer und Sexualität“ und sorgten sich um das Flirten und bedienten eine ähnliche Argumentationsschiene wie Flaßpöhler, dass Frauen sich wehren könnten. Ungeachtet dessen, dass der Feminismus mit der Ablehnung von Sex nicht gleichzusetzen ist und in der #metoo-Debatte insbesondere von Feminist*innen immer wieder betont wurde, dass eine differenzierte Debatte über Machtverhältnisse und Geschlechterbeziehungen einer guten Sexualität zuträglich sein könne, war der Vorwurf der „Lustfeindlichkeit“, der Prüderie und der Ablehnung von Flirten eine Argumentationsstrategie der #metoo-Gegner*innen, die anschlussfähig war und damit auch vom Kernthema der #metoo-Debatte ablenken konnte.

Differenzierungen in der Debatte

Man muss fast belustigt anmerken, dass eben diese Skeptiker*innen oder Gegener*innen Feminist*innen immer wieder vorwarfen, in der #metoo-Debatte nicht zwischen Sexismus, sexueller Belästigung und Vergewaltigung zu differenzieren, während gerade die Gegner*innen von #metoo das betrieben, in dem sie zum Beispiel Kritik an sexualisierter Gewalt mit Lustfeindlichkeit gleichsetzten oder auch so taten, als handle es sich bei Sexualdelikten um „Auslegungssache“ und Missverständnisse, in denen Täter*innen ihre Grenzüberschreitung nicht bemerken konnten oder einen missglückten «Verführungsversuch». Die Debatte um zu wenig Differenzierung hatte jedoch den erfreulichen Effekt, die Debatte in sozialen Netzwerken und anderen Medien zu beleben, weil viele Texte erschienen, die um Differenzierung bemüht waren und die Verknüpfung von Sexismus, Belästigung und Gewalt bemüht waren und deutlich gemacht haben, dass für eine Bekämpfung sexualisierter Gewalt eben genauso der alltägliche Sexismus bekämpft werden muss.

Männliche Stimmen

Beiträge von männlichen Autoren, die die Rollen von Männern reflektierten und selbstkritisch auf Machtverhältnisse blickten, kamen in der Debatte verspätet und eher in geringer Zahl. Deutlich mehr Beiträge erschienen hingegen über den emotional verletzten Mann, der sich durch #metoo gekränkt fühlte und nicht mit „allen Männern“ in einen Topf geschmissen werden wollte. In sozialen Netzwerken gibt es schon lange das Hashtag #notallmen, weil es auf jeden Tweet zu Missverhalten von Männer grundsätzlich viele Tweets hagelt, in denen Männer darauf hinweisen, dass aber nicht alle Männer so seien. Das scheint für Männer eines der dringendsten Anliegen zu sein: Sofort zu versichern, nicht alle seien so, anstatt zuzuhören und über Lösungen zu diskutieren. Diese Diskursstrategie, den „missverstandenden und missachteten Mann“ ins Zentrum zu stellen, wurde als so relevant aufgenommen, dass sogar die renommierte Wochenzeitung „Die Zeit“ damit groß aufmachte.

Im April erschien die Zeit dann mit der großen Titelgeschichte von Jens Jessen „Der bedrohte Mann“, in der er schrieb:

„Und so ist auch heute alles, was Männer tun, sagen, fühlen oder denken, falsch – weil sie dem falschen Geschlecht angehören. Männern darf man alles nachsagen, bloß weil sie Männer sind: Sie sind machtbesessen, geldgierig, egomanisch, wichtigtuerisch, sexistisch, fies. Als Männer sind sie Ursache jeglichen Weltproblems, und zwar schlicht, weil sie die Welt, in der diese Probleme entstanden sind, einst beherrscht haben. (…)

Der Feminismus hat damit eine Grenze überschritten, die den Bezirk der Menschlichkeit von der offenen Barbarei trennte. (…)

So geht es auch heute nicht um die Gleichberechtigung der Frauen, sondern um den ideologischen Triumph des totalitären Feminismus. (…)

Aber worauf wollen die Aktivistinnen der #MeToo-Bewegung mit ihrem neuen feministischen Volkssturm hinaus, diesem Zusammentreiben und Einsperren aller Männer ins Lager der moralisch Minderwertigen?“ 

Vielleicht müssen wir an dieser Stelle dann doch noch einmal fragen, wie weit die Debatte gelangt ist, wenn solch ein Text in solch einer großen, liberalen Zeitung knapp sechs Monate nach Beginn der #metoo-Debatte erscheint, da die Titelgeschichte weder von besonderer Fachtkenntnis zeugt, noch lösungsorientiert und zukunftsgewandt ist, sondern eher einem wilden Umsichschlagen gleicht, aus der Wut heraus, dass endlich einmal wieder laut und deutlich über patriarchale Strukturen diskutiert wird und Männer in die Verantwortung genommen werden, ihre Rolle zu reflektieren.

Wie es nach #metoo weitergehen muss

Doch natürlich gibt es auch anderen Stimmen:

Dass sich die Debatte mehrere Monate halten würde, hätte wohl kaum jemand gedacht. Welches Hashtag hat in dieser Vehemenz über ein Jahr lang durchgehalten? Daher haben wir bei EDITION F schon im Januar 2018 nach der ersten Bilanz gefragt, zwar nicht danach, was sich verändert hat, sondern danach, wie es jetzt weitergehen muss – und auch diese Statements haben sich breit im Netz verteilt. Ursula Schele war auch unter den befragten Expertinnen.

So sagte zum Beispiel Maria Wersig, Präsidentin des Juristinnenbunds:

„Durch #Metoo wurde der Blick auf Machtverhältnisse und Hierarchien zwischen Frauen und Männern geöffnet. Daran muss weiter gearbeitet werden. Es geht noch nicht  genug um die Interessen weniger privilegierter Frauen. Macht, Ressourcen und gesellschaftliche Repräsentation sind ungleich verteilt. Das ist 2018 nicht mehr akzeptabel, aber von selbst ändert sich daran nichts.

Mehr Vielfalt, mehr Menschenrechte, mehr Feminismus muss die Antwort sein auf aktuelle Entwicklungen. (…) Wer frauen- und gleichstellungspolitische Themen weiterhin marginalisiert, hat nichts verstanden. Leider scheint das in der Politik immer noch die Regel zu sein.

Ich wünsche mir für 2018, dass wir endlich hinbekommen, was in anderen Politikfeldern selbstverständlich ist: eine mit klaren Maßnahmen und Zielen, sowie den entsprechenden Ressourcen ausgestattete gleichstellungspolitische Strategie.“ 

Oder Anne Wizorek, die sie sicher alle gut kennen, die sagte: 

„Die #Metoo-Debatte zeigt auch mal wieder, dass wir bisher nur wenige – oder unzureichende – gesellschaftliche Werkzeuge haben, damit übergriffige Männer überhaupt Konsequenzen für ihr Verhalten erfahren. Die meisten Leute rufen oft nur nach dem Gesetz. Dabei bin ich natürlich dafür, dass Gesetze und der gesamte juristische Prozess für Betroffene sexualisierter Gewalt sehr viel besser werden müssen – die Sexualstrafrechtsreform 2016 war dazu ja ein wichtiger erster Schritt, aber es muss zum Beispiel noch die gesamte Istanbul-Konvention umgesetzt werden. (…)

Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass wir im Rahmen der #Metoo-Debatte auch endlich über Gewalt im Netz sprechen. Auch dort sind ja gerade wieder Frauen die Zielscheibe und diese Gewalt ist geschlechtsspezifisch und damit auch meistens sexualisiert.“

Digitale Gewalt gegen Frauen 

Maria Wersig und Anne Wizorek als ausgewählte Stimmen, die sich schon lange für feministische Themen engagieren und auch #metoo mitgeprägt haben, sprechen eine Vielzahl wichtiger Themen an, die ein gesamtgesellschaftliches Engagement und politische Antworten fordern. Viele der angesprochenen Aspekte gehen Sie beim bff bereits an, kürzlich haben sie eine Website zu digitaler Gewalt gelauncht, um Betroffenen besser helfen zu können. Fast ein Viertel aller Frauen hat online bereits Gewalt erlebt. Dabei geht es nicht nur um Hatespeech, ein Thema, was mittlerweile mehr Öffentlichkeit bekommt, sondern auch um digitale Gewalt in Beziehungen, wie Kontrolle, Stalking, der so genannte„ Revenge Porn“ und zusätzlich zu konkretem Missbrauch wie Vergewaltigung kann hinzukommen, dass diese Übergriffe fotografiert, gefilmt und digital verbreitet werden. In der sensiblen Phase des Heranwachsens ist digitale Gewalt noch einmal gefährlicher und hat immer wieder, das wissen wir, in der unmittelbaren Konsequenz Suizidversuche zur Folge. So kann digitale Gewalt tödlich sein.

Der bff adressiert zudem in dem neuen Projekt „Was geht bei euch?“, dass Gewalt schon in den Beziehungen junger Menschen auftritt. Das Ende von Gewalt ist also keine Generationenfrage, wie man immer wieder auch aus den Medien hörte. Nein, es verwächst sich leider nicht. Mehr als 65 Prozent aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben schon Grenzüberschreitungen oder Gewalt in Beziehungen erlebt. Mehr als jede 4. junge Frau hat schon einmal Gewalt durch den eigenen Partner erlebt.

Wie schon eingangs erwähnt, geht es in den #metoo-Debatten schon lange nicht mehr nur um das Teilen von Erfahrungen, auch wenn die Solidarisierung und die Sichtbarkeit wichtige Effekte waren. Es geht um Lösungen, oder wie auch Titel Ihrer Veranstaltung ist: Konzepte für die Zukunft.

Politische Reaktionen

Politisch hat sich etwas bewegt, das ist richtig. Seitdem 1.2.2018 ist die Istanbul Konvention in Deutschland endlich in Kraft. Die Bundesregierung ist gefordert, dies nicht nur über ein Ministerium zu tun, sondern eine politische Gesamtstrategie vorzulegen. Sie werden dazu noch mehr von Heike Rabe vom Deutschen Institut für Menschenrechte im Vortrag heute hören.

– 2016: Reform des Sexualstrafrechts. Das sogenannte „Grapschen ohne verbale Beleidigung ist zukünftig mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bedroht, wenn Betroffene einen Strafantrag stellen. Diese Verbesserung ist durchaus Zeichen eines Wertewandels.

– 2017: Die sogenannte Istanbul-Konvention wurde 2011 erarbeitet. Deutschland ratifizierte die Konvention erst 2017. Innerstaatlich werden die Regelungen ab Februar 2018 wirksam. Effektive Präventionskonzepte gegen Gewalt zu entwickeln, ist Teil der Instanbul-Konvention.

– Die Opferschutzrichtlinie 2012/29/EU ist bisher nicht umgesetzt worden, der DJB fordert, Schutzlücken zu schließen.

– 2017: Bundestagswahl. Der Deutsche Bundestag hat den niedrigsten Frauenanteil seit 19 Jahren: 30,7 Prozent. Also fast 70 Prozent Männer. Und darunter viel zu viele, die keine zukunftsorientierte, beherzte Gleichstellungspolitik stützen. Auch bei den Koalitionsgesprächen blieben gleichstellungspolitische Themen weitgehend außen vor.  

– 2018: Frauenministerin Giffey stellt Verbesserungen im Gewaltschutz ins Zentrum ihrer Frauenpolitik – in Deutschland besteht noch erheblicher Handlungsbedarf, um die Instanbul-Konvention zu erfüllen.

– 2018: Die unabhängige und branchenübergreifende  Themis-Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt e.V nimmt ihr Arbeit auf und ist ein wichtiger Schritt für die Anerkennung der Tatsache, dass Erfahrungen sexualisierter Gewalt kein individuelles Problem sind, folglich eine strukturelle Abhilfe erfordern. Bei Themis arbeiten Berater*innen, die die spezifische Arbeitssituation an Theatern, in Orchestern und am Filmset kennen. Ziel von Themis ist es zudem, einen Kulturwandel anzustoßen. Themis wird durch durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien finanziell unterstützt.

Und in den Medien?

Vielleicht war das Bild, das ich im Laufe des Vortrags gezeichnet habe, zu negativ. Denn natürlich sind in der Medienbranche Dinge in Bewegung. Es gibt Arbeitsgruppen in Medienhäusern, die sich mit dem Sexismus im eigenen Haus beschäftigen, Frauen rücken vermehrt auf in wichtige Positionen, um Kulturwandel zu bewirken und auch zu verändern, über was berichtet wird. Vor wenigen Wochen erschien auf Seite drei der ZEIT eine Reportage von Elisabeth Raether über Femizide, die sehr klar herausarbeitete, wie groß das Problem in Deutschland ist, dass Frauen von ihren Partnern oder Expartnern umgebracht werden – und dass Täter deutscher Herkunft milder bestraft werden als Täter mit migrantischen Wurzeln. Die Relevanz, die zu einem das Thema Femizide damit bekam, als auch die Herausarbeitung rassistischer Strukturen an dieser Stelle in dieser Zeitung ist aus feministischer Sicht sehr erfreulic.

Elisabeth Reather ergänzte diesen Text später mit einem Kommentar, in dem sie schrieb:

„Es wäre an der Zeit, das Strafrecht zu ändern. Zum Beispiel könnte Eifersucht – das häufigste Motiv bei Trennungstötungen – wie Habgier zu den niederen Beweggründen und also zu den Mordmerkmalen gezählt werden. So verfährt die Justiz mit Ehrenmorden: Wer seine Frau unter Berufung auf die Ehre tötet, dem wird ein niederes Motiv unterstellt, er wird als Mörder zu lebenslanger Haft verurteilt. Bringt ein deutscher Mann seine Frau aus Eifersucht um, wird er hingegen meistens nur wegen Totschlag verurteilt, die Haftstrafen fallen deutlich niedriger aus.“

Dass solch ein Kommentar im Politik-Teil der Zeit erscheint, ist in der Tat ein Fortschritt – und auch Erfolg der #metoo-Bewegung. Denn an Gewalt gegen Frauen wird in jedem Jahr von Expert*innen wie den Frauenberatungsstellen und Kampagnen für das Hilfetelefon erinnert. Dass in diesem Herbst so stark über Gewalt gegen Frauen in vielen großen Medien engagiert und differenziert berichtet wurde, wäre ohne die #metoo-Debatte nicht möglich gewesen.

Anerkennung für Berichterstattung innerhalb der Medienbranche

Am Montagabend, als der Reporterpreis, ein wichtiger Journalismus-Preis, in Berlin verliehen wurde, ging ein Sonderpreis an Ronan Farrow, der dafür aus den USA angereist war. Seine Laudatio sprach Alice Schwarzer. Wer hätte vor eineinhalb Jahren gedacht, dass einmal ein feministisches Thema im Zentrum eines Journalismus-Preises stehen würde, bei dem viele Jahre lang zudem mehrheitlich Männer und eher männliche Themen ausgezeichnet wurden?

Ich bin nicht der größte Fan von Alice Schwarzers aktuellen Haltungen, aber ihre Laudatio war hörenswert und man kann sie auf der Website der Emma nachlesen. Auch sie spricht über die Rolle von Medien und kritisierte in ihrer Rede explizit den Umgang mit Regisseur Woody Allen, der trotz glaubhafter Vorwürfe schon weit vor #metoo, seine Tochter Dylan missbraucht zu haben, niemals Konsequenzen spüren musste. Schwarzer sagte in ihrer Rede u.a.:

 „Sie sind der Sohn von Mia Farrow und Woody Allen – Sie wissen, wovon Sie reden. Sie haben noch eine Rechnung offen: eine Rechnung mit einer Gesellschaft, die wegsieht; eine Rechnung mit einer Justiz, die täterfreundlich ist – und eine Rechnung mit den Medien, die ihre Wächterfunktion lange nicht angemessen wahrgenommen haben. (…)

Doch Sie haben gleichzeitig Ihrer Schwester Dylan, die beinahe an den Folgen zerbrochen wäre, lange geraten, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn Sie befürchteten, dass keiner ihr glauben würde – und sie nur noch mehr zerschmettert würde. Mit Grund. Dylan ist vor zwei Jahren erstmals wieder an die Öffentlichkeit gegangen – zum Zeitpunkt Ihrer Recherche.

Sie haben einmal gesagt: „Ich schäme mich dafür, Dylan zum Schweigen geraten zu haben.

Sie müssen sich nicht mehr schämen, Ronan. Sie haben tausende Frauen in der ganzen Welt ermutigt, endlich zu reden. Sie haben die Omertà gebrochen.“

Beim Reporterpreis wurde nicht nur Ronan Farrow mit einem internationalen Preis ausgezeichnet, das Team des Zeitmagazins, dass die Vorwürfe gegenüber Dieter Wedel recherchierte, erhielt den Preis für die beste Investigativ-Reportage, als beste Multimedia Reportage wurde ein Format des Hessischen Rundfunks ausgezeichnet „Opfer ohne Stimme – wie wir unsere Kinder vor Gewalt schützen“, in der Kategorie Kulturkritik gewann Marie Schmidt mit ihrem Plädoyer für geschlechtergerechte Sprache. Zudem  waren zahlreiche Texte rund um #metoo für Priese nominiert.

All das stimmt mich sehr hoffnungsvoll, dass die Suche nach den besten Konzepten für die Zukunft, von vielen Medien mit großem Interesse mitgetragen wird. Das Interesse in der Zivilgesellschaft ist da, bei den feministisch engagierten Menschen und jüngeren Frauen in den sozialen Netzwerken ohnehin.

Die Macht sozialer Medien

Soziale Medien waren lange Zeit eine wichtige Gegenöffentlichkeit, Mädchen und Frauen, marginalisierte Menschen. gehen ins Internet, weil ihnen dort nicht Raum und Stimme gewährt werden müssen, sie können sich diesen Raum eigens erschaffen – endlosen Raum, in dem sie eigene Regeln für den Umgang miteinander festlegen und verhandeln können. Diese Schaffung von Unabhängigkeit, hat die italienische Philosophin Annarosa Buttarelli in dem Band „Macht und Politik sind nicht dasselbe” beschrieben:

„In der Tat ist weibliche Souveränität, wenn sie ausgeübt wird, schon für sich genommen Unabhängigkeit von der Irrealität, die die im Todeskampf liegenden Institutionen geschaffen haben. Sie gewährleistet die Rückkehr zur Realität und zur Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen.“

Sie spricht sich damit dafür aus, die Institutionen, die von Männern oder Mächtigen geschaffen wurden, hinter sich zu lassen, wie zum Beispiel große Medien. Buttarelli schreibt weiterhin: „Wir können heute Souveräninnen werden, weil die Zeiten dafür gut sind, und nicht, weil es unser Recht wäre.“ Genau diese Chance bietet auch das Internet – um davon ausgehend soziale Bewegungen zu stärken. Machtverhältnisse können sich ändern. Laut und deutlich. Das Netz bietet uns heute die Möglichkeiten, die gemeinsamen Kräfte strategisch freizusetzen.

„Wenn Feminstinnen es schaffen, radikale, intentionale und transformative Beziehungen zwischen allen Beteiligten von feministischen Strömungen zu schaffen, wenn wir uns gegenseitig antreiben und ermutigen können auf kreativen, respektvolle und wechselseitige Art und Weisen, kann über die gemeinsame Macht und Agenda-Setting gesellschaftlicher und sozialer Wandel geschehen”,

schrieben Courtney E. Martin und Vanessa Valenti in ihrem Paper #FemFuture: Online Revolution 2013.

Es liegt viel Arbeit vor uns, aber auch viel Potenzial, Dinge zu bewegen. Ich würde mich freuen, wenn ich einige von Ihnen, die soziale Netzwerke noch nicht aktiv nutzen, ermutigt habe, dort selbst aktiv zu werden. Es gibt viele Möglichkeiten, zum gesellschaftlichen Fortschritt beizutragen – und selbst so kleine Anstöße wie ein Tweet und ein Hashtag können viel bewirken.

Dieser Text basiert auf meinem Vortrag bei der Fachtagung„#menschenrechte – Fachberatungsstellen gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Konzepte für die Zukunft“des bff e.V., der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland. Der Vortrag ist keine vollständige Abbildung der #metoo-Debatte, sondern arbeitet Teilaspekte hervor. Die Tagung fand am 6. und 7. Dezember 2018 in Kassel statt. 

Titelbild: Depositphotos.com

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