Foto: Malina Ebert

Ankommen in Deutschland – Danke an die Menschen, die mir nach meiner Flucht zeigten, dass ich willkommen bin

In der #MeTwo-Debatte über Rassismus in Deutschland ist es wichtig, zuzuhören und zu lernen. Béa Beste kam selbst als Jugendliche nach Deutschland und teilt ihre Erlebnisse, um zu zeigen, was das Einleben in einem neuen Land erleichtern kann.

 

Positive Erfahrungen als Gegengewicht zu #MeTwo

Auf Twitter geht eine neue Welle los zum Thema #MeTwo – es geht um schlechte Erfahrungen und Rassismus in Deutschland gegenüber Menschen mit „Migrationshintergrund“ und People of Colour. Ich finde es wichtig und richtig, dass wir uns das vor Augen führen und die inhumane Denke dahinter ablehnen und verändern. Aufschreie muss es geben, damit sich Dinge verändern!

Ich fühle aber, dass ich diesem Aufschrei, dem #MeTwo, auch etwas entgegen setzen muss. Etwas Positives.

Ich möchte auf keinen Fall negieren oder absprechen, was all diese Menschen erlebt haben. Ich möchte nur meine guten Erfahrungen auch in die Waagschale werfen. Die Erlebnisse, die ich haben durfte, als ich als Vollwaise und ohne Deutsch zu sprechen mit nur 15 Jahren nach Deutschland kam. Ich möchte sie hier aufschreiben, weil ich noch Jahre später enorm viel Dankbarkeit dafür empfinde.

Sehe ich einfach nicht „ausländisch“ aus, so dass mir Erfahrungen erspart blieben? Hm, stimmt. Habe ich einfach nur Glück gehabt? Vielleicht. Aber auch von diesem Glück sollte die Welt erfahren, finde ich – weil es auch zeigt, dass es anders geht, als Menschen abzulehnen und auszugrenzen.

Ich bin dankbar für …

Hier sind meine Dankbarkeits-Flashbacks als #MeTwo-Gegengewicht – ich erinnere mich gern an:

Den netten Sitznachbar in der Flucht-Maschine nach Frankfurt, als ich mein Land verlassen musste. Wir haben Englisch gesprochen und er brachte mir „Drücken“ und „Ziehen“ bei, damit ich später mit Türen klarkomme. Und er fügte hinzu, dass er mir stets offene Türen wünscht. Werde ich nie vergessen. Ich habe jedes Mal sofort ein Bild im Kopf! Mein Leben besteht aus offenen Türen!

Die Freundinnen meiner Halbschwester in Frankfurt, die coole Klamotten vorbei brachten, damit ich mich nicht als das arme Ostblock-Kind fühlen musste.

Meine erste Freundin in Deutschland, Martina, die mich als „Austauschschülerin“ in ihre Schule mitnahm, bevor mein Status geklärt war. Und die mich ins Kino und zu Partys mit ihren Freund*innen mitschleppte und liebevoll mit Erklärungen in Französisch half, wenn ich nicht verstand.

Meine erste Klassenlehrerin in meiner ersten deutschen Schule in Frankfurt Fechenheim, die Heinrich-Kraft-Schule: Frau Kleinschmidt. Sie hat immer extra Lern-Materialien für mich ausgesucht, damit ich schneller lernen konnte. Überhaupt war diese Schule großartig, schon allein vom Konzept her: Jede*r neue Schüler*in wurde erst in einer Jahrgangsstufe eingestuft, und sobald man sich sicher fühlte, konnte man einen kleinen Test machen und in einer höheren Klasse eingestuft werden. Ich stieg in die 7. Klasse ein, bei besagter Frau Kleinschmidt – schon zwei Monate später war ich in der 8. Klasse, dann in der 9. und schließlich konnte ich die 10. Klasse abschließen – lückenlos zu meinem Stand, den ich aus Rumänien brachte.

Meine Deutschlehrerin in der Klasse 11 in Karlsruhe, Frau Meyer, die an mich geglaubt hat und mit mir einmal pro Woche extra in der Bibliothek einen Kaffee trank und mir deutsche Ausdrucksweisen erklärte und mir mir einübte.

Alle meine Schulklassen und Lerngruppen, die meine Deutschfehler aus sämtlichen Schriftstücken ausmerzten ohne zu meckern, als sei es das Selbstverständliche der Welt. Na gut, über manche Dinge haben wir schon zusammen gelacht.

Die Leute auf einem Straßenfest in Durlach (ein Stadtteil von Karlsruhe mit Kleinstadtflair), als ich mich bemühte, etwas Dialekt (Badensisch) zu reden: „Brauscht net dir oins abbreche so zu schwätze wie mir, mir mögen dich auch so, gell!“

Den lustigen bayrischen Herr in einem Biergarten München, der mich etwas fragte und als ich ihn erst nicht verstand, mich als „Saupreiß“ (eine aus Bayern stammende Dialektbezeichnung für Nichtbayern bzw. Nord- oder Ostdeutsche) titulierte. Als ich meinte, dass ich keine Deutsche sei, entschuldigte er sich und musste beweisen, dass er doch Hochdeutsch kann: „Mir in Minga, mir sans aa bilingual!“

Alle meine Studienkolleg*innen, die nicht nur mit gelegentlichen Sprachkorrekturen in Hausarbeiten und (pssst!) sogar Examina geholfen haben, sondern mich auch mit meiner kleinen Tochter unterstützt haben. Denn ich war 21 als ich Mutter wurde – und auch in dieser Situation habe ich mich ausgegrenzt gefühlt.

Meine Arbeitgeber*innen und Kund*innen, die meine Mehrsprachigkeit als Vorteil zu schätzen gewusst haben. Ich wäre auf diesen Gedanken eigentlich fast nicht gekommen bis ich nicht diesen Tweet von Paula Deme unter #MeTwo gesehen habe:

„Der Personalberater, der mir geraten hat das Rumänisch aus meinen Unterlagen als Muttersprache zu streichen. „Sie wissen ja wie das ankommt!“ #metwo

Und letzten Endes auch an alle, die diesen Blog lesen und auch meine Posts in den diversen Social Media und mich liebevoll auf Rechtschreib- und Grammatikfehler hinweisen, anstatt abzuspringen: Danke!

Bestimmt fällt mir auch noch mehr ein …

Wer von euch hat auch Migrationshintergrund und gute Erfahrungen?

Lasst sie auch mal lesen und hören – denn ich bin überzeugt, dass positive Beispiele das öffentliche Bewusstsein beeinflussen!

Liebe Grüße,
Béa

P.S. Das Titelbild ist von Malina Ebert – die polnische Wurzeln hat.

Der Text ist zuerst auf Béas Blog tollabea erschienen. Wir freuen uns, dass sie ihn auch hier veröffentlicht.

In eigener Sache:

Béa Beste wird auch als Speakerin beim FEMALE FUTURE FORCE DAY am 25. August dabei sein und darüber sprechen: „Wie geht es weiter, wenn man einmal gescheitert ist?“ Denn sie ging mit ihrer Firma durch die Insolvenz. 

Für alle, die mit in Berlin dabei sein wollen: Mit dem Rabattcode WORDLOVE könnt ihr jetzt 111 Euro beim regulären Ticketpreis sparen! Hier findet ihr das gesamte Programm.

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