Foto: Meghan Rodgers | Unsplash

Maßnahmen für den Klimaschutz? Auf jeden Fall – aber dann doch bitte richtig!

Für die einen ist der Plastikstrohhalm ein Spaß im Cocktailglas, für die anderen ist er unverzichtbar, um eigenständig trinken zu können. Sie also zu verbieten, kann bedeutend mehr als eine kleine Veränderung des Alltags sein. Auf politischer Ebene müssen endlich alle mitgedacht werden, zum Beispiel Menschen mit Behinderung.

 

EU will Wegwerfprodukte aus Plastik verbieten

Plastik ist billig in der Produktion und im Kauf, schlecht für die Umwelt und wird viel zu oft achtlos weggeworfen. Es verrottet nicht. Das führt zu massiver Umweltverschmutzung. Wir alle kennen die Bilder von verschmutzen Ozeanen, Stränden an denen zahlloser Kunststoffmüll angespült wurde und Tieren, die sich im Plastik verfangen, verletzen und daran sterben. Erst vor wenigen Tagen ging eine Meldung viral, dass in unseren Körpern schädliche Mikroplastiken gefunden wurden. Klar, irgendwas muss gegen diesen achtlosen Konsum unternommen werden. Es reicht nicht aus, dass einzelne Personen versuchen nachhaltiger und bewusster zu leben. Wir brauchen klare, konsequente Entscheidungen auf politischer Ebene, damit sich strukturell anstatt nur individuell etwas verändert.

Strohhalme, Plastikbesteck, Ohrstäbchen et cetera – all diese Produkten will das EU-Parlament nun eine Absage erteilen. Zumindest wurde am vergangenen Mittwoch einem Verbot dieser Plastik–Wegwerfprodukte zugestimmt. Noch vor Ende des Jahres wollen sich die Umweltminister der EU auf eine gemeinsame Position verständigen, damit in den nächsten Monaten ein Kompromiss verhandelt werden kann. Wie genau diese Richtlinie aussehen wird, entscheiden das Europa–Parlament und die EU-Staaten gemeinsam. Bisher sieht die geplante Neuerung vor, dass Einwegprodukte, für die es bereits eine bessere Alternative gibt, aus der EU verbannt werden.

Die Frage ist nur, gibt es für all diese Produkte bessere Alternativen? Nein, zumindest nicht für alle in unserer Gesellschaft. Der Aktivist Raul Krauthausen erklärt, warum für Menschen mit bestimmten Behinderungen der Plastikstrohhalm eine grundlegende Voraussetzung für einen Alltag ist, der weniger mit Barrieren belastet ist als sowieso schon. Der Plastikstrohhalm ermögliche nämlich ein eigenständiges Trinken für Menschen, die zum Beispiel ihre Arme nicht bewegen können oder an Parkinson erkrankt sind. An dieser Stelle könne man einwerfen, dass es ja nicht um ein generelles Verbot von Strohhälmen ginge, sondern dass es für diese genügend Alternativen aus anderen Materialien gebe. Aber Krauthausen betont, dass weder Papier, noch Bambus oder Silikon die funktionalen Vorteile von Plastik ersetzen könnte.  Er sagt:

„Metallstrohhalme lassen sich nicht biegen. Sie bergen ein Allergierisiko oder sogar eine Verletzungsgefahr. Denn wenn jemand eine Spastik hat, schneidet er sich daran den Mund auf oder beißt sich einen Zahn aus. Wie gefährlich Halme aus Glas in einem solchen Fall wären, bedarf wohl kaum einer Erklärung. Bambus ist ebenfalls unflexibel und zudem sehr teuer. Silikon wird schnell unhygienisch und so biegsam es ist, der Knick bleibt nicht bestehen. Und was ist mit Papier? Ebenfalls unflexibel. Zudem lösen sich die Halme nach kurzem Gebrauch auf und bergen so ein zusätzliches Verschluckungsrisiko. Heiße Getränke werden zur Gefahr und funktionieren auch mit Acryl- oder Pastastrohhalmen nicht. Plastikhalme sind immernoch die beste Lösung. Sie sind günstig, hygienisch, mehrfach verwendbar, sie haben – im Idealfall – einen Knick, bergen kein Verletzungsrisiko und lassen sich mit den Zähnen problemlos festhalten. “

Aus: Der letzte Strohhalm, Raul Krauthausen

Und Raul Krauthausen führt das Problem weiter aus: Eine explizite Erlaubnis für Menschen mit Behinderung weiterhin Plastikstrohhälme benutzen zu dürfen, diese medizinisch verschreibungspflichtig zu machen oder in Restaurants, Cafes, Kneipen diese nur nach expliziten Nachfragen herauszugeben, macht das Problem aber auch nicht besser. Wieder würden neue Barrieren aufgebaut, die es Menschen mit Behinderung schwer machen autonom zu leben. Wieder würden Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft benachteiligt werden und in die Position des*der Bittsteller*in gebracht werden oder eine vermeintliche Extrawurst bekommen.

Ja, wir müssen unseren Plastikkonsum vermindern. Wir müssen achtsamer mit unserer Umwelt umgehen. Und es braucht auch auf politischer Ebene organisierte Regelungen, um unseren Verbrauch zu kontrollieren. Aber das darf nicht auf Kosten anderer Menschen passieren – die Politik muss inklusiv denken, wenn wir gute Gesetze für alle wollen. Und wenn das Wissen fehlt, dann muss sich an der Stelle eben Rat von Expert*innen zu den entsprechenden Themen gesucht werden, denn von denen gibt es genug.

Natürlich müssen wir über die Verschmutzung durch Plastik sprechen und natürlich braucht es hier auch Verbote. Aber der Strohhalm scheint doch ein denkbar kleines Problem, wenn wir über Umweltverschmutzung, CO2–Ausstoß und Klimawandel sprechen. Wie wäre es, wenn wir über Massentierhaltung, Flüge, Schifffahrten, die Autoindustrie, oder den Kohleabbau und und und auch noch sehr viel konsequenter in den Blick nehmen?

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