Foto: Francesca Cappa // Flickr

Rosarote Brille: Wieso wir nicht arbeiten können, wenn wir verliebt sind

Verliebtsein bedeutet, wochenlang unkonzentriert und grinsend im Büro sitzen. Ein herrlicher Zustand. Und ein Karrieredurchhänger. Macht nichts.

 

Rosarote Arbeitsbrille

Als mich die Liebe das letzte Mal erwischt hat, so richtig Hals über Kopf, da war einen Monat nicht an Arbeit zu denken.

Nach dem ersten Wochenende mit dem neuen Mann saß ich montags am Schreibtisch und starrte apathisch auf meinen Monitor oder grinsend aus dem Fenster. Noch mehr als sonst schielte ich auf mein Handy und unser erstes Telefonat war nur eines von vielen in den kommenden Tagen, die mich im Kopier- oder Konferenzraum verschwinden ließen. Ohne Rücksicht auf meine konzentrierten Kollegen säuselte ich auf dem Weg dahin wie ein alberner Teenager. Mit glühenden Wangen und überglücklich kehrte ich an meinen Platz zurück, als hätte mir eben ein Headhunter meinen Traumjob inklusive sechsstelligem Jahresgehalt angeboten.

Pitchen um das Projekt „Liebe“

Damals hatte ich meinen Kopf verloren und war absolut unfähig, richtig zu arbeiten. Fahrig und liebestrunken schmachtete ich lieber der nächsten Verabredung oder zumindest der nächsten Zwischendurch-Nachricht entgegen. Ich war hingerissen von der unerwartenden Existenz dieses großartigen Menschen in meinem winzigen Leben. Er war da und ein Leben ohne hin unvorstellbar, obwohl ich ihn vor wenigen Tagen noch nicht mal gekannt hatte.  

Meine Freundin Sofie, Junior-Planerin in einer Agentur, verglich die Liebe mal mit einem Pitch. Besonders Dating sei wie die kräftezehrende Phase der Präsentationsvorbereitung, bei der man sich verausgabt und übertrieben von der allerbesten Seite zeigt, um sein Gegenüber zu beeindrucken und nebenbei alle gefährlichen Konkurrenten in die Flucht zu schlagen. Man will den von der Branche kritisch beäugten Auftrag, kaschiert erfolgreiche alle Makel und sieht gleichzeitig über die existierenden Macken des anderen hinweg. Besessen von der Idee einer gemeinsamen Zukunft beschleicht einen während des Pitchvorgangs beständig das Gefühl, auf dem einzig richtigen Weg zu sein. Der Weg zu einer festen Partnerschaft. Eben beruflich oder privat.

Karrierekiller Dopamin

Tja. Dank Karrierewahn und rosaroter Brille war der Vergleich sogar nicht mal übel. Wir alle kennen diese anstrengende, kräftezehrende Zeit des Kennenlernens doch zu gut. Und dabei spielen Geschlecht, Alter, Branche, Jobposition und Budget keinerlei Rollen. Wenn sich die Verliebtheit in unserer Leben geschlichen hat, leidet für eine gewisse Zeitspanne unsere Arbeitskraft. So sehr wir uns vorher versprechen, dass das nicht passiert, aber gegen eine Überdosis Dopamin und Oxytocin kommt man eben schwerlich an.

Unser soziales Umfeld bringt im Idealfall Verständnis für unser Liebeskranksein auf, weil wir entweder seit Jahren schon Single sind, immer nur an Idioten geraten und es diesmal aussichtsreicher erscheint oder aber unser Chef ebenfalls gerade jemanden kennengelernt hat. Sicher, wir sollten nicht allzu offensiv im Flur von dem neuen Mann schwärmen oder den Kollegen mit Fotos und Geschichten der Angebeten nerven. Aber genießen müssen wir diese Tage und Wochen. Denn es ist leider unumstößlich, dass diese Verliebtheitsphase ebenso abrupt enden könnte, wie sie uns erwischt hat.

Nach dem Pitch folgt die Realität

Bei mir war nach sechs Wochen Höhenflug alles aus. Der Mann hatte entschieden, trotz leidenschaftlicher Liebesschwüre und Wahnsinnsküssen und Romantik und Eltern-Kennenlernen und Pläneschmieden, dass er mich nicht als Teil seines Lebens wollte. Ich hatte den Liebes-Pitch jedoch nicht etwa gegen eine andere Frau verloren, sondern schlicht und einfach gegen seine Karriere, die auf dem aufsteigenden Ast war. Damals plante er seine Selbstständigkeit, in die er alle seine Energie und Zeit und Fürsorge stecken wolle, statt in eine Liebesbeziehung. Die Wochen mit mir waren traumhaft schön, ich sei wie er in sein Leben geplatzt. Aber er hatte entschieden, dass meine gedankliche Anwesenheit seine Karriere stagnieren ließ. Total nachvollziehbar. Total enttäuschend. Für mich. 

Ich fiel. Von ganz oben nach ganz unten. Die folgenden Tage saß ich verheult, ohne Appetit oder Lebensfreude im Büro und mied jeglichen Blickkontakt mit meinen Kollegen. Weder wollte ich darüber reden, noch überhaupt ein Wort sprechen. Allein die Nachfrage, wie es mir gehe, trieb mir literweise Tränen in die Augen. Ich beweinte den Verlust, den Schmerz der Zurückweisung, schlimmer als jede fristlose Kündigung, fieser als jeder verlorene Fünf-Jahres-Pitch. Er wollte mich nicht. Ich wollte ihn. Noch.

Und plötzlich wieder allein, allein

Der Karriereknick endete also mit einem eiskalten Eimer Wasser über meinem Kopf. Grausam traurig, wenn die Dating-Phase nicht wie erhofft in die stabile und ausgeglichene Partnerschaft führt. So eine tolle Beziehung wie bei den anderen, in der wir uns endlich wieder mit voller Aufmerksamkeit uns und unserem Job widmen können. Weil er sich für uns entschieden hat, da ist und bei uns bleibt. So sicher jedenfalls, wie es eben ist, wenn zwei Menschen ab jetzt fest zusammen sein wollen.

Doch eine gute Lehre habe ich damals aus meinem emotionalem Rückschlag gezogen. Mein Frust wandelte sich nämlich ziemlich schnell in Wut um, die ich positiv nutzte. Wieder auf mich fokussiert entschied ich, mich wie er meiner Selbstverwirklichung zu widmen und die Karrierekurve wieder nach oben zu treiben. Ich kramte mein erstes Manuskript aus der Schublade, das dort seit drei Jahren ruhte, schickte es an ein Dutzend Verlage und bekam noch abends ein Angebot für einen Buchvertrag. Bis heute bin ich diesem Mann dankbar für diese Zeit. Verliebtheit ist immer für etwas gut, denn in Zeiten totaler Geistesabwesenheit kann unser vernunftgetriebenes Gehirn mal ein paar Wochen ausspannen. Und danach folgt immer die wahre, tiefe und stärkende Liebe. Entweder die zu einem Partner. Oder die Liebe zu uns selbst. 

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