Foto: helloclue.com

„Seit der Pille gab es viel zu wenig Innovation“

Ida Tin will mit Clue eine Alternative zur Pille schaffen. Ein Gespräch über Big Data und technologiegestützte Verhütung.

 

Eine App nicht nur für Frauen

Die Dänin Ida Tin ist Gründerin von BioWink und hat mit ihrem Unternehmen 2013 die Mobile-Health-App „Clue“ auf den Markt gebracht. Das Team hat seinen Sitz in Berlin und stellt die App derzeit in Deutsch, Englisch und Dänisch kostenlos zur Verfügung. Clue ist dabei mehr als ein moderner Menstruationskalender, der die nächste Periode berechnet. Man kann damit viele weitere Körpersignale tracken: Nutzerin und App lernen gemeinsam dazu.

Ihr beschreibt Clue als „Fertility App“. Wofür kann man sie nutzen?

„Wir nennen sie auch „Tracking App“, weil sie nicht nur dafür genutzt werden kann, um schwanger zu werden, sondern Frauen sie vor allem dafür nutzen, Daten entlang ihres Zyklus festzuhalten und zu verstehen, was in ihren Körpern passiert. Genauer gesagt, was in ihrem ganz eigenen Körper passiert. Frauen nutzen Clue unterschiedlich. Man kann sie zunächst dafür verwenden, um zu wissen, wann die Regelblutung das nächste Mal einsetzt. Was aber dann passiert ist, dass Nutzerinnen beginnen ihren Zyklus aufmerksamer zu verfolgen und Muster erkennen: Wie zum Beispiel ihr Verlangen nach Sex variiert oder wie die Haut sich verändert. Clue vermittelt Nutzerinnen also tiefgehende Erkenntnisse über den eigenen Körper, die es einfacher machen können, sich mit den Veränderungen im Zyklus zu arrangieren. Denn das ist etwas, das viele Menschen jeden Tag beeinflusst – über mehrere Jahrzehnte.“

Wird Clue auch von Paaren gemeinsam genutzt?

„Wir haben eine signifikante Anzahl von männlichen Nutzern, die den Zyklus ihrer Partnerin so mitverfolgen. Die App wird viel breiter genutzt, als wir am Anfang gedacht haben! Wir wissen natürlich nicht genau, wie viele Männer Clue nutzen, aber zum Beispiel stammen bei unseren Facebook-Likes 40 Prozent von Männern und bei Online-Veröffentlichungen kommentieren sie viel. Etwas, das zudem viel nachgefragt wird, ist ein Partner-Feature für die App.“

Ihr empfehlt jedoch nicht, die App zur Verhütung zu nutzen.

„Man kann natürliche Familienplanung nutzen, und sie kann gut und sicher sein, wenn man die Methode sehr genau anwendet und auch die Temperatur misst. So kann eine Frau ihren Eisprung relativ genau bestimmen. Wir haben die App aber zunächst nicht gebaut, um das zu unterstützen. Das kann natürlich eine Erweiterung sein. Bis dahin sollte man Clue aber nicht nutzen, um eine Schwangerschaft zu vermeiden.“

Hattest du die Idee für Clue?

„Ja, mir kam die Idee vor etwa fünf Jahren. Ich habe versucht die Pille zu nehmen, als ich in meinen frühen Zwanzigern war, aber ich hatte mit jeder Menge Nebenwirkungen zu kämpfen. Dann habe ich lange mit Kondomen verhütet, aber ich war irgendwann richtig frustriert, dass es keine anderen hormonfreien Möglichkeiten gab, und dachte mir: Es wäre wirklich nützlich, wenn ich mehr Informationen zu meinem Zyklus direkt auf meinem Telefon hätte. Clue ist also eine klassische Gründerstory für etwas, für das es keine Lösung gab und ich sie selbst schaffen wollte.“

Kannst du dir vorstellen, dass Frauenärzte Clue ihren Patientinnen empfehlen werden?

„Gerade in Deutschland ist die Offenheit für natürliche Familienplanung sehr groß. In meiner Praxis liegen diese kleinen Papierkalender fürs Tracking des Zyklus aus, die ich in Dänemark noch nie gesehen habe. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Ärzte empfehlen all diese Daten zu sammeln, denn es kann für Diagnose und Behandlung von Zyklusstörungen oder Krankheiten eine Hilfe sein zum Beispiel ein Set aus Daten von mehreren Jahren zu haben. Meine Hoffnung und meine Vision, während wir die Technologie weiterentwickeln ist, ist es natürlich, dass Clue als Alternative zu anderen Verhütungsmethoden empfohlen wird. Auch für Frauen, die versuchen schwanger zu werden, kann ein vorhandener Datensatz eine große Hilfe sein. Ärzte können dann sehen, ob das Paar zur richtigen Zeit Sex hatte oder welche Verhaltensweisen die Chance schwanger zu werden außerdem beeinflussen.“

Ich habe mir Clue angeschaut und gedacht: Hätte mir das mal jemand früher erklärt! Muss Aufklärungsunterricht besser werden? 

„Die Reaktion ist leider typisch. Wir haben bei der Entwicklung die Erfahrung gemacht, dass viele Frauen sehr wenig Wissen darüber haben, was im Laufe des Zyklus im Körper passiert. Mädchen wissen, dass sie ab Einsetzen der Periode schwanger werden können, aber sie wissen oft nicht wann. Es ist aber auch normal, Dinge zu vergessen, die man in der Schule gelernt hat. Wir frischen das Wissen auf. Clue ist also auch eine Bildungs-App, die das Wissenslevel über den eigenen Körper verbessern kann. Das gleiche gilt für viele andere Gesundheits-Apps. Gesundheit spielt so eine wichtige Rolle in unserem Leben. Der Informationsaspekt unserer App ist uns sehr wichtig. Wir verwenden daher sehr viel Zeit darauf, dass die Inhalte gut verständlich und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft sind.“

Clue wird bereits in über 180 Ländern genutzt. Welche Rolle kann Technologie besonders in Ländern spielen, in denen Verhütung kontrovers, verboten ist oder man nur sehr schwer daran herankommt?

„Wir sind gerade die Nummer-Eins-Gesundheitsapp in Malaysia, Singapur und Südafrika geworden. Das zeigt uns, dass ein globaler Bedarf da ist und Frauen sich kulturübergreifend viel ähnlicher sind als unterschiedlich. Es ist aber wichtig zu wissen, dass zum einen „unsere Welt“ gibt – wie Europa und Amerika – dann aber auch sehr wenig entwickelte Länder, wo Menschen nicht viele Optionen haben. Dann gibt es aber noch die sehr große Gruppe in der Mitte: Also Menschen die schon Smartphones haben und Entscheidungen bezüglich der Verhütung treffen können. Ich glaube in dem Bereich werden wir zuerst eine Rolle spielen. Ich hätte aber Clue nicht gegründet, wenn ich nicht die Informationen, die Clue vermittelt, überall zur Verfügung stellen wollte. Das ist aber eine völlig neue Herausforderung: Man braucht Partnerschaften mit Organisationen vor Ort, vielleicht auch ein völlig anderes Produkt.“

Gibt es Erfahrungen, ob Clue vor allem von Frauen genutzt wird, die ihren Körper schon besser kennen, oder auch von jungen Mädchen?

„Ich saß schon mit 12-Jährigen zusammen, bei denen ich mir nicht einmal sicher war, ob sie ihre erste Periode schon hatten. Was ich besonders von jungen Mädchen gehört habe, war der Satz: „Das ist wirklich praktisch!“ Es gibt aber auch eine sehr viel ältere Nutzergruppe von Frauen, die gar nicht mehr schwanger werden können und mit Clue ihre sexuelle Aktivität tracken. Diese Frauen sagen zum Beispiel: „Jedes Mal, wenn ich bei Clue eingebe, dass ich Sex mit meinem Mann hatte, macht es mich stolz und macht, dass ich mehr Sex haben will.“ Die Verwendung ist also wirklich breit und kann als Quantified-Self-App für jede Lebensphase genutzt werden. Das Besondere an Clue ist, dass du all diese Daten sammeln kann, und du selbst entscheidest, was du mit diesen Daten machen willst und was sie für dich selbst bedeuten.“

Viele Zyklus-Tracker, die auf dem Markt sind, sind pink. War es eine bewusste Entscheidung, sich im Design deutlich abzugrenzen?

„Für mich war das eine ganz natürliche Wahl. Ich möchte ja auch keinen pinken Kalender haben, oder ein pinkes iPhone. Wir haben erst später realisiert, wie entscheidend das Design war. Etwas für eine vorrangig weibliche Zielgruppe zu gestalten, ohne Genderstereotype zu nutzen, kann sehr befreiend sein. Ich sehe es als wichtigen Teil unserer Marke, mit der wir ein sehr viel breiteres Bild darüber erzählen, was Geschlecht sein kann. Es macht das Produkt inklusiver, auch für diejenigen, die sich zum Beispiel nicht als Mann oder als Frau identifizieren.“

Führt ihr im Team eigene Forschung durch oder arbeitet ihr mit Universitäten oder anderen wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen?

„Wir arbeiten momentan mit einer klinischen Forschungseinrichtung zusammen, die uns geholfen hat, Informationen und Daten bereitzustellen und sichergestellt hat, dass alle Inhalte wissenschaftlich korrekt sind. Was ich in Zukunft gern machen möchte, ist mit Forschungseinrichtungen zu kollaborieren und ihnen anonymisierte Daten zur Verfügung zu stellen, damit sie erstklassige Forschung damit machen können und wir diese Erkenntnisse wiederum unseren Nutzern zur Verfügung stellen können. Eines unserer Kernanliegen ist auch die Wissenschaft wirklich voranzubringen. Es gibt viele weiße Flecken, die medizinische Forschung noch nicht bedacht hat. Das klingt überraschend, weil man vielleicht denken würde, dass Wissen über Reproduktion selbstverständlich sein sollte. Die Daten, die unsere globale Nutzerschaft zusammentragen kann, wird ein sehr starkes, einzigartiges Paket darstellen, dass ich gern in guten, wissenschaftlichen Händen sehen würde.“

Gerade Gesundheitsdaten sind sehr sensibel. Wie stellt ihr Datenschutz sicher?

„Sicherheit ist für unsere Arbeit absolut unerlässlich. Zunächst einmal ethisch, denn es sind sehr private Informationen. Datenschutz ist aber auch wichtig für uns als Unternehmen: Wenn wir das Vertrauen der Nutzer nicht haben, dann gibt es kein Produkt. Wir haben erst ein Backend gebaut, als wir ein absolut sicheres System hatten. Solange waren die Daten nur auf dem Smartphone der jeweiligen Nutzerin. Wichtig ist es außerdem, eine sehr klare Vereinbarung mit den Nutzern zu haben: Sie können wählen, ob sie die Daten anonym teilen möchten oder ob sie das nicht tun möchten, und ob sie einen Backup-Service wollen. Die meisten Nutzerinnen wollen die Daten mit uns anonym teilen, weil sie wissen, dass das Produkt, was sie mögen, in Zukunft noch besser wird. Wir wollen zeigen, dass Big Data auch für gute Dinge verwendet werden kann. Denn natürlich gibt es so etwas wie „Good Data“.“

Ihr arbeitet auch an einem Hardware-Produkt. Kannst du darüber schon etwas verraten?

„Das Produkt selbst ist noch geheim. Der Zweck des Produkts wird sein, die Genauigkeit der App stark zu verbessern.“

Es gibt schon lange Tests für den Eisprung oder Schwangerschaftstest, die man zuhause machen kann. Wird so etwas irgendwann auch per App möglich sein?

„Was man jetzt bereits machen kann, ist einen positiven Ovulationstest in die App einzugeben. Das wirkt sich dann auf den Algorithmus aus und macht die Vorhersagen für den Zyklus genauer. Je mehr Daten man also über den Zyklus hat, desto genauer kann man fruchtbare Tage damit vorhersagen und gezielt verhüten oder schwanger werden.“

Hat die Pharmaindustrie Angst, dass Frauen aufhören werden die Pille zu nehmen?

„Ich bin da vermutlich befangen, aber was ich sehe, ist ein großer Trend, dass Frauen weniger Chemie in ihren Körpern wollen. Es gibt viele Frauen, die von hormoneller Verhütung so starke Nebenwirkungen bekommen, dass sie die Pille nicht wollen. Aber sogar solche, die die Pille vertragen, wollen auf sie verzichten. Ich denke, es gibt nicht genügend Optionen oder Beratung für Frauen, die die Pille nicht nehmen wollen. Die Pille war eine fantastische Innovation für ihre Zeit und hat Familienplanung und Selbstbestimmung vorangebracht, aber seither gab es viel zu wenig Innovation. Ich hoffe, dass noch viele außer unserem eigenen Unternehmen an neuen Lösungen arbeiten.“

Clue finanziert sich zunächst auch mit Investoren, was noch ein eher männliches Feld ist. Wie gewinnt ihr sie für das Produkt?

„Wir haben zum Glück auch eine Handvoll toller Frauen dabei, aber die Mehrheit der Gespräche waren mit Männern. Dabei ist es kein intellektuelles Problem: Wenn ich das Produkt erkläre, begreifen die meisten sehr schnell um was es geht, und warum es so wichtig ist. Was eher fehlt, ist die jahrelange Erfahrung, die viele Frauen mit ihrem Zyklus gemacht haben. Diese emotionale Seite kann eine Rolle dabei spielen, ob jemand investiert oder nicht. Aber es gibt auch Männer, die eine sehr persönliche Beziehung zum Thema haben, vielleicht weil sie und ihre Partnerin selbst Probleme hatten, schwanger zu werden, oder ihre Freunde, oder sie eine Tochter haben, für die sie sich eine Alternative zu täglichen Hormonen wünschen. Ich habe aber noch eine interessante Statistik: In den USA werden zwei Drittel aller Gesundheitsausgaben für Produkte rund um weibliche Gesundheit ausgegeben, aber nur fünf Prozent aller VC-Investments gehen in Produkte für Frauengesundheit. Das passt einfach nicht zusammen. Der Bereich ist unterfinanziert und es gibt wahnsinnig viele Geschäftsmöglichkeiten. Entweder sehen Investoren den Markt nicht, oder Frauen müssen diese Produkte selbst machen. Ich weiß nicht genau, was davon die Henne und was das Ei ist. Aber: Wir brauchen mehr Gründerinnen und mehr Investorinnen. Es fängt damit an, dass Frauen selbst aktiv werden.“

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