Foto: Apollo Reyes – Unsplash

Selbstverletzendes Verhalten – eine Szenekrankheit, die keine ist

Selbstverletzendes Verhalten wird oft als Pubertätsphänomen abgetan oder sogar als Szenekrankheit einer Subkultur beschrieben. Doch man muss die Störung ernst nehmen.

Der Begriff

Autoaggressives Verhalten oder auch selbstverletzendes Verhalten (SVV) beschreibt eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, bei denen sich die Betroffenen absichtlich Verletzungen oder Wunden zufügen. Dabei dient der Akt der Selbstverletzung unter anderem der Selbstbestrafung oder der Absicht sich selbst wieder „zu spüren“. Bei den Betroffenen hat sich, meist über einen längeren Zeitraum, ein hoher emotionaler Druck aufgebaut, weil sie über negative Erlebnisse nicht sprechen wollen oder können oder selbst nicht wissen, wie sie auf emotionaler Ebene mit einer Situation umgehen sollen.

Ich bin selbst davon betroffen und mich hat die mediale Berichterstattung der letzten Jahre enorm gestört, in der oft stereotyp dargestellt wird, dass vor allem schwarz gekleidete Jugendliche davon betroffen sind. Es stimmt, dass der Beginn der Symptomatik häufig im Jugendalter zu finden ist, allerdings tritt das Verhalten als begleitende Erscheinung bei anderen Störungen auf, die behandlungsbedürftig sein können.

SVV kann unteranderem auftreten bei: Borderline-Persönlichkeitsstörung, Depressionen, Essstörungen, Missbrauchserfahrung, Erfahrung von Traumata, während der Pubertät oder bei einer Körper-Schema-Störung, bei der die Betroffenen eine äußerst falsche Wahrnehmung des eigenen Körpers haben. Auch hochsensible Menschen sind häufiger betroffen als andere.

Die Zahlen

In Deutschland sollen 0,7 bis 1,5 Prozent der Bevölkerung, das heißt, rund 600 000 bis 1,2 Millionen Menschen von der Symptomatik betroffen sein. Bei den wenigsten Menschen mit SVV liegt hinter ihrem Verhalten eine direkte Absicht, Suizid zu begehen. Vielmehr dient es der Regulation von (negativen) Gefühlen. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen ist die Selbstverletzung aber direkt mit einem Suizidversuch verbunden. Etwa 10 Prozent der Betroffenen begehen früher oder später Selbstmord. Frauen sind etwa fünfmal so oft von SVV betroffen wie Männer. Am häufigsten lässt ich das Verhalten bei elf bis 16-Jährigen beobachten.

Der Beginn

Aber wo beginnt Selbstverletzung? Ist es das reine „Ritzen“, also das Schneiden in Körperstellen mit einem spitzen oder scharfen Gegenstand? Oder beginnt es vielleicht schon damit, dass jemand vor Wut so heftig gegen die Wand schlägt, dass die Fingerknöchel anfangen zu bluten?

Der Unterschied liegt darin, das jeder von uns einmal den Wunsch verspürt, Teller durch die Gegend zu werfen oder etwas zu tun, um seinen Gefühlen und Aggressionen freien Lauf zu lassen. Vor allem bei extremer emotionaler Anspannung graben viele von uns gern mal die Fingernägel in die Handflächen. Erst wenn dieser Gedanke häufiger auftritt, sollte man sich Gedanken machen, warum man eigentlich aggressiv gegenüber sich selbst ist und etwas dagegen tun. Jeder Mensch hat von Geburt an entweder den Hang zur Aggression oder zu Autoaggressionen. Also anderen wehzutun, oder sich selbst. Trotz dieser Unterscheidung ist es aber so, dass jede Form der Aggression auf ein bestimmtes Gefühl zurückzuführen ist: dem gesunden Egoisten in uns, der uns sagt, dass ein anderer Mensch uns grade wehtut. Wenn wir von einem anderen Menschen verletzt werden, sind wir traurig, wütend und aggressiv.

Sind wir dann also wütend auf jemand anderen? Nein, wir sind wütend auf uns selbst, weil wir verletzt wurden und uns jemand emotional wehtut. Wer kennt nicht diesen Satz: „Mein Gott, mich sollte das nicht die Bohne interessieren. Mich regt es richtig auf, dass es mich überhaupt aufregt!“ Klingt dämlich, passiert aber häufiger, als man denkt. Erst wenn es so weit kommt, dass unsere Seele zu viele (unausgesprochene!) Dinge verarbeiten muss, egal ob sie einen Menschen in unserem Umfeld oder die Gedanken über uns selbst betreffen, kommt die Aggression oder die Autoaggression ans Licht. Wir wissen nicht, wie wir mit einer Situation umgehen sollen, geraten unter Druck und setzen uns auch selbst unter Druck, weil wir endlich eine Lösung finden „müssen“ – und schon ist es passiert.

Der richtige Umgang mit Betroffenen

Ritzen oder Schneiden sind klare Fälle von Selbstverletzung, die in den aller meisten Fällen therapeutisch behandelt werden müssen. Aber auch nicht den Mut aufbringen zu können, Personen zu verlassen, die einen auf Dauer emotional oder sogar körperlich verletzen, grenzt stark an Selbstverletzung. Es muss nicht immer direkt das Verbrennen mit Zigaretten oder das Schneiden in die Haut sein. Wenn man solche Verletzungen dennoch bei einem Freund oder einer Freundin entdeckt, ist der richtige Umgang mit den Betroffenen wichtig.

Egal wie alt der oder die Betroffene ist, es ist wichtig ihn und sein Verhalten von Anfang an ernst zu nehmen. Selbstverletzendes Verhalten ist keine Phase der Pubertät, sondern das Symptom einer ernstzunehmenden psychologischen Störung, die suchtähnliche Züge tragen kann. Denn während der Selbstverletzung schüttet der Körper „Glückshormone“ aus, die Endorphine, sowie Adrenalin. Sie sorgen zunächst für eine Schmerzunterdrückung. Was der Grund dafür ist, dass viele Menschen, die sich selbst verletzen, mit Nein antworten, wenn sie gefragt werden, ob es weh tue.

Das Schneiden tut zwar weh, doch einige Minuten später verbreiten sich die Hormone im Körper und ersetzen den Schmerz mit Erleichterung oder Entspannung. Diese positiven Gefühle können dementsprechend auch dazu führen, dass die Selbstverletzung wiederholt wird.

Nehmt die Symptomatik also wirklich ernst und sprecht mit Freunden oder Familie darüber, wie du oder ihr dem Betroffenen helfen möchtet. Auf keinen Fall sollten Betroffene dazu gezwungen werden, darüber zu sprechen oder spitze Gegenstände abzugeben. Wenn den Betroffenen heute zum Beispiel die Rasierklinge abgenommen wird, finden sie morgen eine neue. Außerdem sollte der Person niemals ein schlechtes Gewissen gemacht werden. Das haben die Meisten so oder so schon, es sollte durch Wut seiner Mitmenschen also nicht noch verstärkt werden. Macht der Person dennoch klar, dass ihr sie und ihr Verhalten im Blick habt. Ein klares Anzeichen für eine Eskalation des Verhaltens ist das Schneiden auf der Innenseite der Arme (wegen der extremen Nähe zu den Pulsadern) oder sehr tiefe Schnitte.

So oder so, sollte man der Person klar machen, dass die richtige Versorgung der Wunden extrem wichtig ist. Wund- und Brandsalbe und Verbände sollten immer im Haus sein. Wenn es zu heftig wird und auch kein Verband mehr hilft, sollte man den Betroffenen zum Arzt begleiten, damit die Wunde genäht werden kann. Spätestens der Arzt sollte dazu in der Lage sein, den Betroffenen zumindest dazu anzuregen, über eine Therapie nachzudenken. Aber auch zu einer Therapie sollte die Person nicht gezwungen werden.  Eine Therapie bringt nur dann etwas, wenn die Person selbst der Meinung ist eine solche zu brauchen. Und auch wenn es manchmal schwer fällt, sollte man der Person immer zuhören, wenn man merkt, dass sie bereit ist darüber zu sprechen.

Der Umgang als Angehörige

Der richtige Umgang als Angehörige eines SVV-lers ist, wie bei jeder psychischen Störung, nicht einfach. Dabei muss man sich immer wieder klar machen, dass man selbst keine Schuld an dem Verhalten des Betroffenen hat, auch nicht der Betroffene selbst. Es liegt nicht an einer einzigen Person, die das Fass zum Überlaufen bringt. Es sind viel mehr viele kleine (oder große) negative Situationen, mit denen die Betroffenen nicht umzugehen wissen. Als Angehörige sollte man sich dennoch über das Verhalten informieren. Im Internet können etliche Foren weiterhelfen, aber auch der Gang zum Hausarzt kann helfen. Auch gibt es Therapeuten, die auf die Therapie von Menschen mit selbstverletzenden Verhalten spezialisiert sind. Eine Verhaltenstherapie hilft den Betroffenen die Situationen zu analysieren, in denen sie den Drang verspüren, sich zu verletzen und zeigen Möglichkeiten auf, wie sie stattdessen mit der Situation umgehen können.

Wenn die Person noch nicht für eine Therapie bereit ist, kann man ihr sogenannte „Skills“ vor Augen führen, die auch außerhalb von Therapien in Trainings vermittelt werden. Skills (zu Englisch „Fähigkeiten“), beschreiben eine Reihe von Dingen, die die Betroffenen tun, wenn sie sich schneiden möchten. Denn bei selbstverletzendem Verhalten geht es darum, seelischen Druck durch äußerlich zugefügten Schmerz zu überdecken. Eine einfache Ablenkung durch einen Spaziergang oder ähnliches hilft also nur selten, weil dabei der herbeigeführte Schmerz fehlt. Anstatt sich zu schneiden, kann die betroffene Person zum Beispiel ihre Hände in sehr kaltes Wasser legen, sich kneifen , oder auf eine Peperoni oder Zitrone beißen. Das klingt für viele Angehörige absurd, weil der gesunde Menschenverstand ihnen sagt, dass das Ziel ein ganz anderes ist. Nämlich die Person davon weg zu bringen, überhaupt den Drang zu verspüren, sich selbst zu verletzen. Dabei weiß jeder ehemalige Raucher, wie schwer es ist aufzuhören und wie lange es dauert, bis das Verlangen nach einer Zigarette nicht mehr auftritt.  Betroffene und Angehörige Personen sollten sich klar machen, dass das „Trocken-werden“ sehr lange brauchen kann. Rückfälle sind jeder Zeit möglich. Dafür sollte man sich selbst oder die Person nicht bestrafen, sondern es so hinnehmen und darüber reden. Je höher die Wut der Mitmenschen auf das Verhalten, desto höher ist der Druck auf die betroffene Person und desto höher ist das Risiko eines Rückfalls.

So oder so: Die Narben werden bleiben. Es ist wichtig diese zu akzeptieren und als Teil seiner selbst bzw. des Betroffenen anzusehen.

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