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Stuart Cameron: „Du kannst dich bei den wenigsten Unternehmen outen, ohne Nachteile zu haben“

Alles bei ihm dreht sich um Diversity. Er will mehr Frauen in Toppositionen bringen und Unternehmen offener machen. Ein Gespräch mit Stuart Cameron.

 

Der wandelnde Macher: Stuart Cameron

Stuart Cameron ist tatsächlich ein wandelnder Macher. Er hat den Frauenkarrierecontest Panda erfunden, und sich das hehre Ziel gesetzt, mit der Jobmesse Sticks & Stones die verrückteste Jobmesse Europas zu erfinden. Im Rahmen der nächsten Berlin Web Week veranstaltet er mit seiner „Unicorns in Tech“-Community außerdem das #unit-Festival, dass weltweit erste Queer-Tech-Festival, ein Tech-Event, der die Sichtbarkeit der LGBTI-Tech-Community fördern soll.

Sein Kernthema: Diversity – auf allen Ebenen. Cameron ist sich sicher, dass Geld, Macht und Status uns nicht dabei helfen, glücklich zu werden. Am Anfang wurde er für viele seiner Ideen ausgelacht, erzählt er im Gespräch mit uns. Heute geben ihm mehr als 3.000 Besucher bei der Sticks & Stones recht. Wir haben mit ihm über Homosexualität im Job, Projektfokus und tolle Arbeitgeber gesprochen.

Du arbeitest an vielen Projekten parallel. Wie fokussiert man sich da richtig?

„Das stimmt – aber es gibt dazu ja eine thematische Klammer: Unsere Projekte haben grundsätzlich zwei Schwerpunkte: mehr Frauen in Führung und LGBTI-Diversity in Unternehmen. In beiden Bereichen setzen wir auf den Aufbau starker Netzwerke und versuchen, neue Ansätze zu finden, Formate zu etablieren, die es so noch nicht gibt. Die einzelnen Projekte ergeben sich dabei oft aufeinander aufbauend, so dass wir unsere einmal etablierten Strukturen und auch unsere Learnings immer wieder direkt für das nächste Projekt nutzen können. Kommt eine neue Idee dazu, entscheiden wir recht schnell, ob wir sie umsetzen wollen. Dabei werden auch viele Ideen wieder verworfen oder vertagt, ganz klar. Dann übernimmt jemand aus unserem kleinen Team den Lead, alle anderen unterstützen in Einzelaufgaben. So haben wir das bisher ganz gut gestemmt.“

Recruiting ist eines deiner Kernthemen. Was findest du bei der Mitarbeitersuche selbst wichtig? Eher Erfahrung? Oder dass jemand für den Job brennt?

„Ich sehe mich nicht als Recruiting-Spezialisten, sondern als Ideenproduzent und Macher, der Impulse für einen neuen und offenen Umgang mit Diversity setzen will. Kreativität und Innovation reinbringen zu können, tatsächlich etwas zu verändern – das ist dabei für mich entscheidend, das ist das, was mir an meinem Job enorm Spaß macht und mich in einer Weise motiviert, die ich mir früher gar nicht hätte ausmalen können. Recruiting ist ein Aspekt davon, der natürlich für unsere Partnerunternehmen entscheidend ist. Unser Ansatz ist aber bei allen Projekten nicht eng auf Recruiting gerichtet, es geht immer um einen breiteren Wandel und das größere Bild: Wie wollen Unternehmen erfolgreich rekrutieren, wenn ihre Kultur ausgrenzend und verkrustet ist? Da setzen wir an. Wen genau man für welche Position sucht – das entscheiden in den Unternehmen die Leute, deren Kernkompetenz genau diese Frage ist. Und zu deiner Frage: Bestenfalls kommen Erfahrung und Leidenschaft zusammen, würde ich sagen.“

Worauf sollten Bewerber bei der Suche nach ihrem Traumjob achten?

„Ob der Job einen Sinn stiftet. Geld, Macht, Status helfen nicht dabei, glücklich zu werden. Ein gut bezahlter, aber nach eigenem Empfunden sinnloser Job führt in die Depression, nicht zur Zufriedenheit. Was mir sehr bei meiner eigenen Suche geholfen hat, war meine eigene ,Grabrede´. Bei dieser Übung geht es darum, sich ernsthaft und ehrlich mit dem auseinanderzusetzen, was einem zu Lebzeiten wirklich wichtig ist – oder eben, was auf dem eigenen Grabstein stehen soll.“

Mit der „Sticks and Stones“ macht du eine Karrieremesse, die insbesondere Homosexuellen, aber auch Hetereosexuellen offensteht. Mit „We are Panda” ein Format  für Führungsfrauen. Wieso ist es deiner Ansicht nach wichtig, spezielle Angeboten für Zielgruppen zu schaffen?

„Weil es funktioniert. Zielgruppenansprache gehört doch zum kleinen Einmaleins im Marketing. Gerade im HR-Bereich hat man allerdings oft das Gefühl, dass die Unternehmen bei der Talentsuche dieses Prinzip über Bord werfen und nur mit dem grobmaschigen Fangnetz nach den richtigen Leute fischen. Dabei hat man mit Diversity Management ein großartiges Tool für eine konkrete Zielgruppenansprache. Wir selbst hatten bei unserer ersten Karriere-Veranstaltung nur einen Frauenanteil von drei Prozent, obwohl die Messe sich doch an „alle“ gerichtet hat. Erst durch ein strategisches Diversity Management haben wir es geschafft, unsere Veranstaltungen divers zu organisieren und beträchtlich zu vergrößern. Bei der letzten Sticks & Stone war das Verhältnis dann 48 Prozent Frauen zu 52 Prozent Männer. Das ist doch ordentlich, nahe an perfekt.“

Viele Arbeitgeber positionieren sich als flexibel und offen. Hast du die Erfahrung gemacht, dass die Realistät oft anders ist? 

„Ich würde nicht sagen, dass es viele sind, die sich als offen positionieren. Die meisten Unternehmen haben gar keine Position dazu und wirken sehr konservativ in ihrer Außendarstellung. Nur große Unternehmen und Konzerne haben in den letzten Jahren verstärkt ihre Arbeitgebermarken aufgebaut und sprechen die unterschiedlichen Zielgruppen aktiv an. Aber ja, die Realität sieht definitiv oft anders aus: Das Thema Diversity spielt meist nur eine untergeordnete Rolle und wird oft nicht in die Gesamtstrategie integriert. Da dürfen sich dann einzelne Menschen „für das Gute“ einsetzen. Für diejenigen, die in den Unternehmen das Sagen haben – männlich, weiß, hetero – ist das Thema eher nervig und potenziell gefährlich für die eigene Position. Da gibt es eher Widerstand oder eben Diversity als Feigenblatt. Über kurz oder lang wird es echte Flexibilität und Offenheit aber geben müssen. Dafür sorgen die gegenwärtigen Entwicklungen schon – Unternehmen werden sich anpassen oder untergehen.“

Ist schwul oder lesbisch sein noch ein großes Thema in Deutschland für Arbeitgeber? Und glaubst du, das wandelt sich? Wir haben ja noch immer keinen aktiven Fußballer aus der Bundesliga, der sich öffentlich als schwul geoutet hat. Wieso machen wir doch recht langsame Schritte?

„Du kannst dich bei den wenigsten Unternehmen outen, ohne Nachteile zu haben. Das ist nach wie vor ein Fakt, auch wenn sich Nicht-Betroffene – gerade in Berlin oder anderen Großstädten – das überhaupt nicht vorstellen können und denken, das Thema sei längst durch. Dein Beispiel aus dem Fußball zeigt das genauso wie die Tatsache, dass es so gut wie keine geouteten aktiven Top-Manager gibt. Zwar gibt es Fortschritte: Immer mehr Unternehmen arbeiten an einer offenen Unternehmenskultur. Leider geht das alles nur im Schneckentempo voran. Wir arbeiten da eben gegen uralte kulturell gelernte Muster und Vorurteile, die von konservativer Politik und Religion nach wie vor propagiert und bestärkt werden. Und die sind leider sehr hartnäckig.“

Wie kam es zu der Idee, hast du auch selbst deine Erfahrungen gemacht?

„Ich wäre in meinem Studium selbst gern zu einer solchen Messe gegangen, also an einen Ort, an dem sich Unternehmen outen und nicht ich. Und nachdem es da nichts gab, habe ich mich eben auf den Weg gemacht. Dass sich die Messe nach den ersten Jahren nun auch an Heteros richtet, war ein Lernprozess – du kannst dir nicht riesengroß Offenheit auf die Fahne schreiben und selbst ausschließen. Dass die Sticks & Stones nun dieses Rebellen- und Rockstar-Image bekommen hat, lag ganz einfach daran, dass ich normale Karriere-Events mit lauter Anzugsträgern ziemlich öde finde. Da kamen einfach immer neue Ideen dazu, wie man das Thema Karriere auch auf eine coole Art angehen kann. Ich habe lieber 3.000 spannende und bunte Menschen auf meiner Messe als 16.000 Pinguine.“

Wer ist nach deiner Einschätzung ein wirklicher Traumarbeitgeber und wieso?

„Den gibt es für mich nicht. Oder nein, das stimmt nicht: das bin eindeutig ich selbst. Also für mich. Der Sinn, die Motivation, das Team, die Selbstbestimmtheit – das muss passen.“

Was ist deine Vision für dich und deine Arbeit in den kommenden Jahren?

„Wir werden in zehn Jahren 50 Prozent aller Vorstandposten durch Frauen besetzen und zehn Prozent davon durch Homosexuelle. Spaß beiseite. Ich habe vor vier Jahren das Buch ,Der schwarze Schwan´ von Nassim Nicholas Taleb gelesen. Danach habe ich meine Visionen begraben und halte es wie Helmut Schmidt: Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen. Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass es 90 Prozent aller aktuellen Jobs in den nächsten Jahren nicht mehr geben wird. Disruptive Entwicklungen werden die Wirtschaft auf den Kopf stellen. Diese Entwicklung wird auch uns betreffen und ich hoffe, dass wir Teil davon sein beziehungsweise sie im besten Fall ein Stück weit mitgestalten werden.“

PANDA Karrierecontest

PANDA ist ein Karriere-Contest für weibliche Führungstalente. Je 100 Young Talents und Executives kommen am 18. April 2015 einen Tag lang in Berlin zusammen, um in Simulationen über Führungsthemen zu reflektieren, voneinander zu lernen, sich gegenseitig zu inspirieren und einander durch konstruktives Feedback weiterzubringen. Leider ist die Bewerbungsfrist für 2015 bereits abgelaufen, ihr könnt euch aber jetzt schon für 2016 bewerben. Mehr Informationen

Sticks & Stones

Auf der Sticks & Stones ist kein Platz für immergraue Gleichgültigkeit. Die Speaker gehören zu den Besten in ihrem Genre und auch die Aussteller können sich sehen lassen. Sie sind da, um Leute wie euch kennenzulernen — egal, ob ihr homo oder hetero, etwas dazwischen oder außerhalb davon, ob ihr Student oder Studentin, Absolvent oder Absolventin, Young oder Senior Professional seid. Die Jobmesse findet am 13. Juni 2015 in Berlin statt. Mehr Informationen

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