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Loslassen als Allheilmittel? Wir sollten wieder lernen, an den richtigen Dingen festzuhalten

Alle sprechen immer nur vom „Loslassen lernen”. Aber gerade heute ist es besonders wichtig, auch das „Festhalten” zu lernen – an einem Hobby, einem Partner oder dem Job.

 

Alles weg?!

„Wir müssen loslassen” – überall begegnen mir seit geraumer Zeit Artikel zu diesem Thema: Überwinde dein Ängste! Miste endlich deine Wohnung aus! Kündige deinen Job und starte mit dem Traumjob durch! Pass dich dem Strom des Lebens an! Halte nicht an materiellen Dingen fest! Bla, bla, bla.

Aber ist Loslassen wirklich immer der richtige Rat? Nein. Ich glaube, es sollte viel öfter auch um das Festhalten gehen, ein gesundes Festhalten. Denn genau das ist es, was wir letztendlich lernen müssen.

Wann ist loslassen das Richtige?

Wir klammern uns an unseren stabilen Rahmen, unser Gerüst, das wir uns aufgebaut haben. Es besteht aus materiellen Dingen wie der Wohnung, dem Auto, dem selbstgemalten Ölbild von Oma an der Wand über dem Klavier. Es besteht es aus Hobbys, Familie und Freunden und den alltäglichen Ritualen – jeden Abend um 20.00 Uhr Tagesschau schauen, zum Beispiel. 

Diese Gerüste haben wir uns mehr oder weniger bewusst aufgebaut. Im Falle des unbewussten Konstruierens können wir vielleicht auch davon sprechen, dass die Gerüste eher uns aufgebaut haben. Gerade dann ist es möglich, dass Teile des Gerüsts uns nicht gut tun: die viel zu kleine und dunkle Wohnung, die schon seit Jahren vor sich hinplätschernde, lieblose Beziehung zum Partner, der zeitraubende und unbefriedigende Job.

Gerüste sind bequem. Sie geben uns Halt, halten uns aufrecht. Aber sie lassen uns auch starr werden. Meistens wissen wir nicht einmal, wie sehr sie uns stützen. Erst wenn wir freiwillig oder unter Zwang aus den Gerüsten ausbrechen, merken wir, in welch luftleerem Raum wir uns eigentlich befinden.

Aber, Stop!

Sich irgendwie durchs Leben zu schlängeln, nur um nirgends hängen zu bleiben, keine Schramme zu riskieren – das kann nicht die Lösung sein. Maximale Flexibilität, sich alle Möglichkeiten offen zu halten, egal ob in der Partnerschaft, im Job, beim gewählten Wohnort – dieser Lebensstil scheint sehr in Mode gekommen zu sein. All die Gerüste, die wir uns aufgebaut haben, lassen sich so leicht ablegen und austauschen, wie der nach einem harten Arbeitstag abgestreifte Designeranzug nach einer warmen Dusche in T-Shirt und Jogginghose ausgetauscht wird.

Wir leben in einer Zeit, in der alles möglich erscheint. Jahre nach dem Hauptschulabschluss doch noch studieren, nach China auswandern, eine Weltreise machen. Wir sind so flexibel wie nie zuvor. Doch wer ständig Wohnort, Arbeitsplatz und Partner wechselt, weist nicht nur ein hohes Maß an Flexibilität auf, sondern gleichzeitig evtl. auch ein hohes Maß an Angst. Denn, das, was wir als Flexibilität tarnen, ist eigentlich die Angst davor sich einzulassen – sei es auf einen Menschen, einen Zustand oder einen Gegenstand.

Festhalten lohnt sich

Loslassen, schön und gut –  aber ganz ohne unsere Gerüste, lebt es sich eben meist recht einsam. Wie traurig ist das Leben, ohne sich wirklich auf einen Partner einlassen zu können, ohne seinen Freunden Themen anvertrauen zu können, die einen wirklich berühren, ohne das selbstgemalte Ölbild der Oma über dem Klavier an der Wand? Außerdem kostet diese vermeintliche Flexibilität ein hohes Maß an Kraft. Gerüste sind wichtig, ja notwendig. Sie lassen dich durchatmen, geben dir Sicherheit und Geborgenheit. Sich auf etwas einlassen können, jemanden oder etwas lieben zu können in dem Bewusstsein, ihn oder es jederzeit verlieren zu können, haben die meisten von uns noch nicht gelernt. Wie aber kann uns das gelingen? 

Die Antwort ist eigentlich simpel: Wir brauchen Vertrauen. Und das können wir nur dann, wenn wir ein stabiles Gerüst in uns selbst haben. Nicht ein von außen stützendes Gerüst. Nur wenn wir wissen, dass wir uns selbst stützen können, in dem Wissen, all das, was wir lieben, jederzeit verlieren zu können, nur dann können wir vertrauen. Nur, wenn wir niemandem zum Glücklichsein brauchen, können wir gesunde Freundschaften, gesunde Beziehungen führen. Das lernen wir aber leider oft erst dann, wenn wir Verlusterfahrungen machen und auf eigenen Beinen stehen lernen müssen, ohne das stützende Gerüst.

Gesundes Festhalten

Sobald wir vertrauen können, wird uns bewusst, dass beispielsweise ein Partner nicht dazu da ist, uns glücklich zu machen, sondern selbst ein Individuum ist, das freie Entscheidungen über sein Leben treffen darf. Auch solche, die uns wehtun. Nun sind wir an dem Punkt angelangt, festzuhalten. Denn Festhalten ist etwas Gutes – dann, wenn wir vorher gelernt haben, loszulassen.
Denn du hältst nun an deiner Partnerschaft aus einer anderen Intention fest als zuvor und die lautet: Liebe. Liebe zu dir selbst, Liebe zu deinem Partner. Nicht wie vorher: Angst vor dem Alleinsein, benutzen und benutzt werden.

Das gleiche gilt für die anderen Bereiche unseres Lebens: An keinem Ort der Welt finden sich die perfekten Lebensbedingungen. Richte es dir bequem ein. Genieße die Vorteile, die dir deine Wahlheimat bietet. Und mit der Arbeit verhält es sich meist so: Der Job ist erfüllend, der Verdienst aber gering. Oder der Job ist langweilig, dafür führst du aber ein finanziell abgesichertes Leben. Wo liegt also deine Priorität? Finde Kompromisse! Und vor allem – hör auf zu meckern! Das Leben ist nicht dazu gedacht, perfekt zu sein. Das wird es nie sein, mir Sicherheit. Die Frage ist nur, aus welcher Perspektive du dein Leben betrachtest. Also, hör auf, dich durchs Leben zu schlängeln! Sei mutig, triff Entscheidungen! Das Loslassen kannst du doch schon! Step by Step. Nimm kleine Veränderungen in deinem Leben vor und beobachte, wie du damit zurechtkommst. Fang ein neues Hobby an. Nach und nach kannst du herausfinden, welche Gerüste dir gut tun – und welche nicht. Das Leben ist nicht immer starr, es pulsiert. Und auch dein Leben wird sich eines Tages verändern, ob du es willst, oder nicht. Aber man sollte wissen, worum es sich zu kämpfen lohnt. 

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