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„Nenn mich nicht Hübscher“: Ich habe getestet, wie Männer auf Catcalling reagieren

In ihrer „Was wäre wenn“-Kolumne fragt sich unsere Praktikantin Alina, wie es eigentlich wäre, wenn Frauen die Körper von Männern genauso oberflächlich und lauthals bewerten würden – und wagt einen Selbstversuch.

 

„Pssst, hey Süße“

Viele von euch kennen dieses Szenario, zumindest in abgewandelter Form: Ich stehe an der roten Ampel und bemerke plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. Ich drehe mich um, in der leisen Hoffnung, jemanden anzublicken, den ich zumindest kenne; und dann steht da so ein schmieriger Typ. „Pssst, hey Süße“, sagt er. Und ich? Will weg, so schnell es geht – angewidert von dem plumpen Annäherungsversuch. „Geiler Arsch“ ruft er mir noch hinterher. Mein Kopf signalisiert: Flucht. Und ich ärgere mich im Nachhinein, dass ich einfach so getan habe, als wäre nichts passiert. Wieder war ich so perplex, dass ich nichts unternommen habe.

Viele meiner Freundinnen erzählen mir von ähnlichen Erlebnissen. Catcalling, so wird die Art sexueller Belästigung genannt, die auf offener Straße durch einen Mann gegenüber einer Frau geschieht, indem er ihr hinterherruft, pfeift oder sie im schlimmsten Fall auch noch berührt. 

Ihr merkt schon: Die Rollen von Mann und Frau sind hier klar verteilt. Natürlich rede ich nicht von allen Männern. Aber ständig trifft man auf welche, die das Verlangen haben, Frauen und ihr Äußeres öffentlich zu kommentieren. Wenn Frauen auf sich aufmerksam machen wollen, tun sie das, wie ich finde, weniger offensiv und bleiben zunächst bei Komplimenten. 

Und an dieser Stelle kommen wir zu einem wichtigen Punkt: Die Grenze zwischen einem nett gemeintem Kompliment und der verbalen sexuellen Belästigung ist schmal und nicht klar definiert. Paragraf 3 Abs. 4 des AGG definiert sexuelle Belästigung als ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, das bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird. Auch vermeintlich beiläufige Äußerungen, Gesten, Blicke und körperliche Berührungen zählen dazu. 

Auf diese Weise wird so manche Fußgängerzone für uns Frauen zu einem Trainingsparcours für Gelassenheit und angestrengtes Ignorieren. Immer öfter frage ich mich, warum das eigentlich so ist und wie es wohl wäre, wenn wir Frauen auch so triebgesteuert ticken würden. Um dieser Frage näher auf den Grund zu gehen, wird es Zeit, meine Komfortzone zu verlassen. Ich stelle mich einem Selbstversuch: Ab heute will ich den Männern genauso schmalzige Anmachsprüche um die Ohren hauen. Mal sehen, was passiert.

1: „Lächle doch mal, steht dir bestimmt viel besser“

Lange suchen muss ich nicht, ich entdecke mein erstes Versuchskaninchen in der Nähe eines Fahrkartenschalters. Mit traurigem Gesichtsausdruck steht er da, den Kopf gesenkt, Blick auf den Handybildschirm. „Hey Hübscher“ sage ich. Das hat mich echt viel Überwindung gekostet. Ich beruhige mich aber mit dem Gedanken, dass es sich bei meinem erbärmlichen Flirtversuch ja nur um eine Art Experiment handelt. Er schaut mich jetzt ganz verängstigt an, dann nach links und rechts, und sagt: „Nenn mich nicht Hübscher. Ich habe eine Freundin“. 

Oho, damit habe ich nicht gerechnet. Ich setze noch einen drauf und sage: „Bist du deshalb so traurig? Lächle doch mal, steht dir bestimmt viel besser.“ Ein Klassiker, den sich Frauen ständig anhören dürfen, wenn sie auf eine plumpe männliche Anmache nicht mit euphorisiertem Strahlen reagieren. Über meine eigene Schlagfertigkeit verwundert, mache ich mich aus dem Staub. Vorher erhasche ich aber noch einen Blick auf seinen verdatterten Blick. Er lacht für einen Moment, schüttelt den Kopf und schaut weiter auf sein Smartphone.

2: „Ich finde übrigens, dass du echt tolle Beine hast“

Meinen zweiten Versuch starte ich im Fitnessstudio. Dort finde ich, nicht unerwartet die schönsten Klischees erfüllend, eine geballte Ladung an Testosteron: Pumpende Muskelprotze, zwischen Eiweißshakes und Langhanteln. Ich schwinge mich an ein Trainingsgerät und nehme Blickkontakt zu meinem Nachbarn auf. Die Situation ist mir mehr als unangenehm. Trotzdem überwinde ich mich: „Trainierst du schon lange hier?“ 

Irritiert blickt mich der Pumper an. „Joa, sieht man doch“, sagt er dann und hält mir seinen Bizeps hin. Ohne zu zögern meine ich zu ihm: „Ich finde übrigens, dass du echt tolle Beine hast – und dein Gesicht ist echt interessant“. In meinen Augen ein klassisches Beispiel für einen Spruch, der die Grenzen eines Kompliments überschreitet – zumindest der Teil mit den Beinen. Er prustet los, wird dann aber wieder ernst und blafft mich an: „Du hast es ja nötig, alter“. Am liebsten wäre ich ja im Boden versunken, mein Probe-Training ziehe ich aber trotzdem durch. Hier kennt mich ja eh keiner.

3: „Mich würde ja interessieren, was unter deinem Shirt steckt“

Park, Wiese, Sonnenschein. Ist das herrlich. Viele Paare, und siehe da, ein einsamer Mann. Er trägt ein Shirt mit Marken-Print, lässig in die Hose gesteckt, und liest auf einer Parkbank. Vorsorglich ziehe ich mir meine große Sonnenbrille auf und gehe auf ihn zu. „Hey, cooles Shirt hast du da. Ist das aus der aktuellen Kollektion?“ Der Shirtträger gibt sich unbeeindruckt und antwortet nur mit einem zustimmenden Nicken. Puh, ist ja langweilig. Spontan fällt mir noch ein: „Also mich würde ja interessieren, was unter deinem Shirt steckt. Ein trainierter Waschbrettbauch?“

Er zieht seine Augen sonderbar zusammen. Dann folgt peinliche Stille und ein entnervtes: „Mein Gott, was stimmt denn mit dir nicht?“ Mit so einer Konfrontation habe ich nicht gerechnet. Dieses Mal muss ich selbst über mich lachen. 

So fühlt man sich als Catcallerin

Während ich mich immer noch ein bisschen für meine intelligenzfernen verbalen Ausrutscher schäme, möchte ich ein Fazit ziehen. Erstaunlicherweise war der für mich unangenehmste Part nicht unbedingt die Reaktionen der Männer, sondern vielmehr mein penetrantes und durchschaubares Auftreten. Ich fühle mich nicht wohl dabei, die äußere Erscheinung eines wildfremden Mannes zu kommentieren und dabei auch noch eine so offensichtliche Erwartungshaltung zu zeigen.

Die Männer, denen ich auf der Straße begegnet bin, waren durchaus überrascht über meine banalen Kommentare. Mit einem spontanen Überfall und einer so unverfrorenen Absicht rechnete keiner, so war mein Gefühl. Dementsprechend negativ und ablehnend waren auch die Reaktionen – meist zurückhaltend, manchmal sogar sauer. Ja, ich hatte den Eindruck, abgestempelt zu werden – denn Frauen machen sowas ja eigentlich nicht. 

Sicherlich kann man jetzt darüber spekulieren, ob diese Männer überhaupt zu denen gehören, die Frauen mit sexistischen Sprüchen auf die Nerven gehen. Doch eigentlich tut das doch nichts zur Sache. Sie akzeptieren Catcalling genauso wenig wie wir Frauen. Diese Aufdringlichkeit kommt weder bei Frauen noch bei Männern gut an. Vorschlag: Dann lassen wir es alle doch einfach!

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