Foto: RosaMag/ Ciani-Sophia Hoeder

Vielfalt im Kinderzimmer: Wir brauchen eine schwarze Pippi Langstrumpf

Was bedeutet es, als junges schwarzes Mädchen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft sich noch nicht mal im eigenen Kinderzimmer identifizieren zu können? Warum wir eine schwarze Pippi brauchen und wie wichtig Kinderbücher sind, in denen Diversität als Normalität dargestellt wird.

Alle Kinder brauchen Held*innen

Im Kindergarten nach dem Stift mit der Hautfarbe zu fragen und eben diesen an den eigenen Arm zu halten, um zu erkennen: Ich entspreche nicht der Norm. Dieses Gefühl kennen viele People of Color. Die Gründerin und Chefredakteurin vom Online-Lifestylemagazin für afrodeutsche Frauen RosaMag, Ciani-Sophia Hoeder hat mit zwei Frauen gesprochen, die das ändern wollen. Tebbi Niminde-Dundadengar und Olaolu Fajembola haben den Onlineshop Tebalou​ gegründet. Ihr Ziel: Mehr Vielfalt in deutschen Spielzimmern.

Wenn ich an mein Kinderzimmer zurückdenke, sehe ich sich aufgetürmten Kisten, gefüllt mit unterschiedlichsten Barbie-Variationen. Schlösser, ein Ponyhof, das Traumauto und natürlich die Einkaufspassage, damit meine kleine Puppe modisch bleiben konnte. Barbie ist gerade 60 geworden. Sie gilt als die berühmteste Puppe der Welt und wird weiterhin alle drei Minuten an irgendeinem Ort auf dem Globus gekauft. Trotzdem musste sie sich über das letzte halbe Jahrhundert einiges an Kritik anhören. Allen voran, dass sie ein unrealistisches Schönheitsideal an Kinder vermittelt. Der Konzern hat bereits reagiert und sich an der Curvy-Barbie versucht und bietet mittlerweile auch eine große Auswahl an schwarzen Puppen. Aber insgesamt sieht das eher anders aus.

Eine Alternative zur Barbie sind die Lottie-Puppen. Statt sich mit Mode zu beschäftigen, ist Sammi Reporter und Meg eine Aktivistin. Quelle: RosaMag

Auch Pippi Langstrumpt ist nicht für alle Kinder

Was macht es mit jungen schwarzen Mädchen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft, dass sie sich noch nicht mal im eigenen Kinderzimmer identifizieren zu können?  Pippi Langstrumpf zu lesen, Bücher die von allen Kindern auf der Welt gefeiert werden, um auch hier feststellen zu müssen, dass ihr Vater ein Kolonisator war, der als „Südseekönig” über Eingeborene herrschte und die Realität des kleinen Mädchens eben nicht auf Pippis Pferd mit Herr Nilsson, Annika und dem Rest wäre, sondern … ja genau, wie sieht die Welt von einem schwarzen Kind aus?

Auch Tebbi und Olaolu haben sich darüber Gedanken gemacht. Nachdem sie mit den gleichen Büchern, Puppen und Buntstiften aufgewachsen sind. Bei der Erziehung ihrer eigenen Kinder stellten sie fest, dass auch 2019 Vielfalt im Kinderzimmer keine Normalität ist. Daraufhin gründeten sie den Onlineshop Tebalou, eine Wortmischung aus ihren Vornamen. Ihr Ziel: Einen Ort zu schaffen, an dem alle Kinder in Deutschland sich mit ihren Eltern repräsentiert sehen, ob queer, alleinerziehend oder eben schwarz.

Die Gründerinnen von Tebalou: Olaolu (rechts) und Tebbi (links) ; Quelle: RosaMag

Die Diskrepanz zwischen Kinderbüchern und der Realität

Mutter, Vater, großer Bruder, kleine Schwester, ein Hund, eine Katze, alle leben gemeinsam in einem freistehenden Haus. Was nach einem Klischee klingt, ist das vorherrschende Narrativ von Kinderbüchern – im Jahr 2019. Patchworkfamilien, das Leben in Mietshäusern oder die kopftuchtragende Lehrerin, sie alle finden keinen Platz in der heilen Kinderwelt. „Es besteht eine große Diskrepanz, zwischen dem, was wir in den Kinderbüchern sehen und dem was in der Realität passiert,” erläutert Olaolu. Und Tebbi fügt hinzu: „Die am stärksten wachsende Familienkonstellation in Deutschland ist die Ein-Elternschaft, allerdings gibt es nur wenige Kinderbücher, die diese Thematik aufgreifen”. Normalität im Kinderzimmer, genau das ist den Gründerinnen wichtig. „Wenn es Bücher gibt, die sich das Thema Vielfalt auf die Fahne schreiben, wird Diversität problematisiert. Dann geht es nicht, um Karla, die Heldin im Kindergarten, die mit ihrem Papa alleine lebt. Sondern es geht um die arme Karla, weil ihre Mama weg ist,” untermauert Olaolu.

Die Wirkungskraft einer mangelnden Repräsentation

Wie wichtig ein Narrativwechsel ist, zeigt der „Doll Test” von Kenneth Bancroft und Mamie Phipps Clark. Dabei werden Kinder im Vorschulalter gebeten, sich zwischen zwei Puppen zu entscheiden: Die eine ist weiß und die andere ist schwarz. Das Ergebnis: Ganz gleich, welche Hautfarbe das Kind hat, es wählt lieber die weiße Puppe. Damit nicht genug: Die schwarze Puppe wird im Experiment auch häufiger als „böse“ bezeichnet.

Erstmalig in den 1940er durchgeführt, wiederholte der amerikanische Nachrichtensender „CNN“ den Test 2010 mit dem gleichen Ergebnis. Während sich viele schwarze Kinder mit den schwarzen Puppen identifizierten, bevorzugten sie aber mehrheitlich die weißen Puppen zum Spielen. Dieser Test zeigt, die Wirkungskraft von Bildern. „Schwarze Kinder sollen nicht als Problem dargestellt werden,” sagt Co-Gründerin Olaolu. „Erst wenn Kinder sowie Eltern Geschichten lesen, in der die Protagonistin einer Heldengeschichte ein Mädchen ist und schwarz, ist es für sie auch nicht mehr fragwürdig, dass sie zu einer Ärztin gehen, die schwarz ist und dass ihre Lehrerin ein Kopftuch trägt. Weiße Kinder müssen dabei lernen, dass neben ihnen auch andere Kinder existieren”, ergänzt Olaolu.

Zwei Frauen wollen die Kinderwelt verändern

Vor einem halben Jahr sind Tebbi und Olaolu mit ihrem Onlineshop gestartet und erhalten schon viel positive Resonanz. Vor allem an Ständen auf Events kommen sie mit unterschiedlichen Menschen in Kontakt. Mütter, die verwundert sind, dass es einen Onlineshop für Diversität im Kinderzimmer überhaupt gibt, um dann erschrocken festzustellen, dass in ihrem eigenen Bücherregalen Geschichten von diversen Lebenswelten fehlen. Alleinerziehende Mütter, die sich freuen ein Buch zu finden, indem ihre eigene Situation nicht problematisiert, sondern widergespiegelt wird.

Bei der Frage, warum es kaum vielfältige Lebenswelten in den Kinderbüchern gibt, erklärt Tebbi: „Es gibt zwei Gründe. Zum einen tendieren Eltern dazu, ihre Kinder in Watte zu packen und ihnen die heile Welt vorzulesen, zum anderen liegt es an den Verlagen. Je größer die Verlage, desto schwieriger fällt es ihnen, etwas Neues zu machen. Sie denken, es gibt keinen Markt für solche Themen.” Das sie sich irren, erläutert Olaolu an dem globalen Kassenschlager Good Night Stories for Rebel Girls von Elena Favilli  und Francesca Cavallo: „Die beiden Autorinnen wollten für ihre Kinder 100 außergewöhnliche Frauen porträtieren, jenseits von der Prinzessin. Von Rosa Parks, Malala Yousafzai  bis hin zu Yoko Ono standen alternative Frauenbilder im Zentrum. Als sie an diverse Verlage herantraten und nur Absagen erhielten, entschieden sie sich schließlich dazu, es selbst zu wagen. Mit einer Crowdfunding-Kampagne über Kickstarter haben sie das Buch finanziert und heute gehört es zu einem der meistverkauftesten Bücher.” Inzwischen wurde Rebel Girls im Carl Hanser Verlag verlegt.

Vielfalt im Kinderzimmer ist die Lösung für eine moderne Welt; Quelle: RosaMag

Die Lebenswelten von türkischen Müttern, schwarzen Eltern oder queeren Familien ist für die Entscheider*innen in der Verlags- und Kinderspielwelt viel zu weit weg. „Wir sind schwarze Mütter, wir achten und steuern bewusst, was unsere Kinder lesen, hören und sich anschauen,” erläutern die Gründerinnen, doch auch Tebbi räumt ein: „Ich kann die Herausforderung, die Perspektive zu wechseln, schon nachvollziehen. Ich merke immer wieder, dass ich mich in viele Themen hineinlesen muss. Ich habe wenig queere Freund*innen oder Familien in meinem Umfeld. Umso wichtiger ist es für mich, dass meine Kinder ein besseres Bewusstsein für alle Familienkonstellationen erhalten. So korrigieren sie mich bereits, als es vor kurzem um eine Hochzeit ging und ich sagte ,Mann und Frau’, woraufhin sie erwiderten ,Nee Mama, es können auch zwei Frauen oder Männer sein’.”

Die beiden Gründerinnen sind sich einig: Vielfalt gehört in das Kinderzimmer aller Kinder. Heranwachsende und ihre Eltern sollten der Realität ausgesetzt werden, denn wenn sie ihre Wohnung verlassen und auf dem Spielplatz ihre Freundin Marie entdecken, die von zwei Müttern abgeholt wird, ist das für sie Normalität. Wenn sie bei Çiğdem zu Besuch sind, gehört diese Lebenswelt auch für sie zur Normalität. Dass es ein schwarze Pippi Langstrumpf gibt, bei der ihre Hautfarbe aber genauso wenig thematisiert wird wie bei der weißen Pippi, sollte auch für alle Kinder normal sein. Dafür kämpfen Olaolu und Tebbi jeden Tag.

Der Original-Artikel ist bei ROSAMAG, einem Online-Lifestylemagazin, das afrodeutsche Frauen und Freunde informiert, inspiriert und empowert, erschienen.

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