Foto: Henrique Félix – Unsplash

Wer bestellt was oder: Wie man Ehekrisen im Restaurant meistert

Unsere Kolumnistin Nathalie Weidenfeld berichtet von der schwierigen Entscheidung, die Paare beim Abendessen treffen müssen und welche Ereignisse das mit sich bringt.

Ein ganz normaler Samstagabend

Es ist Samstagabend.  Wir sitzen in einem Restaurant. Wir machen das öfters. Samstag in ein Restaurant gehen. Da ist nichts Außergewöhnliches dabei. Man könnte sogar meinen, dass bei einem Paar, wie wir es sind, also ein Paar, das schon einige Jahre zusammenlebt, dieser Vorgang absolut banal sein müsste.

„Und? Hast Du schon gewählt?“ fragt mein Mann.

Ich sehe ihn an: „Hm …“

Eigentlich könnte alles ganz einfach sein. Etwa so: Ich sage „Verdure Miste“ und er sagt „Spaghetti Vongole“ und alles ist bestens. Das Problem ist nur, dass ich nicht einfach „Verdure Miste“ bestellen kann, wenn ich nicht sichergehen kann, dass mein Mann etwas deutlich Substanzielleres bestellt, wie eben zum Beispiel „Spaghetti Vongole“ und ich davon mitessen werde. Ich meine, wer kann schon von ein paar hauchdünnen Zucchinischeiben satt werden?

„Was nimmst du?“, fragt mein Mann erneut.

„Ich weiß noch nicht“, sage ich ein wenig schnippisch und starre auf die Karte. Ich weiß sehr wohl, was ich will. Ich will Verdure Miste und ein Osso Bucco. Mit Kartoffelgratin und Parmesan. Also Salat für mich und Osso Bucco mit Kartoffelgratin und Parmesan für ihn.

„Wie wär’s mit Osso Bucco? Mit Kartoffelgratin und Parmesan?“, sage ich.

„Wie? Kein Verdure?“

„Ja, natürlich“, sage ich irritiert, „Aber nur für mich. Ich dachte bei dem Osso Bucco eher an dich! “

Mein Mann murmelt so etwas wie „Hm“ und blickt dann wieder auf die Karte. Warum mein Mann, der ansonsten ein so altruistischer Mensch ist, sich so anstellt, weiß ich auch nicht.

„Ich glaube, ich nehme heute einen Salat!“, sagt er.

„Einen Salat?“, frage ich entsetzt, weil ich mich schon so auf den Osso Bucco und das Kartoffelgratin und den Parmesan gefreut habe.

„Dann nimm du doch das Osso Bucco!“, sagt mein Mann.

„Nein!“, sage ich beleidigt.

Man muss dazu sagen, dass ich tendenziell immer auf Diät bin. Also auch, wenn ich gar keinen Grund dazu habe. Das ist glaube ich, etwas sehr Weibliches, ich muss das nicht näher erläutern. Jedenfalls fühlt sich die Bestellung eines Osso Bucco mit Kartoffelgratin und Parmesan einfach nicht richtig an.

Jetzt kommt der Kellner. Ich versuche, meinem Mann in die Augen zu sehen. Er blickt an mir vorbei. Dann bestellt er einen Salat. Was für ein Affront. Plötzlich kommt mir dieser Artikel in den Sinn. Darin ging es um die Krise des Mannes in unserer Zeit. Der Autor vertrat die These, dass der Feminismus inzwischen so erfolgreich in der Gesellschaft angekommen sei, dass die Männer ein ernstes Selbstwertproblem hätten. Sie kämen sich entweder nutzlos oder ausgebeutet vor. Es sei nur eine Frage der Zeit, so der Artikel, bis sich eine Maskulismus-Bewegung in Gang setzen würde, die wie eine riesige Welle über die westliche Welt schwappen würde. Ist das, was ich da gerade erlebe, vielleicht schon der Vorbote für die kommende Revolution? Was, wenn mein Mann seit Wochen, anstatt abends zum Sport, zu Maskulinisten-Sebsthilfe-Treffen wäre? Vielleicht probt er dort seit Wochen, wie man im Restaurant ohne Rücksicht auf die Wünsche der Frau Essen bestellt?

Ich stehe auf. „Ich bin eine Frau!“, sage ich laut, „Ich habe ein Recht darauf, einen Salat zu bestellen, obwohl ich in Wirklichkeit dein Osso Bucco haben will!“

Die Frauen in dem Restaurant halten inne und schauen mich an.

„Um Himmels willen, setz dich doch wieder“, murmelt mein Mann.

„Ich will mich nicht setzen!“ sage ich. „Ich will  Salat bestellen und dann dein Osso Bucco essen!“

Die anderen Frauen im Restaurant stimmen mir laut zu. Manche klatschen. Sie alle sitzen neben Männern, die Osso Bucco bestellt haben.

Der Kellner fragt, ob er später wiederkommen soll.

„Nein“ sage ich. „Mein Mann soll sich hier und jetzt entscheiden.“

Der Kellner schlägt vor, er könne ja eine halbe Portion Osso Bucco mit Kartoffelgratin und Parmesan für mich bringen, woraufhin ich ihn anschreie, ich hätte keine halben Portionen nötig, ich sei doch kein Kind. Der Kellner entschuldigt sich. Die Frauen im Restaurant gröhlen und wedeln mit den Servietten. Ich steige auf den Tisch.

„Es lebe der Mann, der für seine Frau Osso Bucco bestellt!“, rufen sie im Chor. Dann stimmen wir alle das Lied „I will survive“ von Gloria Gaynor an. Die Kellner flüchten in die Küche.

In diesem ohrenbetäubenden Lärm vernehme ich schließlich die Stimme meines Mannes.

„Ich nehme das Osso Bucco“, sagt er, „mit Kartoffelgratin und Parmesan.“

Alle jubeln. Unsere Ehe ist gerettet. Und mein Abendessen obendrein.

Wie ich sagte: ein ganz normaler Samstag.

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