Foto: Sandra Ebert

„Es gibt genug Mode – wenn du einen Unterschied machen möchtest, brauchst du eine Geschichte“

Mit der Gründung von „Zazi Vintage“, einem nachhaltigen Fashion-Label, gelang Jeanne Zizi Margot de Kroon 2016 ein Volltreffer. Mit ihrer Vintage-Mode hilft sie Frauen in abgelegenen Dörfern in Entwicklungsländern, sich eine eigene finanzielle Existenz aufzubauen. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Ein ungewöhnlicher Anfang

Jeanne Zizi Margot de Kroon vertreibt mit ihrem Fair-Fashion-Label Zazi Vintage wunderschöne, nachhaltig produzierte Mode, mit der sie gleichzeitig auch Frauen in Entwicklungsländern unterstützt. Der Weg der gebürtigen Niederländerin in die Welt des Modedesigns ist ungewöhnlich und hat sie über viele verschiedene Etappen und durch spannende Länder geführt. Eigentlich wurden Jeanne Kunst und Kreativität in die Wiege gelegt: Ihre Mutter arbeitet als Mode-Journalistin und ihr Vater drehte Dokumentarfilme zur Magie des Lichts in Malereien niederländischer Künstler des 17. Jahrhunderts. Jeanne entschied sich trotzdem, oder gerade deshalb, dazu, nach dem Abitur erst einmal Jura und Mathematik zu studieren. Eine Entscheidung, die sie schnell bereute. „Ich bin am ersten Tag gleich wieder gegangen”, erzählt sie im Interview. „Ich war auf der Suche nach etwas Aufregenderem.” Also entschied sie sich kurzerhand nach Paris zu ziehen, wo sie sich als 18-Jährige mit „roten Haaren und einem Tweed-Pullover “ als Straßenmusikerin durchschlug. Dabei wurde sie von einem Agenten als Model entdeckt. Jeanne packte ihre sieben Sachen und zog spontan nach New York. Eine schwierige Zeit, wie sie erzählt.

„Ich hatte diese Idee im Kopf, dass das Arbeiten als Model in New York eine aufregende Zeit sein würde, in der ich jeden Tag tolle Kleider tragen und interessante Menschen treffen würde. Ich glaube, ich war das unerfolgreichste Model, das es je gab. Ich habe am Ende diese schrecklichen Jobs für Webseiten angenommen, bei denen du in Polyesterklamotten gesteckt wirst, und in einem Etagenbett mit fünf anderen Mädchen im Zimmer gewohnt.“

Irgendwann reichte es ihr und sie beschloss, nach Berlin zu gehen, wo sie anfing, Politikwissenschaften und Philosophie zu studieren.

„Das Reisen hat mir die Augen für die Welt geöffnet“

In den Semesterferien beginnt Jeanne zu reisen. Es zieht sie erst nach Nepal, wo sie in einem Waisenhaus arbeitet. Zu dem Zeitpunkt läuft sie im „typischen Berlin-Outfit“ rum: Die Haare schwarz gefärbt und mit einer fast ausschließlich schwarzen Garderobe ging es nach Kathmandu. Beim Wandern im Himalaya spricht sie eine fremde Frau an, mit den Worten:

„Ich verstehe es nicht, deine Augen sehen aus, als sei dir zum Feiern zumute, aber dein Outfit sagt: Nein!“

Die Frau zieht sie mit sich mit, bringt sie in einen kleinen Sari-Shop in einer Seitengasse und gibt ihr dieses „crazy Bollywood-Outfit“ zum Anziehen. Ein Schlüsselmoment im Leben von Jeanne und der Grundstein für ihr späteres Label Zazi Vintage. Wir haben mit Jeanne über die Entstehungsgeschichte von Zazi Vintage, ihre Liebe zu außergewöhnlichen Kleidungsstücken, und über die Notwendigkeit für mehr Nachhaltigkeit in der Fashionindustrie gesprochen.

Wie kam es, dass du dein eigenes Modelabel gegründet hast?

„Ich bin während des Studiums noch weiter gereist und habe an verschiedenen Projekten mitgearbeitet. Ich war unter anderem in Äthiopien, Südamerika und Indien. Vor zwei Jahren habe ich in Indien dann eine Frau getroffen, die bei einem Frauenhilfsprojekt gearbeitet und mich über die unethischen Seiten der Fashionindustrie in Indien aufgeklärt hat. Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich wirklich die Verbindung gesehen habe zwischen den Klamotten, die wir im Westen tragen, und den jungen Frauen, die unter schlimmen Arbeitsbedingungen diese Kleider in Indien, Nepal und an anderen Orten auf der Welt anfertigen müssen. Als ich dann nach Berlin zurückgekehrt bin, habe ich beschlossen, meinen Job als Model aufzugeben. Ich wollte etwas verändern, ich wusste nicht genau was und auch nicht wie, aber mir war bewusst, dass ich so nicht weiter machen konnte.“

Und wie ging es dann weiter?

„Nach einer Zeit in Berlin bin ich wieder nach Indien aufgebrochen. Eine Freundin von mir arbeitete zu der Zeit bei einer NGO in Mumbai, die sich gegen Kinderprostitution einsetzt. Sie hat mir all diese grausamen Geschichten von jungen Mädchen und ihren Schicksalen erzählt und ich dachte mir okay, ich muss dieses Projekt unterstützen und dabei helfen, Gelder zu sammeln. Das Problem bei den meisten NGOs, die auf dem Graswurzel- Level sind, ist, dass sie auf Spendenbasis arbeiten und dass sie junge Europäer aus dem Westen als Freiwillige beschäftigen, anstatt die Leute vor Ort einzustellen. Viele dieser NGOS arbeiten außerdem nicht besonders pragmatisch oder effizient und ich als Idealistin dachte mir, dass ich ein System ausarbeiten könnte, mit dem sich das ändert.

Ich hatte zu dem Zeitpunkt 700 Euro auf dem Konto und drei Kleider, die ich an der Grenze zu Pakistan ausfindig gemacht hatte, da ich seit der Geschichte mit dem ,crazy Bollywood-Top‘ angefangen hatte, überall kleine ,Schätze‘ für meine Garderobe zu suchen. Ich habe dann beschlossen, auf meiner eigenen Webseite alte Vintage-Schätze zu verkaufen und einen Teil des Erlöses an die NGOs abzugeben. Das war die ursprüngliche Idee und daraus hat sich Zazi Vintage später entwickelt.”

Wie hast du Madhu Vaishnav kennengelernt, mit deren NGO du jetzt für Zazi Vintage zusammenarbeitest?

„Wir haben uns durch Social-Media kennengelernt. Sie arbeitet für die NGO IPHD India in Jodhpur. Sie hat mir damals die Geschichte von der Mutter ihres Ehemannes erzählt, einer armen Frau aus einem ländlichen Dorf, die es aus eigener Kraft geschafft hat, sich und ihre Söhne aus der Armut zu befreien. Als sie zusammen mit ihrem Mann dann das Dorf besucht hat, haben die schlechten Lebensbedingungen der Frauen dort Madhu sehr mitgenommen. In dem Moment hat sie beschlossen, dass es ihre Mission im Leben ist, diesen Frauen zu helfen.

Jede Frau in diesem Dorf bekommt zur Hochzeit eine Nähmaschine geschenkt und Madhu meinte zu mir:

„ Jeanne, wenn du diesen Frauen wirklich helfen möchtest, dann besorg ihnen Arbeit, damit sie sich selbst versorgen können.”

Ich hatte die Monate zuvor auf meinen Reisen spannende Stoffe und Textilien aus verschiedenen Teilen der Welt zusammengetragen, und ein großes ,Vintage-Netzwerk‘. Aus diesen Stoffen habe ich dann sieben Kleider designt. Anschließend bin ich mit meinem jetzigen Creative-Director und guten Freund nach Indien geflogen. Wir habend dort dann eine Kampagne mit wunderschönen Models und eben diesen Kleidern von mir geschossen. Mit denen und zu dem Zeitpunkt 2000 Followern auf Instagram bin ich zurück nach Deutschland. Ich wusste erst nicht, ob ich damit irgendetwas erreichen kann und die Leute Interesse hätten, aber von heute auf morgen wurden die Leute auf Zazi aufmerksam, was für mich immer noch ziemlich überwältigend ist. Ich habe mit ein paar Kleidern von diesen wunderbaren Ladys angefangen und jetzt führe ich mein eigenes Unternehmen.”

Du reist viel herum, bist immer auf der Suche nach neuen „Schätzen“, neuen Stoffen, die du verarbeiten kannst. Warum ist es dir so wichtig, auch im direkten Kontakt mit den Schneiderinnen zu stehen, die deine Kleider anfertigen?

„Ich glaube was wir im Westen oft vergessen, ist, dass sich hinter allem, was wir konsumieren, hinter allem, was wir kaufen und verkaufen, eine Geschichte verbirgt.“

„Viele große Unternehmen verkaufen uns diese Idee von Nachhaltigkeit mit smarten, gut durchdachten Marketingkonzepten, aber am Ende bekommen diejenigen, die die Stoffe zusammennähen, viel zu wenig für ihre Arbeit.

Die schönsten Teile, die ich in meinem Kleiderschrank habe, sind immer an eine starke Geschichte gebunden. Ich erinnere mich doch sicher nicht an das eine Mal zurück, als ich mir aus Faulheit irgendeine x-beliebige schwarze Jeans gekauft habe. Eher an den Moment, in dem ich zufällig in einer Seitengasse in Frankreich, oder einem kleinen Café in Portugal ein Teil entdeckt habe. Die Dinge, die uns im Leben am wichtigsten sind, sind die, die eine eigene Geschichte haben und ich glaube, dass es nicht genug Unternehmen gibt, die alle Seiten dieser Geschichte zeigen. Sie vergessen, die Frau, die ein Kleidungsstück angefertigt hat, mit der Frau, die es am Ende trägt, zu verbinden. Sie vergessen die gesamte Geschichte zu erzählen. Ich wollte diese Brücke bauen.“

Wie genau profitieren die Frauen von der Zusammenarbeit mit Zazi Vintage?

„Jede Näherin erhält zehn Prozent des Verkaufspreises und einen Stundenlohn, der weit über dem liegt, was normalerweise Standard in den Produktionsländern wäre. Wir wollen nachhaltig produzieren und gleichzeitig immer mehr Jobs für die Frauen in diesen Ländern schaffen, damit sie finanziell unabhängig sind.“

Du bist noch recht jung für eine erfolgreiche Gründerin. Hast du Ratschläge für angehende Modedesigner oder jemanden, der sein eigenes Unternehmen gründen möchte?

„Was ich aus meiner Erfahrung und dem kleinen Erfolg, den ich damit habe, gelernt habe, ist, dass du, um dein eigenes Unternehmen zu gründen, vor allem eins brauchst: eine Vision. Meine war es damals tatsächlich, den Frauen bei Madhus NGO zu helfen, und daraus hat sich dann der Rest entwickelt. Solange du authentisch bleibst, eine klare Vision vor dir hast und auch weißt, wie du den Menschen deine Idee vermitteln kannst, wird dein Unternehmen erfolgreich sein.“

„Wenn du dein Unternehmen nur gründest, um damit Geld zu machen, wirst du schnell das Interesse an deiner Arbeit verlieren.”

„Wenn du möchtest, dass Menschen sich mit deinem Unternehmen beschäftigen, muss die Message, die du nach außen trägst und mit der du dich präsentierst, immer sehr deutlich sein. Das ist vor allem heutzutage wichtig. Konsumenten heute wollen sich mir dir identifizieren können. Es gibt genug Mode da draußen. Wenn du wirklich einen Unterschied machen möchtest, brauchst du eine Geschichte. Ich habe auch gemerkt, dass die Menschen, die mir mit meinem Projekt weitergeholfen haben, immer die waren, die an meine Vision, meine Geschichte geglaubt haben.

Eine Vision zu haben, muss nicht unbedingt heißen, Frauen in Indien helfen zu wollen. Du kannst auch Frauen dabei unterstützen wollen, sich in einem bestimmte Schnitt wohlzufühlen. Du kannst den Regenwald retten wollen, in dem du mit der einheimischen Bevölkerung zusammenarbeitest. Es braucht auf jeden Fall eine Motivation dahinter. Ich glaube, dass Marken mit solchen Visionen die Zukunft sind.“

In Deutschland galten „Öko-Klamotten“ und Fairfashion lange Zeit als Synonym für nicht zeitgemäße, untragbare Mode. Wie gehst du mit solchen Vorurteilen um?

„Es war lange Zeit sehr schwierig für nachhaltige Fair-Trade-Mode, aber ich glaube, dass in letzten Jahren eine Veränderung stattgefunden hat. Gucci zum Beispiel verkauft keinen Pelz mehr und hat ein Nachhaltigkeitsprogramm gelauncht. Man kann die Veränderung jetzt auch wirklich überall sehen. Große Marken springen auf den Nachhaltigkeitszug auf und schaffen es dadurch, das schlechte Image, das Öko-Fashion hat, aufzuwerten.“

„Öko-Fashion muss nicht immer heißen, etwas Neues zu kaufen. Es reicht doch schon, wenn du zu einem schönen Secondhand-Laden gehst und dir dort ein schönes Teil aussuchst.  Damit trägst du schon zur Nachhaltigkeit bei.“

Wie können wir dafür sorgen, dass Nachhaltigkeit in der Modeindustrie nicht länger eine Ausnahme ist, sondern zur Norm wird?

„Wir hängen gerade ein wenig in einem komischen Teufelskreis fest. Ich war gerade bei einem Gipfel zum Thema ,Ethical Fashion‘ bei den Vereinten Nationen. Dort wurde über Initiativen für mehr Nachhaltigkeit diskutiert. Eine ganz wichtige Rolle hat hierbei die Rolle der Medien gespielt. Es geht darum, Magazine wie die Vogue, Harpers Bazaar, die New York Times, aber auch die Zeit und die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel in die Verantwortung zu ziehen. Wenn Vogue etwas für cool erklärt und anschließend alle It-Girls und Influencer auf den Zug aufspringen, dann werden sie auch ein breites Publikum dazu motivieren, nachhaltigere Sachen zu kaufen. Auf der anderen Seite liegt auch Verantwortung bei den Konsumenten – wenn diese anfangen, nachhaltigere Klamotten zu fordern, können große Marken gar nicht umhin, sich irgendwann den Forderungen zu beugen. Es ist wirklich eine Art Teufelskreis.”

Bilder: Zazi Vintage Lookbook | Stefan Dotter

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