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20 Dinge, woran man einen echten Künstler erkennt (Teil 2)

Nach fast fünf Jahren im Musikbusiness brauchte ich eine Veränderung, wollte selbst Künstlerin sein. Doch woran erkennt man eigentlich einen echten Künstler? 2015 zog ich los und recherchierte in der Musikszene…

 

Auf der Suche nach einer Antwort begegneten mir seitens der Gesellschaft und junger Künstler immer wieder die gleichen Vorurteile: Künstler sind arm, arrogant, exzentrisch, chaotisch, promiskuitiv, narzisstisch, cholerisch. Sind das die Dinge, die einen Künstler auch tatsächlich ausmachen?

Künstler sein sei eine Frage des Bewusstseins, sagt Kreativitätsexpertin und Autorin Julia Cameron. Dafür brauche ich keine Bühne. Doch was ist, wenn ich von meiner Kunst leben will? Dann führt kein Weg an der Bühne vorbei. Ein Leben von der Kunst erfordert ihre Auswertung, einen Absatzmarkt, Menschen, die die Kunst vermitteln und kaufbereite Kunden. Die Bühne, die Öffentlichkeit macht Kunst sichtbar, macht sie zugänglich. Doch mit der Entscheidung auf der Bühne zu stehen, wird der kreative Akt zur Dienstleistung, zu einem Produkt, gerät zunehmend in den Hintergrund. Erfolge werden nur noch an verkauften Tickets, angebotenen Deals oder Facebook Likes gemessen. Die Bretter, die die Welt bedeuten, verlangen mitunter Entscheidungen zu treffen, die den Künstler in uns immer wieder vor große Herausforderungen stellen.

In Fortsetzung des Artikels „20 Dinge, woran man einen echten Künstler erkennt (Teil 1)“ beleuchtet Teil 2 der Reihe nun Künstler und ihre Beziehung zum Business und die Frage näher „Was ist, wenn ich mit meiner Kunst Geld verdienen will?“

20 Dinge, die einen echten Künstler ausmachen …

Nr. 11: Echte Künstler betrachten ihre Kunst (auch) als Unternehmen

Professionalität endet nicht wenn man die Bühne verläßt. Künstlerinnen wie Madonna sind auch deswegen erfolgreich, weil sie gelernt haben, ihre Kunst als Business zu begreifen. Wenn man von seiner Kunst leben will, müssen, genau wie bei der Neugründung eines Unternehmens, die ersten fünf Jahre als Gründungsjahre gesehen werden: ein bisschen Buchhaltung, Recht, Steuern und auch Marketing gehören dazu. Wenn man das Gefühl hat, dass in einem Bereich Lücken bestehen, dann sollte man sich weiterbilden. Das hilft im Übrigen auch, bei der Auswahl der später am Unternehmen beteiligten Partner wie Agenten die Spreu vom Weizen zu trennen. Ignoranz wird schnell ausgenutzt.

Nr. 12: Echte Künstler dürfen auch einen Teilzeitjob haben

Der Mythos, dass man als Künstler Vollzeitkünstler sein müsse, hält sich hartnäckig. Muss ich als Künstler den ganzen Tag meiner Kunst nachgehen? Nein! Einige Künstler lehnen einen Broterwerb nebenbei aus Angst ab, dass sie dann nicht mehr kreativ arbeiten könnten, dabei ist das eine Sache des Prioritäten setzens und der eigenen Organisation. Und gerade in den ersten Jahren ist ein Teilzeitjob lebensrettend. Unterschätzt wird häufig auch seine wohltuende Wirkung: eine finanziellen Absicherung schafft Freiraum für die nächste Idee, und vielleicht kommt die ja sogar mit meinem 14 Uhr Termin in der Musikschule.

Nr 13: Echte Künstler haben eine gesunde Portion Narzissmus

Eine gesunde Portion Narzissmus sollte jeder Mensch haben, nicht nur Künstler. Leider neigen immer wieder einige Künstler zu einem gesteigerten Narzissmus: Mangelndes Selbstwertgefühl, starke Empfindlichkeit gegenüber Kritik wechseln sich nach außen hin ab mit auffälliger Selbstbewunderung, übersteigerter Eitelkeit, übertriebenen Selbstbewusstsein und wenig Empathie für die sie umgebenden Menschen. Auffallend war auch das permanente Bedürfnis nach Anerkennung durch das Publikum, Groupies etc. Ein Teufelskreis! Denn wer das fehlende Selbstwertgefühl durch das Publikum und andere äußere Komponenten zu ersetzen versucht, fällt tief, wenn diese Komponenten einmal wegfallen, nämlich meistens dann wenn die Show oder die Tour vorbei ist.

Nr. 14: Echte Künstler haben keine Starallüren

Starallüren sind ein Zeichen für mangelnde Reflektion. Meistens hat sich der Künstler dann auch einen Mitarbeiterstab geschaffen, der ihn nicht genügend reflektiert. Künstler haben aber durchaus Eigenarten und Angewohnheiten: manche beten vor jedem Auftritt im Kreis, essen vor dem Auftritt nie scharf etc. Aber das würden sie auch tun, wenn sie vor zehntausenden Menschen auftreten müssten oder? Künstler sind von Natur aus dramatisch, vor allen Dingen wenn sie nervös sind. Aber im Wesentlichen wissen sie: das Drama gehört in die Kunst und auf die Bühne, nicht dahinter.

Nr. 15: Echte Künstler beherrschen den Spagat zwischen Künstler- und Privatperson

Über die „Schizophrenie der Künstlerpersönlichkeit“ könnte man ganze Bücher schreiben. Nach dem Motto „let the hunger games begin“ ziehen manche die Künstlerperson an wie eine Handpuppe und vergessen sie dann leider schnell wieder auszuziehen! Die Künstlerpersönlichkeit ist in etwa vergleichbar mit einem Regenschirm: solange er gespannt ist, schützt er vor Wind und Regen. Damit kann man sich überall hinbewegen, die widrigsten Wetter überstehen. Aber läßt man den Schirm zulange aufgespannt, vergisst man wie es sich anfühlt, wenn die Sonne oder der erste warme Frühlingsregen die Haut berührt. Kurz: man wird einfach ein sehr, sehr unausstehlicher Mensch! Echte Künstler verstehen, dass eine Künstleridentität zwar Schutz bieten kann, die Balance zwischen Bühnen- und Privatperson aber unerläßlich für ein gesundes Leben ist. Die Künstlerperson kann nie Ersatz für die private Person sein.

Nr. 16: Echte Künstler sehen hinter die Fassade

Mit zunehmender Bekanntheit bekommt das Leben eines Künstlers ein immer schnelleres Tempo. Fast proportional dazu steigt auch die Anzahl der an ihm interessierten Geschäftspartner, jeder will ein Stück vom Kuchen. Echte Künstler nehmen sich Zeit ihre Erfolge zu verdauen, schauen hinter die Fassade von potentiellen Geschäftspartnern und künstlerischen Kollaborateuren. Ist das Label tatsächlich an meiner Musik und meiner Künstlerperson interessiert oder werde ich „vom Markt“ gesigned und ende als Karteileiche? Ist das eine gleichberechtigte Partnerschaft oder möchte der Manager nur sein Portfolio mit mir erweitern um besser dazustehen? Was bringt mir diese Zusammenarbeit? Kann ich dabei etwas lernen? Das sind die Fragen, die sich echte Künstler immer wieder stellen und sich damit reflektieren.

Nr. 17: Echte Künstler sagen Nein

Echte Künstler sagen Nein zu Projekten. Das gilt im übrigen auch für schlechte Deals oder Veranstalter mit einem politisch fragwürdigen Background! Man darf als Künstler abwägen, ob es sich lohnt ein Risiko einzugehen oder nicht, egal ob man schon etabliert ist oder erst angefangen hat. Das hat nichts mit Arroganz zu tun, sondern mit Urteilskraft und Unterscheidungsvermögen. Wenn der Bauch sagt „Finger weg“, dann zeugt es von Respekt den eigenen Begabungen und auch der eigenen Person gegenüber, sich in dieser Situation Priorität zu geben.

Nr. 18: Echte Künstler praktizieren Grundregeln des menschlichen Miteinanders auch im Job

Gerade im Musikbusiness findet man viele junge Künstler, die sich immer wieder eines standhaften Opportunismus bedienen. Nur weil das Business auf einer Ellenbogenmentalität basiert, heisst das nicht, dass man bestimmte Werte und Regeln über Bord werfen muss. Respektvoller Umgang, Höflichkeit und Freundlichkeit zum Beispiel, aber auch Loyalität. Echte Künstler greifen auch mal weniger etablierten Künstlern unter die Arme, weil sie wissen dass sie dabei selbst noch etwas lernen können. Sie praktizieren Austausch anstatt den anderen ständig nur nach Kontakten zu „durchleuchten“.

Nr. 19: Echte Künstler leiden nicht den ganzen Tag

Beinahe erschreckend normal findet sich die Depression im Künstlerdasein wieder. Auf der Suche nach dem Unique Selling Point und Publikum gehen viele junge Musiker bis an den Rand ihrer Grenzen. Burnout ist längst keine Seltenheit mehr und mit ihm die Depression. Sie wird oftmals als Teil der Kreativität gesehen, nicht behandelt. Tiefphasen und Leiden werden als Motor des kreativen Ausgusses zum Teil ganz selbstverständlich akzeptiert. Dabei wird vergessen, dass die Depression eine Krankheit ist. Künstler wie Jackson Pollock waren nicht kreativ aufgrund ihrer Depression, sie waren Künstler trotz ihrer Depression.

Nr. 20: Echte Künstler sagen nein zu Drogen

Wer langfristig erfolgreich sein will als Künstler, ob nun mit oder ohne Bühne, bleibt besser drogenfrei. Und ja, wenn man auf der Bühne jedes Mal ein Flasche Jim Beam leert, weil die Show dann besser wird und man mehr aus sich rauskommt, dann würde einen auch der toleranteste Arzt als funktionstüchtigen Alkoholiker einordnen. Erschreckend war zu sehen, wie selbstverständlich Alkohol positiv mit der Bühne „verknüpft“ wird. Wer sich als Künstler nur so in die Performance „zwingen“ kann, sollte nicht nur seine Einstellung zur Kunst hinterfragen. Drogen gehören nicht zum Kreativ sein. Sie sind nicht Teil des Künstlerdaseins, sondern Ausdruck eines tieferliegenden persönlichen Konfliktes und ein Warnsignal, dass man sein jetziges Leben und den Umgang mit sich selbst gehörig überdenken sollte.

1 Jahr danach …

Mein Eindruck nach einem Jahr? Künstler zu sein, heißt mehr als nur auf der Bühne zu stehen. Es ist eine Frage des Bewusstseins und eine Einstellung. Es heißt in erster Linie, sich zu lieben, seinen Fähigkeiten zu vertrauen und Ja zu sagen – zu sich selbst! Es heißt nicht nur neugierig zu bleiben auf die Welt und das Kind in uns, sondern auch, sich als Mensch ständig weiterzuentwickeln, sich zu reflektieren und damit am Ende eine gesunde Basis zu schaffen auf den Bühnen dieser Welt zu bestehen. Wer sich als Mensch nicht liebt und akzeptiert, wird die Bühne kaputter verlassen, als er sie betreten hat. 

Echte Künstler findet man nicht zwangsläufig im Rampenlicht! Man erkennt sie häufig erst auf den zweiten Blick!

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