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Ich habe ein Burnout – wenn die Seele dem Druck des Alltags nicht mehr standhält

Was mir gerade geschieht, passiert so vielen: Ich habe ein Burnout. Und wie alle frage ich mich: Bin ich zu sensibel, oder verlangt unsere heutige Lebens- und Arbeitswelt einfach zu viel von uns?

 

Wenn Arbeit krank macht

Ich möchte nicht mehr zur Arbeit gehen, am liebsten nie mehr. Ich fühle mich so blockiert, dass mich gerade nichts mehr an meinen Schreibtisch zurückbefördern kann. Morgen rufe ich einen Psychiater an. Meine Argumente sind wohlüberlegt. Trotzdem frage ich mich, wie er mich wohl ansehen wird, wenn ich sage: Ich habe das Gefühl, dass meine Arbeit mich krankmacht. Ich möchte dem Druck nicht mehr standhalten. Wenn ich mein Leben nicht entschleunige, kann ich es nicht mehr bewältigen. Wird er mich durch seine Hornbrille anblicken und bei sich denken: „ Aha, Erschöpfungsdepression! Nächster Bitte.“?

Wahrscheinlich wird er auch im Erfahrungsschatz meiner Kindheit wühlen und nach Suizidgedanken fragen. Oder er bescheinigt mir Depressionen und Angststörungen, die meine Krankenkasse säuberlich abheften wird, um sie dann zum ungünstigsten Zeitpunkt wieder hervorzuziehen. Vielleicht lächelt er mich auch einfach an und fragt, was denn nun eigentlich los ist. Und da habe ich etwas zu erzählen, denn los ist hier so einiges.

Der Punkt, an dem nichts mehr geht

Ich fühle mich krank, sehr krank. Mein ganzes System ist aus dem Gleichgewicht und schreit Stopp. Als wäre ich ein paar Jahre scharf geritten und warte nun darauf, dass meine Seele mich einholt. Ich fühle mich buchstäblich erschöpft und niedergestreckt. Es ist, als würde man ein Handy laden, aber egal, wie lange es an der Steckdose hängt, es lädt nie über die zum Funktionieren notwendigen zehn Prozent. Da hilft nur noch der Energiesparmodus.

Ich bin krankgeschrieben und kann fürs Erste zuhause bleiben. Ich habe Zeit mir zu überlegen, auf was ich heute Appetit habe. Ich habe Zeit zum Baden und Zeit zum Kochen. Wenn ich müde bin, lege ich mich hin. Ein wahrer Luxus an einem Dienstag um 15.00 Uhr. Einmal täglich gehe ich vor die Tür und laufe Straßen in meinem Viertel ab, die ich bisher nie genommen habe. Vor dem Schlafengehen ruhe ich mich für gewöhnlich noch etwas aus. Aber es ist ungemütlich in der Gemütlichkeit.

Manche Tage fühlen sich an, als würde man durch zähen brauen Schlamm waten. Die Umgebung klebt an einem, alles zieht und zehrt und drückt. Ich ertappe mich dabei, wie ich kämpfe, als würde ich einen Marathon laufen, dabei wechsle ich nur die Räume meiner Wohnung. Einkaufen gehen ist eine Herausforderung: Ich halte die Normalität der Leute kaum aus, an der Kasse bin ich mir nicht sicher ob ich genug Kraft haben, den Geldbeutel aus meiner Tasche zu ziehen und zu bezahlen. Abends im Bett habe ich das Gefühl, nach hintenüberzukippen. Als würde mein Schwindel die Erddrehung spüren und wissen, dass wir alle letztendlich kopfüber im All hängen. Kurzum: Wie Wellness-Urlaub fühlt sich das hier nicht an.

Liegt es an mir oder an den Umständen?

Das Gefühl, nicht mehr in die Arbeit gehen zu wollen, hätte ich nicht für möglich gehalten. Jetzt sitze ich verunsichert zuhause herum und frage mich: Liegt es an mir? Zu einem Teil bestimmt, das muss ja so sein, und ja, eine zu große Leistungsorientierung muss wohl in Überforderung münden. Und ja, es gibt Menschen, die sensibler auf Drucksituationen reagieren als andere. Aber es muss doch auch Psychologen geben, die davon berichten, wie Menschen an der Arbeitswelt von heute scheitern. Was werden die in allen Praxen der Republik wohl zu Ohren bekommen? Vielleicht etwas über hohe Arbeitsbelastung bei zu geringem Tätigkeitsspielraum, über nicht klar definierte Rollen am Arbeitsplatz, mangelnde Wertschätzung und schlechte Teamstrukturen, zu seltenes Feedback, unrealistische Leistungserwartungen etc.

Seit Jahren schon versuche ich herauszufinden, wie ich mit meinem geisteswissenschaftlichen Studium in die Gesellschaft passe. Aber was
genau beweise ich mir eigentlich damit, diesen einen stressigen Job machen zu
können? Über 40 Stunden die Woche sehr schnell getaktet in chaotischen Zusammenhängen zu arbeiten und Leistung abzuliefern. Es normal zu finden, an fünf Tagen der Woche zwischen 8.00 und 18.00 Uhr mir nur kurz 20 Minuten irgendetwas hinunterzuwürgen und ansonsten am Schreibtisch zu kleben und von Mails durch den Tag gepeitscht zu werden. Ohne Freizeitausgleich, ohne Betriebsrat, mit dem Wissen, dass es zumindest in diesem Unternehmen einfach so ist und auch bis auf Weiteres bleiben wird. Abends erschöpft herumzuhängen, essen, duschen, schlafen und wieder von vorne. Wo sind denn all die Psychologen und Psychiater, die Leute mit Burnout behandeln. Was sagen die wohl, wenn Sie all diese Geschichten über Arbeitszustände zu hören bekommen? Möchte jemand darüber ein Buch machen? Mit dem Büchermachen kenne ich mich zufällig aus.

Vier Jahre in der Verlagsbranche

Seit 2013 arbeite ich in der Verlagsbranche, vier Jobs in vier Jahren als Praktikantin, Volontärin, Lektoratsassistentin, Junior-Lektorin und
Produktmanagerin. Ich war in einem großen internationalen Verlagskonzern und einem inhabergeführten mittelständischen Verlagshaus tätig. Verdienst in vier Jahren: 96.000 brutto. Neben Vollzeitarbeit habe ich anfangs monatlich 340 € nach SGB II erhalten, um Münchner Mieten bezahlen zu können. Dann habe ich meine Wohnung illegal vermietet, um den Urlaub zu finanzieren. Im letzten Jahr ging es zum ersten Mal so.

In vier Jahren habe ich es geschafft, aus meinem Geschichtsstudium einen Beruf zu machen. In den ersten beiden Jahren als Praktikantin und Volontärin bestand meine Arbeit hauptsächlich darin, mir Aufgaben zu suchen, die ich „erledigen durfte“: Plakate drucken, Bücher verschicken … Mein Arbeitgeber nannte das Ausbildungsverhältnis. Ich fühlte mich eingesperrt zwischen Büro und fadem Leben. Ich wusste nicht, wie andere das machen: Vollzeit arbeiten und dann nach Feierabend fernsehen. Woraus besteht das Leben dann noch?

Wenig Zeit, wenig Geld – soll das nun mein Leben sein?

Nach meinem ersten Jahr Arbeit fühlte ich mich, als hätte ich mich die ganze Zeit nur arrangiert. Meine Frustrationstoleranz war schon damals bis ins Unendliche ausgedehnt. Die Arbeit bedeutete mir nicht viel und studieren hätte ich dafür nicht brauchen. Mich beschlich der Gedanke, als Studentin zwar nie Geld gehabt zu haben, dafür aber Zeit. Nun hatte ich weder das eine, noch das andere. Ich kann von 1.000 Euro netto im Monat in München leben, aber ich möchte dafür nicht 40 Stunden die Woche arbeiten. Vollzeitarbeit schwankt zwischen viel Energie für nichts und einfachem anwesend sein, menschliche Logik und kreativer Input waren bei diesen Jobs nicht gefragt. In der Buch- und Medienbranche hatte ich damit nicht gerechnet.

Ich passte mich so sehr an, dass ich gar nicht mehr wusste, was mich eigentlich ausmacht. Immer wenn ich dachte, es geht nicht mehr, ich muss mich umorientieren, öffnete sich eine neue Tür, die Besserung versprach. Mit 30 war ich stolz, einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu haben. Der nächste Job wurde sehr hektisch. Und jetzt bin ich 31, so müde und irgendetwas in mir scheint beschlossen zu haben, schon am Beginn der sogenannten Rush-Hour des Lebens hier und jetzt auszusteigen. Ausgerechnet jetzt, wo ich es eigentlich
geschafft habe, sind meine Kräfte verbraucht, das System kaputt.

Ich vermisse es nicht zu arbeiten

Ich vermisse nicht die stundenlangen ergebnislosen Sitzungen, die Kollegen, die in der Tür stehen, die ständigen Umstrukturierungen, Budgetplanungen, Jahresziele, Büroumzüge, Chefwechsel, Projekte, Deadlines, Deaddeadlines. Das alles hat mit mir nichts zu tun. Ich habe immer gerne gearbeitet, denke über die Richtungen nach, die ich einschlage, identifiziere mich mit dem, was ich tue. Aber nach vier Jahren in der Verlagsbranche bin ich am Ende meiner Kräfte angekommen. Jetzt sitze ich abgeworfen herum und die Lösung, einfach wieder aufzusteigen, kommt nicht mehr in Frage. Und dennoch: Könnte ich wieder zur Arbeit gehen, ich würde es machen. Um dieser Dunkelheit nicht mehr ins Gesicht sehen zu müssen. Um das zu tun, was alle machen.

Es ist der Soundtrack und der Anspruch meiner Generation: Mach das Beste aus deinem Leben, reise viel, wähle Partner und Beruf mit goldenen Fingern, tue was du liebst, suche dir eine sinnvolle Arbeit, feiere dich selbst, sei glücklich und schön, führe ein Leben voller Freiheit und Neugierde. Nichts Geringeres als das. Und: Du kannst alles erreichen, du musst es nur wollen. Nur: Dinge haben sich geändert seit den Neunzigern, in denen ich mit diesem letzten Glaubenssatz erzogen worden bin. Und soll es wirklich von nun an immer nur um die Selbstoptimierung in allen Lebensbereichen gehen? Soll es nur darum gehen, den Takt zu halten, sich den Umständen anzupassen, zum Yoga zu hetzen und den andauernden Frosch im Hals hinunterzuschlucken?

„Do what you love“ ist schön und gut. Es wäre nur ebenso schön, ein wenig zurückgeliebt zu werden: Das könnte bedeuten, nicht mehr so mit Projekten überhäuft zu werden, dass man vor Druck auf der Brust kaum mehr atmen kann, faire Arbeitsbedingungen und vor allem auch eine angemessene Bezahlung.  Gebt mir die Chance, meine Arbeit zu mögen. Manchmal denke ich, die Arbeitsbedingungen sind fast wichtiger als der Inhalt.

Und jetzt? Es ist in Ordnung, nicht alles im Leben zu schaffen.

Im letzten Job fühlte ich mich, als würde ich auf einem buckelnden,
galoppierenden Gaul sitzen, der nicht mehr zu zähmen ist. Und so wie ich mich
nach diesem heißen Ritt jetzt fühle, ich mir dessen Jahresumsatz im Übrigen
auch herzlich egal. Ich möchte gesund sein. Das steht auf der Prioritätenliste
ganz oben. Andere Minimalziele folgen: Jeden Tag einmal vor die Tür zu gehen,
ohne Herzklopfen U-Bahn zu fahren, mal an eine 30-Stunden-Woche zu denken,
meine überzogene Leistungsorientierung und Ansprüche abzulegen, den Mut nicht zu verlieren, trotz allem mit mir selbst befreundet zu sein und es okay zu
finden, dass nicht immer alles im Leben machbar ist. Denn auch ich habe eine
Erklärung für meinen Zustand zu bieten: Das Prinzip der Ökonomisierung mit Mehrwert und Steigerung in allen Lebensbereichen macht uns Menschen kaputt. Dieser Takt ist nicht mehr haltbar.

Ich tue alles, damit es mir bessergeht, gegen alles Zähe stehe ich immer wieder auf. Ich erinnere mich an das Gefühl, von innen heraus zu leuchten. Ich erinnere mich daran, wie es war, als nichts fehlte. Ich hoffe auf den Morgen, an dem ich aufwache und mich nichts mehr zu Boden drückt. An dem ich wieder an meine Selbstwirksamkeit glaube und diesen Draht spüre, diesen Draht zwischen mir und der Welt, der vibriert.

Der Psychiater hat übrigens ein paar schlaue Dinge gesagt: „Es ist nicht, dass sie nicht arbeiten wollen. Sie sind krank und können gerade nicht arbeiten. Das ist okay, lehnen Sie sich entspannt zurück. Arbeiten werden Sie noch lange genug.“ Ich bin immer noch verblüfft darüber, dass mich meine Arbeit tatsächlich krankgemacht hat. Da die Diagnose Burnout immer noch nicht in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme enthalten ist, stempelt mir der Arzt eine Anpassungsstörung auf meine Krankschreibung. Damit bin ich ganz einverstanden. Nur die Frage bleibt: Wer muss sich denn hier eigentlich an wen anpassen?

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