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„Ich liebe dich, Glubschi“ – warum Kinder sich auch hässliche Dinge wünschen dürfen

Der Halt an der Autobahnraststätte kann eine Probe des guten Geschmacks werden, wenn das eigene Kind unbedingt dieses schreckliche Kuscheltier haben will.

 

Auf in die Vorhölle

Wir fahren nach Italien. Mit dem Auto. Wenn man lange mit dem Auto fährt, muss man ab und zu Pausen machen. Der Mann braucht einen Cappuccino, die Kinder Toiletten und ich Schokolade. Nach fünf Stunden Fahrt machen wir Halt. An einer dieser riesigen italienischen Raststätten, die sich wie gigantische Torbögen über die Autobahn wölben und die hauptsächlich dazu gemacht wurden, um die Besucher, die eigentlich nur auf die Toilette oder kurz ins Restaurant gehen wollen, zu zwingen, an Unmengen von Pastasorten, überdimensionierten Salamiwürsten, neonfarbenen Monsterlollis, Barbiepuppen aus sämtlichen Disneyfilmen und anderen unfassbar hässlichen Dingen vorbeizugehen. Draußen war es heiß. Jetzt weht der eiskalte Wind der Klimaanlage durch den Raum. Über die Lautsprecher erklingt „Piu bella cosa“ von Eros Ramazotti. 

Plötzlich zieht mich Bärbel am Arm. „Schau mal!“ sagt sie und zeigt auf ein undefinierbares Stofftier mit Leopardenfell und Glubschaugen. Ich versuche, so zu tun als hätte ich sie nicht gehört und ziehe sie weiter. Ihre Augen fixieren das undefinierbare Tier. „Ich will das haben“ sagt sie. Sehr ruhig. Sehr bestimmt.  Als habe sie soeben eine Art Erleuchtung gehabt, dass dieses Ding für ihr Lebensglück, ja vielleicht für das Lebensglück von uns allen unabdingbar sei „Nur über meine Leiche“ sage ich. Die Klimaanlage ist auf unter 5 Grad gesunken. Eiskristalle haben sich auf meinem Rücken gebildet.

Bärbel dreht sich um. „Warum nicht?“, fragt sie mich.

„Warum? Na weil es hässlich ist.“

„Aber… ich finde es schön!“ sagt Bärbel mit einem flehenden Blick.

„Ist es aber nicht“, sage ich schlotternd.

„Woher weißt du das?“

Ich halte inne. Auf eine kunstphilosophische Diskussion über die objektive und subjektive Einschätzung des Schönen bin ich nicht vorbereitet.

„Weil es so etwas wie einen guten Geschmack gibt, deshalb“, sage ich in der Hoffnung damit so etwas wie einen finalen Schlusspunkt unter diese Diskussion gesetzt zu haben. Hinter mir drängelt sich eine korpulente Frau vor und greift nach einer der überdimensionierten Salamiwürsten.

„Und woher willst du wissen, dass gerade du den guten Geschmack hat und nicht die anderen?“, fragt Bärbel.

Ich hole Luft, um Zeit zu gewinnen, dann sage ich entschlossen: „In der Frage nach dem Schönen ist es wie mit allem anderen. Es gibt natürliche Grenzen. Und dieses Ding da,“ sage ich und zeige auf das undefinierbare Tier mit dem Leopardenfell und den Glupschaugen, „überschreitet sie. Definitiv.“

Ich schlinge meine Arme um mich um mich zu wärmen. Meine Tochter hat Tränen in den Augen.

„Ich liebe dich, Glubschi“, sagt meine Tochter zu dem Tier und streichelt es über sein struppiges Fell. Die Klimaanalage ist jetzt auf minus 30 Grad gesunken. Eros Ramazotti hat das hohe C erreicht.

Dante zufolge ist die Hölle heiß und befindet sich in der Nähe des Flusses Acheron. Er hatte keine Ahnung. Die Hölle ist erstens kalt und zweitens steht sie an einem Rastplatz zwischen Rom und Neapel.

Ein dicker Mann drängelt sich an mir vorbei. In seinem Einkaufskorb hat er drei Barbiepuppen, ein blinkendes Spielzeugauto und mehrere Plastiklastwägen, hinter ihm laufen zwei dicke, glücklich lächelnde Kinder her.

„Das hier ist unser Vater!“, scheinen ihre kleinen glänzenden Augen zu sagen, „Er liebt und versteht uns. Er ist unser Held!“

Mir wird schwindlig. Überall sehe ich fröhliche Familien, deren Väter und Mütter sich einen Dreck um die objektive Einschätzung des Schönen und Guten kümmern und ihren Kindern grässliche Puppen und blinkende Feuerwehrautos schenken und von ihnen dafür geliebt werden. Ich schaue auf das undefinierbare Tier. Es sieht mir direkt in die Augen.

„Ist doch egal, ob ich hässlich bin“, flüstert es.

„Wie bitte?“, sage ich.

„Wusstest du eigentlich, dass laut Dante in der Vorhölle nur Dichter und Denker sind?“

„Was soll das heißen?“, frage ich das undefinierbare Tier.

„Nichts“, sagt es und beginnt ein Lied zu trällern.

„Was heißt nichts?“, frage ich. 

Voller Schreck denke ich daran, dass das bedeuten kann, dass Intellektuelle sich ihre eigene Hölle dadurch machen, dass sie das Falsche denken. Oder einfach nur zu viel denken.

„Lalalalala“, singt das undefinierbare Tier.

„Meinst du ich bin zu streng gewesen?“, frage ich es.

Doch das undefinierbare Tier antwortet nicht. Es singt weiter. Ein Lied, das„Piu bella cosa“ von Ramazotti seltsam ähnlich ist. Ich schaue mich nach Bärbel um. Doch sie ist weg. Bestimmt sitzt sie jetzt zu Eis erstarrt mit meinem Mann oben im Restaurant. Ich atme tief ein. Dann schnappe ich mir das undefinierbare Tier und gehe an die Kasse.

Als ich meiner Tochter draußen auf dem Parkplatz das undefinierbare Tier in die Hand drücke, sieht sie mich mit feuchten Augen an. „Das hier ist meine Mama!“, scheinen ihre kleinen glänzenden Augen zu sagen, „Sie liebt und versteht mich. Sie ist meine Heldin!“

Das undefinierbare Tier zwinkert mir zu. „Na siehst du“, sagt es sanft „War doch ganz leicht.“

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