Foto: Jana Zieseniß

Die Leere in mir – und warum das Reisen mich gerettet hat

Manchmal kann eine depressive Phase auch die Augen öffnen – für das Schöne im Leben, für die Welt und für das Reisen. So ging es Jana Zieseniß, die von einem Tag auf den anderen ihr Leben umkrempelte und seitdem unter ihrem Lebensmotto „Die Welt gehört dem, der sie genießt“ um die Welt reist und von ihren Abenteuern auf ihrem Blog berichtet.

 

Die Angst, zu viel preiszugeben

Es gibt da diesen einen Artikel in meinem Entwurfsordner, den vor ich
langer Zeit einmal angelegt habe. Einen Artikel, den ich schon seit
Jahren schreiben wollte und es dann doch immer wieder gelassen habe.
Vielleicht aus Angst, zu viel von mir preiszugeben? Vielleicht, weil er
nicht der perfekten, lebenslustigen Version von mir selbst auf meinem  Blog entsprechen könnte? Vielleicht aber auch deshalb, weil ich finde,
dass es schon genug traurige Themen gibt, die in der Weltgeschichte
kursieren, dass mein Blog für mich und andere eine kleine Oase der
schönen Dinge sein soll?

Vielleicht von allem ein wenig und eigentlich
ist es auch gar keine traurige Geschichte, sondern eine aus dem Leben,
eine Geschichte der Hoffnung und der Grund, warum ich das Reisen
gefunden habe – oder das Reisen mich?

Das Reisen und ich

Auch
wenn man es vielleicht nicht denken würde: Nein, ich bin nicht schon
immer viel gereist und schon gar nicht hätte man mich nur im
Entferntesten als abenteuerlustig
bezeichnen können. Echt nicht. Als Kind hatte ich quasi vor allem Angst,  was neu und unbekannt war. Außer dem Wandern, das mochte ich schon
immer. Das wohl größte Abenteuer meiner Kindheit waren die gemeinsamen
Mehrtageswanderungen mit meinem Papa – durch Deutschland oder durch die
Alpen. Nur Papa, mein Rucksack, meine Kamera und ich. Na gut, Mama war
auch manchmal mit dabei. Naja irgendwann, der Pubertät sei Dank, war
damit dann auch Schluss und meine Abenteuerlustigkeit beschränkte sich
gerade mal darauf, dass ich nach dem Abi einen spontanen Roadtrip durch
Osteuropa unternommen habe und eben nicht in der nächstgrößeren Stadt
mein Studium angefangen habe, sondern im 300 Kilometer entfernten
Gießen. Boohoo!

Es wäre falsch zu sagen, dass ich nicht gerne
gereist wäre, aber es hatte eben keine hohe Priorität. Und so verbrachte
ich die langen Jahre meines Studiums in Gießen mit kurzen
Heimaturlaubsunterbrechungen, während meine Freundinnen in Australien, Kuba und Bali
herumirrten. Klar war ich ab und an mal neidisch und zwar ganz schön,
aber irgendwie konnte ich mir das für mich nicht vorstellen. Ich hatte
viel zu viel Angst vor der Fremde, schließlich traute ich mich hier in
Deutschland schon kaum Englisch zu sprechen, wenn mal internationaler
Besuch da war.

Wirklich unglücklich war ich mit der Situation aber nicht, bis zu jenem Tag.

Wenn plötzlich alles schwarz wird

Es war diese Nacht, in der ich plötzlich wach lag, und einfach nicht schlafen
konnte. Als ich mich am nächsten Morgen zur Uni schleppte, war es, als
hätte jemand im Kopf einen Schalter umgelegt. Lebenslust aus. Freude
aus. Alles aus. Zurück blieb die Leere. Und die Frage, ob ich wohl an
diesem Abend schlafen könnte. Nein, konnte ich nicht. Und auch am darauf
folgenden Tag nicht. Jeden Tag wuchs die Angst, ins Bett zu gehen, und
jeden Tag wurde die Leere in mir größer und größer. Es war nur eine
Woche, doch es kam mir vor wie Jahre. Nachts drehten sich meine Gedanken
im Kreis, die meisten kreisten um die Angst. Angst und Leere wurden zu
den einzigen Begleitern in meinem Leben. Weder Freunde noch Familie
konnten zu mir durchdringen.

Keiner schien mich zu verstehen, nur
eine gute Freundin hatte so etwas ähnliches schon erlebt. Erleichterung.
Ich bin also nicht der einzige durchgeknallte Mensch auf Erden, der so
verrückt ist. Inzwischen ging es ihr wieder gut und in mir keimte ein
Fünkchen Hoffnung, dass ich vielleicht nicht bis an mein Lebensende wach
und traurig bleiben würde. Was heute total logisch klingt, war für mich
damals eine große Sache. Und nach nunmehr einer Woche ohne Schlaf beschloss ich, das Problem anzugehen und mich nicht einfach meinem
Schicksal zu ergeben.

Fake it till you make it!

Allerdings
ist es leichter gesagt als getan, ein Problem anzugehen, dessen Ursache
man nicht kennt. Und sich fühlt wie ein Schatten seiner selbst. Ich
erinnerte mich an einem Artikel, den ich mal gelesen hatte – darüber,  dass man, wenn man so tun würde, als lachte man, tatsächlich fröhlicher
würde.

Und das wollte ich versuchen.

Ich begann damit, wieder jeden Tag zur Uni zu gehen.

Ich
legte mir eine Playlist an mit meinen Lieblingssongs für gute Laune und
sang zu Hause und unterwegs (jedenfalls dann, wenn man mich nicht hören
konnte) lauthals mit, auch wenn mir absolut und ganz und gar nicht nach
Singen zumute war.

Ich begann mich nachts zu beschäftigen, statt nur da zu liegen und auf das Einschlafen zu warten.

Ich fing an, wieder regelmäßig Sport zu machen – vor allem die Dinge, die mir Spaß machten.

Ich begann, mich an Strohhalmen festzuhalten, etwa, dass ich wenigstens eine Stunde geschlafen habe.

Ich buchte eine Zugfahrt nach München zu einer guten Freundin, die dort gerade ein Praktikum absolvierte.

Und ich buchte meine erste richtige Reise nach Kreta – gleichzeitig die erste gemeinsame Reise mit meinem Freund.

Ich
hatte beschlossen, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Auch wenn
ich bis zum Ende meines Lebens nicht mehr würde durchschlafen können,
würde ich mein Leben trotzdem genießen.

Mein Lebensmotto (und heute auch Blogmotto) war geboren: Die Welt gehört dem, der sie genießt.

Ich
würde lügen, wenn ich sagen würde, dass dann alles wieder gut war. Dass
das alles einfach war. Und dass ich nicht auch heute noch manche Nacht
wach liegen würde – nagut, das ist in den letzten Jahren tatsächlich
fast vollständig verschwunden. Aber es war ein langer Weg. Ein steiniger
Weg. Ein Weg, der mich viel Kraft gekostet hat und der mich doch stark
und zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin.

Gänsehaut und Schlaflosigkeit

Heute
weiß ich, dass das, was ich damals als „Hormonverstimmung“ abgetan
habe, Anzeichen einer ausgewachsenen Depression waren. So richtig
bewusst wurde mir das erst, als ich vor gut einem Jahr auf ein Video von
Jason Davis stieß. Heute weiß ich, dass ich damit nicht alleine bin.
Ich war rein zufällig auf seinen Kanal gestoßen. Unter dem Titel A Story of Hope beschreibt er seine Geschichte, seine Depression und wie er es aus dem
Kreisel der Leere herausgeschafft hat. Ich bekam sofort eine Gänsehaut
und konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil es so viele Erinnerungen
an die Zeit damals in mir aufgeweckt hat. Und es war der Moment, an dem
ich diesen Artikel hier angelegt habe. Weil ich mit der Welt auch meine
Geschichte teilen wollte. Weil ich Menschen, denen es genaus o geht,  sagen möchte: Du schaffst das! Es wird besser! Dein Leben geht weiter!

Naja, und den Rest der Geschichte kennst du eigentlich.

Heute
habe ich akzeptiert, dass diese Stimmungen zu mir gehören. Damals habe
ich mir immer gewünscht, einfach einer dieser fröhlichen Menschen zu
sein, die nicht über alles nachdenken und die Depressionen als
Hirngespinste abtun. Heute will ich niemand anders sein als ich. Meine
sensible Seite gehört zu mir, sie macht mich aus. Ohne sie wäre ich
nicht ich. Und mit der Akzeptanz habe ich auch noch den letzten Schritt
in der Genesung getan.

Nein, ich bin meiner Depression sogar
dankbar. Denn ohne sie hätte ich niemals das Leben, das ich heute führe,
hätte nicht unzählige Länder bereist, spannende Abenteuer erlebt und meinen  Blog ins Leben gerufen.

Reisen hat mir gezeigt, wie schön das Leben ist und wie dankbar wir für jede Sekunde sein müssen.

Reisen hat mir gezeigt, wie winzig ich und meine Probleme doch sind.

Und Reisen hat mir gezeigt, dass es anderen Menschen nicht immer so gut geht wie uns.

Die
sich eher um ihre tägliche Kalorienversorgung kümmern, als sich mit  Modeerscheinungen wie Schlafstörungen und Depressionen herumschlagen zu müssen.

Was ich dir und meinem damaligen Ich heute sagen möchte?

Mach
weiter so. Akzeptiere, was ein Teil von dir ist. Und scheue dich nicht,
dir professionelle Hilfe zu suchen, wenn du alleine da nicht herauskommst. Die brauchte ich glücklicherweise nicht, aber heute würde ich
wohl nicht mehr so lange warten, um nach Hilfe zu rufen.

Und natürlich: Buch dir einen Flug und genieße die Welt und dein Leben. Denn du hast nur eins!


Dieser Artikel erschien zuerst auf Sonne & Wolken, dem Reiseblog von Jana Zieseniß. Wir freuen uns, dass sie künftig einmal im Monat freitags einen Text rund ums Reisen bei uns veröffentlicht.

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