Foto: Markus Tedeskino

Als Jesidin im Nordirak: „Ich bin am ersten Tag von der Journalistin zur Menschenrechtsaktivistin geworden“

Düzen Tekkal reiste auf den Spuren ihrer Vorfahren in den Nordirak – und wehrte sich gegen die Angst. Ein Interview von Evelyn Finger für das Zeit Magazin.

Düzen Tekkal ist in Hannover geboren und aufgewachsen, ihre Eltern sind jesidische Kurden. 2014 entstand ihr Dokumentarfilm Háwar – Meine Reise in den Genozid. Sie arbeitet als freie Journalistin und Kriegsreporterin und war dieses Jahr für unsere „25 Frauen, die unsere Welt besser machen“ nominiert. Evelyn Finger hat sei für unseren Partner Zeit Online zum Interview getroffen.

Frau Tekkal, ausgerechnet im Sommer vor zwei Jahren, als der „Islamische Staat“ die Jesiden im Irak auszulöschen versuchte, sind Sie in das Land Ihrer jesidischen Vorfahren gereist. Warum?

Ich wollte immer die Heimat sehen, die ich aus den Erzählungen meiner Eltern und Großeltern kannte. Dieses orientalische Paradies, wo Jesiden in Unwürde lebten und jederzeit gelyncht werden konnten, wo meine Tante entführt wurde und mein Vater mit Zwangskonvertierung bedroht wurde. Mein Plan war, die Geschichte unserer jahrhundertelangen Verfolgung in Europa bekannt zu machen. Deshalb habe ich überhaupt Politik studiert und bin Journalistin geworden. Meine Magisterarbeit handelte von den Jesiden in der Diaspora.“

Damals rief der IS sein Kalifat des Schreckens aus. Haben Sie gar nicht gezögert?

Nein, der IS hat meine Pläne beschleunigt. Ich merkte: Du musst dorthin! Ich wäre unglücklich geworden, wenn ich weggeschaut hätte. Wie bei den Juden wusste auch bei uns jedes Kind: Terror gegen unser Volk ist normal. Der IS machte ihn nur zum ersten Mal sichtbar. Plötzlich erschrak die Welt über die fast schon biblischen Vertreibungsbilder aus den Bergen von Sindschar.“

Was war Ihr erster Eindruck vom Nordirak?

Mein Vater und ich landeten nachts bei Regen in Erbil, und das Flugzeug löschte seine Positionslichter, um nicht beschossen zu werden. Auf Umwegen fuhren wir nach Dohuk, wichen Mossul aus, wo nun die Islamisten herrschten. Ich wusste, wir benutzen dieselben Straßen wie die Pick-ups des IS. Je länger wir durch das Dunkel fuhren, desto größer wurde meine Angst.“

Sie haben sich von Ihrem Ziel trotzdem nicht abbringen lassen?

Nein, am nächsten Morgen fühlte ich fast so etwas wie Freude, dass wir zu Hause waren. In den sieben Tagen dieses ersten Aufenthaltes habe ich rund um die Uhr gearbeitet. Ich konnte keine Minute schlafen in diesem Krieg. Das Leid war so unvorstellbar groß, dass ich alles festhalten wollte: fragen, fotografieren, filmen.“

War es schwierig, mit den Leuten dort in Kontakt zu kommen?

Nein, ich spreche Kurdisch und war sofort eine von ihnen. Nur dass ich eben das Glück hatte, in Deutschland geboren zu sein. Die Überlebenden klammerten sich an mich, als könnte ich ihnen allen helfen. Hübsche Kinder mit wachen, frechen Gesichtern. Stolze Männer, gebrochen vom Schmerz. Sie erzählten mir: Meine Tochter ist tot, meine Frau ist tot, meine Mutter ist tot. Mein Vater wurde enthauptet, und ich musste zusehen.“

Waren Sie dagegen gewappnet?

Nein. Ich bin am ersten Tag in Ohnmacht gefallen – nicht nur wegen der 50 Grad Hitze, sondern auch wegen der Verantwortung. Jeder brachte seine Klage, seine Trauer, seine Erwartung zu mir, der Glücklichen aus dem Westen. So bin ich schon am ersten Tag von der Journalistin zur Menschenrechtsaktivistin geworden.“

Was von dem Gehörten und Gesehenen hat Sie am tiefsten beeindruckt?

Ich war insgesamt sieben Mal im Irak. Das Leid, das ich am ersten Tag sah und hörte, wurde später noch übertroffen von den Berichten freigelassener Gefangener. Als eine Sechsjährige als Sexsklavinverkauft wurde, bat ihre neunjährige Schwester vergeblich um Gnade für die Kleine und sagte: Nehmt mich! Schwangere Opfer von Massenvergewaltigungen rannten aus Verzweiflung ins Feuer. Fotos von vergewaltigten Kindern wurden an die Eltern verschickt.“

Wie haben Sie es geschafft, sich von dem Grauen nicht lähmen zu lassen?

Wir Jesiden werden erzogen, stark und widerständig zu sein. Ich habe beschlossen, dass meine Angst mich nicht dominieren darf, auch als ich Kämpfer an die Front begleitete. Ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen: dokumentieren und bezeugen. Ich fühlte mich stark wie nie zuvor.“

Sie haben vor Kurzem ein Buch veröffentlicht:Deutschland ist bedroht. Warum wir unsere Werte verteidigen müssen. Verteidigen wogegen?

Gegen religiöse Extremisten, aber auch gegen rechte Populisten. Beide Gruppen gefährden unsere Freiheit. Ohne meine Erfahrungen im Krieg wäre das Buch niemals zustande gekommen. Ich kehrte als anderer Mensch in meine deutsche Heimat zurück. Ich fand: Hier dürfen nicht die Hassprediger das letzte Wort haben. Das Buch drückt meine Sorge um Europa aus. Es soll Menschen sensibilisieren für die Gefahr – und für das, was uns eint.“

 

Das Gespräch für das Zeit Magazin führte Evelyn Finger. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, der Fotografin Herlinde Koelbl, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern der Gesprächsreihe für das Zeit Magazin.

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