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Depressionen, Essstörung, Suizid – Aus dem Alltag einer Psychotherapeutin

Unsere Community-Autorin ist Psychotherapeutin. Jeden Tag hilft sie Menschen dabei, wieder Halt im Leben zu finden. Ein Bericht aus ihrem Alltag.

 

Ein ganz normaler Montag …

Montagmorgen um 7 Uhr klingelt der Wecker und auch wenn ich im Grunde gerne arbeite, suche ich verzweifelt nach Möglichkeiten das Aufstehen irgendwie zu umgehen. Ihr könnt es euch denken, am Ende hilft alles nichts, und ich krieche verschlafen ins Bad um mich fertig zu machen. Die Fahrt im Auto nutze ich um mich selbst zu sortieren und höre dabei das neue Hörspiel von Benjamin von Stuckrad-Barre (Panikherz. Gutes Hörspiel by the way).

Um 8.30 Uhr ist es in der psychiatrischen Ambulanz noch ruhig. Das Wartezimmer ist leer, das Telefon steht still. Ich schaue in meine Ablage und nehme die Post mit ins Büro. Ein paar Einladungen sind dabei, Werbung für eine neue Fachzeitschrift, Berichte von Ergotherapeuten und ein Schreiben einer Mutter. Viele meiner Kollegen haben sich mit einer Tasse Kaffee vor den PC verkrümelt. Ich habe mir gestern einen Smoothie gekauft, den ich trinke, während der Computer hochfährt. Ich schaue zuerst meine Emails durch. Manchmal bekomme ich Nachrichten von Kollegen, aber auch Emails von Einrichtungen, Eltern und Patienten sind dabei. Mit dem Emailaustausch mit den Patienten ist das wegen des Datenschutzes immer so eine Sache, weswegen ich meist kurz und knapp antworte und um einen Rückruf in meiner Telefonzeit bitte. Bis zum ersten Termin schaue ich in den Kalender und gehe die heutigen Patienten durch. Zu vielen habe ich einen engen Kontakt, andere habe ich das letzte Mal vor Wochen und Monaten gesehen und kann mich nicht mehr so genau an sie und ihre Geschichte erinnern. Ich suche ihre Akten zusammen, wo ich auf erhellende Notizen hoffe. 

Um 9 Uhr kommt mein erster Patient. Heute ist es eine Neuvorstellung, ein Schüler, der an Depressionen leidet. Mir bleibt ca. eine Stunde, anschliessend muss ich ihn mit einer Empfehlung zum weiteren Vorgehen wegschicken. Das ist manchmal gar nicht so einfach, weil 50 Minuten nicht viel Zeit sind, um einen wildfremden Menschen einschätzen zu können. Nachdem ich den Patienten verabschiedet und einen weiteren Kennenlerntermin vereinbart habe, treffe ich meine Kollegen zur Fallbesprechung. Hier kann jeder seine Patienten vorstellen und von den anderen Tipps und Ratschläge zum weiteren Vorgehen bekommen. Ich stelle einen sehr belasteten Patienten vor, der immer mal wieder suizidale Gedanken äußert. Das Team gibt mir Rückendeckung und unterstützt meinen Gedanken, den Patienten in die Klinik zu schicken und die Zeit bis zur Aufnahme ambulant zu überbrücken.

Alles muss dokumentiert werden

Bis zum Mittagessen dokumentiere ich den Vorstellungstermin von heute Morgen und bearbeite die Fallbesprechung nach. Die Mittagspause verbringe ich vor dem Computer und lese meine Emails zu Ende. Heute gibts Nudeln vom Vortag, in der Mikrowelle erwärmt.

Nach der Pause habe ich Telefonzeit. Wenn niemand anruft, versuche ich alte Berichte abzuschliessen, Testergebnisse auszuwerten, Befunde anzulegen und Bescheinigungen auszustellen. In der Regel bleibt dafür aber wenig Zeit. Heute bekomme ich einen Anruf einer Lehrerin, die um ein Gespräch wegen eines Schülers bittet, der bei mir in Behandlung ist. Mir liegt keine Schweigepflichtentbindung der Eltern vor und ich muss die Lehrerin vertrösten. Es folgt ein Vater mit einer Frage zur Testung seiner Tochter, die ich ihm gerne beantworte. Der letzte Anrufer ist ein Patient, der sich im Urlaub von seiner Freundin getrennt hat und nun um einen schnellen Krisentermin bittet. Zwischendurch suche ich die Akten der Patienten, dokumentiere die Gespräche und trage sie im Computersystem ein, damit die erbrachten Leistungen mit der Krankenkasse abgerechnet werden können.

Um 14 Uhr kommt der erste Nachmittagspatient. Das junge Mädchen mit Essstörung kommt alle zwei Wochen in die Ambulanz und das nun seit gut einem Jahr. Aktuell ist sie stabil und wir arbeiten weiter daran, ihre Ressourcen auszubauen. 

Die Entscheidung liegt beim Patienten 

Um 15 Uhr folgt eine Diagnostikvorstellung. Ich teile den Eltern in Abwesenheit ihres Grundschulkindes die Ergebnisse der psychologischen Testung mit. Ich ärgere mich ein wenig, weil die Eltern meiner Empfehlung zur aktiven Arbeit an der Problematik nicht nachgehen wollen und stattdessen nach einer medikamentösen Alternative fragen. Das Gespräch endet unschön, weil ich eine medikamentöse Unterstützung in diesem Fall nicht indiziert, also notwendig, finde, die Eltern darauf aber beharren. Ich biete an, dass sich die Familie gerne wieder melden kann, wenn sie Beratungsgespräche zum Umgang mit der Symptomatik ihres Kindes haben wollen. Ich ahne schon, dass sie nie wieder anrufen werden.

Um 16 Uhr ist mein letzter Termin für heute. Es ist ein Elterngespräch, bei dem es um den erzieherischen Umgang mit einem aufmüpfigen sechsjährigen geht. Es ist ein gutes Gespräch, aber ich bin mir unsicher, ob die Eltern das gemeinsam erarbeitete Vorgehen im Alltag konsequent umsetzen können. Als auch das Gespräch rum ist, dokumentiere ich die Termine des Nachmittags und habe hier und da noch kleine Bürotätigkeiten zu tun.

 Um 17 Uhr habe ich Feierabend. Ich schnappe meine Handtasche und schlendere zum Auto. Montag ist schonmal geschafft.

Dieser Text ist bereits auf freudmich, dem Blog der Autorin erschienen. Wir freuen uns, ihn auch hier veröffentlichen zu können. 

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