Foto: Nina Haab

Nina Haab: „Ohne Erinnerungen haben wir keine Vergangenheit“

Man stelle sich vor: Man sitzt mit 14 fremden Menschen in einem Raum und soll von den eigenen Kindheitserinnerungen erzählen – seltsam intim, oder? Die Künstlerin Nina Haab hat genau das gemacht und schuf daraus ihr Projekt „Identity of a resident stranger“.

 

Irgendwas bleibt immer

„Mama und Papa, dürfen wir aufstehen?“. Wurde diese Frage bejaht, kletterten mein Bruder und ich nach dem Frühstück über das Geländer unserer Terrasse auf das Dach unseres Gartenhäuschens. Ich weiß noch genau, wie wir beide dort in unseren kurzen Hosen saßen und unseren Eltern beim Frühstücken zusahen, wie die Oberfläche des Daches an unseren nackten Beinen kratzte. 

Dieser Moment ist für mich der Inbegriff meiner Kindheit: Die Leichtigkeit, das Klettern, der Sommer. Und so ist es doch in allen Lebensphasen. Ob in der Jugend, im Studium oder im ersten Job, die Zeiten gehen irgendwann vorüber, doch die Erinnerung bleibt. 

Die Künstlerin Nina Haab hat sich in ihrem Projekt „Identity of a resident stranger“ mit genau diesem Thema beschäftigt. Gemeinsam mit ABA Residency in Berlin führte sie an einem Abend 15 fremde Menschen zusammen, die ursprünglich nicht aus Berlin kamen. Sie wurden dazu aufgefordert, ihre Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend zu teilen, die Nina Haab nun in ihrem neuen Buch verarbeitet. 

Was Erinnerungen für sie persönlich bedeuten und welche ihre eigene liebste Kindheitserinnerung ist, hat uns die Künstlerin im Interview erzählt.

Können wir unseren eigenen Erinnerungen vertrauen?

„Im Prinzip schon. In dem einen Moment ist uns sehr genau bewusst, was wir gerade erleben und was um uns herum passiert. Wir haben dieses eine starke Gefühl von Freude, purem Glück oder auch Angst. Im Nachhinein aber kommt es oft vor, dass wir unsere eigenen Erinnerungen unbewusst vermischen und dadurch eine neue Story kreieren, die wir in genau dieser Kombination nie erlebt haben.“

„Erinnerung“ ist ein sehr emotional behaftetes Wort. Was bedeutet das Wort „Erinnerung“ denn für dich? 

„Erinnerungen bedeuten für mich zum einem natürlich die Vergangenheit, die Kindheit. Zum anderen führen für mich Erinnerungen automatisch zum Austausch der Erlebnisse und Erfahrungen untereinander, zum Wissenstransfer zwischen den Generationen. Leider funktioniert das heutzutage nicht mehr so gut wie früher – der Bruch zwischen den Generationen wird zunehmend größer.

Was für uns als jüngere Generation und für alle, die noch folgen werden, sehr schade ist. Denn wenn wir Erinnerungen verlieren, uns also keine Erfahrungen anderer bekannt sind, kennen wir nur unser eigenes Leben, unseren eigenen Weg, unsere eigenen Erlebnisse. Kurz gesagt: Wir können uns kein Bild von der Zukunft machen – schlichtweg, weil wir nicht wissen, dass andere Wege und Möglichkeiten existieren.“ 

Was findest du an Erinnerungen so faszinierend?

„Ganz besonders faszinieren mich die Verbindungen zwischen den einzelnen Erinnerungen, die sich nach einigen Jahren erkennen lassen. Oft werden wir von unserem Umfeld beeinflusst, von unseren Freunden und unserer Familie. Dadurch kommt es vor, dass wir die Erinnerungen unserer Freunde mit unseren eigenen vermischen und daraus neue kreieren.“ 

Dein Projekt befasst sich vor allem mit Kindheitserinnerungen. Warum?

„Erinnerungen an die Kindheit und Jugend. Es ging mir darum, dass die Leute, die dort zusammenkamen, über ihre Erlebnisse sprachen, die sie vor ihrem Umzug nach Berlin gemacht hatten. Erinnerungen aus dieser Phase sagen sehr viel über die jeweilige Kultur und Herkunft aus. Mir war es sehr wichtig, die Unterschiede aufzuzeigen, die durch die verschiedenen Lebensumstände entstehen, aber genauso zu zeigen: Wir alle haben Gemeinsamkeiten. 

Wir alle haben die gleichen Emotionen, die gleichen Ängste, die gleichen Gedanken, vielleicht auch die gleiche Haltung gegenüber Älteren, dem Tod, Sexualität – selbst wenn wir in Kulturkreisen aufwachsen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.“ 

Was ist denn für dich deine bedeutungsvollste Erinnerung?

„In meiner Kindheit wurde meine Familie oft vom besten Freund meines Vaters nach Hause eingeladen. Er war ziemlich reich, hatte ein großes Haus mit Swimmingpool. Während die Erwachsenen sich unterhielten, tranken und aßen, bin ich im Pool hin und her geschwommen. Meine Eltern warfen mir immer wieder Steine in den Pool, die ich dann durch Tauchen wieder aus dem Wasser holte. Als Einzelkind musste ich mir eben Wege suchen, mich selbst zu beschäftigen.“ 

Inwiefern bilden Erinnerungen die eigene Identität?

„Es gibt keine Regel oder ein Muster dafür, wie sich unsere Erinnerungen bilden und wie wir unsere Persönlichkeit aufbauen. Denn nicht nur wir selbst sind dafür verantwortlich, sondern genauso unser Umfeld, unsere Familie, unser Kulturkreis, unsere Vergangenheit.“

Bist du der Ansicht, dass Erinnerungen unsere Persönlichkeit formen? Lassen uns Erinnerungen besser verstehen, warum und wie sich eine Person verhält?

„Ohne Erinnerungen gibt es unsere Vergangenheit im Prinzip nicht, und wir können nicht erklären, wie wir zu der Person heute geworden sind. Gleichzeitig sind die Erinnerungen stark vom Kontext und der Lebensphase abhängig, in denen diese entstanden sind. Häufig verändern wir unsere Erinnerungen.  

Zwar sind wir uns in dem einen Moment genau bewusst, was gerade passiert und was wir erleben, in der Realität aber vermischen wir mehrere Erinnerungen miteinander uns kreieren letztlich eine neue Story, die wir genauso in der Kombination nie erlebt haben. Ich persönlich habe wenige Erinnerungen an mein Leben bisher. Mir ist wirklich wichtig, dass ich Fotos mache und filme, eben weil ich genau weiß, dass ich den Moment in meinen Erinnerungen so nicht wieder aufleben lassen kann. Aber Hauptsache, ich erinnere mich an das Gefühl, das ich in dem Moment hatte – und nicht an die einzelnen Details.“


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