Foto: Screenshot von Vimeo

Hungern für das perfekte Selfie – Warum Essena O’Neill kein Social-Media-Star mehr sein will

Sie lebte von ihren Likes: Die 18-jährige Essena O’Neill ist ein Instagram-Celebrity – und hat darauf keine Lust mehr. Sie spricht über die dunklen Seiten sozialer Medien und erklärt, warum sie ihre Accounts gelöscht hat.

 

Du bist mehr wert als deine Likes

Gibt es das: Social-Media-Sucht? Ein Phänomen ist jedenfalls
nicht neu, und soziale Netzwerke machen es auf eine neue Weise sichtbar: In
vielen Kulturen wird insbesondere Mädchen beigebracht, dass ihr Wert als Mensch
von ihrem Äußeren abhängt. Damit wird Selbstbewusstsein davon abhängig, wie
viel Anerkennung sie für ihren Körper bekommen. Die Gewöhnung an Lob für das
eigene Aussehen beginnt schon im engen sozialen Umfeld wie der Familie und der
Schule – und da das Internet ohne Frage für junge Menschen zu ihrem Leben dazu
gehört, greifen Teenager auch hier auf dieses Wissen zurück: Ein Like tut gut.
Das kann für ein gepostetes Zitat sein, für ein Foto vom eigenen Zimmer, vom
Urlaub, oder eben ein Selfie oder Aufnahmen, die den ganzen Körper zeigen.

Das Netz hat die Celebrity-Kultur auf diesem Weg verändert:
Jeder kann heute ein Star werden, wenn ihn etwas besonders macht oder er etwas
hat, das andere haben wollen – schöne Kleider, volle Haare, hervorstehende
Hüftknochen. Diese Wettbewerbe um „Likeability“ sollte man jedoch nicht
ausschließlich negativ sehen: Denn das Netz ist unglaublich vielfältig ist und
es ergeben sich zahlreiche Communitys,
in denen Schönheit jenseits gängiger Normen neu definiert wird und somit das
Selbstbewusstsein von Menschen gestärkt werden kann, die in ihrem natürlichen
sozialen Umfeld ausgegrenzt wurden. Viele Feministinnen betrachten die
Selfie-Kultur daher als etwas, das sich positiv auf das Leben von Mädchen
auswirken kann. 

Natürliche Schönheit? Als ob.

Kann. Denn gut auszusehen bedeutet für Frauen weltweit vor
allem eines: Arbeit. Wer die Schönheitsnormen von heute erfüllen will,
investiert jede Woche dafür eine Unsumme von Stunden, damit alles Make-up
sorgfältig aufgetragen ist, die Haare entfernt sind, das Outfit stimmt und noch
weitere Kilos vom Körper trainiert werden. Alles Zeit, die für andere Dinge
fehlt. Nun kommt auch noch die Zeit oben drauf, die es kostet, das perfekte
Foto für Instagram zu machen. Mal ernsthaft: Wie viele Anläufe braucht ein
Selfie
, bis ihr es teilt? Schon das Sonnenuntergangsfoto braucht oft mehrere
Minuten, bis es sitzt.

Essena O’Neill, eine 18-jährige Instagram-Berühmheit, hat
die Kehrseite der Aufmerksamkeit nun thematisiert und wünscht sich einen
anderen Umgang mit Social Media und ein neues Bewusstsein für das, was uns
liebenswert macht.  Die Australierin hat
bei Instagram fast 700.000 Follower und hat gerade ihren Account umbenannt in
„Social Media is not real life“. Sie schreibt nun unter alte Fotos, wie viele
Anläufe sie tatsächlich brauchte, um das perfekte Bikini-Foto zu schießen und
erzählt, dass sie dafür oft den ganzen Tag nichts gegessen habe, damit ihr
Bauch möglichst flach wirkt – der Schönheitsstandard sehr dünn sein zu müssen,
ändert sich eben nur sehr langsam – obwohl das Netz neue Sichtbarkeit für Body
Diversity geschaffen hat und viele Medien und Marken „body positive“ agieren.
Es ist ein weiter, weiter Weg, bis Mädchen und Frauen ihre Körper in jeder Form
lieben können

Unter Essenas Fotos finden sich unzählige Kommentare die lauten:
„I want to look like you.“ Essena kommentiert die Fotos nun neu: „Das einzige,
was mich an diesem Tag gut fühlen ließ, war dieses Foto. Ein definierter Körper
ist aber nicht alles, zu dem Menschen in der Lage sind.“

Social Media ist nicht das echte Leben

Nachdem sie all ihre Social-Media-Accounts gelöscht
beziehungsweise umgenannt hat, hat sie die Website „Let’s be game changers“
gelauncht, auf der sie schreibt: 

„I didn’t live in the real world, I lived
through screens. And I created a celebrity construct of myself, believing it
would bring me happiness. That couldn’t be further away from the truth.“

Bislang hat Essena Geld über ihre Social-Media-Inhalte
verdient, die das bedienten, was ihre Fans von ihr wollten: die perfekte
Scheinwelt. Die Reichweite, die sie damit aufgebaut hat, will sie nun nutzen,
um andere dazu zu bringen, sich mit echten Werten auseinanderzusetzen und zu
einem Selbstbewusstsein und Glück zu finden, das nicht auf der Anerkennung von
anderen basiert, sondern von innen kommt:

„When it was for no one else but myself, I fell in love with
it. And it loved me right back. It made me feel alive.“

Die österreichische Bloggerin Madeleine Alizadeh hat Essenas
Aktion zum Anlass genommen, über ihren Instagram-Account ihr Leben lang eine
Woche lang so zu dokumentieren „wie es wirklich ist“. Macht ihr mit?

#meinlebenohnefilter

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