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Arbeitslos zu sein hat nichts Romantisches, kapiert das endlich!

Unsere Community-Autorin Alex ist arbeitslos. Immer wieder erlebt sie, dass Menschen diesen Zustand schönreden wollen. Aber was bitte soll schön sein an Existenzängsten?

 

Warum erzählt man mir, es sei toll, arbeitslos zu sein?

„Ich bin arbeitslos“, sagte ich bei einem Treffen eines Frauen-Karriere-Netzwerks. „In einer Orientierungsphase“, korrigierte mich eine Bekannte sofort. 

Nein, verdammt, ich bin arbeitslos. Und das nicht freiwillig! Ich habe mich nicht dazu entschieden, „eine Auszeit zu nehmen“, ich bin nicht dabei, „mich neu zu orientieren“, ich nehme mir nicht „Zeit für mich“, oder welche anderen blumigen Umschreibungen man noch finden könnte. Ich bin arbeitslos. Punkt. Hört auf, es mir schönreden zu wollen!

Ich empfinde es regelrecht als Respektlosigkeit, dass Leute eine Situation, die für mich existenzbedrohend ist, in dieser Weise wegwischen, so tun, als sei das etwas Schönes. Eine frühere britische Freundin von mir, die Schauspielerin ist, reagierte stets extrem empfindlich, wenn man sie in Phasen ohne Engagement als „resting actress“ bezeichnete. Als nehme sie sich bewusst und freiwillig eine Ruhephase. Es machte sie wütend, denn sie „ruhte“ nicht freiwillig, sondern erzwungenermaßen, und die Kontoauszüge bewiesen dies. Ich verstehe sie gut. „Ist doch schön, mal Zeit für sich zu haben“, bekomme ich zu hören. Tut mir leid, dafür habe ich nicht die Ruhe, wenn mich Existenzängste bestürmen.

Arbeitslos hat nichts mit Sozialromantik zu tun

Ich bin arbeitslos. Ich möchte darüber nicht jammern, aber ich möchte das auch nicht überzuckern oder schönreden. Ich möchte mich dieser Tatsache stellen, ihr in die Augen sehen. Denn die Sachlage ändert sich vom Schönreden nicht. Ich bin arbeitslos, und ich bin in einer Branche tätig, in der Jobs rar sind. Gleichzeitig bin ich ein extremer Spezialist, meine Kompetenzen sind in anderen Branchen nicht ohne weiteres anwendbar. Ich habe ein gewisses Alter und Gehaltsniveau erreicht, das mich für Arbeitgeber nicht mehr die erste Wahl macht. Jüngere Frauen machen den Job billiger als ich, eine Volontärin arbeitet für einen dreistelligen Betrag im Monat, im Gegensatz zu mir.

Und natürlich mache ich mir Gedanken. Was, wenn ich in meinem Beruf nichts mehr finde? Wenn ich einfach vom Karussell geschleudert worden bin und nicht mehr aufspringen kann? Umschulen? Aber wer nimmt eine fast 40-jährige Umschülerin, die in dem neuen Feld noch keine Berufserfahrung hat? Schwierig. Natürlich aber nicht unmöglich. Ich habe mit großer Motivation und Dankbarkeit eine fünfmonatige Weiterbildung, die mir das Arbeitsamt anbot, wahrgenommen. Ich hoffe, dass diese Profilerweiterung mir helfen wird, auch außerhalb meiner Branche punkten zu können.

Ich will nicht nichts tun!

Natürlich, irgendeine Arbeit findet man immer, so heißt es, und ich bin fest entschlossen, kein Hartz IV-Empfänger zu werden – auch wenn die Aussicht auf einen ungelernten Job und mageren Verdienst nicht gerade verlockend ist. Ich habe schon früher im Wäscheladen Päckchen und im Supermarkt Obst gepackt, und das kann ich auch wieder, wenn es sein muss. Wobei auch irgendeine Arbeit nicht so leicht zu kriegen ist – Supermärkte, Restaurants & Co. sind nicht unbedingt heiß darauf, arbeitslose überqualifizierte Akademiker einzustellen. Sie gelten als schnell unzufrieden und verschwinden gegebenenfalls schnell wieder, wenn sich eine neue Möglichkeit auftut.

Ich wälze den Gedanken an Freiberuflichkeit. Ich habe in den letzten Jahren immer mal wieder frei nebenher gearbeitet, schon aus materieller Notwendigkeit, denn meine Branche zahlt nicht sonderlich gut. Aber der Trubel im Büro, der Kontakt mit Menschen, die Teamarbeit, das alles würde mir auf Dauer sehr fehlen, glaube ich. Die Verdienstmöglichkeiten sind auch nicht üppig…

Tatsache ist, eine Lösung muss her, und zwar bald. Meine kleinen Ersparnisse gehen zur Neige. Ich habe keine Familie, auf die ich mich stützen kann. Eine der großen Absurditäten des Systems: Es sorgt dafür, dass ich möglichst schnell verarme. Das Arbeitslosengeld, 60 Prozent vom letzten Nettogehalt, genügt in den großen Ballungsräumen nicht, wo viele Arbeitnehmer, so auch ich, 50 Prozent ihres Nettogehalts für die Miete aufwenden müssen. Von den verbleibenden zehn Prozent zu leben ist in einer teuren Großstadt fast unmöglich, wenn man nur mittelmäßig verdient hat, trotzdem wird hier von Seiten des Amtes nicht nachjustiert. Ich könnte mir zwar durch freie Aufträge ein paar hundert Euro dazuverdienen – ich darf es aber nicht. Bei 165 Euro monatlich liegt die Zuverdienstgrenze, alles was drüber liegt, wird mir direkt vom ALG abgezogen.

Ich lebe von meinen Ersparnissen

Ich habe jedes Verständnis dafür, dass man den Zusatzverdienst deckelt – jemand, der 2000 Euro pro Monat dazuverdient, braucht kein Arbeitslosengeld. Zumindest ein 450-Euro-Job sollte aber erlaubt sein, denke ich. Die niedrige Grenze demotiviert und frustriert, und zudem zwingt sie mich, anstatt für meinen Lebensunterhalt zu sorgen, meine ohnehin nicht besonders großen Ersparnisse aufzubrauchen – damit ich ja noch schneller arm und bedürftig werde? Auch Hartz IV werde ich, wenn das Jahr ALG I um ist, erst bekommen, wenn ich kein eigenes Vermögen mehr habe, zuerst müssen sämtliche mühsam ersparte Rücklagen verzehrt werden. 

Sogar meine Altersvorsorge könnte man mich zwingen aufzulösen, bevor ich einen Cent bekomme. Hat man uns nicht jahrelang vorgebetet, privat vorzusorgen? Ich bin in materieller Not, hoffentlich nur vorübergehend, und dabei kann gut und gerne flöten gehen, was ich mir an Alterssicherung über 15 Jahre hart erarbeitet habe. Der Gedanke ist mehr als traurig. Sollte es passieren, werde ich diesen Verlust in meinem Erwerbsleben nie wieder wettmachen können – Hallo, Altersarmut.

Ich bin arbeitslos. Wenn ich es bleibe, stehen viele Veränderungen an. Ich werde diese Stadt verlassen müssen. Ich werde möglicherweise meine Branche verlassen müssen, die ich liebe. Ich werde einige Pläne, die ich im Leben hatte, ändern müssen. Drückt mir die Daumen, dass es nicht notwendig wird.

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