Foto: Britta Sönnichsen

Katarzyna Mol-Wolf: „Männer bestimmen nicht, wann es genug ist mit der Gleichberechtigung“

Welche Themen bewegen Frauen dazu, eine bestimmte Partei zu wählen? Diese Frage beschäftigt auch die Emotion-Chefredakteurin Katarzyna Mol-Wolf, die mit ihrem Magazin die Aktion „Was Frauen fordern“ initiiert hat, um sichtbar zu machen, was Wählerinnen umtreibt.

 

Frauenstimmen ernst nehmen

Was fehlt Frauen, um so leben zu können, wie sie es sich wünschen? Die Emotion-Chefin Katarzyna Mol-Wolf möchte Frauen ermutigen, ihren Anliegen Ausdruck zu verleihen und insbesondere vor den Bundestagswahlen 2017 darüber zu sprechen, was aus ihrer Sicht fehlt oder anders gemacht werden müsste, damit Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen Wirklichkeit wird. Auf der Website wasfrauenfordern.de sammelt das Magazin Statements von Frauen darüber, was sich ändern sollte und hat zudem mit dem Institut für Demoskopie Allensbach eine repräsentative Umfrage beauftragt, die bald veröffentlicht werden soll.

Wir haben mit Katarzyna Mol-Wolf darüber gesprochen, wie es um den „Frauen-Wahlkampf“ bestellt ist, welche Themen Wählerinnen bewegen und was in Deutschland für mehr Gleichberechtigung getan werden muss.

Die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder erklärte schon 2012: Feminismus war gestern. Hat sie sich geirrt?

„Geirrt oder zu früh gefreut! Streitbarer, vernünftiger, freundlicher, aber in der Sache klarer: Feminismus ist erst vorbei, wenn Gleichberechtigung herrscht. Und davon sind wir noch weit entfernt. Bis Frauen in jeglicher Hinsicht gleich behandelt werden, muss sich noch einiges ändern. Und dies wird auch noch seine Zeit brauchen. Wahrscheinlich werden wir auch nicht ohne Quoten auskommen. Denn in den letzten Jahren sind wir zwar vorangekommen, aber es herrschen immer noch Stereotype in der Gesellschaft, die der Gleichberechtigung Steine in den Weg legen. Diese müssen wir gemeinsam – Frauen und Männer – erst mal wegräumen. Und ich möchte nicht Jahrzehnte warten, bis wir endgültig gleichberechtigt sind.

Ein modern verstandener und gelebter Feminismus, der auf die Solidarität unter Frauen setzt und sich nicht als Opposition gegen Männer versteht, bringt die ganze Gesellschaft voran.“

Parteien setzen im Wahlkampf verstärkt auf Familienthemen. Ist das die richtige Strategie, um Wählerinnen anzusprechen?

„Es ist auf jeden Fall an der Zeit, hier Schwerpunkte zu setzen! Denn Umfragen zeigen immer wieder, dass es gerade Frauen schwer finden, Familie und Beruf in Einklang zu bringen oder auch überhaupt einen Wiedereinstieg nach der Elternzeit zu schaffen – um nur zwei von vielen Themen zu nennen. Dazu stellen Frauen die Hälfte der Bevölkerung und damit auch der potenziellen Wähler. Sich dieser Themen anzunehmen, ist aus Parteiensicht daher richtig. Das Problem sehe ich eher darin, dass wir erst so spät als begehrte Wählerzielgruppe wahrgenommen werden. Frauen sind von der Politik so lange vernachlässigt worden, dass man sie jetzt nicht mit ein paar kleinen Familienmaßnahmen an die Urne locken kann.“

Sind die Wahlversprechen glaubhaft?

„Einige der aktuellen Parteiversprechen sind halbherzig. Zum Beispiel reden alle Parteien vom Kita-Ausbau und davon, wie viel Geld sie hier investieren möchten. Das ist schon mal ein guter Ansatz, aber ich frage mich, wie sie die dafür notwendigen Erzieherinnen aus dem Ärmel ziehen wollen – die gibt es momentan nicht auf dem Arbeitsmarkt, jedenfalls nicht in der benötigten Anzahl. Jüngste Berechnungen eines Wirtschaftsforschungsinstituts haben ergeben, dass mittelfristig mehr als eine Millionen Kita-Plätze fehlen. Die kann man nur schaffen, wenn man auch für ausreichend Personal sorgt. Dafür wird man aber auch das Gehaltsniveau Erzieherinnen und Erziehern anpassen müssen, um den Beruf attraktiver zu gestalten. Zudem brauchen wir natürlich auch mehr Ganztagsschulen und Betreuungsangebote für Schulkinder. Und eine Unterstützung von individuellen Betreuungsmodellen. Wie diese wichtigen Verbesserungen der Betreuungssituation konkret umgesetzt werden sollen, ist mir nach wie vor nicht klar.“

Und abseits der Kinderbetreuung?

„Die Parteien rütteln nur wenig am traditionellen Familienbild, obwohl alle wissen, dass die Weiterentwicklung des Ehegattensplittings notwendig ist. Am Modell ,Alleinverdiener trifft Hausfrau‘ muss sich aber schnell was ändern, wenn sich Frauen vor Altersarmut schützen wollen.“

Für was interessieren sich Frauen denn, besonders dann, wenn es um Politik geht?

„Über unsere aktuelle Aktion #wasfrauenfordern erhalten wir viele Forderungen, die sich mit der Abschaffung des Ehegattenplittings, der besseren und gleichen Bezahlung, mit mehr Schutz von Frauen bei häuslicher Gewalt, Sexismus und Rassismus beschäftigen. Frauen fordern im politischen Bereich aber auch bessere Bezahlung für Erzieherinnen und Tagesmütter sowie mehr und individuellere Betreuungsplätze. Übergreifend fordern sie Chancengleichheit auf allen Ebenen, weniger Stereotypisierung und mehr Solidarität untereinander.“

Gleichberechtigung ist in Deutschland noch nicht erreicht. Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Baustellen, damit Frauen und Männer gleiche Chancen haben?

„Das ist zum einen die Veränderung von überholten Rollenbildern und Geschlechterklischees. Dazu brauchen wir mehr öffentliche Debatten und mehr Austausch untereinander. Denn solange noch immer Gräben zwischen verschiedenen Familien- und Arbeitsmodellen bestehen und arbeitende Frauen als Rabenmütter beschimpft werden, wird es nicht selbstverständlich sein, dass beide Partner arbeiten. Dass muss es aber meines Erachtens werden, allein schon, damit unsere Kinder lernen, dass es normal ist, dass beide Eltern arbeiten. Oder ganz banal, dass Rosa keine Mädchen- und Blau keine explizite Jungsfarbe ist. Und wenn Kinder ohne die Zwangsjacke einer Geschlechterrolle aufwachsen, tragen sie ihrerseits wieder ein Stück mehr Gleichberechtigung mit sich herum. Nur durch solche beständigen Debatten ändern wir gemeinsam das Rollenverständnis.“

Was können Unternehmen besser machen?

„Wir brauchen eine Veränderung der Unternehmenskultur. Große Firmen geben sich mittlerweile oft schon sehr familienfreundlich, haben eigene Kitas, organisieren Betreuung fürs kranke Kind, haben keine Meetings mehr nach 16 Uhr usw. Kleinere und mittelständische Firmen betrachten Familie immer noch als Privatsache, mit der man allein zurechtkommen müsse. Kinder gehen uns aber alle an. Schließlich das Thema Lohngleichheit. Komplett gleiche Arbeit, gleiche Qualifikation und trotzdem (bereinigt) sieben Prozent weniger Gehalt? Das ist nicht akzeptabel.“

In den aktuellen Debatten bekommt man den Eindruck, dass Frauen den Lebensentwurf vieler Männer übernehmen sollten: Chef werden, viel Geld verdienen, Besitz anhäufen?

Kann ja sein. Wenn es das ist, was manche Frauen wollen – warum nicht? Auch nicht alle Männer streben es an, Chef zu sein und Besitz anzuhäufen. Es geht doch allein darum, dass Frauen grundsätzlich auch diese Möglichkeit offen stehen muss, in dem gleichen Maße wie Männern.

Ich persönlich würde mir wünschen, dass Frauen nach oben kommen, sofern sie es möchten, sich dabei aber nicht verstellen müssen. Denn wir brauchen heute in Führungspositionen mehr weibliche Eigenschaften und Stärken. Und Frauen, die mit reinen männlichen Eigenschaften nach oben kommen, bringen die Diversität gerade nicht voran, die wir in Unternehmen brauchen, um zukunftsfähig zu sein. Und da ist Geschlecht nur ein Faktor. “

Nimmst du ein Umdenken bei den Männern wahr?

„In meinem Umfeld: Ja. Die Männer in meinem Freundeskreis und meinem Umfeld bringen sich sehr in Haushalt und Familie ein. Sie interessieren sich für ihre Kinder. Wollen, dass die Partnerin einen Job hat, der ihr Freude macht. Teilen sich die Aufgaben im Alltag und mit der Partnerin, auch wenn sie es als anstrengend empfinden. Aber das Jonglieren zwischen Familie und Job ist für jeden eine Herausforderung. Ich freue mich besonders, wenn ein Umdenken aus ganz ‚freien Stücken’ stattgefunden hat – als Partner einer Frau, Vater einer Tochter oder Bruder einer Schwester. Männer mit dieser Einstellung begegnen uns, seit wir unsere Emotion-Aktion gestartet haben, zum Glück öfter und sie nehmen ebenfalls an der Aktion mit ihren öffentlichen Statements für Gleichberechtigung auf unserer Plattform teil. Das ist großartig, denn nur gemeinsam können wir eine nachhaltige Gleichstellung garantieren.“

Das klingt gut. Aber warum geht es dann doch nur langsam mit der Gleichberechtigung voran?

„Ich bin kein naiver Mensch und merke, dass viele Männer auch denken, dass wir Frauen doch schon ganz schön weit gekommen sind und dass es schon genug sei mit unseren Rechten. Sie bestimmen aber nicht, wann genug ist. Denn bei der Gleichberechtigung handelt es sich um ein Menschenrecht. Frauen bitten um nichts. Frauen haben einen Anspruch auf alles, genau wie auch Männer.“

Wir haben in den letzten Wochen mit sehr vielen verschiedenen Frauen gesprochen. Es herrscht eine große Unsicherheit darüber, welche Partei sie im September ihre Stimme geben können. Hast du eine Idee, woran das liegt?

„Die Parteien haben viele Frauen schon lange verloren, weil sie sich zu lange nicht ernsthaft für ihre Probleme interessiert haben. Im Wahljahr haben alle Frauen als wichtige Zielgruppe erkannt, scheuen sich dennoch, klare Worte zu finden und ihr Profil zu schärfen. Sie sind von der Angst getrieben, Wähler zu verprellen und landen deshalb in der Beliebigkeit. Ich habe das Gefühl, dass – die AfD ausgenommen – auf einmal alle dasselbe versprechen, natürlich mit kleinen Modifizierungen im Detail: Umbau des Ehegattensplittings, Stärkung der Alleinerziehenden, Kita-Ausbau, Lohngerechtigkeit. Das macht die Entscheidung nicht leichter. Wir werden bei uns auf der Website ab Ende Juli unseren Leserinnen einen Vergleich aller Parteiprogramme als Entscheidungshilfe bieten. Zudem auch Interviews mit allen Parteien, die aktuell im Bundestag sind.

Vielleicht gründet diese Unentschlossenheit aber auch darin, dass Wahlkämpfe immer personalisierter geführt werden. Menschen suchen sich immer Personen, mit denen sie sich identifizieren können. Da sich die Lebenswelt der Spitzenpolitiker, die man am meisten über die Medien wahrnimmt, sehr von der Lebenswirklichkeit einer berufstätigen Frau mit Familie unterscheidet, fühlen sich viele Frauen vielleicht einfach auch nicht repräsentiert.“

Was würdest du einer Frau raten, sie sich politisch einbringen will?

„Zuallererst sollte sie sich wirklich sicher sein, dass ihr Herz für die Politik schlägt. Ich glaube erfolgreiche und gute Politik ist wie erfolgreiches Unternehmertum. Herzblut ist auch hier die Essenz.

Ganz konkret: Wenn es ein Engagement in einer Partei sein soll, das Profil der Partei analysieren: Passt das zu mir? Wenn ja: Alle Parteien haben frauenpolitische Gruppen, in denen man seine Interessen und die anderer Frauen vertreten kann. Auch in der Politik gibt es noch viel zu wenig Frauen. Zu Beginn der aktuellen Legislaturperiode waren 36,5 Prozent der Abgeordneten im Deutschen Bundestag weiblich. Nicht so schrecklich viel. In den Parteistrukturen sieht es nicht viel besser aus. Die größten Karrierechancen dürfte man als Frau aktuell in der FDP haben.“ (lacht)

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