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Lebst du noch oder daddelst du schon?

Manche Menschen können sich stundenlang damit beschäftigen, auf ihren mobilen Endgeräten herum zu daddeln. Sie zocken oder schauen Serien, surfen oder chatten. Die Möglichkeiten, sich die Zeit an seinem Lieblingsgerät tot zu schlagen, sind quasi schier endlos. Und gedaddelt wird überall: In der Bahn, in den Wartezimmern, auf’m Klo. Jeder tut es! Und weil es so schön flexibel und beliebt ist, wird das Daddeln zur Freizeitbeschäftigung No. 1.

 

Eifersüchtig auf einen Blechkasten

Mein Freund gehört auch zur Generation der Daddeler. Manchmal habe ich das Gefühl, er daddelt lieber als sich mit mir zu beschäftigen. Mit diesem Statement oute ich mich vermutlich als die typische Frau. Aber ich fühle mich dann schon leicht überflüssig. Ich will mehr sein, als nur ein dekoratives Kuschelkissen. Manchmal ertappe ich mich sogar dabei, eifersüchtig auf das blöde Gerät zu werden, das mir die Quality Time mit meinem Freund klaut. Ob’s auffällt, wenn ich es in einem unbeobachteten Moment aus dem Fenster schmeiße? 😉

Kein Einzelfall

Aber er ist da kein Einzelfall. Auch in der Bahn oder im Bus sind die meisten Leute mit ihren Handys beschäftigt. Wahrscheinlich wollen sie nicht gestört werden. Und vor allem wollen sie nicht, dass sie den Platz neben ihnen freimachen müssen: „Oh, Sie wollten hierhin? Habe ich gar nicht mitbekommen!“ So gesehen hat das Daddeln also eine Schutzfunktion. Einmal
fuhr mich eine hippe Teenagerin, die in intensivem Kontakt mit ihrem metallenen Herzstück stand, an, was ich sie so anstarre. Ich antwortete ihr, dass sie als abgebrochener Zwerg überhaupt nicht in meinen Sichtradius sitze und ich die Aussicht aus dem Fenster hinter ihr genieße. Hat sie nicht glücklich gemacht, die Antwort. Als Kind habe ich immer gern aus dem Fenster geschaut und Autos, Schafe oder Kühe gezählt. Es hat mich fasziniert, was da draußen an mir vorbeizieht. Es gab einfach so viel zu sehen! Ich frage mich, ob die Kids von
heute überhaupt noch aus dem Fenster schauen.

Warum daddeln?

Aber was ist es genau, dass die große Masse der Daddeler so fesselt? Zum Großteil ist es wohl eine Art Beschäftigungstherapie. Du hast nichts zu tun oder keine Lust zu tun, was du tun solltest. Also nimmst du dir das Handy, klappst das Tablet auf oder setzt dich vor den Rechner. Logisch. Aber warum solltest du etwas Schönes oder gar Attraktives wie deine hübsche Partnerin gegen etwas wie’s Daddeln eintauschen wollen? Mein Freund würde jetzt sagen: „Weil ich dabei einfach nichts machen muss. Ich kann mich berieseln lassen, ohne nachzudenken.“ Achso, also bin ich anstrengend, oder wie? Scherz beiseite, das kann ich sogar nachvollziehen.

3 Argumente fürs Daddeln

Nagut, ich bin zwar ein genervter aber kein ungerechter Mensch. Also versuche ich jetzt auch einmal positive Seiten am Daddeln zu finden:

  1. Du gibst deinem Geist Ruhe. Wenn du daddelst, beschäftigst du dich ja meist mit Dingen, die keine große geistige Aktivität brauchen. Du lässt dich eben berieseln und schaltest ab. Dein Geist bekommt eine Pause, muss nicht groß arbeiten und erholt sich so vom oftmals anstrengenden Alltag.
  2. Du socializt. Zum Daddeln zähle ich auch die Aktivitäten auf sozialen Netzwerken. Dort interagierst du mit anderen, pflegst deine Kontakte und tauschst dich aus. Deine Freunde von weiter weg persönlich zu sehen, ist halt nicht immer möglich und so hast du wenigstens indirekten Kontakt.  
  3. Du entwickelst positive Energie. Wenn du beim Bubbleshooter gewinnst, freust du dich. Wenn du einen positiven Kommentar bekommst, bist du happy. Wenn du eine lustige Serie schaust, lachst du. Das alles macht gute Laune. Zumindest bei dir selbst.

Kein Entkommen vom Daddeln

Und in der heutigen Zeit, wo Digitalisierung und die Nutzung von Mobilgeräten so im Trend sind und die Freizeitgestaltung dominieren, ist die hohe Daddel-Beliebtheit auch kein Wunder. Sie wird den Kids von heute quasi in die Wiege gelegt. Ich selbst bin in einer anderen Zeit groß geworden. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als wir einen Familien-PC hatten und das war’s. Wir haben auf der Straße gespielt, Bücher gelesen und wenn ich eine Freundin sehen wollte, bin ich vorbei gegangen. Vielleicht bin ich deshalb kein großer Daddeler. Mir ist die Zeit einfach zu schade.

Echt gelebte Zeit

Ich bin für die echt gelebte Zeit ohne Bildschirm. Zum Abschalten greife ich zu einem Buch oder lege mich in die Badewanne – davon habe ich auch mehr, weil die Entspannung länger anhält. Soziale Kontakte pflege ich lieber in Persona oder am Telefon – gut, das ist nicht immer so oft und einfach möglich wie in den sozialen Medien. Aber dafür freue ich mich umso mehr, die Stimme meiner besten Freundin zu hören oder sie nach längerer Zeit endlich wieder in die Arme zu schließen! Und positive Energie hole ich mir vom Sport, einer Fahrradtour oder einem ausgedehnten Spaziergang – Sport machen die Daddeler zwar auch, denn den Body stählen kann das Daddeln (noch) nicht, aber selbst da wird in den Pausen gedaddelt. Es gibt jedenfalls genügend Möglichkeiten, sich ohne digitales Zwischenspiel etwas Gutes zu tun. Witzigerweise sind genau diese Aktivitäten für viele Daddler Zeitverschwendung. So unterschiedlich ist die Wahrnehmung.

Die Zeit ohne Daddelei erlebe ich auch ganz anders: Am Bildschirm vergehen Stunden in einem Wimpernschlag, ohne dass ich wirklich etwas gemacht habe. Das gilt übrigens auch fürs Fernsehen. Im echten Leben nehme ich die Zeit intensiv wahr, weil ich jede Minute bewusst gestalte. Da hat Zeit einen anderen Wert und rauscht nicht so extrem schnell vorbei. Deshalb habe ich auch mehr von dieser bewussten Lebenszeit.

Mehr Energie ohne Daddeln

Klar daddele ich hin und wieder auch. Komplett freimachen vom Daddel-Hype kann ich mich auch nicht. Aber ich bleibe lieber in einem bewussteren Leben, das gibt mir irgendwie mehr. Ich fange jetzt nicht die „Das ist gesünder!“-Diskussion an, das haben andere schon vor mir oft genug getan und davon habe ich auch keine Ahnung. Aber ich fühle mich wacher und energievoller, wenn ich meine Freizeit nicht vorm Bildschirm verbringen muss (tue ich beruflich schon oft genug).

Jeder braucht seinen Space und seine Marotten. Das sehe ich ein. Deshalb lasse ich meinen Freund vor sich hin daddeln und beschäftige mich anderweitig. Alternativ dränge mich ihm einfach fordernd auf, wenn ich seine Aufmerksamkeit will. Es gibt nämlich noch mehr Dinge, die das Daddeln nicht kann…  

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