Foto: Lisa Who

Lisa Who: „Ich bin selbst meine härteste Kritikerin“

Lisa Who ist ein Beweis dafür, dass es sich lohnt, zu träumen. Das erste Album der Berliner Sängerin lädt ein, sich in der Musik zu verlieren, sich von ihr tragen zu lassen. Inspiriert von Jazz erinnert es an Lana del Rey und ist doch etwas ganz eigenes. Im Interview verrät sie, wie sie zu ihrer Musik kommt und wie es ist, nur unter Männern zu arbeiten.

 

Musik auf die man sich einlassen muss

Lisa Who, die Musikerin, gibt es schon seit 2006. Ihr erstes Album allerdings erst seit letztem Freitag. „Sehnsucht“ heißt es und entführt uns in eine musikalische Welt, die uns so noch nicht untergekommen ist. Die Referenzen kommen aus der Vergangenheit  – Chet Baker, Billie Holiday, Pink Floyd und Air  – und doch konnte ihre Musik nur heute entstehen, nur zur heutigen Zeit gehört werden. Sie erinnert an die verträumte Melancholie einer Lana del Rey und befindet sich doch auf einem ganz anderen Level. In ihren Liedern besingt sie den ungesunden Ehrgeiz unserer Gesellschaft, stellt Forderungen an die Menschheit und erzählt von einer großen Liebe – der Liebe zur Natur.  

„Sehnsucht” widmet sich all den Unsicherheiten und Unberechenbarkeiten, den Vielleichts und Was-wäre-wenns unserer Zeit und umarmt sie. Doch wer ist die Frau hinter dem psychedelischen Popsound?

Lisa ist Berlinerin, seit 2010 spielt sie in der deutschen Band Madsen und macht parallel immer ihr eigenes Ding. Zum Beispiel im Jazz-Duo oder jetzt eben mal ganz allein. Wir haben sie zum Interview getroffen. 

Wie bist du zur Musik gekommen?

„Dadurch, dass mein Vater auch Musiker ist, war Musik schon immer ein sehr zentrales Thema in meiner Familie. Er wollte natürlich, dass ich ein Instrument spiele. Also habe ich von Keyboard über Gitarre zum Klavier alles probiert und immer wieder abgebrochen. Mit 15 habe ich mit dem Gesangsunterricht begonnen und angefangen, eigene Texte und Gedichte zu schreiben. Musik hat mich einfach schon immer sehr glücklich gemacht. Irgendwann war mir dann klar, dass es das ist, was ich machen will.“

Das heißt, dass alle deine Lieder auf dem Album auch selbst geschrieben sind?

„Textlich ja! Nur bei einem Lied hatte ich einen Hänger. Da wusste ich, dass die Musik perfekt ist und die Melodie stand fest, aber ich hab den Text nicht geknackt. Da habe ich mir Hilfe von einem Freund geholt. Musikalisch tue ich mich aber öfter und gerne mit anderen zusammen. Auf dem Album ist eine Hälfte von mir alleine und die andere Hälfte mit Sebastian Madsen, der das Album auch produziert hat, komponiert.“

Warum singst du auf Deutsch?

„Teilweise schreibe ich auch englische Lieder, aber Deutsch ist einfach die Sprache, in der ich mich momentan am besten ausdrücken kann. Wenn ich versuche, meine eigene Sicht zu beschreiben, greife ich häufig zu Redewendungen, die es im Englischen nicht gibt. Englisch geht mir jedoch oft leichter von der Hand, weil nicht alles so konkret und offensichtlich ist wie im Deutschen.“

Gibt es Künstler, die dich inspirieren?

„In den letzten Jahren ist Jazzmusik für mich sehr viel präsenter geworden. Ich habe Chet Baker entdeckt und lieben gelernt, Billy Holiday und Ella Fitzgerald begleiten mich schon sehr lange. Das ist Musik, die mich sehr stark beeinflusst – auch wenn man das nicht unbedingt in meiner eigenen Musik hört. Dieses Genre macht mich glücklich und ruhig. Ich bin aber nicht nur in der Vergangenheit verhaftet, höre auch viele moderne Sachen, wie zum Beispiel Midlake, Tame Impala, Andy Shauf oder Jonathan Wilson.“

Wie läuft das Schreiben denn bei dir ab? Hast du eine Routine?

„Das Komponieren ist tatsächlich harte Arbeit. Beim Schreiben bin ich selbst meine größte Kritikerin! Die Daseinsberechtigung von jedem Akkord, jedem Wort und jeder Zeile wird ganz streng unter die Lupe genommen. Der Prozess ist oft anstrengend, für mich ist das wie Puzzeln. Manchmal ist das Bild schnell fertig und dann ist es wieder ein sehr langer, komplexer Prozess. Welche Lieder am Ende besser sind, kann ich nicht sagen. Bei allen ist es Arbeit – eine wunderschöne Arbeit.“

Du nimmst es mir vorweg: Sängerin sein ist harte, wenn auch schöne, Arbeit – was motiviert dich, immer weiter zu machen?

„Es ist wirklich kein leichter Weg. Ich habe mich irgendwann dafür entschieden und ich mache weiter, weil es das ist, was ich will und was mich glücklich macht. Es ist ein kurviges Leben, ein Auf und Ab zwischen ,am Existenzminimum leben’ und ,ach, im Moment ist ja eigentlich alles cool’. Es ist ein schwieriger Lebensweg, aber auch ein sehr freier. Einen Bürojob kann ich mir einfach nicht vorstellen, da nehme ich lieber in Kauf, keine Sicherheiten zu haben. Denn ich habe die Freiheit, das zu machen, wovon ich das Gefühl habe, dass es das ist, wozu ich auf der Welt bin!

Bevor ich 2010 bei Madsen in der Band eingestiegen bin, war ich diese typische Berliner Mittzwanzigerin, die einen Nebenjob nach dem anderen hatte, wodurch ein großer Druck auf der eigenen Musik lastete. Und plötzlich war ich in einer Band, mit der ich auf Tour gehen konnte, war professionelle Musikerin und habe damit Geld verdient. Das war großes Glück und hat mein Verhältnis zu meiner eigenen Musik ungemein gelockert!“

Hast du dir denn Vorsätze für dieses Jahr gemacht?

„Ich habe sehr lange darauf hingearbeitet, dass meine Musik veröffentlicht wird. Jetzt, da das Album rauskommt möchte ich alles herausholen und jede Chance nutzen, um es zu verbreiten! Es kommt mir nicht darauf an, wie erfolgreich es letztendlich ist. Ich möchte lediglich danach nicht denken, dass ich noch mehr hätte geben können. Das reicht an Vorsätzen. Ich neige eh immer dazu, mir zu viel vorzunehmen.“

Was ist das Beste daran, Sängerin zu sein?

„Das ist sehr vielseitig. Zum einen ist es der Prozess, ein Lied aus dem Nichts entstehen zu lassen. Wenn man das, was man sagen will, in Text und Musik packt und am Ende zufrieden ist – das ist ein wunderschönes Gefühl. Und dann ist da der Moment, wenn das, was du als Künstlerin erschaffen hast, zu den Menschen kommt. Die absolute Krönung des Ganzen ist es, wenn die Musik etwas mit ihnen macht, sie erreicht und berührt.“

Bei Madsen bist du nur unter Männern, wie erlebst du denn als Frau die Musikbranche?

„Ich werde zum Glück nicht anders behandelt als die Männer! Aber mir fällt auf, dass es eine sehr männerdominierte Branche ist. Auf Festivals bin ich nicht selten eine von sehr wenigen Frauen. Ich mag Männer sehr gerne, aber hätte trotzdem gerne, dass sich das ändert. Nicht nur auf der Bühne und an Instrumenten, sondern auch im Managementbereich und in den Plattenfirmen! Ich kann gut mit Männern zusammenarbeiten. Aber ich liebe es auch, unter Frauen zu sein! Das Video zu ,Alles ist gut’ habe ich nur mit Frauen gedreht, das war unglaublich schön. Ich habe jetzt eine Managerin und gegen Frauen in der Band hätte ich auch nichts. Aber es finden sich einfach wenige!“

Was glaubst du, woran das liegt?

„Das frage ich mich ehrlich gesagt auch! Warum gibt es so wenige Schlagzeugerinnen oder Bassistinnen? Ich kann die Frage nicht wirklich beantworten. Vielleicht sind sie auch irgendwo und ich hab sie nur noch nicht getroffen. Ich selbst bin keine Persönlichkeit, die besonders laut oder selbstbewusst auftritt. Ich habe das Gefühl, Männern in der Musikszene fällt es leichter, von sich überzeugt zu sein und das zu kommunizieren. Die Frauen, die ich kenne, sind da eher anders, bescheidener. Vielleicht liegt es ein bisschen daran. Aber das kann man nicht verallgemeinern, ich kenne auch viele bescheidene Männer und sehr selbstbewusste Frauen. Fakt ist: die Waagschale von Frauen und Männern in der Branche ist nicht ausgeglichen. Es gibt es noch einiges zu tun!“

Hast du einen großen verrückten Traum?

„Ich würde gerne mal für eine Zeit lang nach Kalifornien. Trump hat meinem Traum zwar eine Backpfeife verpasst, aber irgendwie will ich es trotzdem! Ich würde gerne irgendwo, wo es schön ist und es ein gutes Studio gibt, also wahrscheinlich entweder San Francisco oder LA, das nächste Album aufnehmen.“

Lisas Album „Sehnsucht“ ist seit Freitag, dem 20. Januar erhältlich. 

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