Foto: Sarah Bernhard

„Frauen müssen sich in der Filmwelt anders festigen als der weiße heterosexuelle Mann“

Maike Mia Höhne ist Kuratorin der Berlinale Shorts. Wir haben mit der Filmschaffenden darüber gesprochen, warum die Situation für Regisseurinnen noch immer so schlecht ist, welche Lösungen es geben könnte und welche Filme man sich unbedingt mal ansehen sollte.

 

„Ich bin nicht ungeduldig. Ich
bin nur wütend!“

Maike Mia Höhne hat es nicht dabei belassen, sich einen Job auszusuchen, in dem sie sich wohlfühlt und kreativ ausdrücken kann. Nein, die Hamburgerin ist mal als Regisseurin, mal als Produzentin, Autorin oder
Dozentin unterwegs. Ganz aktuell aber hat sie die
Berlinale Shorts, die Kurzfilmsektion der Internationalen Filmfestspiele, kuratiert, die vom 11. bis zum 21. Februar 2016 stattfinden.

Wir haben mit
ihr darüber gesprochen, welche Filme man sich unbedingt ansehen sollte, wie sie das Leben als freischaffende Kreative zwischen vielen Projekten, zwei Städten und einer Familie wuppt – und natürlich darüber, warum Frauen im Film noch immer so dramatisch unterrepräsentiert sind.

Maike, es sind nur noch wenige Tage bis zur Berlinale. Heißt
das: purer Stress oder kannst du dich schon drauf freuen?

„So kurz vor dem Opening der Berlinale geht es natürlich
etwas hektisch zu – aber mein Team und ich sind vor allem euphorisch und voller
Vorfreude. Endlich beginnt die Zeit, auf die wir seit über einem halben Jahr
hingearbeitet haben. Endlich werden all die E-Mails und Telefonate zu Menschen,
zu echten Begegnungen. Ja, und natürlich freuen wir uns alle auch sehr darauf,
unsere Kurzfilm-Auswahl auf großer Leinwand der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Wir heben jetzt alle gemeinsam ab!“

Du bist dort für die Berlinale Shorts zuständig. Nach
welchen Kriterien hast du sie in diesem Jahr ausgewählt und welchen sollte man
unbedingt ansehen?

„Um mich zu begeistern, muss ein Film eine entschiedene
Haltung haben und eine eigenständige Perspektive vermitteln. Es geht mir darum,
neuartige internationale Tendenzen in meinem Programm abzubilden. Jeder Film in
meinem Programm steht für sich und doch sind alle durch das diesjährige
Metathema, dem ‚Ankommen’, miteinander verbunden. ‚Notre Héritage’ von Jonathan
Vinel und Caroline Poggi aus Frankreich, das Gewinnerduo des Goldenen Bären
für den Besten Kurzfilm 2014, kreiert einen neuen filmischen Look: Sie
verbinden pornografische Archivbilder von Pierre Woodman mit der Ästhetik der
Computerspiele und lassen so die alte Geschichte von der Suche des Sohnes nach
dem Vater in neuem Licht erscheinen. ‚A Man Returned’, der neue Dokumentarfilm
von Mahdi Fleifel, trägt das ‚Ankommen’ bereits im Titel: Sein Protagonist ist
nach drei Jahren in Griechenland zurück im palästinensischen Flüchtlingslager
im Libanon und bereitet, unbeirrt von Drogen und Kriegshandlungen, seine
Hochzeit vor. Auch dieser Perspektivenwechsel hat mich neben vielen anderen
sehr berührt.

Wenn du nicht gerade die Kurzfilme für die Berlinale
kuratierst, hast du ja auch gefühlt tausend andere Jobs: Autorin, Regisseurin,
Produzentin, Fotografin, Dozentin… Wie geht das alles zusammen und bekommst
du neben deinen Projekten überhaupt noch Schlaf?

„Ach, man entwickelt so seine Strategien: Eine gute
Extraportion Schlaf hole ich mir in der Regel im Zug beim Pendeln zwischen
Hamburg und Berlin. Darüber hinaus versuche ich mich einfach nicht aus der Ruhe
bringen zu lassen und immer wieder bewusst erholsame Inseln in meinen Alltag zu
integrieren. Glücklicherweise liebe ich es, mich mit vielen unterschiedlichen
Menschen zu umgeben und neuen Input aufzusaugen, sich auszutauschen, mich auf
unterschiedlichen Sprachen zu artikulieren und viel zu reisen. Die Zeit, die
ich mit meinen Kindern, mit meiner Familie teile, ist die Zeit, die alles auffüllt.
Klar fällt man da am Abend oft erschöpft ins Bett – in der Regel bin ich dabei
aber sehr glücklich.“

In meinem Umfeld gibt es viele Familien
mit Kindern und berufstätigen Eltern – wir unterstützen uns da gegenseitig
sehr. Es fühlt sich ein bisschen wie eine Großfamilie an.

Viele stellen sich das Leben als freischaffende Kreative ja
leicht romantisch vor. Aber neben deinem beruflichen Schaffen hast du ja auch
eine Familie. Welche Rolle spielt eine gute Organisation in deinem Leben?

„Eine gute Organisation ist bei der Vereinbarkeit von Job
und Familie sehr wichtig, da hast du Recht. Mindestens genau so wichtig ist ein
stabiler, verlässlicher Freundeskreis. In meinem Umfeld gibt es viele Familien
mit Kindern und berufstätigen Eltern – wir unterstützen uns da gegenseitig
sehr. Es fühlt sich ein bisschen wie eine Großfamilie an. Bei jedem ist mal die
Bude voll, jeder hat mal frei. Zudem haben mein Mann und ich ein Au-pair als
Unterstützung in unsere Familie aufgenommen, was wunderbar ist, weil so noch
ein anderes Alter in unserem Kreis mit beim Kaffee am frühen Morgen tanzt.“

Zurück zum Film: Du hast mal gesagt, dass du eigentlich in
die Filmbranche reingerutscht bist. War das vielleicht von Vorteil, weil du dir
im Vorfeld gar nicht so sehr Gedanken darüber gemacht hast, wie hart das
Pflaster ist?

„Ja, das ist sicherlich ein Vorteil, also nichts zu wissen über das wirklich echte, harte Leben – wobei ich ja denken würde, dass jede
Branche ihre Klippen mit sich bringt. Aber Springen fand ich schon immer toll.
Und ja, das Studium der Medizin zu verlassen, hat mich wirklich drei Jahre
gekostet, aber dann konnte ich an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg
anfangen Visuelle Kommunikation zu studieren, unter anderem mit Fatih Akin in
der Klasse. Mit einem Super-8-Film hatte ich mich schon beworben und da habe
ich dann weitergemacht. Nach dem Studium habe ich eigene Drehbücher entwickelt,
unterstützt von der Filmförderung Hamburg. Und naja, die Produktion von einem
langen Spielfilm dauert schon auch mal lange. Ich habe dann über eine Freundin
bei der Berlinale angefangen zu arbeiten, sofort die Kurzfilme betreut
und das war super!“

Du hast dich als Regisseurin viel mit dem Thema Liebe
beschäftigt. Wie schwer ist es, da noch etwas zu erzählen, was nicht schon x-mal erzählt wurde? Oder ist das am Ende gar nicht wichtig?

Liebe ist ein zeitloses Thema und ich glaube, wir können
alle bestätigen, dass sich kaum ein Gefühl vielschichtiger gestalten kann. Es
wird niemals alles gesagt sein. Wichtig ist für mich, die echten Momente zu
finden, zu entdecken in anderen Filmen, zu schreiben und zu inszenieren in
meinen Arbeiten. Nicht die Vorstellung von der Liebe der Anderen, sondern die
Recherche innerhalb der Situation selber. Ich denke, dass ich das ganz gut
kann. Oft bekomme ich als Feedback auf meine Filme, dass die Zuschauer sehr
berührt waren, weil sie an sich selber erinnert wurden. Das wünsche ich mir,
darum geht es mir.“

Wir brauchen eine Diversität im Erzählen

Ganz generell muss man ja sagen, dass du (leider) eine von wenigen bist. Weibliche Filmschaffende sind in Deutschland nach wie vor
unterrepräsentiert. Auch, weil sie deutlich seltener als ihre männlichen
Kollegen eine Filmförderung bekommen. Kannst du etwas Licht ins Dunkel bringen,
warum wir hier einfach nicht weiterkommen?

„Da liegt stark an einem mangelnden kollektiven Gedächtnis,
einer Richtschnur. Ich denke, es gibt schon viele Frauen in der Branche – viele
Frauen, die Dokumentarfilme machen, einige Frauen, die Spielfilme machen. Ein
Problem ist und bleibt, dass viele Filme von Frauen seit Beginn der Filmgeschichte
nicht im Kanon auftauchen. Mit Kanon meine ich beispielsweise diese offiziellen
‚Die 100 besten Filme’ oder ‚Filme, die man gesehen haben muss’-Listen. Das
heißt, die Frauen müssen sich immer wieder selbstständig neu begegnen. Jede
Frau muss sich ganz anders festigen in der Filmwelt als zum Beispiel der weiße
heterosexuelle Mann. An der Geschichtsschreibung und Filmgeschichtsschreibung
muss dringend gearbeitet werden. Das ist im Kurzfilm ähnlich: Da gibt es auch
keinen offiziellen Kanon, deswegen wissen viele jüngere Filmemacher gar nicht,
was schon da war. Es können kaum Bezüge aufgestellt werden. Und wenn heute die
Schauspielerin Anneke Kim Sarnau ein Drittel weniger Lohn für den
Polizeiruf  bekommt als ihr Partner
Charly Hübner, dann ist das auch nur ein Spiegel dessen, wie es ansonsten auch
läuft. Als Begründung führte die Produktionsfirma an, er hätte ja mehr Preise
als sie gewonnen. Gleiche Arbeit, gleiches Geld. Pro Quote hat in der Republik
eine Diskussion angestoßen. Meryl Streep hat in den Staaten eine Förderung für
Drehbücher von Frauen explizit über 40 Jahre gegründet: alles Schritte in die
Richtung einer Diversität im Erzählen, die dringend notwendig ist.“

Ich habe das Gefühl, in Österreich sieht es für
Regisseurinnen besser aus. Was wird
dort besser gemacht?

„In Österreich ist es Mitte der 1990iger-Jahre zu einer
dieser Sternstunden gekommen: An der Filmakademie in Wien haben sie alle
zusammen studiert und damit dann die Welle des neuen österreichischen Films in
Bewegung gesetzt: Barbara Albert, Jessica Hausner, Ruth Mader, Kati Resetarits,
Christine A. Maier als Kamerafrau. Dazu kommt, dass Österreich eine ganz andere
Tradition im filmischen Denken hat als die Bundesrepublik Deutschland. Das
heißt, das andere, was ja vermeintlich auch die weibliche Regisseurin ist, ist
immer schon Teil der Diskussion gewesen. Durch die eben erwähnten Frauen kam
diese Diskussion dann auch in die Spielfilmregie. Als Künstlerinnen waren und
sind sie sowieso in der Erzählung präsent. Das Tapp- und Tastkino von Valie
Export vorneweg – bildhaft! In Schweden gibt es seit einigen Jahren die auch
von Pro Quote geforderte Quote vom Filminstitut. Und das funktioniert sehr gut.
Die Anzahl von Frauen in der Regie ist sprunghaft angestiegen. Dazu kam der
Erfolg der Produktionen. Das schwedische Fördersystem ist zudem spannend, weil
die Antragstellerinnen von einer Person über einen Zeitraum von bis zu fünf
Jahren begleitet werden. Also es geht nicht so sehr um Gremien, sondern
vielmehr um eine verantwortliche Person, die immer ansprechbar ist. Das heißt
auch Frauen, die Kinder bekommen, fallen so nicht aus dem Raster, weil der
Kontakt einfach ein direkter ist. Das ist auf jeden Fall ein Modell das ich
sehr interessant finde und gerne mit in die Diskussion bringen würde.“

Pro Quote Regie hat gerade kritisiert, dass auch der
Anteil an Regisseurinnen auf der Berlinale im Vergleich zum letzten Jahr sogar
gesunken ist. Warum bekommen so wenige Frauen die Chance, sich und ihre Arbeit
dort zu zeigen – was denkst du?

„Das ist jetzt nicht ganz richtig. Also es stimmt, dass
weniger Frauen im Wettbewerb repräsentiert sind, aber grundsätzlich ist das
Verhältnis dasselbe wie in den Jahren davor. Es gibt immer Wellen in der
Bewegung – ich kann mir vorstellen, dass nächstes Jahr fünf Frauen im
Wettbewerb ihre Filme präsentieren werden. Grundsätzliches muss verändert
werden und Veränderung braucht immer Zeit. Ich bin nicht ungeduldig. Ich bin
nur wütend!“

Für alle, die noch
ein wenig Nachhilfe brauchen: Welche deutschen Regisseurinnen sollte man denn
unbedingt kennen?

„Tatjana Turanskyj hat mit ihren Filmen ‚Die flexible Frau’
und ‚Top Girl’ oder ‚la déformation professionnelle’ die wichtigsten
zeitgenössischen feministischen Filme gedreht. Ula Stöckl hat mit dem ‚KÜBELKIND’
schon 1970 anarchistische feministische Filme in Serie gedreht, damals mit
Edgar Reitz an ihrer Seite. Und die andere Regisseurin aus der Zeit, Margarete
von Trotta, ist – wenn ich sie auch ästhetisch nicht wirklich spannend finde –
dann einfach diejenige, die den Körper gedreht hat über die letzten 40 Jahre. Allen
wichtigen Frauen hat sie einen Film geschenkt – wunderbar!“

Ich hoffe und arbeite für meine Tochter und die
Töchter meiner Freundinnen und der Blick nach Norden zeigt ja, dass es geht –
es wird werden!“ 

Und zu guter Letzt: Wie sehr nervt es dich, dass ich dir all
die Fragen noch stellen muss – und Frauen in der Filmbranche immer noch wie das
letzte Einhorn behandelt werden?

„Hej, jetzt versuche ich es mir gerade wieder schön zu
reden, so mit ,aus der zweiten Reihe hat man den bessere Überblick, die Poesie
der Einhörner ist die Zukunft, weil ohne Poesie geht es nicht weiter. Aber ganz
im Ernst: Ich bin auch ganz schön wütend, dass es nicht gleichberechtigt ist und
das hat eben auch was mit Geld und Sicherheit und Ruhe, über ein neues Projekt
nachzudenken, zu tun, und ich will mir meine Kinder nicht nehmen lassen und meine
Lust zu stillen oder ähnliches! Ich hoffe und arbeite für meine Tochter und die
Töchter meiner Freundinnen und der Blick nach Norden zeigt ja, dass es geht –
es wird werden!“ 

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Silvia hat von 2014 bis zum Herbst 2019 für EDITION F gearbeitet, zunächst als freie Journalistin, dann als Redakteurin und seit dem Jahr 2017 als Redaktionsleiterin. Seit Oktober ist sie freie Autorin und Kolumnistin und schreibt auf EDITION F weiterhin ihre Kolumne „Thirtysomething“. Im März 2019 erschien im Goldmann-Verlag ihr erstes Buch: „A Single Woman: Ein Plädoyer für Selbstbestimmung und neue Glückskonzepte“. Foto: Jennifer Fey

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