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Praktikum: Killt der Mindestlohn freie Stellen?

Viele Praktika waren schlecht bis gar nicht bezahlt und die Einführung des Mindestlohns sollte das ändern. Doch ist die Situation wirklich besser geworden? Ein neuer Report des Stifterverbandes gibt Antworten.

 

Mehr Geld, weniger Plätze

Im Jahr 2015 sind bis zu 53.000 Praktikumsplätze in Unternehmen weggefallen. Gleichzeitig sind die Investitionen der Wirtschaft in akademische Bildung von 2,2 auf 3,3 Milliarden Euro, von denen fast drei Viertel in Duale Studiengänge und Praktika fließen, gestiegen. Beide Zahlen ermittelte der Stifterverband der deutschen Wissenschaft gemeinsam mit dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln) für die Studie: „Bildungsinvestitionen der deutschen Wirtschaft”.

Die Einführung des Mindestlohns 2015 hatte, laut der Studie, erhebliche Auswirkungen auf die Situation von Praktikanten: Die Löhne seien gestiegen, die Stellenangebote allerdings gesunken. Dafür liefert die Studie konkrete Zahlen: Von 2012 bis 2015 hat die deutsche Wirtschaft ihre Ausgaben für Praktikantengehälter von 300 auf knapp 600 Millionen Euro fast verdoppelt – und das, so die Ergebnisse, bei nahezu gleichbleibender Praktikantenzahl. Jedes sechste Unternehmen hat aber gleichzeitig seine Praktikumsstellen in Konsequenz zur Einführung des Mindestlohns minimiert. Konkret sind von 2014 auf 2015, während der Mindestlohn eingeführt wurde, ca. 53.000 Praktikumsplätze verloren gegangen.

Mindestlohnpflicht? Schön wär´s!

Viele Praktika fallen allerdings gar nicht unter die Mindestlohnpflicht. Pflichtpraktika sowie Praktika, die als „freiwillige Orientierungs- oder ausbildungs- bzw. studienbegleitende Praktika” eingestuft werden können und nur drei Monate dauern, sind zum Beispiel von der Regelung ausgenommen. Die erhöhten Ausgaben sind deshalb auch hauptsächlich auf große Unternehmen zurückzuführen, die vor allem mindestlohnpflichtige Praktika anbieten. Mittelgroße Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern haben ihr Angebot an nicht-mindestlohnpflichtigen Praktika aufrechterhalten. Stellenkürzungen gab es also vor allem dann, wenn Praktikanten für Unternehmen durch den Mindestlohn zu teuer wurden. Von dem deutlichen Anstieg profitiert also nur eine Minderheit der Praktikanten.

Alle anderen müssen sich weiterhin mit schlecht- oder gar nicht bezahlten Kurzzeit- bzw. Pflichtpraktika durchschlagen.

Das erkennt auch die Studie an. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln:

 „Längere Praktika sind  sehr gut bezahlt, bieten die Möglichkeit des eigenständigen Arbeitens, werden aber aufgrund der Kosten immer seltener angeboten. Bei Kurzpraktika unter zwölf Wochen haben die Praktikanten dagegen seltener die Möglichkeit, aufgrund der Kürze eigene Projekte zu übernehmen oder selbständig verantwortungsvoll zu arbeiten.”

Eine Lösung im Sinne der Wirtschaft?

Die Studie der wirtschaftsnahen Auftraggeber bietet deshalb auch Lösungsansätze, die darauf abzielen sollen, dass nicht noch mehr Praktikumsstellen gestrichen werden. Sie schlägt vor, da Praktika halb Arbeit und halb Ausbildung wären, die Vergütungspflicht an den halben Mindestlohn oder den BAföG-Höchstsatz zu orientieren.

Ist das wirklich die richtige Lösung? Und was kann für die Praktikanten getan werden, für die die Mindestlohnregel gar nicht greift? Abseits von der deutschen Wirtschaft sind nämlich vergütete Praktika oft schon ein Grund zum Jubeln. Wenn wir eine faire und chancengerechte Gesellschaft wollen, muss sich das dringend ändern. Und wenn die Unternehmen, Startups und Betriebe es selbst nicht können oder wollen, muss vielleicht der Staat eingreifen: mit Subventionen oder Sanktionen.

Wie ist eure Erfahrung? Habt ihr Probleme einen Praktikumsplatz zu finden? Und wenn ihr eine Praktikumsstelle bekommen habt, werdet ihr nach Mindestlohn bezahlt oder überhaupt nicht?

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Nach Stationen als Praktikantin, Volontärin und feste Redakteurin bei EDITION F bin ich seit Mai 2019 freie Journalistin und schreibe hier alle zwei Wochen eine politische Kolumne. Vorher habe ich in Hamburg Politikwissenschaften studiert. Gute Bücher, intersektionaler Feminismus und gutes Essen lassen mein Herz höher schlagen.

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