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Die Verantwortung der Männer: Wir alle können etwas tun, um Vergewaltigungen zu stoppen

Betrifft mich als Mann sexualisierte Gewalt, wenn ich kein Täter bin? Robert Franken sagt: „Ja, das tut es.“ Was Männer sich fragen sollten, was sie verändern können und was sie zum Kampf gegen Rape Culture beitragen können.

 

Es geschieht überall

Der Fall Brock Turner dominiert derzeit viele US-Medien und wird auch längst in anderen Ländern debattiert, da die öffentlichen Reaktionen, die Rolle von Täter und Opfer, die Handhabe der Justiz sich international ähneln. Der Stanford-Student war Anfang des Jahres zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt
worden, nachdem er im Januar 2015 auf einer Verbindungsparty an der
Elite-Universität Stanford eine 22-Jährige vergewaltigt hatte. Die Frau war
während der Gewalttat bewusstlos.

Noch verstörender als die gering anmutende Strafe wirkt der Brief,
den der Vater des Täters an den Richter geschrieben hatte. In diesem stuft er die Haftstrafe für seinen Sohn als zu streng ein und spricht von lediglich „20 minutes of action“, die in keinem Verhältnis stehen würden zu dem übrigen Leben seines Sohnes. Sein Vater relativierte die Tat. Das machte nicht nur die Stanford-Professorin Michele Dauber fassungslos, die einen Teil des Briefes veröffentlichte.

Die Autorin Anne Theriault nennt in einem aktuellen Artikel mit dem Titel „Men
See Themselves In Brock Turner— That’s Why They Don’t Condemn Him“
 einige Aspekte des zugrunde liegenden Narrativs, wonach junge, weiße Vergewaltigungs-Täter häufig in einem Licht dargestellt würden, als verbaue ihnen eine allzu harte Strafe ihre vielversprechende Zukunft. Vom Opfer sei oft nur am Rande die Rede. Dennoch sieht sie in der gesellschaftlichen Debatte einen Fortschritt: Je mehr über Taten gesprochen werde, desto klarer würden die zugrunde liegenden Mechanismen, die bisher vor allem die Täter geschützt haben.

„Depressing because even in 2016 the narrative persists that young white men convicted of rape are being unfairly denied their potential bright futures. Encouraging because every time this happens, it feels like we get a little closer to exposing the framework of rape minimization and acceptance that supports incidents like these. This case has made it clearer than ever that we as a society condone rape by privileging men’s feelings over victims’ trauma—and more people than ever have objected.“

Ein Statement der Frau, die Turner vergewaltigt hat, wurde von Buzzfeed veröffentlicht. Anne Theriault schreibt in diesem Zusammenhang: „Ich möchte wetten, dass mehr als nur ein paar Männer den Brief des Opfers gelesen haben und ihnen schmerzhaft eigene Erinnerungen bewusst wurden – nicht das, was sie erlebt habt, sondern ihre eigenen Erinnerungen als Mann.“

Hast du schon mal ein Nein übergangen?

Viele Männer, so Theriault, würden selbst auf Partys gehen, um später am Abend mit einer Frau Sex zu haben. Und ja, spätestens an dieser Stelle setzt meine eigene Reflexion ein. Denn diese Absicht ist mir in einer gewissen Weise vertraut, wenn auch anders, als es vielleicht zu erwarten wäre. Denn eines war und ist mir stets heilig: Nein heißt nein. Immer. Doch erinnere ich mich auch an Gelegenheiten, bei denen mir meine eigene Akzeptanz eines „Nein“ zu schaffen machte. Die Tatsache, dass ich nach einer durchfeierten Nacht nicht bei einer Frau landete, ließ mich mitunter an mir zweifeln. Denn um mich herum sah ich nicht selten, dass diejenigen Männer „erfolgreich“ waren, die sich gelegentlich auch über ein Nein hinwegsetzten.

Insgeheim wusste ich, dass ich das Richtige tat. Dennoch waren die
Spielregeln häufig andere als meine. Das steht nicht jeder Junge und nicht
jeder Mann selbstbewusst durch. Daher ist es auch von so enormer Bedeutung,
dass wir unserem männlichen Nachwuchs unmissverständlich und frühzeitig
beibringen, was ein Nein bedeutet; nämlich ganz einfach: nein. Und dass es
keinesfalls ein Defizit ist, es dann dabei bewenden zu lassen, sondern Ausdruck
von Respekt und, ja, Männlichkeit. Dass sich auch der Wert eines Mannes oder seine Männlichkeit eben nicht daran bemessen, ob und mit wie vielen Frauen er Sex hat. Wir müssen ihnen sagen: „Deine Männlichkeit hat nichts zu tun mit der Bestätigung, die du von Frauen bekommst.“

Und wir müssen noch viel weiter gehen. Denn ein Nein kann so viele
Facetten haben. Anne Theriault schreibt dazu:

„Vielleicht hat er gedacht, dass jedes Ja als ein Nein beginnt, weil ihm das jemand gesagt hat, oder jeder Film und jede Serie, die er gesehen hat, eine Frau zeigt, die man beschwatzen oder mürbe machen muss, bevor sie dem Sex zustimmt.“

Es geht bei der Sensibilisierung von jungen Männern um Verantwortung und um die Einschätzung der Folgen des eigenen Verhaltens. Teresa Bücker schreibt in ihrem Artikel zum Fall Gina-Lisa Lohfink„Sexualisierte Gewalt schweißt uns als Frauen unfreiwillig zusammen (…).“  Und das gilt auch für uns Männer: Sexualisierte Gewalt ist für uns alle ein Thema, nur ist unsere Perspektive eine andere. Wir sind in der Regel Täter, also haben wir auch ein anderes Maß an Verantwortung.

Die Verantwortung der Männer

Unserer Verantwortung können wir auf unterschiedliche Arten gerecht werden, zum Beispiel, wie gesagt, in der Erziehung unserer Söhne. Aber wir können und müssen das auch und vor allem durch unser eigenes Verhalten tun. Und das schließt größtmögliche Sensibilität ein. Denn lieber bei fünf Gelegenheiten einen vorsichtigen Rückzieher gemacht, als auch nur einmal eine Grenze überschritten. Und ja: Das ist gar nicht so einfach, wenn Gefühle und
Hormone im Spiel sind. Doch Affektkontrolle ist in der Regel eine Fähigkeit, die uns vom (männlichen) Tier unterscheidet. Wir können das. Das Narrativ, von den eigenen Hormonen überwältigt zu werden und nicht anders zu können, müssen wir zurückweisen.

Es wird also Zeit, die Spielregeln von Liebe und Sex neu zu interpretieren. Dazu gehört die Übernahme von Verantwortung, und zwar ohne jegliche Konsens- Fantasien à la „Ich habe wirklich geglaubt, dass sie es auch wollte“. Und dazu gehört die Ablehnung jeglicher Interpretation eines verbal oder non-verbal geäußerten „Nein“. Ein Nein heißt nein. Und für die non-verbalen Zeichen müssen wir sensibler werden.

Vielleicht hilft uns bei der Lösung auch die Frage nach einem neuen „Ja“ als Gegenentwurf zum allzu oft missbrauchten, vermeintlich uneindeutigen Nein. Denn wenn wir sicher sein können, dass ein Nein jederzeit und ohne Dehnbarkeit der Bedeutung akzeptiert und respektiert wird, dann können
wir uns vielleicht wieder auf ein klares Ja einlassen. Und zwar auch dann, wenn
später doch noch ein Nein folgt. Wer ja zum Küssen sagt, kann nein zum Sex sagen – auch wenn das Ja nur wenige Minuten zurückliegt.

Ein Problem der Rape Culture ist, dass wir verlernt haben, Eindeutigkeit zu akzeptieren und das interpretieren, was unserem Wunschszenario entspricht. Ein „Hör auf“ ist eindeutig. 

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