Foto: AltSchool

Schule als Tech-Startup – im Silicon Valley wird die Bildung der Zukunft getestet

Max Ventilla, Entrepreneur und Ex-Google-Mitarbeiter, hat eine eigene Grundschule gegründet, die Kinder auf die digitale Welt vorbereiten soll. Wie innovativ ist sein Modell?

 

Eltern gründen Schulen

Immer wieder bewegen die eigenen Kinder ihre Eltern dazu, ein Unternehmen zu gründen. Max Ventilla ist noch einen Schritt weiter gegangen: Aus Unzufriedenheit mit den bestehenden Bildungsangeboten hat der ehemalige Google-Mitarbeiter gleich eine ganze Schule gegründet: die AltSchool. Dass Eltern Privatschulen gründen, ist nichts Neues. Neu an Ventillas Idee ist jedoch die wirtschaftliche Herangehensweise und die Integration von Technologie. Die Grundschule, die er 2013 in Kalifornien gegründet hat, soll besser auf die individuellen Bedürfnisse von Kindern eingehen können. Analog zu Google-Produkten, die von den persönlichen Präferenzen ihrer Nutzer lernen, soll auch die Schule gemeinsam mit den Kindern lernen und ihre Talente gezielt fördern.

Die AltSchool ist schon jetzt ein Unternehmen und darauf ausgerichtet, Gewinne zu machen. 21.000 Dollar kostet ein Schulplatz, Investoren, darunter Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, haben bislang 133 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt. Auch gewachsen ist die Schule schnell. 2013 begann die AltSchool in einem einzigen Klassenzimmer mit 15 Kindern, in diesem Jahr besuchen schon etwa 400 Mädchen und Jungen insgesamt acht verschiedene Einrichtungen in Palo Alto und San Francisco. Nummer neun soll noch in diesem Jahr in New York eröffnen.

Eine Schule, die mitlernt – und überwacht

Die Schule hat das digitale Lernen umarmt, vielleicht ein wenig zu sehr. Den Schülern stehen alle denkbaren Devices zur Nutzung zur Verfügung, sie können mit 3D-Druckern experimentieren, die Eltern werden per App über Lernfortschritte informiert, der gesamte Schulalltag wird mit Kameras und Mikrofonen aufgezeichnet. Die Kinder tragen Wearables, damit die Lehrer immer wissen, wo sie sich gerade aufhalten. Allein das klingt für Datenschützer beängstigend. Wie verhalten sich Kinder, wenn sie komplett überwacht werden? Erklärt wird die Aufzeichnung des Unterrichts mit dem Ansatz, auf jeden Schüler sehr persönlich eingehen zu können, indem man sein Lernverhalten genau analysiert.  

An erster Stelle steht bei der AltSchool, dass Kinder eigenständig lernen können und ihren jeweiligen Interessen und Talenten mehr Platz eingeräumt wird als in Schulen mit festen Lehrplänen. „Die Kinder sollen erfahren, dass sie ihre Bildung selbst in der Hand haben und lenken können”, sagt Ventilla. Dieser Ansatz passt besonders gut zum Silicon Valley, in dem viele prominente Studienabbrecher wie Steve Jobs, Mark Zuckerberg und Elizabeth Holmes erfolgreiche Unternehmen aufgebaut haben, und introvertierte Nerds, die jetzt als Coder arbeiten, sich noch gut erinnern können, dass sie im herkömmlichen Schulsystem keinen Platz hatten.

Bereiten Schulen noch auf die Zukunft vor?

Ventilla, selbst erst 35 Jahre alt, äußert die übliche Bildungskritik derer, die glauben, dass Schulen mit der digitalen Welt heute nicht mehr Schritt halten können. Schulen würden darin versagen, Kinder auf die Zukunft vorzubereiten, das ist seine Meinung. Seiner Ansicht nach verfolgen Schulen den Ansatz, alle Kinder hätten die gleichen Interessen und Fähigkeiten und würden sie auf diese Weise jedoch zurückhalten. Dass Ventilla nun versucht, individuelles Lernen bereits in der Grundschule zu ermöglichen, wirkt radikal. Er glaubt sogar, dass bereits die Wahl der Kita maßgeblich über den folgenden Bildungsweg entscheide. Amerikanische High Schools ermöglichen im Gegensatz zu weiterführenden Schulen in Deutschland schon lange eine stärkere Schwerpunktsetzung, mit der sich Jugendliche zielgerichtet auf Studien- und Berufswahl vorbereiten können. Das deutsche System setzt länger auf allgemeine Bildung.

Guter Unterricht macht Kinder neugierig auf die Welt. (Quelle: AltSchool)

Wie sieht das Bildungskonzept der AltSchool nun im Detail aus? Nun, umfassend. So viele Daten wie möglich sollen über jeden Schüler erfasst werden: Wie ist sein Leseverhalten? Wie seine mathematischen Fähigkeiten? Was kann man über sein Sozialverhalten aussagen? Ist ein Kind eher temperamentvoll oder eher ruhig? Entlang dieser Erkenntnisse designen die Lehrer wöchentliche Unterrichtspläne, so genannte „Playlists”, für ihre Schüler. Sie können zum Beispiel das Lerntempo anpassen und völlig neue Unterrichtseinheiten entwickeln, etwa zu einem bestimmten Buch, das ein Kind interessiert. Zudem können Eltern den Lehrkräften Hinweise darauf geben, was ihr Kind lernen soll. Die Kinder lernen also nur noch in einem losen Klassenverband und suchen sich die Form ihres Lernens selbst aus. Brauchen sie viel Ruhe, können sie sich in einen separaten Raum zurückziehen. Gruppenarbeit kann mit anderen Kindern verabredet werden. Die zwei Lehrer, die jede Klasse begleiten, haben mehr Zeit, auf Fragen der Kinder zu reagieren, als in herkömmlichen Schulen.

Innovation Privatschule?

Weniger Schüler pro Lehrer, eine bessere Ausstattung und kindgerechtere Lernmethoden sind auch in Deutschland die Hauptbeweggründe, wenn Erwachsene für Kinder Privatschulen gründen. Dass Kinder an nicht-öffentlichen Schulen mehr lernen, konnte bislang jedoch wissenschaftlich nicht belegt werden. Der Lernerfolg hängt vor allem von der sozialen Herkunft der Kinder ab. Was heißt: Wo Schulgeld bezahlt werden muss, haben die Kinder ohnehin schon gute Voraussetzungen für Erfolg in Schule, Studium und Beruf.

Die Idee von Max Ventilla ist aus diesem Grund nur auf den ersten Blick eine Innovation, bei genauerem Hinsehen ist sie jedoch eine große Enttäuschung. Ein gutes Bildungssystem braucht in jedem Fall mehr Personal für kleinere Kita-Gruppen und Schulklassen, es braucht jedoch vor allem mehr Inklusion und Vielfalt, nicht mehr Abschottung der Gutverdienenden von denen, die sich private Bildung nicht leisten können. Die brillante Idee, die man aus dem Valley erwarten würde, sollte genau das lösen, und nicht die soziale Spaltung im Bildungssystem verstärken. Zwar betont Ventilla, dass gute Bildung allen Kindern zugänglich gemacht werden sollte, sein Ansatz lässt dies jedoch nicht als sein oberstes Ziel erkennen.

Ventilla plant, sein Schulkonzept und insbesondere die zugehörige Technologie so weiterzuentwickeln, dass es an öffentliche Schulen verkauft werden kann; auf die Unterfinanzierung von Bildung, die zu den bestehenden Mängeln an Schulen führt, ist das jedoch keine Antwort. Wir warten daher weiter auf Ideen, die soziale und technologische Innovation vereinen. Allein privatwirtschaflich werden die großen Bildungsfragen ohnehin nicht zu lösen sein.

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