Foto: Links: Privat | Rechts: Marlen Müller

Melodie Michelberger: „Mode ist für mich Ausdruck meiner unangepassten Persönlichkeit“

Was muss Mode mitbringen, um sich darin gut und selbstsicher zu fühlen – und was sollte sich in der Mode-Industrie dringend ändern? Darüber haben wir mit Melodie Michelberger gesprochen.

 

„Ich würde mir wünschen, dass Mode in Deutschland etwas von seiner Steifheit verliert“

Die Wahl-Hamburgerin Melodie Michelberger kennen sicher viele von Instagram – aber wahrscheinlich vor allem als Mit-Gründerin der feministischen Plattform „Trust the Girls“. Zudem organisiert sie auch noch Panels, setzt sich für die Body Positive-Bewegung ein und ist eigentlich hauptberuflich als PR-Beraterin in der Modebranche tätig. Das klingt nicht nur nach sehr vollen Tagen und vielen spannenden Aufgaben – sondern macht sie natürlich auch zu genau der richtigen Frau, um mal ausführlich über Stil, die Möglichkeiten von Mode und über den wilden Klamotten-Mix ihrer Teenager-Zeit zu sprechen.

Dabei hat sie uns auch erzählt, woher sie in einem kleinen schwäbischen Dorf modische Inspiration bekam und bei welcher Erinnerung sie noch immer ein warmes Gefühl im Bauch bekommt.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben und wie bzw. wann hast du ihn gefunden?

„Ich bin in einem kleinen Schwäbischen Dorf mit knapp 1.000 Einwohnern aufgewachsen, mein ‚Fenster zur Zivilisation’ waren damals Zeitschriften, die mir mein Vater aus der Stadt mitgebracht hat. Ich habe es geliebt, Mode–Zeitschriften durchzublättern und mir aus den Modestrecken Collagen mit meinen Lieblingslooks zu kreieren. Irgendwann habe ich angefangen, mir diese Outfits auch nachzuschneidern. Ich habe mir alles selbst genäht, vom Mantel bis zum bodenlangen Kleid. Damals hatte ich eine Vision, wie ich gerne aussehen möchte und diese Vision hat sich bis heute mehr oder weniger gehalten. Natürlich mit kleinen Abzweigungen zu Grunge-, und Hippie-Looks in meiner Jugend.“

„Ich finde es wichtig, Menschen nicht aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbilds zu beurteilen und zu bewerten.“

Wie sah der Weg dahin aus, was hast du in deiner Teenager-Zeit besonders gerne getragen?

„Meine Teenager-Zeit ging Ende der Achtziger – ich bin 1976 geboren – los, deshalb war wirklich alles dabei, was man jetzt in Serien, wie ‚Stranger Things’ sieht und denkt ‚Oh-mein-Gott!’ Ich hatte eine voluminöse Dauerwelle und meine Haare vorne am Ansatz hoch toupiert – und am liebsten habe ich mich von Kopf bis Fuß in Bonbonfarben gekleidet! Und ich erinnere mich an eine Jeans in wenig schmeichelnder Karottenform mit seitlichen Leder-Schnürungen, die mir meine Tante in Stuttgart in so einem Trendladen gekauft hat, weil ich sie u-n-b-e-d-i-n-g-t haben wollte. Ich fühlte mich damit unglaublich schick. Dazu habe ich gerne Hemden mit Spitzeneinsatz und die Perlenketten meiner Mutter getragen. Ich weiß noch, wie ich damit in den Bus eingestiegen bin und mich so unglaublich schön gefühlt habe! Das ist irre lange her, es muss 1988 oder 1989 gewesen sein, aber an dieses gute Gefühl erinnere ich mich noch heute!“

Bild: Privat

1. Kleid von Sisley

2. Schal von Fraas

3. Stiefeletten von Ayede

Gibt es für dich so etwas wie eine Modesünde oder ist Mode eben immer etwas, das einfach bestimmte Phasen beschreibt und deshalb weder richtig noch falsch ist?

„Ich habe immer schon genau das angezogen, worauf ich Lust hatte. Damit habe ich schon in frühsten Kindheitstagen meine Mutter in den Wahnsinn getrieben! Mit dem geblümten Sommerkleid mit Rüschen durch den Schnee? Kein Problem! Der karierte Rock über die Thermo-Hose – let’s go! Aber mit Abstand muss ich über manche meiner selbst geschneiderten Kreationen durchaus auch schmunzeln. Ich hatte mir zum Beispiel mal ein türkisfarbenes, bodenlanges Kleid mit hohem Schlitz genäht, das wirklich sehr nach Arielle der
Meerjungfrau aussah – damit bin ich Anfang 20 tatsächlich auf Partys gegangen. Dazu hatte ich rot gefärbte, hoch gesteckte Haare und Plateau-Stiefel. Da es sich damals absolut richtig angefühlt hat, würde ich es nicht als ‚Sünde’ bezeichnen, aber noch einmal tragen muss ich es auch nicht!“

„Mode beschäftigt sich zwar mit dem äußeren Erscheinungsbild, Mode ist aber sehr viel mehr als nur eine Hülle. Mode unterstreicht den Charakter
 oder eine Stimmung – und Mode kann sogar politisch sein.“

Was trägst du, wenn es morgens ganz schnell gehen muss?

„Bei mir muss es eigentlich immer ganz schnell gehen! Deshalb trage ich am liebsten Kleider, da muss ich mir nicht so viele Gedanken machen, was ich noch dazu trage, wie bei einer Hose oder einem Rock. Einfach überstülpen und fertig! Dazu trage ich im Alltag meistens flache Stiefel oder Turnschuhe, vor allem weil ich alle Wege in Hamburg mit dem Fahrrad zurück lege! Damit habe ich mir schon so einige Schuhe mit Absatz versaut leider.“

„Mode ist doch ein oberflächliches Thema!“ Kannst du mit dem Satz etwas anfangen?

„Mode beschäftigt sich zwar mit dem äußeren Erscheinungsbild, Mode ist aber sehr viel mehr als nur eine Hülle. Mode unterstreicht den Charakter oder eine Stimmung – und Mode kann sogar politisch sein. Ich finde es total in Ordnung, wenn Menschen sich nicht für Mode interessieren und sich nur in Kleidung hüllen, damit sie nicht frieren und in unserer Gesellschaft funktionieren. Stigmatisierungen sind im Grunde immer der Versuch, Menschen, die man nicht versteht, in abwertende Schubladen zu stecken. Ich finde es wichtig, Menschen nicht aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbilds zu beurteilen und zu bewerten. Ich glaube Menschen, die sich nicht für Mode interessieren, oder für ein oberflächliches Thema halten, begreifen den Zauber und die Faszination an Mode nicht.“

„Ich sehe mich selbst gerne als bunte Wolke!”

Wie hängen für dich Mode und Identität zusammen?

„Mode ist für mich Ausdruck meiner unangepassten Persönlichkeit – und Mode macht mir vor allem Spaß. Weite Kleider in vielen Farben und mit großen Mustern betonen das, wofür mein Herz brennt – Freiheit und Liebe! Ich sehe mich selbst gerne als bunte Wolke!

Ich würde mir wünschen, dass Mode in Deutschland etwas von seiner Steifheit verliert und Mode zu einem anerkannten gesellschaftlichen Thema wird. In Deutschland ist Mode leider nicht seit jeher fester Bestandteil unserer Kultur, wie beispielsweise in Frankreich oder in Italien – und hat deshalb nicht den selben Stellenwert, wie Literatur und Musik.“

„Fast Fashion ist ein krankes System, das darauf beruht, dass wir Leute ausnutzen, die Umwelt ausnutzen, und das darauf aufbaut, dass wir
ausnutzen können!“



Bild: Privat

1. Jeans von Nudie Jeans (Fair Fashion)

2. Mantel von 2nd Day

3. Gemusterte Stiefeletten von Ted Baker

Was würdest du in der Mode-Industrie ändern, wenn du könntest?

„Wir brauchen ein neues Verständnis von Ethik und Moralität – ein Umdenken. Bis jetzt werden die Leute zu kleinen Arbeitssoldaten erzogen. Viele wollen nur deshalb viel Geld verdienen, um sich den Konsum leisten zu können, sich jede Saison in komplett neue Outfits zu hüllen. ‚Shopping’ sollte keine Freizeitbeschäftigung sein und Konsum sollte nicht an erster Stelle stehen.
Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen bei kleinen, lokalen Labels kaufen anstatt die immer gleichen, von Multimillionären geführten Unternehmen mit ihrem Kauf zu unterstützen.

Fast-Fashion großer Mode-Ketten lassen nicht nur die Innerstädte überall gleich aussehen, sondern beuten vor allem Menschen auf der anderen Seite unseres Planeten aus. Ich wünsche mir ein grundsätzliches Umdenken von der Modebranche Richtung fairen Arbeitsbedingungen und umweltschonenden Produktionsverfahren. Die meisten Menschen kaufen weit mehr, als sie brauchen, und schmeißen die Sachen schnell weg. So kann es nicht funktionieren. Fast Fashion ist ein krankes System, das darauf beruht, dass wir Leute ausnutzen, die Umwelt ausnutzen, und das darauf aufbaut, dass wir ausnutzen können! Darin gibt es keine Wertschätzung: für nichts und niemanden! Nachhaltigkeit und Fair- Fashion bekommen lange nicht die Aufmerksamkeit die nötig wäre, um wirklich eine Veränderung herbeizuführen.“

Hast du ein Power-Outfit, in dem du dich immer wohl und selbstsicher fühlst?

„Am Wichtigsten ist mir, dass ich mich in meiner Garderobe ohne Einschränkung bewegen kann. Irgendwo habe ich mal das Zitat gelesen ‚If you can’t dance in your outfit – don’t wear it!’ Wenn ich mich in einem Outfit nicht richtig bewegen kann, etwas kneift, die Strumpfhose bei jedem Schritt rutscht oder sonst wie etwas nicht optimal passt, fühle ich mich nicht wohl und fühle mich letzten Endes nicht sicher. Jede Frau, die schon einmal mit einer rutschenden Strumpfhose oder einem zu kurzen Oberteil bei einer Präsentation stand, versteht sicher, was ich meine.

Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich am Liebsten zu weit geschnittenen Kleidern greife! Ich trage sehr gerne die Mode von Reality Studio. Einem Berliner Label, das vor ein paar Jahren nach Portugal gezogen ist, um näher bei den Menschen zu sitzen, die ihre Kollektionen nähen. Die Mode des Labels ist modern und besonders, ich trage deren oft oversize geschnittenen Entwürfe zu jeder Gelegenheit, ob mit Turnschuhen im Büro oder mit Stiefeln zu einer Abendveranstaltung. Mir ist es wichtig, dass ich weiß, welche Menschen hinter dem stehen, was ich an meinem Körper trage.“

Gibt es ein Teil in deinem Kleiderschrank, das dir sofort gute Laune macht oder das du aus einem anderen Grund anziehst, wenn du mal einen schlechten Tag hast?

„Oh ja, es gibt definitiv ein paar Kleider, die mir immer sofort gute Laune machen, wie dieses rote Wollkleid mit über-großem Hahnentrittmuster vom Berliner Label Annitian, das du auch auf einem der Fotos siehst! Ich habe ein ganz großes Herz für plakative Muster! Man kann das Kleid mit oder ohne Gürtel tragen, und es ist sowohl beim Business-Termin, als auch beim Kaffee mit einer Freundin oder beim Tanzen im Club passend – ich finde es einfach fabelhaft! Ich empfinde es als großen Luxus mich in Kleidungsstücken zu hüllen, die mich täglich begleitet, als immerzu neue Kleidung zu kaufen.“

Bild: Marlen Müller

Hast du ein Signature-Teil (auch Accessoire), das du immer trägst oder auch eines, das dich schon sehr lange begleitet?

„Mein bekanntestes Signature-Teil, das mich schon seit Ewigkeiten begleitet ist höchst wahrscheinlich meine Frisur! Ich habe aber auch einige Kleider, die ich zu meinen Signature-Pieces zählen würde, wie z.B. dieses auffällig orange-blau-gestreifte Kleid von Rodebjer – insgesamt verfüge ich über eine überschaubare Garderobe. Ich überlege mir Neuanschaffungen sehr genau, ich kaufe nicht aus einem Impuls oder Belohnungs-Gefühl heraus. Am wichtigsten ist es mir, nur Dinge zu kaufen, die mich langfristig glücklich machen und nützlich sind, deshalb begleiten mich eigentlich alle meine Teile über einen langen Zeitraum. Für mich ist Shopping kein Hobby. Ich habe keine Zeit und keine Freude daran, stundenlang durch irgendwelche Läden zu rennen, Sachen anzuprobieren und am Ende Dinge zu kaufen, die mich nicht hundertprozentig überzeugen.“

„Ich mag Menschen, die unangepasst und mutig sind und sich unabhängig von Trends und der Meinung anderer kleiden – davon gibt es leider zu
wenige.“

Wenn du früher im Kleiderschrank deiner Mutter (oder auch deines Vaters) gestöbert hast, welches Teil hat dich da warum besonders angezogen?

„Schon seit Kindergartenzeiten trage ich viel lieber Kleider und Röcke, am liebsten bunt gemustert und in schönen knalligen Farben. Ich habe Stunden damit zugebracht, mir meterweise Stoff oder voluminöse Bettdecken mit Gürteln um meine Taille zu binden und damit durch mein Elternhaus zu laufen. Ich mag immer noch das Gefühl, von schwingenden Stoffen umhüllt zu sein! Meine Mutter hatte ein ganz besonders schönes 70er Jahre Folklore-Kleid bei sich im Schrank hängen, es war aus pinkfarbener Baumwolle, hatte vorne eine lange mit Stoff bezogene Knopfleiste und bunte folkloristische Blumen- Stickereien auf den Kimono-Ärmeln – ich würde dieses Kleid immer noch lieben! Leider habe ich noch nicht mal in meiner Jugend in das Kleid gepasst, es war sehr schmal geschnitten und so konnte ich es immer nur bewundern!“

Hast du ein Stil-Vorbild?

„Ich mag Menschen, die unangepasst und mutig sind und sich unabhängig von Trends und der Meinung anderer kleiden – davon gibt es leider zu wenige. Die meisten Menschen möchten mit ihrer Kleidung im besten Fall zu einer bestimmten Gruppe gehören, bestimmte gesellschaftliche Anforderungen erfüllen aber eher nicht auffallen, was ich persönlich sehr schade finde. Ich weiß, dass es vielen Menschen Sicherheit gibt, sich so zu kleiden, wie es gerade ‚in’ ist, nur leider geht somit die Individualität flöten und viele Menschen sehen aus wie die Kopie von jemand anderem.

Ansonsten bewundere ich Vivienne Westwood für ihr politisches und umweltpolitisches Engagement, abseits der Laufstege auf unbequeme Themen wie Fracking und Klimaschutz aufmerksam zu machen. Welche andere Designerin fährt schon im Panzer beim Premierminister vor, um gegen seine Fracking-Politik zu protestieren? Außerdem ist sie eine fantastische Designerin, die sich selbst treu bleibt und das über eine so lange Zeit.“

In was wird man dich definitiv nie sehen?

„Ich habe schon zu einigen Sachen gesagt, dass ich sie niemals tragen werden, und habe sie dann doch irgendwann getragen – aber definitiv nie wird man mich in einem schmalen Hosenanzug sehen! Hosen gehören allgemein nicht zu meinen bevorzugten Kleidungsstücken und Hosen-Anzüge mit schmalen Jacketts und schmalen Hosen geben mir alleine schon in der Vorstellung das Gefühl von Einschränkung und Zwang. Wenn ich in meiner Garderobe nicht entspannt Fahrrad fahren oder mich drehen und wenden kann, wie ich mag, dann fühlt es sich für mich nicht nach dem richtigen Kleidungsstück an.“

Bild: Privat

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