Foto: Mateus Lunardi Dutra – Flickr – CC BY 2.0

Hey Chefs, auch Väter wollen Zeit mit ihren Kindern!

Viele Väter berichten, dass ihre Unternehmen es ihnen schwer machen. Sie wollen mehr Zeit mit der Familie – und bekommen sie nicht.

 

Backlash der Präsenzkultur

Ich möchte einigen Chefs gegenüber sagen: „Go home, you’re old. Or stupid.“ Oder auch einfach entfremdet von dem, was die Welt lebenswert macht. Und von dem, was junge Mitarbeiter sich eigentlich wünschen und was sie glücklich macht. Das ist der Gedanke, als ich mich mit einem Freund unterhalte, der vor Kurzem Vater geworden ist. Er bestätigt mir das Klischee einer Unternehmenskultur, die noch durch und durch Old Economy ist. Wenn ich mit jungen Eltern rede, festigt sich bei mir das Bild eines Backlashs in Sachen Arbeitskultur, von der neuen Arbeit, ist da nur wenig in Sicht. Deutsche Unternehmen lieben ihre Präsenzkultur nach wie vor heiß und innig. Bei Eltern, wie mir scheint, ganz besonders.

Der Freund erzählt, dass bevor er Vater wurde, das Arbeiten irgendwie lockerer war. Home Office war kein Problem. Es musste sogar sein, weil er mit IT-Teams in Indien zusammenarbeitet und aufgrund der Zeitverschiebung zu den unterschiedlichsten Zeiten an Videokonferenzen teilnimmt. Gern auch mal kurz vor Mitternacht. Dafür gab es dann tagsüber mehr Freiheiten, auch was den Arbeitsort betraf. Urplötzlich, oder genauer gesagt, seitdem er Vater geworden ist, interessiert es sowohl seinen Chef als auch seine Kollegen brennend, von wo aus er arbeitet. Sie hätten ihn am liebsten ganz viel im Büro. Das soll nun ein Indikator dafür sein, wie sehr er sich in seinem Job reinhängt.

Modern denken reicht nicht

„Go home, you’re old“, denke ich vor allem, weil mich das Familienbild, das sein Chef haben muss, wirklich irritiert. Ich dachte, dass in deutschen Unternehmen auch die Manager über 50 in Don Draper und seinen Kollegen bemitleidenswerte Zeitgenossen sehen, und sich und ihre Unternehmen selbst meilenweit davon weg sehen. Sie sind es nicht. Die Babyboomer selbst – seien wir ehrlich – tun wirklich gern modern und aufgeschlossen und können moderne Ideen auch gut verkaufen. Solange es um ihre Firma, ihr Produkt, ihre Vision geht, versteht sich. Aber mit Familien macht man eben kein Geld. Jedenfalls kein direktes.

Nun, in der Generation der Babyboomer ist der Anteil der Frauen in Führungspositionen nicht der üppigste. Das hat wie überall nicht den Grund, dass die Frauen lieber Sekretärin geworden sind, als Aussteigerin an einem Strand in Goa leben oder sie weniger Bildung als ihre gleichaltrigen Männer genossen haben. In der Generation der Menschen, die heute zwischen 65 und 50 sind, gibt es noch viele Beziehungsmodelle, in denen die Frau für die Kindererziehung lange aus ihrem Beruf ausgestiegen ist, vielleicht nie zurückkehrte, und wie es so schön heißt: „ihrem Mann den Rücken freihielt“. Wer mit einem solchen Modell von Arbeitsteilung Karriere machen konnte und nun ganz oben in einem Unternehmen steht, dass sich wohl oder über auch mit Digitalisierung beschäftigen muss, der fühlt sich natürlich modern. Außerdem haben sie ja ein ziemlich schickes Haus, mit minimalistischer Einrichtung, junger Kunst und Weinen von jugendlichen Winzern. Dass dieser Wohlstand auch irgendwie darauf gründet, dass die Frau auf berufliche Verwirklichung verzichtet hat – Nebensache. Und er sich so modern fühlt, der merkt auch nicht, dass sein eigenes Bild von Familie und wie Mitarbeiter, die man als High Potential behandelt, weit von dem entfernt ist, was sich diese jungen Talente eigentlich wünschen.

Studien zeigen: Väter wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. (Quelle: Paul Kline – Flickr – CC BY-ND 2.0)

Er verdient, sie verdient dazu

Diese Chefs – ja, häufig Männer – können auch jünger als 50 sein. Die Old-Boys-Netzwerke ziehen sich dann eben doch auch Nachwuchs heran, der ganz ähnlich tickt wie sie selbst, und auch bei den 30 bis 40-jährigen sind die Familien mit dem Male Breadwinner gar nicht so selten.

Wie wirkt sich das nun auf den durchschnittlichen Vater aus? Die Situation von Müttern kennen wir: Sie ist oft nicht gut und führt häufig dazu, dass Frauen auch tatsächlich keinen Bock mehr haben, sich für den langweiligen Job entscheiden oder die Teilzeitstelle und viel glückliche Zeit mit Kindern verbringen. Väter wollen aber mehr und mehr (und das ist klug von ihnen) auch ein Stück von diesem Glück abhaben. Auch Männer finden Babys niedlich und bringen ihn gern neue Sachen bei. Außerdem tun ihre Frauen noch ein unerhörtes Ding: Sie arbeiten nach dem ersten, vielleicht sogar nach dem zweiten und nach dem dritten wieder in Vollzeit. Die ominöse Elternzeit ist ja auch für Väter da – sogar mehr als zwei „Vätermonate“ und neuerdings dürfen Männer sogar ihre Kinder aus der Krippe abholen. Genau da endet aber der Spaß für die Arbeitgeber: Ein Mann verabschiedet sich um 15 Uhr aus dem Büro? So ein fauler Sack! Und ja, er hat bevor seine Frau dick wurde super in seinem mobilen Office gearbeitet, aber neuerdings findet der Chef, dass junge Väter ja auch betreut werden müssen, im Büro, wo sie zur Not auch wütend auf den dicken Teppich stampfen können und sie niemand dabei hört.

Von neun bis fünf gesehen werden

In der Firma des Freundes, den ich kürzlich traf, gibt es nun seit Neuestem eine Präsenzkultur. Die so genannten Kernzeiten erinnern mich an die Präsenzkultur im Bundestag oder in anderen Behörden. 9.30 Uhr bis 17 Uhr, lieber noch ein wenig später. 

„Und wie wäre es, wenn ich um sieben oder um acht schon im Büro wäre?“, fragt der junge Vater. 

„Aber wer soll das denn kontrollieren?“, denkt sich der Chef, „Die 25-jährigen Kollegen schlafen da noch – und ich bin beim Squash.“ 

Geht also auch nicht. Die Kernzeiten, da das Büro ja die Krippe für den ausgewachsenen Mann ist, decken sich quasi mit den Kitazeiten. Das Kind aus der Kita abzuholen bleibt also Frauensache. Die Väter sieht man morgens, die Mütter am Nachmittag.

Wie kommt so ein junger Kerl, der Karriere machen will, auch auf die Idee, sich eine Mutter für sein Kind auszusuchen, die NICHT in Teilzeit arbeiten will? Und eigentlich soll der junge Vater doch auch irgendwann so viel Geld verdienen, dass die junge Mutter gar nicht mehr arbeiten soll, abgesehen von dem bißchen Haushalt. Mit dieser Haltung färbt der Chef dann auf die Kollegen ab. Und diejenigen Väter, deren Kinder schon ein wenig älter sind, sind unter dem Druck des Chefs so eingeknickt, dass sie nun brav im Büro präsent sind. Ihre Frau arbeitet noch 20 Stunden. Bei den Besserverdienenden reicht es für eine Nanny. 

Gut, auch diese Väter sehen irgendwie ein bißchen müde aus. „Sie arbeiten eben hart“, denkt sich der Chef, „zum Glück hält ihnen ihre Frau so formidabel den Rücken frei, sonst wären sie noch gestresster.“ Ob sie als abwesender Vater, eigentlich zufrieden sind, oder als Partner, der nicht unterstützen kann, hat der Chef noch nicht gefragt. Wer braucht schon glückliche Mitarbeiter, wenn die Stechuhr sagt, dass sie es jeden Morgen pünktlich ins Büro schaffen? Für Väter reicht es doch, wenn sie ihre Kinder am Wochenende sehen? Oder etwa nicht?

Nur in der Buchhaltung wundert sich ein Mitarbeiter, wozu die Kollegen nun alle Tablets und Smartphones haben, wo sie doch wieder so viel im Büro sind, und gar nicht mehr im Home Office. Alternativ täte es für das Geld schließlich auch ein kleiner Cocktailschrank mit polierten Whisky-Gläsern. Wenn schon 50er, dann aber richtig.

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