Foto: Swaraj Tiwari | Unsplash

Wie ich dem Tod den Mittelfinger zeigte

Lisa ist krank, schon ihr ganzes Leben lang. Eigentlich hatte sie sich mit ihrem Schicksal ziemlich gut arrangiert – bis plötzlich der Tod anklopfte.

 

Gestorben wird immer – aber nicht jetzt!

Es ist April im Jahr 2014. Meine Mutter verabschiedet sich von mir.
Ihr Gesicht ist ernst und ich merke, dass sie versucht nicht zu weinen.
Ich freue mich und denke: „In circa 45 Minuten bin ich wieder da, Mama,
mach dir keine Sorgen!“

Zwei Stunden später bin ich immer noch nicht wieder da. Und auch drei und vier Stunden später nicht. Ungefähr fünfeinhalb Stunden später wache ich auf. Meine Kehle ist staubtrocken. Die Ärzte haben mir ein neues Ventil gelegt und den Schlauch auf meiner linken Körperseite entfernt, um einen neuen zu legen, der entlang meines Brustkorbs führt. Endlich keine Brustschmerzen mehr, denke ich. Der Schlauch war so mit meinem Gewebe verwachsen, dass es bei der kleinsten Bewegung schmerzte. Wenn du dich reckst, geht dein Gewebe mit. Wenn in deinem Gewebe aber etwas steckt, was sich nicht mitbewegen kann, arbeite die beiden gegeneinander. Was höllische Schmerzen verursachen kann. Jetzt kann ich im Keller die Wäsche auf die Leinen hängen, weil ich mich endlich auf die Zehenspitzen stellen und meine Arme nach oben strecken kann. Wer
freut sich schon über Wäsche aufhängen? Aber ich denke: „Geil, Wäsche
aufhängen!” Meine Mutter weint. Ich weiß nicht wieso. Ich fühle mich
schrecklich, kann mich kaum bewegen und bin unglaublich schwach. Ich
weiß nicht wieso.

Normalerweise vertrage ich das Nakosemittel immer sehr gut. Ich führe meine Hände zu meinem Kopf und fühle zwei sterile Pflaster. Zwei. Moment, warum zwei Pflaster? Die Ärzte wollten eine Narbe am Kopf, die ich von meiner OP kurz nach meiner Geburt habe, einige Zentimeter öffnen. Da reicht doch ein Pflaster. Also warum zur Hölle zwei? Meine Hand geht zu meinem Bauch. Zwei Pflaster. Eins links, eins rechts. Moment. Was soll das Pflaster rechts? Die Ärzte wollten eine Narbe auf der linken Seite, die ich von einer früheren OP habe, einige
Zentimetet öffnen. Da reicht doch eins. Also warum zur Hölle zwei? Mir
fallen die Augen zu und ich schlafe in Sekunden wieder ein.

Mittelfinger, Klappe die Erste

Am nächsten Morgen erfahre ich, dass meine Mutter einen Nervenzusammenbruch hatte und meine Schwester kommen musst, um sie zu
beruhigen. Als man mich operieren wollte, hatten die Ärzte festgestellt, dass der Schlauch ungefähr ab der Hälfte der Länge porös geworden war und in 1.000 kleinen Einzelteilen in meiner Bauchhöhle zerstreut lag. Die beiden Ärztinnen erzählten mir später, dass sie mich aufgeschnitten, scheiße geschrien und mich wieder zu gemacht hätten. Sie berieten eine halbe Stunde bevor sie mich erneut öffneten und mich „kernsanierten“. 

Das Gewebe um meinen Schlauch war von Kalk umgeben. Um alle Einzelteile des alten Shuntsystems (der medizinische Begriff für mein Schlauchsystem) aus meinem Körper zu bekommen, mussten sie mich auch auf der rechten Bauchseite öffnen und nicht nur auf der linken Seite, wie ursprünglich geplant. Mein Ventil, welches direkt unter meiner Kopfhaut liegt, wollten die Ärzte ursprünglich herausziehen. Das war ein unmögliches Unterfangen. Schlussendlich haben sie es raus gefräst. Statt die angesagten 45 Minuten, lag ich über fünf Stunden im OP. 

Die Ärzte hatten die Schwestern auf der Neurochirurgischen Station gebeten, meiner Mutter zu sagen, dass Komplikationen aufgetreten seien und es deutlich länger dauern würde. Das hatten die nicht auf die Reihe bekommen. Meine Mutter saß im Raucherpavillon und wusste stundenlang nicht, ob ich überhaupt noch lebe. Die Oberärztin deutete mir gegenüber damals nur an, dass sie mich einmal kurz verloren hätten. Eine deutliche und ausführliche Antwort zu dem Thema bekam ich aber nie.

Mittelfinger, Klappe die Zweite

Es ist Mai 2016. Ich wache auf und kotze. Das tue ich jetzt schon den dritten Tag infolge. Innerhalb dieser drei Tage, habe ich eine Schale Hühnersuppe gegessen. Ich hänge an der Infusion, die Kochsalzlösung gibt meinem Körper Flüssigkeit. Mein Ventil hat sich verstellt und ist durcheinander gekommen mit den Einstellungen. 500 ml Gehirnwasser produziert der Körper eines Erwachsenen an einem Tag. Mein Ventil pumpt täglich eine bestimmte Menge Liquor ab, weil das aufgrund von Gehirnblutungen während meiner Geburt nicht mehr über den Rückenmarkskanal abfließen kann. Ich hatte vor einigen Wochen eine Erkältung. Wenn du krank bist, verbraucht dein Körper mehr Gehirnwasser. Das hatte mein Ventil irritiert. Meine linke Gehirnwasserkammer ist in sich zusammengefallen. Mein Gehirn liegt deshalb jetzt auf dem Trockenen. Bloß nicht hinfallen, heißt die Devise. Der Airbag für mein Gehirn ist sozusagen deaktiviert. „Wenn du jetzt einen Unfall baust, bist du Matsch.”, denke ich. Diesen Vergleich mit dem Auto-Airbag finde ich irgendwie gut und fast hätte ich über meinen eigenen Witz gelacht, aber da muss ich schon wieder kotzen. 

Sechs Stunden, drei Infusionen voller Schmerzmittel und sehr sehr vielen vollen Kotztüten später werde ich endlich in den OP geschoben. Die Nakose wirkt etwas zeitversetzt, weil die Wirkung sich nicht so rasch entfalten kann, durch die ganzen Schmerzmittel, die ich vorher genommen habe. Ich bin ziemlich drauf von der Menge Schmerzmitteln und sehe das erste Mal in meinem Leben einen Operationssaal. „Woooha, kraaaaaass!“, denke ich. Ich liege noch in meinem Bett und die Schwestern erklären mir, was sie als Nächstes tun würden. EKG, Elektroden zur Überwachung dran, bla bla bla, kenn ich! „Lisa, schräg hinter dir steht ein Tisch. Leg dich da mal bitte drauf.“ Ich gucke auf den Tisch. Und lache. Zumindest in meinem Kopf. Das Lachen findet nicht mehr den Weg zu meinem Mund. 

Ich starre nur noch ins Leere. Keine Ahnung, wie lange das so geht. Sekunden? Minuten? Ich nahm schemenhaft war, dass die beiden Frauen im OP tuschelten: „Ok, ich glaube, die schafft das nicht mehr alleine…“ In zwei Wochen schreibe ich die schriftliche Abschlussprüfung für meine Berufsausbildung. Ich habe Prüfungsangst.

Glück gehabt, Frau Mücklich

Ich wache auf und – habe einen Kranz aus Stoppeln auf meinem Kopf. Voller Panik fühle ich an die rechte Seite meines Kopfes. Die Ärzte hatten überlegt, mir auf der rechten Seite ein zweites Ventil zu legen, für die rechte Liquorkammer. Mein Körper soll nicht so geizen. Teilen macht Spaß, denke ich. Offensichtlich dachten sich das auch die Ärzte. Mein Schädel ist glatt. Vorsichtig fühle ich hinüber zur linken Seite. Fuck, tut das weh.

„Na da haben Sie aber nochmal Glück habt, Frau Mücklich!“, der Arzt lächelt mich an. Ein toller Mann, der mir, ohne dass ich auch nur ein Wort sage, anmerkt, dass ich langsam aber sicher Angst vor dem bekomme, was dort in meinem Kopf ist. Etwas, was mir mein Leben nicht etwa leichter macht, sondern es mir erst ermöglicht. Dass sich das Ventil verstellt, könne jeder Zeit wieder passieren, meinen die Ärzte. Ich bekomme Angst. Wäre ich eine Katze, hätte ich ja immerhin noch fünf Versuche, nach diesen zwei Patzern. Aber ich bin keine verdammte Katze. 

Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut! Ich habe beschissene Venen und
es ist echt die Hölle mir Blut abzuzapfen. Und die Nachtschicht der
Station 3B in der Kinderklinik tut mir wirklich leid, weil sie mich
ständig wecken und den Alarm für die Herzfrequenz am Monitor ausschalten
 müssen. Mein Ruhepuls liegt bei 29 bis 35. Das heißt eigentlich: halb tot.
 Aber ich schlafe gut. Und am nächsten Morgen wach ich auch jedesmal
wieder auf. Happy me. Ich lebe. Und ich lebe ehrlich gesagt gut mit
den scheiß Venen und der Herzfrequenz einer Halbtoten. Nur dieses Ding
in meinem Kopf, dieses Ding, wegen dem ich lebe, macht mir Angst. Mein
Körper hat diesen Fremdkörper akzeptiert. Das hat eine Weile gedauert,
aber schlussendlich sind die beiden doch noch soetwas wie Freunde
geworden. Ich war immer ein guter Kumpel für mein Shuntsystem. Es war
eben da und so schnell verschwindet es nicht. Also wurden wir einfach
Freunde. ich meine, warum auch nicht? Könnte ja interessant werden. Aber
diese beiden Operationen, diese beiden Patzer, haben mich und meine
Einstellung zum Leben verändert.

Das Leben ist zu kurz, um zu zögern!

Du bist kein Egoist, nur weil du öfter mal an dich denkst. Du bist
kein schlechter Mensch, nur weil du Fehler machst. Du bist nicht falsch,
nur weil du Fehler nicht bereust. Du musst dich nicht erklären, nur
weil dich Menschen nicht verstehen. Mach das was dir gefällt, was deine
Persönlichkeit wiederspiegelt. Sei du selbst. Im Job, im Freundeskreis,
bei deinem Partner. Das Leben ist zu wertvoll, um jemand anderes zu sein.
Und wenn du Dinge aufgeben musst, um etwas neues zu wagen, um jemand anderes zu sein, dann tu es. Es muss sich richtig anfühlen, für dich. Nur für
dich und niemanden sonst. Das Leben gibt es nur einmal. Geh raus und
mach was draus.

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