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Warum eine gleichberechtigte Gesellschaft das Recht auf Abtreibung braucht

Zu wenige Informationen, keine gute Behandlung, Schamgefühle. „Meine Abtreibung hat mir gezeigt, dass wir noch weit von Gleichberechtigung entfernt sind“, sagt unsere Autorin Gollaleh Ahmadi.

Hallo, neue Freiheit!

Zu wenige Informationen, keine gute Behandlung, Schamgefühle. „Meine Abtreibung hat mir gezeigt, dass wir noch weit von Gleichberechtigung entfernt sind“, sagt unsere Autorin Gollaleh Ahmadi.

Ich war 21 Jahre alt, hatte gerade erst das Abitur absolviert und angefangen zu studieren. Ich lebte in einer fremden Stadt und hatte einen neuer Partner. Es war ein aufregender Lebensabschnitt: Ich fühlte mich frei, voller Vorfreude, ich wollte die Welt erobern. Die Schönheit des Lebens genießen, ich hatte mich an der Uni für Philosophie und Politik eingeschrieben und ich dachte, die Welt liege mir zu Füßen.

Und plötzlich war da ein positiver Schwangerschaftstest in meiner Hand. Die Gefühle sind mir heute noch genauso präsent wie vor 14 Jahren: Es fühlt sich an, als entgleitet einem der Boden unter den Füßen. In diesem Moment stellte sich alles auf den Kopf, meine perfekt von mir gestaltete, kleine Welt brach auseinander. Während ich mein Leben lang dachte, egal was passiert, würde ich die Kontrolle über mich und mein Körper zu haben, stellte ich nun fest, dass es nur eine Sekunde braucht, um diese vermeintliche Ordnung durcheinander zu bringen.

Nein, ich will nicht schwanger sein

Ich wollte noch nie Kinder haben und erst recht nicht so jung, unter diesen Umständen, ohne Ausbildung, ohne Arbeit. Ich hatte Pläne für mein Leben, bis zu meinem 30. Lebensjahr hatte ich alles durchdacht und feste Ziele gesteckt. Mein erster Gedanke war: „Ich will es nicht haben.“ So schnell wie möglich wollte ich wieder ,normal‘ sein, mich wieder so fühlen wie ich selbst. Ich wollte nicht schwanger sein. Es war wie ein Alptraum, nur leider einer, aus dem ich nicht einfach so erwachen konnte. Es war die Realität. Zwei Striche.

Also musste ich handeln. Zuerst wollte ich die medizinische Bestätigung, dass der Test tatsächlich positiv war. Ich rief meine Frauenärztin an und hatte keine Ahnung, wie sie zu meinen Gedanken stehen würde. Würde sie mich über meine Möglichkeiten beraten oder versuchen, mich zu etwas zu überreden, das ich nicht wollte? Bisher hatte ich bei ihr nur Schwangerschafts-, Fruchtbarkeits- und Babybroschüren ausliegen sehen.

Ich wusste zwar grob, welche Wege ich gehen könnte, schließlich war ich eine aufgeklärte junge Frau, doch was ich nicht wusste, war, wo ich mich beraten lassen und wie ich zu diesen Stellen kommen konnte. Nachdem ich meinen damaligen Partner informiert hatte, bat dieser seinen Hausarzt um Rat. Der wiederum vernetzte mich mit einer seiner alten Kommilitoninnen aus dem Medizinstudium. Ich fuhr zu ihr. Sie untersuchte mich und ja, die „Katastrophe“ war nun nachweisbar und zu 100 Prozent real.

Sie sagte mir, sie habe selten Patientinnen gehabt die so entschlossen gewesen waren und ganz genau wussten was sie wollen beziehungsweise nicht wollen. Die Pflichtberatung, die die deutsche Regelung zum Schwangerschaftsabbruch vorsieht, machte ich also bei ihr. Sie gab mit dann die Adresse von einem weiteren Arzt. Wir arrangierten einen Termin und drei Tage später war es soweit. Die Zeit bis dahin war wie Hölle. Ich fühlte mich fremd, konnte mich niemandem anvertrauen. Abtreibungsgegner – auch solche in meinem Freundes- und Familienkreis – waren immer sehr lautstark und bestimmten in meiner Wahrnehmung die Diskussionsebene des Themas. Das Internet war voll von Lebensschützern und ich schämte mich. Nicht für das, was ich vorhatte, sondern dafür, dass „es“ mir passiert war. Ich dachte damals, ich wäre die einzige aufgeklärte Frau, der so etwas passierte.

Alleingelassen in einer schwierigen Situation

Also stand ich allein da mit meinem Partner, meinem Körper voller Hormone und dem Gefühl, versagt zu haben. Erfüllt mit Angst vor dem, was passieren würde. Ich erinnere mich heute noch daran, als wäre es gestern gewesen: an die Gerüche der chirurgischen Instrumente, an den Arzt, der den Eingriff durchgeführt hat, und wie ich anschließend aus der Vollnarkose aufwachte in einem Raum voll mit weiteren Frauen, die natürlich nicht alle einen Abbruch hatten, wir aber dennoch im gleichen Raum untergebracht waren.

Die Schwestern waren unfreundlich und haben uns nur abgearbeitet. Der Arzt hatte einen sehr starken russischen Akzent, ich fühlte mich wie in einer sozialistischen Hinterhofklinik, mitten in Berlin-Prenzlauer Berg, und wurde das Gefühl nicht los, ich hätte etwas Verbotenes getan. Mein erster Gedanke war: Ich will hier raus. Laut Schwester hätte ich sowieso nicht länger als 20 Minuten da bleiben dürfen, also wollte ich so schnell wie möglich gehen. Das Gefühl von Einsamkeit, das ich im Moment des Aufwachens empfand, kann ich noch heute nicht in Worte fassen. Die Entscheidung an sich habe ich keine Sekunde bereut, auch heute nicht, 14 Jahre später. Noch immer bin ich der festen Überzeugung: Es war die richtige Entscheidung.

Was ich jedoch bis zum heutigen Tag bedauere, ist die Tatsache, dass ich große Schwierigkeiten hatte, an gute Informationen zu kommen, dass ich nicht wusste wohin mit mir und meiner Situation. Ich hatte Angst vor einer Schwangerschaftskonfliktsberatungsstelle, weil ich dachte, die Beratenden dort würden mich eventuell in eine Richtung beeinflussen, die ich nicht wollte. Ich wünsche mir heute, ich wäre besser beraten und behandelt worden. Ich wünschte, ich hätte bessere Recherche-Möglichkeiten gehabt: statt unzähliger Broschüren voll mit Infos zu Schwangerschaft und Kindererziehung – die alle richtig und wichtig sind – hätte ich gern eine einzige gefunden, in der ich mich über Abtreibungsoptionen hätte informieren können und über das, was mit mir und meinem Körper im Anschluss passieren würde. Und vor allem über die Tatsache, dass ich in dieser Angelegenheit nicht alleine war. Dass es – trotz Verhütung – Tausenden Frauen so ergeht und es vollkommen legitim ist, sich gegen das Muttersein zu entscheiden.

Schweigen über den Schwangerschaftsabbruch

Ich bedaure, dass ich 14 Jahre gewartet habem bis ich es meinen Eltern erzählt habe, denn dann hatte ich den Satz „dein Körper, deine Entscheidung“ schon damals von ihnen gehört. Ich wäre nicht so lange mit dieser Scham herum gelaufen.

Es dauerte viele Jahre bis ich erfuhr, dass es auch anders laufen kann. Dass, vorausgesetzt, die Schwangere findet die/den richtigen Ärzt*in, sie auch umfassende Informationen bekommen kann.  Dass man nicht in so einem intimen Moment mit vielen anderen in einem Raum aufwachen muss, sondern alleine in einem Zimmer mit Blumen, mit einer vertrauten Person. Dass die Ärztin danach zu dir kommt und dir sagt, dass du nicht allein bist, dass du Stimmungsschwankungen haben wirst und dich deshalb nicht wundern sollst. Dass du liegen bleiben kannst, so lange du möchtest, und erst dann aufstehst, wenn du dich danach fühlst.

Um die richtigen Ärzt*innen zu finden bzw. überhaupt eine*en Arzt/ Ärztin zu finden muss frau hellsehen können. Der einzige Ort (eine Website), auf der ich damals eine Auflistung von beratende und durchführende Ärzt*innen finden konnte, war die Seite von fundamentalistischen Lebensschützern. Auch heute ist die Situation kaum besser. Nach Paragraf 219a dürfen Ärzt*innen auf ihren Websites darüber nicht informieren und viele haben Angst, dass man überhaupt recherchieren kann, dass die Abbrüche anbieten. Wer will schon Hassmails bekommen oder protestierende Abtreibungsgegner vor der eigenen Praxis haben?

Selbstbestimmung für Schwangere

Die Entscheidung für einen Abbruch sollte jede Schwangere, egal welchen Alters, für sich treffen können – und zwar nur für sich und ihren eigenen Körper. Das nennt man Selbstbestimmung. Niemand sollte sich einmischen oder die Entscheidung beeinflussen. Nicht der Partner, die Familie, nicht eine Beratungsstelle, und erst recht kein Gesetz. Und auch das Recht auf Information sollte niemandem vorenthalten bleiben!

Ich blicke zurück und erinnere mich an jahrelange Selbstvorwürfe, Geheimniskrämerei und Scham. Diese Gefühle haben meine Lebensqualität lange beeinträchtigt. Ich fühlte mich allein und auch dumm, weil ich dachte, Verhütungspannen passieren nur wenigen. Ich sprach mit niemandem darüber, also gab es niemandem, der mir einen anderen Blick auf die Sache vermitteln konnte oder der sagte: „So wie dir geht es jedes Jahr vielen Frauen. Du hast das Recht, dich zu entscheiden. Über deinen Körper entscheidest nur du.“ Dass ich mich viele Jahre mit der Scham quälte, hätte durch mehr und bessere Informationen verhindert werden können.

Es passiert vielen, redet darüber!

Was ich mir aber am allermeisten wünsche, ist, dass mehr Menschen über ihre Erfahrung mit einer unbeabsichtigten Schwangerschaft sprechen würden. Warum muss das heute noch ein Tabu-Thema sein? Abbrüche und die Gespräche und Gedanken darüber, finden noch immer im Verborgenen statt –  als würden Frauen, die selbstbestimmt über ihren Körper entscheiden, etwas Verbotenes tun und müssten sich deshalb schämen.

Erst als ich selbst angefangen habe, über meinen Schwangerschaftsabbruch zu sprechen, habe ich bemerkt wie viele andere tatsächlich die Erfahrung gemacht haben. Wie auch ich dachten diese Frauen, sie seien damit allein gewesen.

Dass wir im Jahr 2018 mitten in Europa noch immer darüber diskutieren, welche Entscheidungen Frauen für sich treffen dürfen, dass wir die Hoheit über unseren Körper noch immer nicht zu 100 Prozent in der Hand haben, das ist der große Skandal. Denn wie wir wissen, ist den Abbruch ja nur straffrei unter bestimmten Voraussetzungen, aber noch immer Teil des Strafgesetzbuches. Und uns  wird das Recht auf Information verwehrt, es ist gar über Paragraf 219a gesetzlich verboten.

Auch bei Abtreibungen geht es um Macht

Und es ist auch ein Skandal, dass die Entscheidungen rund um die Selbstbestimmung von Schwangeren nach wie vorrangig von Männern geführt werden, die selbst nicht schwanger werden können: der Gesundheitsminister – ein Mann. Gesetzgebung und Justiz – männlich dominiert. Die Gesetze, die vorrangig Frauen betreffen – überwiegend von Männern gemacht. Sie treffen Entscheidungen über unsere Körper, Entscheidungen darüber, wie wir an wichtige Informationen kommen. Und dass unter diesen Entscheidungen die Selbstbestimmung von vor allem Frauen leidet, sie nicht gewährleistet werden kann, zeigt, dass wir noch ein langen Weg hin zu eine gleichberechtigten Gesellschaft haben. Ja, es geht um Macht – und zwar um die Macht über den eigenen Körper. Solange diese Macht für Frauen eingeschränkt ist, sind Frauen und Männer nicht gleichberechtigt.

Hinweis der Redaktion: Gollaleh Amadi ist Mitglied von Bündnis 90/ Die Grünen und Kommunalpolitikerin in Berlin.

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