Foto: Jessi Weiß | Journelles

„Eine gut eingerichtete Wohnung erzählt etwas über das Wesen der Bewohner“

Wie sieht der Alltag einer Interior Designerin aus, auf was achten diese Fachleute, wenn sie in eine Wohnung kommen und wie kann man seine Wohnung einfach aufhübschen? Die Innenarchitektin und Interior Designerin Alex Möhlmann hat Antworten.

 

„Für meinen Beruf braucht es viel Empathie!“

Der Erfolg von Wohnblogs und -magazinen zeigt, wie sehr das Thema (schönes) Wohnen uns derzeit umtreibt. Kein Wunder also, dass sich auch viele Menschen überlegen, wie sie diese Leidenschaft mit ihrem Berufsleben verbinden können. Aber wie sieht eigentlich der Joballtag einer Innenarchitektin und Interior Designerin aus, welche Skills braucht es neben einer Portion Kreativität und auf was achten diese Experten, wenn sie in eine Wohnung kommen?

All das haben wir Alexandra Möhlmann gefragt, sie ist studierte Innenarchitektin und Interior Designerin und arbeitet heute als Concepterin bei dem dänischen Möbelhaus BoConcept. Und nun wissen wir endlich auch, wie wir ganz einfach und ohne viel Geld unsere Wohnung umgestalten können.

Alex, du bist Innenarchitektin und Interior Designerin. Wie wird man das?

„Ich habe in Holland studiert, ein Jahr lang erstmal International Business and Management. Das war nicht mein Wunschstudium, sondern eher eine sichere Bank. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass das einfach gar nichts für mich ist – meine kreative Ader war schon immer da und ließ sich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr wegreden. Dann habe ich den Studiengang gewechselt und mich für Innenarchitektur entschieden. Später habe ich noch während des Studiums in einem Architekturbüro in Holland gearbeitet und dann ein Praktikum hier in Berlin absolviert – woraus später der Job entstanden ist, wegen dem ich hierhergekommen bin. Das war ein ganz kleines Architekturbüro, bei dem ich dann freiberuflich gearbeitet habe und die Chance bekam, an ganz unterschiedlichen Sachen mitzuarbeiten. Das waren spannende Einblicke.“

Heute arbeitest du als Concepterin für BoConcept – wie kann man sich deinen Aufgabenbereich vorstellen?

„Ich entwerfe Konzepte für Räume oder auch ganze Wohnungen. Es geht darum, dass man bei Bedarf eben nicht einen Stuhl oder einen Tisch kauft und dann wieder geht, sondern eine Expertise dazu bekommt, so dass ich dann gemeinsam mit dem Kunden ausarbeite, wie die Gestaltung in einem größeren Kontext aussehen könnte.“

Vom kleinen Architekturbüro zur großen Marke: Wie bist du dazu gekommen?

„Das hat sich eher zufällig durch eine Freundin ergeben, die bereits bei BoConcept gearbeitet hat und mich dann reingeholt hat, als es für mich in dem kleinen Architekturbüro nicht weiterging. Ich hatte gar nicht auf dem Schirm, dass das für mich eine Möglichkeit sein könnte – aber zum Glück habe ich es gemacht, denn der Schritt hat sich für mich super positiv entwickelt. Ich mache etwas, das mir absolut Spaß macht, und ich lerne viele spannende Leute kennen.“

Warst du auch froh, die Freiberuflichkeit mal hinter dir zu lassen? Denn die Unsicherheit schwingt da ja schon immer mit.

„Ja, auf jeden Fall. Direkt nach dem Studium nimmt man das ja erstmal gar nicht so wahr, was die finanzielle Unsicherheit auch für einen Druck auf einen ausübt. So richtig begriffen habe ich das auch erst in der Reflexion hinterher.“

Das kennt wohl jeder Freiberufler. Gab es aber auch etwas, das du am freien Arbeiten besonders geschätzt hast?

„Ja, auf jeden Fall! Man geht ganz anders an Projekte ran, wenn man ganz alleine für das Ergebnis verantwortlich ist. Und natürlich ist man hinterher umso stolzer, wenn dann alles gelingt.“

Wie sieht denn heute ein typischer Arbeitstag von dir aus?

„Erstmal treffe ich meine Kollegen und wir besprechen uns dazu, was ansteht, was gestern so passiert ist, ob es News zur Kollektion gibt und schauen uns gemeinsam die Zahlen an. Dann kommen auch schon die ersten Kunden rein, mit denen ich dann die nächsten Stunden beschäftigt bin oder ich fahre zu Kunden nach Hause und mache eine Beratung vor Ort, entwerfe gemeinsam mit ihnen Skizzen und wir überlegen, welches Konzept zu ihnen und in die Räumlichkeiten passen würde. Aber egal wo ich bin, ob im Showroom oder bei den Kunden zuhause, geht es bei mir eigentlich jeden Tag darum, Ideen zu entwickeln und das am besten Ad hoc (lacht).“

Eigentlich hast du also nicht einen, sondern drei Jobs. Ist das Erfüllung oder denkst du dir manchmal auch: Einer hätte auch gereicht?

„(Lacht) Ja, das stimmt einerseits, andererseits sind diese Jobs eigentlich kaum voneinander zu trennen – vielmehr komplettieren sie sich eher gegenseitig.“

Welche Eigenschaften muss man für deinen Job mitbringen – und welche davon ist deine ganz große Stärke?

„Natürlich muss man kreativ sein – viel wichtiger ist aber, dass du empathisch bist. Im Vergleich zum Architekturbüro, wo du den Projekten deine Handschrift verpasst, weil die Kunden genau das bei dir suchen, muss ich mich in meinem jetzigen Job komplett auf das Gegenüber einstellen. Da geht es nicht darum, was ich schön finde, sondern ich muss die Fähigkeit haben, hinter das zu schauen, was die Kunden sagen und den Wunsch, der dahintersteht, herausarbeiten. Das ist auch das, was mir so viel Spaß macht. Ich bin einfach ein offener Mensch, kann gut auf andere zugehen und spüre recht schnell, wo der gemeinsame Weg hinführen könnte.“

Kann man das denn lernen oder muss man das mitbringen?

„Ich glaube, das muss man mitbringen – denn das ist ja ein Prozess, der ohne Worte und auf zwischenmenschlicher Ebene abläuft. Andererseits bin ich auch davon überzeugt, dass das im Grunde fast jeder in sich trägt, man muss es eben wachkitzeln.“

War das schon immer dein Traumjob?

„Eigentlich wollte ich als Kind Architektin werden, denn ich habe mich immer gefragt, warum die schönen alten Schlösser nicht mehr gebaut werden und mein Plan war, das wieder aufleben zu lassen – bis mir dann klar wurde, ich habe gar keine Lust auf Statik, Hochbau und die ganzen Konstruktionsthemen (lacht). Dann wollte ich noch mehr in die künstlerische Ecke und Restauratorin werden und habe in dem Bereich auch ein einjähriges Praktikum gemacht – aber auch das war nichts für mich, da ging’s einfach zu viel um Chemie. Auch wenn die Aufgabe an sich wahnsinnig schön ist. Aber dann bin ich, nach meinem kleinen Ausflug ins Business-Studium, relativ schnell zu dem Wunsch Innenarchitektur gekommen. Auch wenn damit ebenso klar war: Ich verabschiede mich hiermit von einer sicheren Existenz, denn das bieten kreative Berufe einfach nicht.“

Wird dein Job eigentlich manchmal unterschätzt? Also: „Ach die Alex, die richtet eben ein bisschen ein?“ Was sind schwere Aufgaben in deinem Job, die gerne mal vergessen werden?

„Ja klar, und dann antworte ich: ‚Sei erstmal kreativ! Mach das mal, so einfach ist das nicht.’ Die meisten schätzen einfach komplett falsch ein, was alles dahintersteckt. Es ist ja auch relativ schwierig, den Aufwand und das Know-How hinter einem kreativen Prozess ermessen. Wie lange es dauert und was es braucht, um eine gute Idee zu entwickeln, die funktioniert und einleuchtend ist, das verstehen viele, die nichts mit kreativer Arbeit zu tun haben, einfach nicht.“

Du hast mit einer Freundin auch noch das Projekt „annewand“. Magst du kurz etwas darüber erzählen?

„Ja, das stimmt, das machen wir beide noch neben unseren Vollzeit-Berufen. Wir kennen uns aus dem Studium und seit wir uns kennen, haben wir die Idee gehabt, gemeinsam ein Kreativ-Büro aufzumachen. Das heißt, Hilfestellung für Leute zu geben, die Lust haben, auch selbst etwas zu machen und bei denen vielleicht auch nur ein schmales Budget vorhanden ist. Etwa Startups, die eine Corporate Identity entwickeln wollen, aber denen einfach Zeit und Geld fehlen und die wir dann dabei unterstützen, Möbel zu entwerfen. Gerade machen wir das etwa mit einem Co-Working-Space am Moritzplatz – und das ist genau die Art von Projekten, die uns richtig Spaß machen.“

Auf was achtest du, wenn du in eine Wohnung reinkommst?

„Ich schau eigentlich immer zuerst darauf, ob das, was ich da sehe, zum Bewohner passt und ihn oder sie widerspiegelt. Und wenn ich die Menschen nicht kenne, versuche ich daraus zu lesen, wer dieser Mensch ist. Ich finde es ganz wichtig, dass es da eine Verbindung gibt – ganz gleich, ob ich das nun schön finde oder nicht. Ich würde da auch nie dran rummäkeln, denn wie man wohnt, ist etwas total Persönliches. Wenn du jemandem deine Wohnung zeigst, ist das, wie wenn du dich nackig machst.“

Und mit welchem Trick kann man vielleicht schon ganz easy und günstig etwas zum Positiven verändern?

„Einfach mal ein bisschen umstellen und mit den Dingen spielen, die man schon hat. Dabei muss man gar nicht so verbohrt denken, sondern sollte einfach mal machen und sich trauen, die Sachen neu anzuordnen. Manchmal reicht es, ein oder zwei Dinge auszutauschen und schon hat alles einen neuen Bezug zueinander. Es sind schon die ganz kleinen Dinge, die ganz viel ausmachen, wie auch der Klassiker: ein paar schöne Blumen (lacht).“

Wie wohnst du eigentlich und welches Stück liegt dir zuhause am meisten am Herzen?

„Wir haben ganz viel selber gemacht sowie den Boden und die Wände weiß gestrichen, um möglichst viel Licht zu haben. In unserer Wohnung sind ganz viele Teile, die ihre ganz eigene Geschichte haben und schon etwas älter sind. Ich würde auch niemals alle Möbel von einer Marke kaufen. Am liebsten mag ich mein Mid-Century-High-Board aus Dänemark, mit vielen kleinen Schubladen und zierlichen Füßchen – das ist ganz wichtig, denn ich mag keine schweren Schränke. Wenn ich daran vorbeilaufe, macht mich das glücklich.“

Und zu guter Letzt: Was wäre dein absolutes Traumprojekt?

„Oh, das ist schwer. Aber ich glaube, das wäre tatsächlich ein Projekt, bei dem ich totale Narrenfreiheit hätte und die Auftraggeber sagen: Hier hast du den Blanko-Scheck und du kannst die nächsten zwölf Monate machen, was du willst – ohne dass ich mit jemandem Rücksprache halten muss. Oder einfach mal mit einem Riesenpulk von verschiedensten Kreativen etwas aufbauen, das muss kein Wohn-oder Arbeitsprojekt sein, vielleicht sogar ein Event, und jeder schmeißt sein Know-How mit rein. Daran hätte ich großen Spaß.“

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