Foto: Jan Vetter

Amina: „Wir müssen nicht alle die gleiche Meinung teilen, um in einer Partei aktiv zu sein“

Die 26-jährige Amina Yousaf kandidiert für den Stadtrat in Göttingen. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, warum sie sich politisch engagiert und ob Kommunalpolitik so verstaubt ist, wie das Klischee suggeriert.

 

„Parteien leben von engagierten Menschen“

Amina Yousaf ist doppelt engagiert: sie twittert und bloggt über politische Themen und bringt ihre digitale Expertise in den Ortsverein ein, ist aber auch im Straßenwahlkampf in Niedersachsen anzutreffen, denn sie kandidiert gerade als eine der jüngsten Kandidatinnen für den Stadtrat in Göttingen, um sich noch stärker in die Kommunalpolitik einbringen zu können. Die 26-jährige Studentin ist in Deutschland geboren, hat außerdem einen britischen Pass und familiäre Wurzeln in Pakistan. Neben den Themen Bildungspolitik und Netzpolitik, die sie besonders interessieren, beschäftigt sie sich daher auch immer mit einem Thema, das ihren Alltag beeinflusst: Rassismus

Im Interview mit EDITION F spricht Amina darüber, was sie motiviert hat, sich politisch zu engagieren, einer Partei beizutreten und was man als Kommunalpolitikerin verändern kann.

Wie erklärst du dir, dass die etablierten Parteien heute immer weniger neue Mitglieder gewinnen können?

„Ich bin der festen Überzeugung, dass die Annahme, die Menschen seien politikverdrossen, absolut falsch ist. Viele Leute interessieren sich für viele unterschiedliche Themen. Sie denken, dass sie in allen Punkten mit einer Partei übereinstimmen müssen, um sich zu engagieren. Ich kann aber doch in einzelnen Punkten guten Gewissens anderer Meinung sein und mich trotzdem der Grundidee zugehörig fühlen.“

Wann bist du das erste Mal mit Politik in Berührung gekommen und hast begonnen, dich dafür verstärkt zu interessieren?

„Ich habe mit 14 Jahren das erste Mal an einer Demo zum Erhalt der Gesamtschulen in Niedersachsen teilgenommen. Das war rückblickend wohl der Moment, wo ich anfing, mich politisch zu engagieren. Nachdem ich im dreigliedrigen Schulsystem eine Hauptschulempfehlung erhalten hatte, habe ich dann in einer neuen, anderen Lernatmosphäre mein Abitur gemacht. Diese Erfahrung hat mich geprägt und das beeinflusst mich bis heute.”

Hattest du Vorbilder, die selbst politisch engagiert sind?

„Mein Umfeld ist ziemlich politisch. Ich habe immer mit Menschen über Politik diskutiert, zum einen mit meinen Eltern, die zwar keine Parteimitglieder sind, aber trotzdem politisch interessiert sind. Oder Lehrer*innen und Mitschüler*innen während der Schulzeit. Ein Großteil meiner Freunde hat ein starkes politisches Interesse, wobei ich auch Freunde habe, die sich für Politik nicht interessieren. Ein konkretes Vorbild habe ich nicht, aber es gab und gibt immer Personen in meinem Umfeld, die mich inspiriert haben.“

Warum bist du in eine Partei eingetreten? 

„Ich habe in der Juso-Hochschulgruppe mitgearbeitet, ohne Mitglied einer Partei zu sein. In die SPD bin ich dann eingetreten, weil ich da am stärksten meine Erwartungen an eine solidarische Gesellschaft wiedergefunden habe. Ich möchte keine Chancengleichheit, ich möchte Chancengerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit ist für mich einer der wichtigsten Punkte, den wir durch politische Arbeit beeinflussen können. So richtig lange musste ich also nicht darüber nachdenken, dass ich mich in der SPD politisch zu Hause fühle.“

Wie kommt eine Partei an Menschen heran, die zum Beispiel keinen Zugang über Hochschulgruppen oder Familien und Bekannte finden?

„Parteimitglieder müssen mit den Menschen sprechen, ihnen zuhören und sie ernst nehmen. In Göttingen zum Beispiel haben wir unter dem Motto ,Vitale Ortsteile‘, abgekürzt VOTE, Rundgänge gemacht und dabei Vereine und Initiativen besucht und mit ihnen Problemlagen ermittelt. Auf diese Weise sind wir mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen. Dieses politische Engagement vor Ort ist unglaublich wichtig.“

Aktuell hört man von Parteiseite oft: „Kritisiert nicht, sondern tretet ein und macht mit.“ Machen es sich Parteien da nicht ein wenig zu einfach?

„Ich glaube schon, dass Parteien Selbstkritik üben, und überlegen, wie sie Menschen zum Mitmachen motivieren können. Parteien leben von engagierten Menschen, wenn diese wegbleiben, ist es ein Problem. Ich finde aber, dass es nicht nur eine Bringschuld der Parteien gibt, sondern auch eine Bringschuld der Bürger*innen. Friedrich Ebert hatte doch recht mit seiner Forderung, dass Demokratie überzeugte Demokraten braucht, also Menschen, die sich aktiv einbringen. Dies in einer Partei zu tun, ist eine Möglichkeit von vielen.“

Hast du eine Idee, was Parteien in Deutschland anders machen könnten, um wieder mehr Mitglieder zu gewinnen? Gibt es gute Beispiele von anderen Parteien in der EU oder auch Best-Practice-Beispiele von NGOs?

„Der Begriff „Parteien“ ist mir eigentlich zu abstrakt, denn alle Parteien bestehen ja aus Menschen, die sich in ihnen engagieren. Die Frage ist also eher: Was können die Parteimitglieder tun, um andere für eine Mitgliedschaft zu interessieren. Ich finde, da liegt die Verantwortung vor allem bei den Parteiorganisationen vor Ort, also zum Beispiel bei den Kommunalpolitiker*innen in den Stadträten und Kreistagen. Sie müssen für die Bürger*innen ansprechbar sein.

Wenn man dann merkt, dass jemand sich politisch einmischt, dann ist doch die logische Konsequenz ihn zu fragen ob er nicht mitarbeiten möchte. Ob er dann auch noch eintreten möchte, darf nicht entscheidend für die Mitarbeit sein. Man sollte nicht zu viel Druck ausüben, es muss eine freie Entscheidung bleiben.“

Wie sieht politische Arbeit konkret aus? Stimmen die Klischees über Ortsvereine?

„Das Bild eines Ortsvereins ist doch häufig so: Alte Männer sitzen in einem Nebenraum der Kneipe, trinken Bier, rauchen und knobeln aus wo ein Radweg langführen soll. Ich kann nicht sagen, ob es jemals so eine Art Ortverein gegeben hat, ich kann aber sagen, dass das heute bestimmt nicht der Fall ist. Ortsvereine sind nicht alle gleich, aber eigentlich trifft man immer auf nette Menschen, die sich freuen, dass man da ist und mitarbeitet.“

Was motiviert dich, dich auf kommunalpolitischer Ebene zu engagieren? Was kann man dort anstoßen?

„Ich glaube eine Stadt oder ein Kreis lebt davon, dass sich Menschen vor Ort engagieren. Schön ist, dass man bei kommunaler Politik schnell Erfolge sehen kann. Wenn beispielsweise eine Gemeindevertretung beschließt, dass ein Spielplatz erneuert werden soll, kann man das Ergebnis im besten Fall einige Monate später schon sehen. Ein anderes Beispiel: Die Stadt beschließt welche Baugebiete ausgewiesen werden. Diese Entscheidungen können das Leben und das Erscheinungsbild  einer Stadt massiv beeinflussen. Umso wichtiger ist es, dass man sich Gedanken darüber macht, wie sich eine Stadt entwickeln soll. Wir können hier gemeinsam das Leben in der Stadt, und in der Region gestalten. Kurzum: Kommunalpolitik schafft etwas Sichtbares.“ 

Wie viel Zeit investierst du aktuell in Politik? Wie viel Zeit wirst du einbringen müssen, wenn du gewählt wirst? Bist du in einer besonderen Position, weil du als Studentin vergleichbar viel Zeit hast?

„Ich investiere schon mehrere Stunden die Woche in meine politische Arbeit, im Schnitt dürften das so vier bis fünf Stunden sein. Im Wahlkampf ist es etwas mehr, aber das ist ja auch nur eine kurze Zeit. Sollte ich in den Rat der Stadt Göttingen gewählt werden, würde sich das mindestens verdoppeln. Da gäbe es dann wöchentliche Fraktionssitzungen, Ausschusssitzungen, Ratssitzungen und natürlich die Vor- und Nachbereitungen. Natürlich habe ich als Studentin etwas mehr Zeit als in Vollzeit Berufstätige, aber ich muss auch arbeiten, um mein Studium zu finanzieren.“

Wie gehst du mit inneren Konflikten um, etwa, weil du zu einem Thema eine ganz andere Meinung hast als der SPD-Parteivorstand?

„Zum einen glaube ich an die innerparteiliche Demokratie: Wir müssen nicht alle einer Meinung sein, um in einer Partei aktiv zu sein. Die Grundwerte sollten aber übereinstimmen. Ich bin nicht mit allen Entscheidungen, die der Parteivorstand trifft einverstanden, und es ärgert mich schon, wenn Dinge beschlossen werden, die ich für falsch halte. Aber das motiviert mich nur noch mehr weiterzumachen.“

Wünscht du dir, dass jüngere aber auch vielfältigere Menschen in der Politik sichtbarer werden, um auch Identifikationsfläche zu bieten?

„Absolut! Ein Parlament muss ein Abbild der Gesellschaft sein. Politische Gremien leiden häufig unter Männerüberschuss. Das muss sich ändern, wir brauchen mehr Frauen in der Politik. Ich glaube, bei der Besetzung von Kommunalparlamenten ist noch viel Luft nach oben.“

Ein Thema, das dich bewegt, auch, weil du selbst betroffen bist, ist Rassismus in Deutschland. Wird das Thema aus deiner Sicht mit dem politischen Stellenwert behandelt, den es verdient? 

„Das Thema ist präsenter geworden, mehr Menschen beschäftigen sich mit AlltagsrassismusDas Problem ist übrigens nicht nur Rassismus, sondern die zunehmende Fremdenfeindlichkeit. Wir sollten weiterhin darauf achten, dass rassistische Äußerungen nicht hoffähig werden, nach dem Motto: ,Das wird man doch noch mal sagen dürfen‘. Ich wünsche mir, das die Menschen sich nicht mit Hass begegnen.

Was kann Politik dazu beitragen, dass Rassismus für Menschen in Deutschland weniger alltäglich wird?

„Politik und Gesellschaft müssen sich heute die Frage nach institutionellen Rassismus stellen lassen, Racial-Profiling oder beispielsweise die polizeilichen Ermittlungen nachdem drei Neo-Nazis jahrelang durch die Republik gezogen sind und gemordet haben, sind Beispiele für ein Versagen. Politik ist in der Pflicht, sich mit Rassismus in den Strukturen zu beschäftigen und konkrete Änderungen herbeizuführen, die das in Zukunft vermeiden.“


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