Foto: Kristina Steiner

„Der Kunstmarkt hat sich verändert.“ So gründet man sein eigenes Kultur-Unternehmen

Mit einem Studium in Kunstgeschichte bekommst du entweder einen Job in einer Kunstinstitution oder du findest keinen Job. Diesen Schuh wollten sich die Kulturmanagerinnen Ana Karaminova und Katja Vedder nicht anziehen und gründeten einfach ihr eigenes Kultur-Unternehmen: art objective.

 

Konkurrenz spielt keine Rolle

Kunstgalerien gibt es, gerade in Berlin, wie Sand am Meer. Wie schafft man es da, sich als selbstständiges Kultur-Unternehmen einen Namen zu machen? Ganz einfach: Man leistet all das, was die Galerien und Künstler alleine nicht schaffen. Was genau das ist und wie man als Team auftritt, wenn man in zwei verschiedenen Städten wohnt, haben uns die Kulturmanagerinnen Katja und Ana von „art objective“ verraten.

Wie habt ihr beiden euch
kennen gelernt?

Ana: „Katja und ich haben uns 2014 bei einem Weiterbildungskurs für
Kuratorinnen an der Universität der Künste in Berlin kennen gelernt. In einer
großen Gruppe von Teilnehmerinnen wurde schnell klar, dass wir menschlich wie
auch beruflich zu einander passen und in dieselbe Richtung schauen. Wir sind beide sehr engagiert
und ergänzen uns durch unsere verschiedenen Qualifikationen. Das war, denke ich, das ausschlaggebende, warum wir im
Anschluss des Kurses recht unkompliziert beschlossen, unter dem
Namen ‚art objective’ zusammen zu arbeiten.“

Welche Qualifikationen sind das, durch die ihr einander ergänzt?

Katja: „Unserer jeweiligen Ausbildung entsprechend übernimmt Ana, die in Kunstgeschichte
promoviert hat, die Verfassung von Kunsttexten, Kunstanalysen,
Konzeptbeschreibungen, und die Herausgabe von Künstlerbüchern.

Meine Aufgaben liegen dagegen vor allem im Bereich des
Organisatorischen. Ich habe viele Jahre für eine große internationale
Kunstaustellung gearbeitet, die jedes Jahr etwa 250 Künstler aus 50 Ländern ausstellt.
Dort habe ich mich um alle Abläufe wie Ausstellungsaufbau, Technik und Eventmanagement
gekümmert. Auf diese Erfahrungen kann ich bei art objective gut
zurückgreifen. Außerdem übernehme ich bei uns die gestalterischen Tätigkeiten
wie das Grafikdesign, wenn es darum geht, den Künstlern bei ihren Portfolios zu
helfen oder unsere Website zu pflegen.“  

Ana: „Man sollte aber auch erwähnen, dass
wir auf ein großes Netzwerk von Kreativen – wie Grafikdesignern, Kunsttransporteuren,
Galeristen, Fotografen und Informatikern- zurückgreifen, um unsere
Arbeitsaufträge möglichst professionell zu bewältigen.

Was hat euch in euren vorherigen Arbeitsfeldern gefehlt, wodurch in euch der Gedanke
zur Selbstständigkeit gewachsen ist?

Ana: „Die freien Stellen in Kunstinstitutionen sind so wenig, oft schlecht
bezahlt und dazu noch so eng geschnitten in ihrem Aufgabenbereich, dass nur
eine freiberufliche Tätigkeit als Kulturmanagerinnen für uns sinnvoll war.“

Es ging euch also vor
allem darum, mehr Freiheiten bei euren Projekten zu haben?

Katja: „Seitdem
wir selbstständig sind, haben wir auf jeden Fall größere Freiheiten in unseren
Entscheidungen und sind deutlich flexibler in unserem Arbeitsalltag. Wichtig
ist aber auch zu betonen, dass für uns beide von Anfang an feststand, dass wir
uns nur als Team selbstständig machen.

Alleine freiberuflich zu arbeiten,
stelle ich mir noch einmal anders und anstrengender vor. Ana und ich konnten
uns während des Gründungsprozesses gegenseitig unterstützen und es ist ein
starkes Gefühl, dass wir gemeinsam unter dem Namen art objective auftreten.“

Euch gibt es nun
schon seit zwei Jahren. In dieser Zeit ist Ana mit ihrer Familie nach Frankfurt
am Main gezogen und Katja in Berlin geblieben. Wie könnt ihr als Team
funktionieren, wenn ihr in zwei verschiedenen Städten wohnt?

Ana: „Bisher hatten wir durch meinen Umzug keine großen Nachteile.
Katja und ich telefonieren jeden Tag miteinander, um unsere Termine und
Planungen abzusprechen. Durch meinen Umzug haben wir nun außerdem Kunden in
beiden Städten, was natürlich sehr vorteilhaft ist.“

Katja: „Frankfurt hat, wie Berlin, eine große und lebendige
Kunstszene. Da ist es toll, dass wir diese Brücke zwischen den beiden Städten
schlagen können und unser Netzwerk weiter ausweiten konnten. Wir haben aber darüber
hinaus auch Künstler-Kunden aus anderen Städten, wie Freiburg oder Hamburg, mit
denen wir telefonischen Kontakt halten oder uns besuchen.“

Ana: „Der einzige Nachtteil ist, dass Katja und ich nicht täglich gemeinsam
Kaffee trinken können.“

Denkt ihr, dass ihr euch innerhalb dieser zwei Jahre bereits einen
Namen in der Kunstszene gemacht habt?

Katja: „Bisher generieren wir die meisten unserer Kunden noch über
direkte Kontakte und Empfehlungen. Häufig werden wir zum Beispiel auf Vernissagen
vorgestellt oder durch unser Netzwerk auf spannende Kulturschaffende
hingewiesen.“

Ana: „In dem Bereich, in dem wir tätig sind, wird Vertrauen großgeschrieben.
Künstler sind sehr sensible Leute und da ist es wichtig, dass nach außen hin
deutlich wird, dass wir  respektvoll mit
unseren Kunden umgehen. Unser größtes Ziel ist aber vor allem art objective zu einem Namen
zu etablieren, mit dem man Zuverlässigkeit und Professionalität in der Kunst
und Kulturszene assoziiert.

Ich stelle es mir nicht so leicht vor, beruflich auf dem Kunstmarkt zu bestehen. Hattet ihr im
Vorfeld bedenken, dass eure Idee nach hinten losgehen könnte?

Ana: „Vor der Gründung und Veröffentlichung unserer Homepage haben wir natürlich eine kleine Marktforschung gemacht, um zu
sehen, wie es mit der Konkurrenz aussieht. Ziemlich erstaunt haben wir dann festgestellt, dass wir
niemanden finden konnten, der sich direkt mit uns vergleichen ließ. Selbst wenn es
aber ähnliche Firmen gibt, würde uns das nicht beunruhigen, denn Kunst und
Kultur und die Arbeit, die dahinter steckt, gibt es reichlich für alle.

Das ist das Schöne an unserem Beruf: wir sind nicht in der
Marktwirtschaft tätig, wo man sich mit den Ellbogen hochkämpft und die ganze
Zeit bestrebt ist, den anderen auszuschalten. Wir sind in der
Kreativwirtschaft. Bei uns zählt die Zusammenarbeit, sich gegenseitig zu
inspirieren
und zu bereichern. Schließlich macht jeder das, was er am besten
kann und holt sich Hilfe dort, wo er nicht weiterkommt. In diesem Sinne spielt
in unserem Arbeitsalltag Konkurrenz überhaupt keine Rolle, zumindest keine
negative.

Wodurch genau
unterscheidet ihr euch denn von den anderen Firmen und Kunst-Institutionen?

Katja: „Ich denke, dass unser Vorteil darin besteht, dass wir
schnell erkannt haben, dass sich der Kunstmarkt verändert hat. Viele Künstler
werden nicht mehr langjährig von Galerien vertreten. Ursprünglich war es so,
dass die Galerien vieles Organisatorische für ihre Künstler übernommen haben
und neben der Ausstellungs-Kurration auch die Kataloge und Texte für sie
produziert haben. Das ist in vielen Fällen heute nicht mehr gegeben. Außerdem wechseln
die Künstler schneller die Galerien oder wollen sich ungern vertraglich binden.

Indem wir den Künstlern eine
unabhängige Unterstützung auf Projektbasis anbieten, haben wir eine Marktlücke
gefunden. Galerien sind bei der Zusammenarbeit mit ihren Künstlern darauf angewiesen,
dass der Künstler oder die Künstlerin ihre Kunstwerke verkauft. Bei uns spielt
der Verkauf keine erhebliche Rolle, da wir uns vor allem um die Dinge kümmern,
die vor der Ausstellung anstehen. Außerdem müssen die Künstler uns im Gegenzug
auch keine Provision von bis zu 60 Prozent abgeben, wie es bei den meisten
Galerien üblich ist.“

Würdet ihr demnach sagen, dass bei euch eine intensivere und persönlichere
Zusammenarbeit mit den Künstlern möglich ist, als es bei den Galerien der Fall
ist?

Ana: „Man kann die Galerien auch nicht schlecht reden. Sie müssen
schließlich ihre Miete bezahlen und sind vom Verkauf der Werke abhängig. Was wir
anbieten, gilt vor allem dem, was die Künstler selbst nicht schaffen.

Wenn sich
beispielsweise jemand für ein Residenzprogramm bewerben möchte, es aber nicht
schafft, sich pünktlich ein Portfolio zu kümmern, dann kann er sich an uns
wenden und wir helfen ihm bei der Gestaltung und dem Bereiten der Inhalte,
indem wir Kunstanalysen der Werke anfertigen. Genauso helfen wir gerne, wenn
jemand eine gute Ausstellungsidee hat, aber Unterstützung bei der
Konzeptbeschreibung und Ausstellungsorganisation benötigt.“

Katja: „Man kann uns aber auch kontaktieren, wenn man
unabhängig von einer Galerie, einen eigenen Messestand mietet. Das ist mit
vielen logistischen Aufgaben verbunden, um die sich viele nicht kümmern können,
wenn sie die Zeit finden wollen, um Kunst zu schaffen. In solchen Situationen
kümmern wir uns dann um den Transport und die Hängepläne für die Werke und das
ganze Drumherum.“

Gibt es etwas, dass ihr gerne vorab über die Arbeit im Kunstbetrieb
gewusst hättet?

Ana: „Ich habe während der Zeit meines Kunsthistorischen Studiums
den Praxis-Bezug sehr vermisst. Man hat uns in dem Glauben gelassen, die
einzige Möglichkeit, dass wir uns später realisieren könnten, bestünde in Form
eine Anstellung in irgendeiner Kulturinstitution. Dass dies allerdings bei
weitem nicht die einzige Möglichkeit ist und dass die Stellen in den
Institutionen natürlich längst nicht für alle Studierenden reichen, habe ich
erst so richtig gemerkt, als ich bereits meinen Abschluss hatte.

Im Studium lernt man außerdem
keine Dinge wie das Aufsetzen von Rechnungen oder wie man Kostenvoranschläge
formuliert. Das habe ich dann in der Freiberuflichkeit mit auf den Weg
bekommen. Wenn ich damals im Studium bereits gewusst hätte, dass es auch andere
Wege gibt, um mit Kunst Karriere zu machen, hätte ich mir sicherlich viele
Sorgen erspart.“

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