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Auch Probleme dürfen baden gehen

Ob Stress mit dem Kollegen, Knatsch im Team, mangelnde Zusammenarbeit, misslungene Ergebnisse oder unbefriedigende Arbeitsbedingungen – der einzige und immer wiederkehrende Ausruf lautet: Alles klar, eine Problemlösung muss her! Jedoch folgen Problemlösungen bei der Arbeit viel zu oft einem eisernen und längst überholten Muster.

 

Denn meist lautet die Antwort von deinem Chef, Vorgesetzten oder Kollegen: „Sie haben ein Problem? Okay, dann bringen Sie doch bitte drei Vorschläge zur Problemlösung mit, dann sprechen wir darüber.“

Und genau das empfinde ich als Unding! Viel zielführender wäre es doch, wenn du mit deinen Problemen baden gehst. Ja genau, du hast richtig gelesen. 
Denn dieses Vorgehen der Führungskräfte, dass jede Problemansprache gleich mit wunderbaren Vorschlägen zur Problemlösung einhergehen muss, hat meiner Meinung nach nur einen Zweck: Es soll die Dauernörgler ausbooten, die über Jahre ganz bequem in der „Badewanne mit Quitscheentchen“ liegen und von dort permanent den Problemsee deines Teams kommentieren und erwarten, dass andere die Problemlösung übernehmen. Anstatt den Quenglern das Wasser abzulassen, führen viele Unternehmungen diese Art von „Problemlösung“ ein und gängeln damit diejenigen, die sich ernsthaft mit Problemen auseinandersetzen wollen.

Lass dir nicht den Mund verbieten

Aber dabei verkennen viele Praktizierende, dass sofortige Lösungsvorschläge zu verlangen die Menschen mundtot macht. Denn dann gehen die Mitarbeiter mit ihren Problemen überhaupt nicht mehr zum Chef, weil sie keinen Lösungsvorschlag für ihr Problem parat haben. Und unvorbereitet dürfen sie ja nicht mehr an seiner Tür klopfen. 
Oder – und das kommt deutlich häufiger vor – sie können nicht einmal klar benennen, wo genau das Problem liegt. Sie sehen nur, dass es im Gewässer trübe wird, es ist nur noch nicht sichtbar, wo und wie genau sich das Problem manifestiert. Wie sollen sie da selbst mit einer Problemlösung aufwarten?
Natürlich ist es keine Lösung, einfach stillzuhalten. Davon rate ich dir auch in jedem Falle ab. Was du brauchst – bei der Arbeit wie auch bei privaten Herausforderungen – sind Räume, in denen eine Verbindung zum Problem entstehen kann. Das sind Räume, in denen du dein Problem oder auch nur dessen Symptome ohne Angst anzusprechen und formulieren kannst. In denen du selbst eine klarere Sicht auf das Problem erhältst, aber auch andere Perspektiven einholst. Ein Kunde, eine Freundin, ein Außenstehender – die Menschen, die ein wirkliches Interesse an dir und deiner Situation haben und sich einbringen wollen, können dir helfen, dein Problem klar oder klarer zu sehen. Gemeinsam könnt ihr den Grund des Problems erforschen: Was kann alles dahinter stecken? Wer ist dafür verantwortlich? Welche Möglichkeiten habt ihr und wer kann diese umsetzen?

Ab in die Wanne

Jedoch besteht hier wieder die Gefahr, dass ihr in alte Schnellschussmuster verfallt, nach dem Motto: „Ach, das ist dein Problem – okay, dann löse es so …“ Aber auch nur deshalb, da ihr das Problem und vor allem dessen Ursache oft noch gar nicht richtig erschlossen habt. Mit der fixen Problemlösung schöpft ihr vielleicht ein paar deiner Problemsymptome ab – aber deine Problemwanne ist immer noch gruselig voll!
Deshalb gehe anders an dein Problem heran: Lege dich zunächst einmal so richtig in diese Wanne hinein. Bade in deinem Problem, suhle dich geradezu darin. Denn erst wenn du dein Problem aus allen Winkeln betrachtest, abwägst und dich damit verbunden hast, kannst du zu einer erfolgreichen Problemlösung finden.
Genau das öffnet den notwendigen Raum, dein Problem konstruktiv und mit lebendigem Blick zu betrachten. Schaffe Räume, in denen du gemeinsam mit anderen Menschen mit Inspiration die Probleme ergründest und dann die Chance ergreifst, hilfreiche Lösungen zu initiieren.

In der Tiefe tut es weh

Bei der Arbeit wird dir dein Vorgesetzter nun vielleicht entgegnen: „Schön und gut, aber wir brauchen doch ein lösungsorientiertes Denken!“ Dann sag ihm einen schönen Gruß von mir: Ich stimme ihm voll und ganz zu. Doch bevor ihr euch an die Problemlösung machen könnt, solltet ihr wissen für welches Problem! Denn was wir Menschen auf den ersten Blick erkennen können, sind häufig oberflächliche Problemsymptome.
Wir monieren beispielsweise: „Ich habe keine Zeit, meine Mutter anzurufen!“ Wie leicht wäre es da, eine oberflächliche „Problemlösung“ zu präsentieren: das eigene Zeitmanagement überarbeiten. Darf ich einmal lachen? Das ist eine tolle Problemlösung – nur leider für das falsche Problem! Denn während du aufwändig deinen Terminkalender neu strukturierst, bleibt der Anruf nämlich nach wie vor ungetätigt. Warum? Weil dich möglicherweise die Angst vor einem Konflikt mit deiner Mutter dazu verleitet, alles andere voranzustellen. Genau das erkennst du erst, wenn du dich traust in deinem Problem zu baden. Richtig einzutauchen mit allen Facetten – anstatt nur den Zeh hineinzutunken.
Darum wünsche ich dir, dass du deine Probleme privat und auch bei der Arbeit nicht einfach und bequem wegwischst. Sondern den Mund aufmachst und klar benennst: „Hier kommt etwas ins Strudeln.“ So kannst du entspannt mit deinem Problem in die Wanne springen – was es tausendmal effektiver abwaschen wird, als wenn du nur fix mit einer scheinbaren Problemlösung drüberschrubbst. Also, viel Spaß beim Planschen!

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