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Fillons freier Fall: das Ende eines elitären Europas?

Der steile Absturz des konservativen Präsidentschaftskandidaten François Fillon ist mehr als der individuelle Fall eines ambitionierten Politikers. Mit seinem Sturz werden gesellschaftliche Strukturen in Frage gestellt. Europa wird von Eliten geleitet. Es ist Zeit, das in Frage zu stellen

 

Dem konservativen Politiker wird vorgeworfen, nicht nur seine Frau, sondern auch zwei seiner Kinder mit zum Teil fiktiven Arbeitsplätzen in der Politik versorgt zu haben. Dafür entschuldigte er sich bei den Franzosen. Aber das Volk verzeiht ihm nicht. Er sinkt in den Umfragen.

Trotzdem hält er an seiner Kandidatur fest, wie ein ertrinkender am Rettungsring. Befindet sich Fillon im Recht oder legt sich also die Welt zurecht, wie sie ihm gefällt? Oder ist sie vielleicht einfach nicht mehr so, wie er sie kennt?



Der soziale Fahrstuhl funktioniert nicht über Leistung, sondern Herkunft

Überlegen wir einmal, was denn der Fehler im System Fillon war, wenn es sich nicht um Vorsatz handelte, sondern um den Missbrauch von Privilegien. Hier kommt der Versuch einer Analyse.

Zwar haben uns Wissenschaftler wie Bourdieu und Foucault bereits schon vor langer Zeit darauf hingewiesen, dass in unserem europäischen (Bildungs-)System Eliten bevorzugt werden, aber ob das etwas geändert hat, ist eine andere Frage. Schauen wir uns doch einmal um, aus welchem Stall unsere MinisterInnen, MuseensdirektorInnen, BürgermeisterInnen, UnidirektorInnen, LehrstuhlinhaberInnen, TheaterintendantInnen in Europa kommen: Meistens nicht von unten, sondern von oben. Unsere Zivilgesellschaft verfügt über ein sehr homogenes Auswahlverfahren, das bestimmt, wer an welchen Platz kommt. Und die oberen Plätze werden eben meist nur in Ausnahmefällen von Menschen besetzt, die nicht aus den oberen Bildungsschichten kommen. Dieses
System wird heute von den Massen immer mehr in Frage gestellt.

Der französische Soziologe Geoffroy de Lagasnerie geht in seinem Buch „L`empire de l`université“ (deutsch: „Das Universtitätsempirium“) den Selektionsmechanismen der Universität als Bildungsmaschine nach. Dabei erklärt er in Bourdieus Manier, dass es sich auch bei der Universität nur um eine Gemeinschaft handelt, die ihre eigenen Auswahlkriterien hat, und in die keiner rein kommt, der das alteingesessene System stören könnte. Und dies ist auch in der Politik so: Männlich, weiß und diplomiert ist noch immer die beste Fahrkarte nach oben. Der soziale Fahrstuhl funktioniert nicht über Leistung, es braucht eben nur den richtigen Ausweis, um nach oben zu kommen.


Das Bildungsbürgertum ist eine intellektuelle Sackgasse

Florian Kessler, Lektor beim Hanserverlag, hat ein Essai geschrieben, indem er den Konformismus deutscher Nachwuchsautoren kritisierte. Er argumentierte damit, dass die Mehrheit der Autoren eben aus einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht kommt.
Das Essai erschien ursprünglich in dem Digitalverlag Mikrotext, der sich bemüht
Literatur auch aus den gesellschaftlichen Nischen in den Mittelpunkt zu stellen.
„Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ erklärt, wie das Bildungsbürgertum
sich selbst reproduziert und eben deswegen das bleibt, was es ist: Eine intellektuelle Sackgasse, in der nur die wohnen, die schon immer da wohnten.

Und genau diese Tatsache wird heute von den Massen zunehmend in Frage gestellt. Dies ist auch im Falle Fillons so. Das worldwideweb erlaubt es Menschen, deren Eltern keine Ärzte oder Diplomaten, bekannte Journalisten oder Bundestagspräsidenten sind, eine neue Vision von der Welt zu bekommen und herrschende Strukturen in Frage zu stellen. Schon lange können Menschen, die abgelegen auf einer Bergspitze oder in der Wüste leben, sich nicht nur über moderne Lebensstile informieren, sondern diese auch ausprobieren. Suhi wird heute nicht nur in Japan, sondern auch in Afrika gekauft, und Yoga macht man außer in Indien auch in abgelegenen Dörfern in Brandenburg. Informationen sind keine Privilegien von Klassen mehr, sondern allgemein zugänglich. Der Philosoph Raphaël Liogier behauptet, dass es keinen Krieg der Kulturen geben kann, weil wir weltweit schon längst dieselbe Kultur haben. Die Kanäle des Internets wie YouTube, Instagram oder Twitter bringen längst ihre eigenen Stars hervor. Und über diese wird immer breiter Bildung verteilt. Videos um Kochen oder Fremdsprachen zu lernen gehören längst zum Standard. Trotzdem bleibt den Massen der Zugang zur gesellschaftlichen Macht weiterhin verschlossen.


Europas revolutionärer Geist

Obwohl der Aufschrei immer lauter wird, hält das Bildungsbürgertum an seinen Privilegien fest. Dabei hat der Sturm auf die Bastille unserer Bourgeoise längst begonnen. Genau wie Fillon an seinem Wahlkampf, krallt sich die Oberschicht an ihre Vorteile. Dieser Widerstand hat in den USA dazu geführt, dass ein populistischer Politiker sich als Volksheld verkaufen konnte, um die Wahlen zu gewinnen. Hoffen wir, dass dies in Europa nicht der Fall wird. Statt an unseren Sonderrechten sollten wir lieber an unserem revolutionären Geist festhalten.

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