Foto: Bezalel Academy Jerusalem

„Bei uns wird kreiert“ – Mode im Land der Ungewissheit

Israel als Fashion-Hotspot? Mag erst undenkbar klingen, aber das Land hat schon eine erfolgreiche Geschichte hinter sich und schaut nun gespannt auf die Zukunft.

 

Jerusalem und Tel-Aviv als Fashion-Hotspots?

Denkt man an große Modemetropolen, kommen einem Städte wie
New York oder Mailand in den Sinn. Israel war für lange Zeit der Underdog.
Designer wie Yigal Azrouël und Elie
Tahari sind einer der wenigen Modedesigner mit israelischen Wurzeln, die
internationale Erfolge feiern und ihre Kollektionen regelmäßig in New York
präsentieren.

Tamara Yovel Jones, Leiterin des Fashiondesign-Studiengangs
der Bezalel-Acadamy in Jerusalem, bildet Jahr für Jahr die Kleidungs-und
Schmuckdesigner von morgen aus. Jedes Jahr sind etwa 170 Studenten für das
Programm an der Kunsthochschule eingeschrieben, die für vier Jahre lernen, wie
man Inspiration und Idee in Stoff Accessoires umsetzt. „Das Programm ist
anstrengend und die Studenten haben sehr viel zu tun“, sagt Jones über ihre
Fakultät. Aber das sei genau das, was ihr Programm von anderen unterscheidet,
„Viele meiner Studenten sind für ein Semester im Ausland und genießen die Zeit
in Italien oder Frankreich. Aber sie sind oft darüber verwundert, wie wenig sie
tatsächlich machen durften und das sie vieles hier schon gelernt hatten. Es
geht in den großen Schulen dort eher um das Präsentieren. Und bei uns arbeiten
sie mit den Händen. Es wird kreiert“.

Haben die Israelis nichts besser zu tun, als Fashion Shows zu organisieren?

Mode hat schon immer als Mittel des Selbstausdrucks fungiert
und war stets der Spiegel der Gesellschaft und der Menschen, die sie bekleidet.
Israelische Mode hatte in den 50er –und 60er Jahren ihre Blütezeit. Einwanderer
aus aller Welt brachten ihre Farben, Muster und Expertise in das neu gegründete
Land. Emigrierte Polen wussten wie das Geschäft funktionierte, weil sie damals oft
die Textilbranche in Europa gestemmt hatten. Warme Farben, die Tücher und
leichte Kleider verzierten und goldene Fußkettchen wurden sich von den Beduinenfrauen
der Negev-Wüste abgeschaut. Durch das stets gute Wetter boomte die
Bademodeindustrie in Israel förmlich und Lea Gottlieb, die aus Ungarn emigriert
war, wurde mit ihrem 1956 gegründeten Label „Gottex“ zu einer der
erfolgreichsten Bademodendesignerin und gilt heute noch als „Königin der
israelischen Mode“. „Durch die vielen verschiedenen Einflüsse wie Einwanderung
oder die Gegebenheiten des Landes, hatte israelische Mode damals was ganz
eigenes“, meint Jones.

Viele mögen in Hinblick auf die oft angespannte politische
Situation im Land denken, dass Israelis wahrscheinlich besseres zu tun hätten,
als an Catwalks, Previews und kommende Sommerkollektionen zu denken. Das „Shenkar
College of Engineering and Design“ ist neben der Bezalel eine weitere
Anlaufstelle für aufstrebende Designer in Israel. Vor zwei Jahren passierte es
tatsächlich, dass dort die Abschlussshow, in der Studenten ihre Arbeit
präsentierten, von einem Sirenenalarm unterbrochen wurde. Die Veranstalter
waren unschlüssig darüber, ob sie die Präsentation absagen und die Gäste, unter
denen auch israelische Prominente saßen, evakuieren. Leah Perez, die Leiterin der
Veranstaltung entschied, dass die Show fortgeführt werden sollte. Die Studenten
hätten es verdient und es seien nur sehr wenige aus dem Saal gegangen, sagte
sie damals der New York Times.

Das Beste aus einer schwierigen Situation machen und den Tag
leben, als sei es der letzte. Meistens
stehen diese Sätze auf Karten oder bedruckt auf kitschigen Tassen. Aber genau das ist die Einstellung, die der Israeli an den Tag legt. Der politische Konflikt,
der seit Staatsgründung das recht junge Land prägt, schleicht sich in vielen
Lebensbereichen im Alltag ein. Fashion Show und Bombenalarm? Eine Kombination
aus Begriffen, die man nur mit Ländern wie Israel assoziieren kann.

Der Weg in den Fashion-Olymp ist hier genauso hart wie woanders

„Mir ist es wichtig,
dass die Studenten originell bleiben“, sagt Jones, die seit Jahren in der
Akademie arbeitet aber auch schon junge Menschen in Italien ausgebildet
hat. „Wie in allen fortgeschrittenen
Ländern ist die Industrialisierung der Mode eine Hürde die aufstrebende
Designer überkommen müssen. Billigware ist eine Art von Konkurrenz die nicht
existieren sollte“. Der Weg sei hart und es sei ein täglicher Kampf seine
Authentizität nicht zu verlieren. Denn wie für andere junge Designer in New
York, Paris oder London, ist es für israelische junge Leute eine
Geldfrage. Material, Werbung, Alterier –
alles Dinge, in die man zu Anfang investieren muss. Etwa kostete die Teilnahme
an der Tel Aviv Fashion Week im vergangenen Herbst für Designer 40.000 Schekel
– umgerechnet etwa 9.000 Euro.

Hinzukommt, dass die Lebenshaltungskosten in Israel höher
sind als zum Beispiel in Deutschland, die Löhne jedoch niedriger. Tel Aviv ist
im Ausland vor allem durch ihre Startup–Kultur bekannt. Nach dem Silicon Valley
hat die Stadt am Mittelmeer die größte Gründerdichte weltweit. Der wachsende
Technologie-Sektor wird auch vom Staat subventioniert, die Modeindustrie
hingegen nicht – was laut Jones aber gar nicht so abwegig wäre: „In Spanien musste die
Regierung der Modebranche auch erst unter die Arme greifen, bevor sie richtig
florieren konnte.“ Wäre es in Israel nicht möglich? „Hier wird sehr viel Geld
für die Armee ausgegeben. Ein Standbein in der Modeindustrie zu setzen ist für
die Regierung hier irrelevant“. Aber davon lassen sich die Menschen hinter den Kreation
nicht beirren. „Die jungen Leute sind unheimlich passioniert und glauben an ihr
Werk, woran sie über Stunden und Wochen arbeiten.“

Erfolge kann die Modeszene auf jeden Fall schon feiern:
Designerin Dodo Bar Or verkauft ihre Kleidung unter anderem im Harrod’s
Kaufhaus in London und im KaDeWe und kleidet Stars wie Demi Lovato oder Bar
Refaeli ein. Lange luftige Kleider und Overalls mit simplen Mustern und dezenten
Applikationen an den Nähten lassen Bilder von hellen Sandstränden blauen Himmel
aufkommen.  

Jones ist optimistisch. Ihre Schützlinge würden den Sprung
ins Geschäft schon schaffen – auch wenn die öffentliche Unterstützung für junge
Designer noch begrenzt sei: „ Die Vielfalt, mit der Israelis aufwachsen sind,
kann ein Vorteil sein. Sie haben einen frischen Blick auf die Welt und sehen
jeden Tag als eine neue Chance.“   

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