Foto: Foto: Friederike Faber

Bergfest 2016 – was bringt die zweite Jahreshälfte in Sachen Vielfalt?

Das Jahr 2016 hat in Deutschland einen seltsamen Anfang genommen. Was in der Silvesternacht in Köln passierte, wurde in immer schrilleren Kommentaren und Meinungsäußerungen zu einer apokalyptischen Stimmung aufgeheizt. Muslimische Bürger_innen fühlen sich zu Beginn dieses Jahres ungemütlich in unserem Land. Man könnte sich Sorgen machen um die Grundwerte unserer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft. Schaffen wir es doch nicht?

 

Anfang 2016: in den USA wettert Donald Trump gegen die Naivität der Bundeskanzlerin, in den skandinavischen Ländern werden die Grenzen abgeriegelt, zahlreiche europäische Länder verschärfen den Ton gegen Geflüchtete, von den Entwicklungen in Polen und Ungarn ganz zu schweigen…  
 
ACT hat zu den derzeitigen Ereignissen eine sehr persönliche Haltung. Wir sind erstaunt über diese ganze überzogene Aufregung. Denn wir beschäftigen uns bereits seit Jahren im direkten und konkreten Alltag mit genau dieser Frage:
Was machen wir, wenn es mit Fuhad, Fayes, Shirin und Fatme «schwierig» wird? Was tun wir, wenn diese Kinder und Jugendlichen antisemitische oder frauen- und schwulenfeindliche Bemerkungen machen, wenn sie sich aufführen wie kleine Machos oder Gangster, wenn sie aufeinander los gehen und ganze Mobs aufeinander einprügeln?
 
All das haben wir in vielen Jahren immer wieder erlebt. Wir sind dahin gegangen, wo andere nicht mehr unterrichten wollten und wo viele gescheitert sind. Wir sind auch zunächst gescheitert, aber wir sind da geblieben. Wir waren teilweise erschüttert, manchmal persönlich verletzt, wir haben gedacht: Was kann man tun?
 
Wir waren überrascht, dass die Reaktion auf Konflikte und Stress mit migrantischen Jugendlichen in den Schulen fast immer zu mehr Verboten und mehr Sanktionen führten. Immer hörten wir: Da muss man hart durchgreifen! Aber wir haben erlebt, dass durch «hartes Durchgreifen» die Leistungen und das Verhalten gerade NICHT besser wurden, ganz im Gegenteil: Die Probleme nahmen dann zu.
 
Was wir erlebt haben, war immer dasselbe: Autoritär und immer autoritärer zu reagieren nützte gar nichts. Strafen, Belehrungen und Forderungen nach besserem Benehmen führten zu immer nur weiteren Eskalationen. Verurteilungen der «anderen Kultur» und Schuldzuweisungen verstärkten nur die Konflikte.
 
Zu Hause in unseren Prenzlauer Berg WGs wurden wir erstaunt belächelt: Was erzählt ihr denn da immer für «Räuberpistolen»? So schlimm kann’s doch nicht sein.
 
Wenn wir konkrete Situationen beschrieben, hörten wir so manches Mal: Du klingst ja jetzt wie Thilo Sarrazin! — Da verstummten wir und arbeiteten alleine weiter — in Klassenräumen, Aulen und Turnhallen, wo alles drunter und drüber ging und manchmal auch der ein oder andere Mohamed einen «kleinen Messerstich» abbekam. Alles Räuberpistolen… Es folgten weitere «harte Maßnahmen» und «Lektionen» — und nichts wurde davon besser.
 

«Thilo weiß nicht, wie es ist,
ein Araber zu sein.»,

Foto: Friederike Faber, aktuelle Produktion: HOW LONG IS PARADISE?
schrieb Rahid (12 Jahre) im Juni 2011.
 
Wir wussten es auch nicht, aber wir versuchten, es heraus zu finden. Wir merkten, dass es wenig hilfreich war, beleidigt zu sein, wenn unsere gut gemeinten Angebote nicht «ganz so dankbar» aufgenommen wurden, wie wir uns das zu Hause bei der Vorbereitung am Schreibtisch (ein bisschen selbstverliebt) gedacht hatten. Aber wer denkt denn auch, dass „ein paar Wochen Anstrengung und gutgemeinte «Hilfe» ausreichen“??
 
Wir mussten lernen, dass es eben nicht darum geht, dass uns jemand dankbar sein muss. Wir sahen notgedrungen ein, dass wir die Dinge nur gemeinsam auf einen konstruktiven Weg bringen können.


Also haben wir nach
konkreten Lösungen gesucht.

 
Wir haben Schritt für Schritt Konzepte entwickelt, durch die es uns möglich wurde, unsere eigene Betroffenheit (und Überheblichkeit) zu überwinden und darum zu kämpfen, jedes Kind und jede_n Jugendliche_n zu finden. Wir haben uns ohne Pathos die Aufgabe gestellt, «in der Zugewandtheit und in der Neugier zu bleiben». Nicht, weil wir Heilige sein wollten — sondern, weil wir gemerkt haben, dass man es anders niemals schaffen kann.
 
Wir wissen, dass eine gute Absicht alleine nicht ausreicht. Auch keine guten Vorsätze wie: Wir schaffen das. Denn die Geduld ist schnell am Ende, wenn Fuhad trotzdem «Gangster werden will». Man kann die Welt nicht an einem Tag verändern.
 
Deswegen arbeiten wir seit Jahren — bis heute — an konkreten Konzepten, die eine wirkliche Begegnung und eine wirklich konstruktive gemeinsame Arbeit möglich machen.
 
Wir haben dafür manchmal Zynismus und Spott geerntet. Wir seien doch naiv. Diesen Jugendlichen sollte man doch mal eine «ordentliche Lektion» erteilen. Was genau ist denn damit gemeint? Wir haben gesehen: Diejenigen, die «Lektionen erteilt» haben, erleben die Jugendlichen bis heute als «schwierig», bis heute als «kleine Gangster» — und schreiben sie ab.
 

Wir nicht.

 
Basierend auf dem Prinzip der Ermächtigung haben wir unbeirrt Konzepte zur Beziehungsgestaltung und zu Partizipation entwickelt. Für uns sind das keine leeren Worte. Wir sind über Jahre immer wieder in Situationen hinein gegangen und immer wieder gescheitert. Aber wir haben bemerkt, dass man im Scheitern am meisten lernen kann, wenn man darin Erkenntnis-Chancen wahrnimmt und unermüdlich weiter probiert, wie es besser werden kann.
 

Es wurde besser. Es wurde grandios.

 
Foto: Friederike Faber, aktuelle Produktion: HOW LONG IS PARADISE?

Wir haben erlebt, dass der Schlüssel zu wirklichem Fortschritt in ernst gemeinter Ermächtigung liegt und dass Ermächtigung nur in zwei Stufen erreicht werden kann:
 
1. Access (Zugang zu Wissen und Handlungsmöglichkeiten)
2. Empowerment (Eigenständiges Handeln und Denken ermöglichen)
 
Das sind für uns mehr, als nur zwei hohle Begriffe. Wir wissen konkret, wie wir das in der Praxis umsetzen können. Wir wissen aber auch, dass das einen längeren Atem erfordert.
 

Wir haben gesehen, dass es sich lohnt.

 
ACT ermöglicht inzwischen ununterbrochen kleine und große Erfolgsgeschichten – und zwar auf allen Seiten. Wir haben oft den Verdacht, dass wir selbst dabei am meisten lernen und am meisten von diesen Begegnungen profitieren (also wir: die „Kartoffeln“).
 
Wir haben gute Laune. Denn es ist ein Glück mit Fuhad, Shirin, Fayes, Yussuf, Fatima, Rahid zu arbeiten. Wir erleben Vielfalt jeden Tag als Glücksfall und wollen nichts anderes mehr machen.
 
ACT hat einen langen Atem und ein wirkmächtiges Konzept. Wir wissen jetzt: Wir können es tatsächlich schaffen. Und genau das haben wir vor.
 
Dafür brauchen wir die Unterstützung, den Mut und die Neugier von euch allen, die nicht gleich beim ersten Regenguss die ganze Reise abbrechen.

Wir wünschen Dir einen schönen Sommer und 
eine gute zweite Jahreshälfte!

… und brauchen dringend Deine Hilfe unter: https://act-berlin.de/dabei-sein/#foerdern


Foto: Friederike Faber, aktuelle Produktion: HOW LONG IS PARADISE?

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