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Berlin – ein Liebesabgesang

Berlin ist mehr als eine Stadt, Berlin ist ein Gefühl. Zwischen Liebe und Hass schwankend, fordert sie einem einiges ab und gibt doch viel. Berlin ist meine Familie, oft nervend und dysfunktional, doch es bleibt der Ort, der mir Geborgenheit gibt.

 

Berlin liebt oder hasst man, so wurde es mir damals prophezeit, als ich vor vielen Jahren hierher gezogen bin. Und es stimmt, Berlin lässt kaum Raum für Zwischentöne. Diese Stadt hat keine Geduld für Halbherzigkeit. Sie fordert, dass man sie lebt, tut man es nicht, zeigt sie einem die kalte Schulter. Wenn man länger hier wohnt, merkt man, dass man die Wahl zwischen Liebe und Hass nicht nur einmal trifft, sondern jeden Tag aufs neue. Oft hält die Liebe Wochen, oder sogar Monate an, dann dominiert wieder der Unmut und man will nur noch raus aus diesem Moloch, der einen zu zermürben droht.

Meistens liebe ich Berlin. Meine Liebe gilt der unendlichen Lebendigkeit und Kreativität, den Clubs und Bars, den vielen Restaurants, den unzähligen Veranstaltungen, den Lebenskünstlern, jedem einzelnen Bezirk, den Sommern und Seen, den Festivals und Konzerten, den Parks und den Bewohnern, der Freiheit und Vielfalt. Doch diese unendlich scheinende Freiheit, die ich liebe, die hasse ich manchmal auch in ihren Auswüchsen und Exzessen, die wie Geschwüre in der Stadt wuchern. 

Die Revolution frisst ihre Kinder und so ist das auch mit der Freiheit. Dann ist man plötzlich mit der Frage konfrontiert: wie viel Freiheit ist zu viel und kann es überhaupt zu viel Freiheit geben? Die Ausbeutungen der Freiheit sind in Berlin omnipräsent. Ich will nicht von zehn Dealern angesprochen werden, wenn ich am Schlesischen Tor aus der U-Bahn steige. Ich will nicht eine Treppe runter gehen und Angst haben, dass mir ein Durchgeknallter von hinten in den Rücken tritt. Ich habe die Nutten satt, die in der Kurfürstenstraße lauthals ihre Dienstleistungen anpreisen, von den Luden und Freiern ganz zu schweigen, die Menschenausbeutung offensichtlich als normal erachten. Ich bin genervt von den zugedröhnten und abgefüllten Partysüchtigen. Die Liste könnte ich endlos weiterführen. Ist das der Preis, den man zahlen muss?

Der Tanz zwischen Liebe und Hass in mir wird immer schneller. Hatte ich Anfangs noch monatelange Hochphasen, so werde ich nun fast täglich in einem Wechselbad der Gefühle hin- und hergerissen. Werde ich der Stadt langsam überdrüssig, oder ist es die Stadt, die sich so verändert? Vor einer Woche gab es einen Tag, der das Dilemma exemplarisch verdeutlicht. Morgens lief ich noch beschwingt durch den Park vor meinem Haus und die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel. Die Sommer in Berlin sind mit nichts anderem zu vergleichen und ich liebe diese Jahreszeit über alle Maßen. Während ich auf die U-Bahn wartend Pläne für den Tag schmiedete, hörte ich in einiger Entfernung eine Frau unverständliches Zeug schreien. Das Geschrei kam immer näher. In dem Moment, in dem die Frau mit ihren wirren Haaren und irrem Blick in mein Sichtfeld kam, konnte ich spüren, wie alle um mich herum exakt das Gleiche dachten wie ich; hoffentlich trifft es nicht mich. 

Mit somnambuler Sicherheit stakste sie prompt in meine Richtung, blieb vor mir stehen und übergoss mich mit Wortkaskaden ihres Wahn. Die Umstehenden wichen sofort ein paar Meter von uns ab und waren sichtlich erleichtert, dass sie verschont geblieben waren.  Ich hasste Berlin in diesem Moment und all das Elend, dass diese Stadt in sich birgt. Berlin erträgt Wahnsinn mit stoischer Gelassenheit.  Aber die Gelassenheit, die alle an Berlin so lieben, weil sie frei macht, kippt manchmal über und endet in einer kaltschultrigen Gleichgültigkeit. Es ist diese Gleichgültigkeit, die einen zur Verzweiflung treibt, denn sie lässt oft die im Stich, die wirklich Hilfe brauchen oder schaut weg, wenn die Zustände eigentlich ein Einschreiten erfordern. 

Berlin ist zu groß, zu voll, zu belagert, zu arm, um sich um Einzelschicksale wirklich kümmern zu können. Die Stadt verschluckt die Gestrauchelten und Gefallenen; sie gehen unter in der Masse. Doch manchmal bäumen sie sich auf, die Verdrängten, kämpfen sich an die Oberfläche und schreien uns ihr Elend ins Gesicht. In solchen Momenten kann ich Berlin nicht ausstehen. Das Leid verzwergt mich und macht mich hilflos. Es gibt keine einfachen Lösungen, weder für die Kriminalität, noch für das Elend. Berlin fordert mehr von seinen Bewohnern als andere Städte. Berlin schenkt einem unendliche Freiheit, aber das bedeutet auch, dass man Verantwortung übernehmen muss. Es liegt an uns, die Freiheit, die Berlin uns bietet, zu gestalten und das wird immer wichtiger. Es wird Zeit.

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