Foto: Depositphotos

Die 3 großen Missverständnisse über Power-Point-Präsentationen

Wie wird man zur erfolgreichen Führungskraft? Mit dieser Frage beschäftigen sich die drei Brüder Raphael, Severin und Alexis von Hoensbroech in ihrem Buch „Das Peripetie-Prinzip“.

 

Das Peripetie-Prinzip 

Eine Peripetie beschreibt den Moment im griechischen Drama, in dem die Handlung einen entscheidenden Wendepunkt erlebt. Ein großes Glück zum Beispiel, das den Lauf der Geschichte ändert. Diesen Moment wollen die Autoren des „Das Peripetie-Prinzip“ für ihre Leser heraufbeschwören. Die drei Brüder Raphael, Severin und Alexis Hoensbroech arbeiten in verschiedenen Branchen. Der eine als Regisseur, der andere als Konzerthausintendant und der dritte wiederum als Manager. 

Anhand von nützlichen Tipps, Tricks und Methoden, die sie in ihrem jeweiligen Feld gesammelt haben, erklären sie, auf verständliche Art und Weise, wie man es als Führungskraft schafft nicht nur zufriedene Mitarbeiter unter sich zu sammeln, sondern wie man sich auch persönlich weiterbilden kann. Einen Auszug aus dem Buch zum Thema Präsentationen stellen wir euch hier vor: 

Auf einer Bühne kann man sich nicht verstecken 

Des Redners liebstes Versteckobjekt ist allerdings die Power-Point­-Prä­sentation. Das Funktionsprinzip ist einfach: Die Power-Point­-Folie wird kurzerhand zum Hauptdarsteller erklärt, und der Redner ist lediglich der Assistent oder Vertoner seiner eigenen Präsentation. Das geht so weit, dass Redner sich hinter das Publikum stellen, damit sie dessen freie Sicht auf das Bild nicht behindern. Unterstützt wird dieses Verhalten von Technikern und Menschen in der Nähe von Lichtschaltern, die trotz der beeindruckenden Lichtstärke moderner Projektoren beim Starten eines Beamers sofort versuchen, maximale Dunkelheit herzustellen. Der Redner wird nur noch als Störer seines eigenen Vortrages empfunden, und das ist offenbar auch seine Selbstwahrnehmung.
PowerPoint­- Präsentationen beginnen üblicherweise mit einer Startfolie, auf der sich neben verschiedenen Logos meist der Titel des Vortrages und mindestens ein Untertitel befinden, ferner der Name des Vortragenden, das Datum des Vortrages, der Ort, an dem man sich befindet, die Zahl der Folien der Präsentation und die Ordnerstruktur der Ablage des Computers des Vortragenden. Die meisten Leute wissen, wo sie sich befinden und welches Datum heute ist, die Ordnerstruktur des Computers des Redners ist für die meisten Zuhörer von beschränktem Interesse und die Seitenzahl schlicht eine Bedrohung. In der Regel sind sämtliche Informationen auf diesen Start folien überflüssig – kurz: Kein Mensch braucht Titelfolien. 

Mir flößen sie sogar meistens Angst ein. Ich sehe die Folie, und etwas in mir zieht sich zusammen und sagt: „Uuhh – da muss ich jetzt wohl durch.“ Wohlgemerkt: Ich denke nicht: „Wow – jetzt bin ich aber mal gespannt!“ oder „Herrlich – jetzt eine Stunde zurücklehnen und gut entertaint werden!“ Die letztere Haltung meines Publikums brauche ich aber als Vortragender, wenn ich will, dass jemand etwas lernt, behält, mitnimmt und so weiter. Die Angst, die die Titelfolie auslöst, wird dann von der zwanghaft der Titelfolie folgenden Agenda-­Folienoch getoppt. Angeblich dienen Agenden der Struktur und dazu, dass das Publikum „orientiert“ ist. Spätestens bei Punkt 3.2.4 habe ich aber jede Struktur und Übersicht verloren, und auch der Redner merkt beim Vortragen seiner Agenda schon, dass er das eigentlich alles noch gar nicht sagen wollte, fängt an zu springen, redet schneller, und das ist dann bereits das dramaturgische Ende des Vortrages. Jetzt hört zwar keiner mehr zu, aber nun folgen die Folien mit den Inhalten, die üblicherweise eine Anhäufung von Bulletpoints (auf Deutsch: Spiegelstriche) sind. 

Ich werde häufig gefragt, wie viele Bulletpoints denn auf eine Folie dürfen. Fünf oder sieben oder zehn? Die richtige Antwort lautet: Keiner! Das menschliche Gehirn ist nicht dafür ausgelegt, sich Listen zu merken. Unser Gehirn funktioniert in Bildern, Strukturen, Geschichten – nicht in Listen. Das wird schmerzlich deutlich, wenn ich versuche, Inhalte einer Nachrichtensendung mit zehn Meldungen wiederzugeben. Mehr als drei bekomme ich ohne Gedächtnistraining nicht zusammen. Gleichzeitig weiß ich die unglaublichsten Dinge über Justin Bieber, obwohl Justin Bieber mich nicht im Geringsten interessiert. Mein Gehirn hat sich dennoch die ganze Geschichte
seiner letzten Verhaftung gemerkt. Es hat gelernt, und das ohne Auf-
wand, weil es eine Story war.  

Die Missverständnisse über Power-Point-Präsentationen 

Es gibt drei prinzipielle Missverständnisse über Power-Point­-Prä­sentationen: 

1. Der Vortragende ist lediglich Assistent seiner eigenen Folien (die er leicht verändert vorliest). 

2. Der Vortragende glaubt, alle Informationen müssten auch auf den Folien zu lesen sein (da diese gleichzeitig als Handout dienen). 

3. Der Vortragende glaubt, dass etwas, das gleichzeitig gehört und gelesen wird, besser erinnert wird, als wenn es nur gehört oder nur gelesen wird.

Das Problem beginnt bei Punkt 1 mit dem üblichen weißen Hintergrund der Folien. Solche Folien lassen sich zwar leichter ausdrucken und als Handout missbrauchen als Folien mit schwarzem Hintergrund, haben jedoch einen entscheidenden Nachteil: Das Auge wechselt nicht gerne zum Redner, da die Pupille die Blende vergrößern muss, was anstrengend ist und blendet. Im Schnitt blicken Zuhörer bei weißen Hintergründen zu über 70 Prozent auf die Folien, während sie bei schwarzen Hintergründen zu 70 Prozent auf den Redner
schauen. Wer ist der Hauptdarsteller, der Redner oder die Folie? Ich habe schon viele Redner erlebt, die inhaltlich Sklaven ihrer Folien waren, die ihren Punkt, ihre Story, ihren Bogen gar nicht erzählen konnten, weil sie ständig noch sagen mussten, was ja auf den Folien steht. Wird die Folie zum Notizzettel, hat sich der schöne Bogen oder die spannende Dramaturgie erledigt. Das Grundprinzip einer
gut erzählten Story ist ja, dass der Erzähler schon weiß, was kommt. Power-Point­-Folien sind weder als Notizzettel noch als Handouts geeignet. Viele glauben, sie würden Arbeit sparen, wenn die Präsentation zugleich das Handout ist. Das genaue Gegenteil ist richtig. Der Aufwand, sich bei jedem Satz zu überlegen, ob der noch auf die Folie soll oder nicht – denn eigentlich will ich es gar nicht sagen, es muss aber doch irgendwo stehen, wenn es ja ausgeteilt wird –, ist groß und führt zu überfüllten Folien. Wenn man dann noch den Grundsatz
berücksichtigen will, dass vollständige Sätze auf Folien nichts verloren haben (es sei denn, es sind Zitate, die dann aber auch genau so vorgelesen werden müssen, wie sie dastehen), ist das Scheitern garantiert.
 

Damit kommen wir zu Punkt 2: Wer verstanden hat, dass die Folie weder Notizzettel noch Handout ist, der hat auch begriffen, dass nicht alles auf die Folie gehört, sondern nur das, was seinem Vortrag dient. Und ja, liebe Unternehmensberater – das geht auch, wenn der CEO die Präsentation vorher sehen will: Weglassen ist nämlich nicht verboten. Worauf sich auf Folien also wunderbar verzichten lässt: Titel, Seitenzahlen, Logos, Quellenangaben, Sternchen mit Fußnoten – kurz: alle Informationen, die nicht auf die Aussage der Gesamtpräsentation einzahlen. Ich bekomme häufig Unternehmenspräsentationen zu sehen. Die ersten Folien erzählen meistens, wie viel Umsatz das Unternehmen macht, wie viele Mitarbeiter es beschäftigt, wie viele Standorte es hat und wo genau diese liegen, dann gibt es Angaben zur Historie, zum Gründer, zum präsentierenden Team und so weiter. Auf meine Frage, warum das alles präsentiert wird, bekomme ich meistens die Antwort: 

„Um die Leute zu informieren.”  

„Warum informieren?“  

„Damit die wissen, wer wir sind.“ 

–„Und warum?“  

„Damit die unsere Glasflakons kaufen.“ 

 „Und wofür müssen die dann wissen, dass der Neffe des Gründers 1893 in Ittelfing den zweiten Produktionsstandort auf­gemacht hat?“ 

„???“ 

„Und wofür müssen die wissen, dass die 500 Mitarbeiter auf zwölf Standorte verteilt sind, wobei zwei davon sich gerade noch im Aufbau befinden?“ 

Jede Aussage auf meinen Folien und in dem, was ich sage, muss auf die Botschaft und auf die Story meiner Präsentation einzahlen. So kann es durchaus sinnvoll sein zu zeigen, dass es über ganz Deutschland verteilt zwölf Standorte gibt, wenn ich damit sagen will, dass die Kunden nie weit fahren müssen, wenn sie die Produkte ab Werk kaufen möchten, oder dass schnelle Lieferzeiten garantiert werden können. Dann verwandelt sich Information in Botschaft. Information alleine ist überflüssig bis schädlich – es sei denn, es handelt sich um unterhaltsame Prokrastination oder nacktes Entertainment (was natürlich immer gut ist). 

Punkt 3 ist inzwischen wissenschaftlich widerlegt. Der Grund dafür, dass das gleichzeitige Lesen und Hören nicht hilft, ist eine Aufmerksamkeitsdiffusion. Ich lese eben nicht das, was ich gerade höre, sondern hänge noch hinterher oder lese schnell voraus, denn ich weiß ja nicht, wann der Redner klickt. Als guter Entertainer muss ich den Fokus kontrollieren – wie ein Taschendieb, der genau weiß, dass alle gerade auf das rechte Bein achten, um dann in aller Ruhe die Uhr
vom linken Arm zu klauen. Zerstreue ich den Fokus, überfordere ich die Aufmerksamkeit meines Publikums, und die Lernkurve sinkt. Damit meine Aussagen und Botschaften in den Gehirnen meiner Zuhörer haften bleiben, muss ich dafür sorgen, dass diese Gehirne auf der »Es gibt was zu essen«­Basis funktionieren. Die Psychologen nennen das »heiße Kognitionen«. In dem Moment, wo mein Gehirn anfängt, zu grübeln und zu analysieren, werden meine Kognitionen kalt. Heiß sind sie, wenn sie affektiv aufgeladen und emotionalisiert
sind. Deshalb muss ich erreichen, dass die Zuhörer an meinen Lippen hängen, nicht zu viel nachdenken und gemeinsame Bilder vor ihren inneren Augen sehen. Einsetzen kann ich dafür alles, was Aufmerksamkeit erzeugt, berührt, fasziniert, erstaunt, ärgert, begeistert – kurz alles, was emotionalisiert und das Aktivierungsniveau des Gehirns anhebt. Das gelingt am besten mit Geschichten, tollen Bildern, Filmen, Musik, faszinierenden Strukturen, Offenbarungen und echten Emotionen – und natürlich mit Sex and Crime. Es funktioniert nicht
mit Listen, Zahlenwüsten, Excel­Tabellen, rationalen Kausalketten, Inhaltsverzeichnissen, Titeln, Microsoft-­Clip­-Arts und Vielen­-Dank-
für-­Ihre-­Aufmerksamkeit­-Folien.

Zum Schluss noch eine gute Nachricht: 90 Prozent aller Präsentationen sind grauenhaft. Die Latte hängt also sehr tief. Natürlich braucht es ein wenig Aufwand für eine gute Präsentation – auf jeden Fall aber weniger als für eine schlechte.
 

Aus: Raphael, Severin, Alexis von Hoensbroech: „Das Peripetie-Prinzip“, MURMANN Publishers, 215 Seiten, 24,90 Euro.

Bild: MURMANN Publishers 

– In eigener Sache –

Severin von Hoensbroech ist außerdem auch bei der FEMALE FUTURE FORCE als Coach dabei und wird uns auch an unserem FEMALE FUTURE FORCE DAY, am 25. August 2018 im Funkaus in Berlin mit seiner Anwesenheit beehren und euch einen spannenden Talk geben. Hier könnt ihr noch Tickets für das Event ergattern.

Mehr bei EDITION F

PowerPoint war gestern – warum ihr jetzt andere Tools nutzen solltet. Weiterlesen

5 Tipps, die jede Präsentation sofort besser machen. Weiterlesen
 

„Das Beste was einem auf der Bühne passieren kann, ist eine Panne zu haben“ Weiterlesen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

About Zeen

Power your creative ideas with pixel-perfect design and cutting-edge technology. Create your beautiful website with Zeen now.

Weitere Beiträge
Richtig streiten: Wie Konflikte euch sogar stärker machen