Foto: Aikyou

„Kleine Brüste wurden von Lingerie-Marken lange behandelt, als würde ihnen etwas fehlen“

Keine Push-ups, keine Bügel, nur zarte Stoffe: Gabriele Meinl und Bianca Renninger haben mit Aikyou ein Unterwäsche-Label für kleine Brüste gegründet.

 

„Der Einzelhandel vertraut tendenziell auf Bewährtes“

Wer in Modeketten nach schlichten BHs ohne Polster und Bügel sucht, wird in der Regel enttäuscht. Schlichte, bequeme Wäsche ist dort Mangelware. Sehr zierliche Frauen kaufen ihre Unterwäsche tatsächlich in der Abteilung für Kinder und Teenager und geben jeden Geheimtipp untereinander weiter, wo es BHs gibt, die nicht darauf ausgerichtet sind, ihre Brüste größer wirken zu lassen. Gabriele Meinl und Bianca Renninger aus Karlruhe kannten dieses Problem selbst und wollten es nicht dabei belassen, dass schöne Unterwäsche für kleinere Busen ein Nischenprodukt ist. Sie gründeten 2011 ihr Lingerie-Label „Aikyou“ und haben sich erfolgreich damit auf dem Markt etablieren können. Ihr Sortiment umfasst mittlerweile sogar Prothesen-BHs für Frauen, die durch Brustkrebs ihre Brüste verloren haben.

Wir haben mit den beiden darüber gesprochen, wie sich die Wünsche von Frauen hinsichtlich von BHs verändert haben, wie sie ihre Designs entwickeln und was sie als Gründerinnen-Duo erfolgreich macht.


Gabriele Meinl (links) und Bianca Renninger lassen ihre Produkte fair und nachhaltig produzieren. (Bild: aikyou)

Ich habe mich als Frau mit kleinen Brüsten nie in einer Minderheit gefühlt – und auch nie unwohl. Dennoch wird der Markt von BHs mit Bügeln und Push-ups dominiert. Liegt das an der Nachfrage?

Gabriele Meinl: „Nein, jede Frau wünscht sich doch einen BH, der ihren Körper und ihre Vorstellungen möglichst genau berücksichtigt. Der Markt reagiert einfach langsam auf neue Bedürfnisse. Als wir Aikyou gründeten, wurden kleine Oberweiten vielfach so behandelt, als würde ihnen etwas fehlen, als müsste man sie erst mit Bügeln und Push-ups in Form bringen.“

In den letzten Jahren haben sich Schönheitsideale wieder aufgefächert, die Vielfalt von Menschen wird sichtbarer. Warum nicht im Bereich Mode für Brüste?

Bianca Renninger: „Auch wenn es im Mainstream noch nicht sichtbar ist: Es tut sich hier erfreulicherweise doch etwas, denn es gibt immer mehr neue kleine Labels. Diese gehen oft weg vom Standard hin zu individuelleren Bedürfnissen, und damit wird die Bandbreite an Formen und Stilen größer.“

Hält sich der große, feste Busen dennoch noch als Schönheitsideal?

Gabriele: „Die Sorge um die eigene Busen-Größe begegnet uns oft in Gesprächen und kommt meist irgendwann auf den Punkt, dass es die Männer sind, die angeblich vor allem große Busen schön finden. Diese Idee hält sich bis heute in den Köpfen vieler Frauen! Doch fragt man Männer, gehen die weit entspannter mit dem Thema um. Was genau macht einen Busen also attraktiv? Immer mehr Frauen finden die Antwort darauf, indem sie ihre eigene individuelle Schönheit entdecken. Kleine Brüste sind wunderbar, so, wie sie sind. Und so sehen das auch immer mehr Frauen.“

Ihr habt eine klassische Gründungsgeschichte: Euch fehlte selbst das Produkt, was ihr kreiert habt. Wie seid ihr weiter vorgegangen? Habt ihr mit vielen Frauen gesprochen und was waren die Rückmeldungen?

Bianca: „Genau. Wir waren überzeugt, dass noch mehr Frauen mit kleinen Brüsten etwas anderes wollten als den 200-Prozent-Push-up-BH. Denn es war auffällig, wie viele Frauen in unserer Umgebung eigentlich einen kleinen Busen hatten – ehrlich gesagt eine beträchtlich große ,Randgruppe‘! Und das Feedback auf unsere Idee lautete generell: ,So etwas suche ich schon mein Leben lang.‘ Und seither bekommen wir regelmäßig solche wunderbaren, enthusiastischen Rückmeldungen – die sprechen uns natürlich aus dem Herzen.“

Sprecht ihr auch mit Teenager-Mädchen? Wie nehmt ihr dort den Wunsch nach dem ersten BH wahr: Schön einkleiden, was da ist, oder gleich der Wunsch, „mehr“ daraus zu machen?

Gabriele: „Das ist unglaublich interessant. Bei den jungen Mädchen steht auf jeden Fall der hübsche, natürliche Erst-BH im Vordergrund. Oft sind es deren Mütter, die auf der Suche nach etwas Schönem auf uns stoßen und für ihre Töchter einkaufen. Wenn die Mädchen älter werden, greifen viele auch zu gepolsterten Modellen, um – Zitat – „auszuprobieren, wie es sich anfühlt, eine Frau zu sein“. Hier sieht man klar die Auseinandersetzung mit dem Schönheitsideal. Was uns aber sehr glücklich macht, ist, dass viele junge Frauen Anfang zwanzig dann wieder ganz selbstbewusst mit ihrer kleinen Brust umgehen und diese mit unseren BHs schön in Szene setzen.“

Kam über das Feedback von Frauen auch die Idee für den Prothesen-BH?

Bianca: „Ja, denn für Frauen mit einer Brustkrebserkrankung werden normalerweise BHs mit einer ganz starren, künstlichen Schalenform angeboten. Aber gerade Frauen mit kleiner Oberweite finden diese oft zu überdimensioniert, und wünschen sich stattdessen etwas, was kleinen Brüsten mehr entspricht, also zarter, feiner, weniger Stoff – trotz der speziellen Bedürfnisse, die ein Prothesen-BH eben erfüllen muss.“

Was macht einen guten BH für kleine Brüste aus?

Gabriele: „Ein Schnitt, der die die Schönheit kleiner Busen betont, statt eine künstliche Form mit Push-ups! Kleine Busen brauchen nicht so viel Halt – und also auch keine stützenden Bügel. Somit können doch auch alle Materialien zarter und bequemer sein. Wir verwenden zum Beispiel viel feinere Träger, flexible Unterbrustbänder und weiche Biobaumwolle, die sich dem Körper anpassen und fast nicht zu spüren sind. Was den Stil betrifft, halten wir es mit Coco Chanel und ihrem Kleinen Schwarzen: schlicht, aber perfekt geschnitten, sodass die individuelle Ausstrahlung jeder Trägerin zur Geltung kommt. In so einem BH kann man sich immer feminin und sexy fühlen.“

Wäre auch Wäsche für Trans-Frauen ein Thema für Euch?

Bianca: „Unsere BHs sind so designt, dass sie sich durch ihre dehnbaren Unterbrustbänder besonders gut individuell anpassen. Insofern können einfach alle mit kleinen Brüsten oder kleinen Brustprothesen, und zwar gerade auch bei breiten Unterbrustumfängen, unsere BHs tragen.“

Wie habt ihr den Vertrieb aufgebaut? War es zu Beginn schwierig, Einzelhändler zu überzeugen, euch ins Programm aufzunehmen?

Gabriele: „Ja, denn tendenziell vertraut der Einzelhandel gerne auf Bewährtes. Wir konnten allerdings von Anfang an einige sehr schöne fashion- und lifestyle-orientierte Lingerie-Boutiquen und Concept-Stores für uns gewinnen, was uns wirklich freut. Und natürlich haben wir auch einen Onlinestore.“

Wie hat sich euer Arbeitsalltag entwickelt: von der Idee zum Produkt und nun einige Jahre später?

Bianca: „Wie man so schön sagt, haben wir die ersten Stromschnellen hinter uns gelassen und viele Erfahrungen sammeln können, was für unser Geschäft funktioniert und was nicht. Mittlerweile konnten wir uns als das Lingerielabel für kleine Brüste etablieren und sind auf Kurs für ein nachhaltiges Wachsen – denn nachhaltig und umweltfreundlich zu arbeiten ist uns neben unserer Spezialisierung auf kleine Brüste eine zweite Herzensangelegenheit.“

Bekommt ihr noch komische oder überraschte Reaktionen, wenn ihr erzählt, was ihr macht?

Gabriele: „Die haben wir noch nie bekommen! Wir machen ja etwas Wunderschönes und tun das mit ganz viel Leidenschaft. Wir wissen aus eigener Erfahrung, wovon wir sprechen, und das scheint also überzeugend zu wirken. Aber natürlich kommt es schon vor, dass unser Gegenüber mal kurz auf unsere Brust linst …“

Was waren für euch die wichtigsten Dinge, die ihr in der Zeit der Selbstständigkeit gelernt habt?

Bianca: „Sich ganz klar zu positionieren – das dient als Prüfstein für jede weitere Strategie und ist wirklich zentral. Daneben muss man sich ganz konkrete Ziele setzen. Wichtig ist außerdem natürlich, gute Partner zu finden, auf die man sich verlassen kann. Und vor allem: immer dem eigenen Bauchgefühl vertrauen!“

War es wichtig, zu zweit zu gründen, oder kann man es auch allein schaffen?

Gabriele: „Zu zweit zu sein ist sicher nicht ausschlaggebend, aber natürlich toll, weil jede von uns unterschiedliche Stärken einbringt und wir uns die Verantwortung teilen können. Wir denken schon, dass wir damit einfach weiter gekommen sind.“

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