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Bildung von der Couch-Position

Docutainment ist schon lange ein wichtiger Bestandteil unserer Medienlandschaft. Denn egal ob im TV auf der Couch oder über einen Youtube-Channel – es gibt keinen einfacheren Weg, um ganz nebenbei ein wenig Wissen mitzunehmen. Doch was leisten diese
kompakten „Bildungsformate“ und wo liegen ihre Grenzen? Gedanken und Bekenntnisse eines Doku-Freaks.

 

Belächelt von manchen, geliebt von vielen – beim Docutainment scheiden sich die Geister. Dennoch nehmen die einfach verständlichen, unterhaltsamen und dokumentarischen TV-Formate wichtige (Sende-)Plätze in der aktuellen Medienlandschaft ein. Es geht für viele Zuschauer und Youtube-Nutzer einfach nicht mehr ohne diese praktischen Zugänge zur Allgemeinbildung. Doch wie weit reicht „Bildung aus dem Fernsehen“?

Überlegungen eines Doku-Freaks

Auch ich kann mir ein Leben ohne Docutainment nur schwer vorstellen. Hollywood und seine seichten, aalglatten Storys langweilen mich meist, zur intensiven Forschung an einem oder mehreren Themen fehlt mir allerdings auch die Zeit. Außerdem begleitet mich dieser virtuelle Frontalunterricht mit Popcornpotenzial mich bereits seit Jahrzehnten; vom Tierfilm für Kinder bis zur schnellen Informationsgewinnung über ein Thema, wenn mal wieder im vollen Unistundenplan die Zeit für entsprechende Sekundärliteratur fehlte. Um den Multiple-Choice-Eingangstest in einem Seminar zu bestehen und sich bei einem Schulreferat auch in Randbereichen eines Themas nicht zu blamieren. Dokumentarfilme sind für mich also ein adäquates Mittel, um „en passant“ immer ein paar mehr Fakten, Ereignisse und geschichtliche Persönlichkeiten neu zu entdecken und dem bunt gemischten Archiv in meinem Gedächtnis hinzuzufügen. Informativ müssen die Inhalte sein, aber nicht trocken. Unterhaltsam, aber nicht fiktiv. Sorgfältig recherchiert und tiefgründig, aber in einfachen, gut verständlichen Häppchen serviert. Das, was man eben als eine gute Mischung aus Dokumentation und Entertainment versteht, den Begriffen, die sich im Docutainment zu einem vereinigen. Man könnte das alles nun als Schmalspurwissen bezeichnen, als kurze Stippvisite in Themenwelten, die man eigentlich viel länger und intensiver erforschen müsste, um sie wirklich zu verstehen. Diese Kritik trifft das Genre und seine Fans natürlich nicht ganz zu Unrecht.

Oberflächliches Allgemeinwissen

Doch ist diese Kritik an Format und Empfänger wirklich gerechtfertigt? Schließlich werden wir von allen Seiten dazu aufgefordert, ständig und lebenslang Neues zu lernen, in allen Themenbereichen bei gesellschaftlichen Anlässen ein versierter, rhetorisch glänzender Gesprächspartner zu sein und uns in Schallgeschwindigkeit mit den Gegebenheiten eines neuen Arbeitsplatzes vertraut zu machen. Wir sollen und wollen immer und überall mitreden, natürlich dem Kontext und dem Gesprächspartner angemessen, und in vielen Stellenanzeigen ist ein „breites Allgemeinwissen“ sogar Einstellungsvoraussetzung. Wir sind neugierig und wollen unseren Forschungsdrang befriedigen, doch freie (im Sinne von: nicht im Alltag verplante) Zeit ist ein knappes Gut. Wir wollen über die Hintergründe des aktuellen Zeitgeschehens informiert sein, doch bekommen dieses Wissen natürlich nur über Umwege. Wir wissen, dass wir oftmals nur an der Oberfläche kratzen, doch diese Oberfläche reicht aus, um auf einer Dinnerparty nicht als weltfremd und ungebildet dazustehen. Zu viele Detailinformationen würden den anderen zwischen Sekt und Lachshäppchen eh nur langweilen und uns den Ruf eines Fachidioten einbringen. Das Basiswissen, was man also gemeinhin als „Allgemeinwissen“ bezeichnet und das sich durch Docutainment-Formate ohne große Mühe erlernen lässt, hat also die Anmutung eines „Gesellschaftswissens“. Es ist kein Expertenwissen oder Spezialwissen – und diesen Anspruch soll und will Dokumentarfernsehen auch gar nicht erfüllen. Denn den wirklichen Recherchejob machen hier die Forscher und Spezialisten, die die nötigen Informationen für den Medienbeitrag liefern.

Docutainment: Wikipedia des TV-Sektors

Während Expertenwissen dem Namen gemäß viel Expertise in einem ganz bestimmten Bereich voraussetzt, wird „Gesellschaftswissen“ oder auch Allgemeinwissen als ein Bildungsanspruch betrachtet, den jeder erreichen sollte und theoretisch auch kann. Was genau eigentlich als „Allgemeinwissen“ gilt, ist freilich bisher nicht geklärt – wohl aber, dass es eine generalistische, wenn auch eher auf Basisfakten bezogene, oberflächliche Form von Bildung darstellt. Ein Beispiel: Das antike Ägypten weist selbst heute noch zahlreiche ungeklärte Rätsel auf. Im alltäglichen Gespräch über Ägypten und seine Geschichte genügen aber meist einige rudimentäre Kenntnisse über den Pharaonenkult, die damalige Götterwelt und die Bedeutung der Pyramiden. Hier greift das Docutainment, um „Bildungslücken“ einfach zu schließen. Gibt man „Doku Ägypten“ oder „Doku Pyramiden“ bei Youtube ein, kann man sich vor Videos kaum retten. Das vermag einen nicht zu wundern, denn der Mensch liebt Mythen, Forschung und Rätsel – und er macht es sich gerne einfach. Man kann also feststellen, dass Docutainment eine Art „demokratisches Wissen“ vermittelt – für alle erhältlich und erreichbar; fast wie das nützliche, kostenlose Onlinelexikon Wikipedia. Für eine akademische Recherche sicherlich nicht ausreichend – doch wer denkt nach einem langen Arbeitstag oder zwischen Wickeltisch und Waschmaschine schon daran, sich durch unzählige Fachbücher zu kämpfen? Nicht, wenn es einfacher, freizeittauglicher und vor allem alltagsnäher geht. Deswegen ist Docutainment auch nicht nur auf pure, trockene Zahlen und Fakten ausgelegt, sondern spricht den Zuschauer parallel auf der emotionalen Ebene an. Monumentale Bilder, anschauliche Sprache, ein festgelegter Spannungsbogen – man könnte sagen, eine Dokumentation nimmt den Empfänger dort mit, wo er steht. Und das ist meist ein Punkt, an dem man nicht von einem Expertenpublikum sprechen kann.

Was Docutainment leistet – und was nicht!

Docutainment ist, in kurzen Worten, dazu da, um auch auf der Couch seine „grauen Zellen“ ein wenig anzustrengen, ohne es mit der Anstrengung jedoch zu übertreiben. Kann dieses Format also wirklich zu einem besseren Bildungsstand beim TV- und Youtube-Publikum beitragen? Meine Antwort lautet: Natürlich kann es das. Selbst dann, wenn das kurze, minutenschnelle Zusammenfassen komplexer Zusammenhänge in einem Video und deren Konsum eher an das hektische „Bulimielernen“ kurz vor einer von vielen Klausuren in Schule und Studium erinnert. Irgendetwas bleibt immer hängen – und wenn dieses „Etwas“ nur ausreicht, um bei der nächsten Firmenweihnachtsfeier eine halbwegs fundierte Meinung äußern zu können. Oder um es seinen Kindern noch einfacher zu erklären. Docutainment-Beiträge machen ihre Konsumenten definitiv nicht zu Spezialisten in bisher unbekannten Bereichen. Doch sie können die innere Neugierde entfachen – und uns einen Anhaltspunkt zum Weiterforschen bieten. Auf dem („Allgemein“-) Wissensstand, auf dem uns Docutainment schließlich alle zurücklassen muss.

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