Foto: AMC I Mad Men

Business-Chauvinismus

Häufig als Scherz getarnt, sorgen die Auswüchse des Business-Chauvinismus für eine verbale Machtdemonstration in vielen Unternehmen. Ankämpfen.

 

Was ist das eigentlich? Business-Chauvinismus

Es ist diese uralte Rhetorik, die sich immer wieder Bahn bricht. Frauen werden mit Worten abgewertet und so auf ihren vermeintlichen Platz verwiesen.
 
Wir alle sind gut beraten Arbeitsbedingungen zu schaffen, unter denen Frauen gerne Großes leisten, auch und vor allem als Chefinnen. Denn genau das brauchen unsere Unternehmen und unsere Gesellschaft: Frauen in Führungspositionen, die bei ihrem Wirken überdurchschnittliche Ergebnisse erzielen können. Und zwar nicht nur, damit Quoten erfüllt oder mediale Modethemen aufgegriffen werden, sondern für die Gestaltung von Arbeitsräumen und Leistungs-Atmosphären, die uns auf eine Art zukunfts- und wettbewerbsfähig machen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. So weit, so schön, so theoretisch.

Twitter-GAU bei IBM

Wie so etwas im Detail auch praktisch umzusetzen wäre, ist vermutlich nur schwer in einen einzigen Text zu fassen. Wie es jedenfalls nicht geht, wurde kürzlich live auf Twitter berichtet. Die Journalistin Lindsay Kirkham wurde im Rahmen eines Mittagessens unfreiwillig Zeugin eines Phänomens, das ich „Business-Chauvinismus“ getauft habe. Im konkreten Fall betraf es Mitarbeiter von IBM, die ihren – vorsichtig ausgedrückt – antiquierten Äußerungen über Frauen im Allgemeinen und potentielle IBMlerinnen im Besonderen in vermeintlich unbeobachteter Runde freien Lauf ließen. 

Natürlich gibt es auch innerhalb des IBM-Konzerns sehr aufgeklärte Mitarbeiter und Vorgesetzte, die Derartiges in ihren Bereichen niemals zulassen würden – das belegen auch die vielen Reaktionen auf den via Twitter öffentlich gewordenen Vorfall. Doch eines zeigt das mitgehörte Gespräch sehr deutlich: Wir sind meilenweit von einer Gleichberechtigung der Geschlechter und damit von der Voraussetzung für erfolgreiche weibliche Karrieren entfernt.

Der Chauvi lauert überall

Es sind die die alltäglichen Situationen im Berufsalltag, die einen betroffen machen. Mann muss seine sensible Ader schon an der Pforte abgegeben haben, wenn man die mehr oder weniger versteckten Zeugnisse männlichen Dominanz- und Verteidigungshabitus’ dauerhaft zu ignorieren in der Lage ist. Im Meeting, beim Lunch, auf dem Flur, im Mitarbeitergespräch – das überwunden geglaubte Mittelalter männlicher Machtkommunikation ist allgegenwärtig.

Ich versuchte früher die diversen Ausfälligkeiten mehr oder weniger milde wegzulächeln, doch das funktioniert nicht mehr. Zu groß ist die Wut. Wut auf Absender und Publikum, denn Letzteres ist ganz klar mitschuldig, wenn eine Atmosphäre entsteht, die Business-Chauvinismus und seine Absender tolerieret. Ich zwinge mich daher zum Hinhören und zur deutlichen Reaktion. Das Feedback ist immer: Unverständnis und Ausschluss aus dem temporären Männerbund.

Vergleichbar ist die Situation übrigens auch mit dem feministischen Diskurs. Die Feministinnen mussten und müssen in ihren Deutungen und Äußerungen radikal sein, da nur so eine Veränderung der allgemeinen Wahrnehmung durch entsprechende Aufmerksamkeit möglich war und ist. Nettes Bitten um mehr Toleranz hat ja ganz offensichtlich nicht allzu viel gebracht. Also gewöhne auch ich mich an die Blicke meiner Geschlechtsgenossen, wann immer ich ihnen ob ihrer antiquierten Rhetorik auf die Füße oder vors Schienbein trete. 

Macht und Angst

Ich weiß, dass es sehr viele Männer gibt, die ähnlich empfinden. Aber gleichzeitig höre ich von vielen Frauen von scheinbar ganz alltäglichen Vorfällen, die mir die Zornesröte ins Gesicht treiben. Und ich sehe nur eine Lösung. Was nicht hilft, sind (nur) Frauenbeauftragte und Weiterbildungs-Angebote aus der Gender-Ecke. Die werden von den Business-Chauvis müde weggelächelt. Der einzige Weg ist die unmittelbare Reaktion – in jeder einzelnen Situation. Eine gewisse Form der Eskalation muss hier für uns zum Reflex werden, anders ist eine vehemente Bewusstmachung und Bewusstwerdung nicht möglich. 

Schlage ich jedoch eine solche Vorgehensweise vor, begegne ich nahezu immer Angst und Skepsis. Vor allem Frauen wollen sich nicht der Gefahr aussetzen als „zickig“ (man ersetze dieses Attribut durch ähnliche) zu gelten und ihr berufliches Fortkommen gegenüber Vorgesetzten und Kollegen zu gefährden. Ihre Netzwerke sind ja bekanntlich denen der männlichen Kollegen oft unterlegen.

Männer sind (auch) der Schlüssel

So funktioniert der Mechanismus des Business-Chauvinismus. Und genau deshalb ist das auch der Punkt, an dem dieser Ausübung männlicher Macht begegnet werden muss. Eine entscheidende Rolle kommt dabei denjenigen Männern zu, die ähnlich denken und empfinden wie ich. Sie sind die Geburtshelfer einer neuen Ära von Angstfreiheit und Gleichberechtigung im Business-Alltag, wenn sie sich aus ihrer Rolle der schweigenden Zustimmung lösen können und statt dessen eine neue Form von Empfindlichkeit in den Ring werfen. Männer können so maßgeblich dazu beitragen die Atmosphäre herzustellen, in denen Frauen (wie auch ein sehr großer Teil der Männer) zukünftig agieren wollen. 

Antizipiert man mögliche Reaktionen und Kommentare auf diesen Aufruf, so muss man vermutlich tief in Rhetorik und Syntax der Business-Chauvinisten eintauchen. „Das ist ja nur lustig gemeint“, „die soll sich mal nicht so haben“, „die muss mal wieder ordentlich…“. Belassen wir es bei der Spitze des rhetorischen Macho-Eisbergs. Hier müssen wir unsere Reflexe schärfen, den Mut zur scharfen Reaktion fassen und unserem Gegenüber unmissverständlich klar machen, dass nicht wir unter Humormangel oder Überempfindlichkeit leiden, sondern dass er statt dessen zu einer akut vom Aussterben bedrohten Art gehört. Empören wir uns – lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig. Das halten wir schon aus.

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