Foto: festival-cannes.fr

Je t’aime … moi non plus – Tut sich etwas für Frauen im Filmgeschäft?

Bei den Filmfestspielen in Cannes hat in diesem Jahr endlich einmal wieder der Film einer Regisseurin das Festival eröffnet. Sie wurde ausgebuht. Wie steht es um die Akzeptanz der Frauen in dieser Branche?

 

Beinahe ein Wunder: Eine Regisseurin eröffnet in Cannes

Es ist still geworden um Emmanuelle Bercot, seit die Filmfestspiele in Cannes am 24. Mai zu Ende gegangen sind. Das weltweit wichtigste Filmfestival muss höchst ambivalente Gefühle in ihr hervorgerufen haben. Erst wurde sie gnadenlos ausgebuht, dann fuhr sie mit einem der wichtigsten Preise im Gepäck nach Hause. Was Bercot in Cannes widerfuhr, ist symptomatisch für die Rolle von Frauen im Filmgeschäft.

Die Französin Emmanuelle Bercot, heute 47 Jahre alt, absolvierte nach dem Schulabschluss zunächst eine Tanzausbildung, nahm daraufhin Schauspielunterricht und sattelte dann noch ein Regiestudium obendrauf. In Cannes wurde ihr dieses Jahr die große Ehre zuteil, das Filmfestival mit ihrem neuen Werk „La Tête haute“ zu eröffnen. In 68 Jahren war das vor ihr erst einer anderen Frau gelungen: 1987 gab die französische Regisseurin Diane Kurys mit „Un homme amoureux“ den Auftakt. Die Erwartungen, die auf Bercots Eröffnungsfilm lasteten, waren enorm. Er konnte ihnen nicht ansatzweise standhalten. 

Schuld ist natürlich? Das Geschlecht

Catherine Deneuve spielt darin eine Jugendrichterin, die sich des jungen Straftäters Malony annimmt, eines komplett hoffnungslosen Falls, wie es scheint. Der Film begleitet das ungleiche Paar über einen Zeitraum von circa fünfzehn Jahren, es ist eine Mischung aus Coming-of Age-Story und Sozialdrama. „La Tête haute“ rührt die Zuschauer, allerdings ist die Erzählweise konventionell. Zu Recht hatte sich das Publikum vom Eröffnungsfilm mehr erwartet. Da war Bercots Geschlecht den Kritikern sofort ein gefundenes Fressen: Einen derart schlechten Film von einem Mann hätte man niemals ausgesucht, spotteten böse Zungen noch vor Beginn des Abspanns. 

Emmanuelle Bercots zweiter Auftritt an der Croisette sollte ihr messbar mehr Anerkennung zuteil werden lassen:  Für ihre Darbietung in „Mon Roi“ wurde sie am Ende – gemeinsam mit Rooney Mara aus Todd Haynes’ Lesbenliebesdrama „Carol“ – mit dem Preis für die beste weibliche Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Freude und Leid liegen an der Croisette oft sehr nah beieinander. In „Mon Roi“ (Filmstart am 18.12.) spielt Bercot die emotional labile Anwältin Tony, die sich in den charismatischen, notorisch untreuen Georgio verliebt. Circa zehn Jahre verbringt Tony an seiner Seite, ohne dass er wirklich anwesend wäre. Erst durch einen schweren Skiunfall lernt sie loszulassen.

Das Akzeptanzproblem

Dass dieser – nicht nur wegen Bercots schauspielerischer Glanzleistung – wirklich sehenswerte Film von einer Frau gedreht wurde, wird leider oft vergessen. Auch Regisseurin Maïwenn hatte keinen leichten Start. Die junge Französin kämpfte lange Zeit mit dem Image des Kinderstars, das ihr anhaftete, da sie bereits als Zwölfjährige in Filmen wie „Ein mörderischer Sommer“ zu sehen war. Außerdem war sie für viele primär die „Exfrau von Luc Besson“. Doch sie ließ sich nicht unterkriegen. 

Zunächst einmal habe sie lernen müssen, ihre Weiblichkeit abzulegen, sagt sie sinngemäß in Interview mit dem Spiegel. „Regisseur ist ein Männerberuf. Wenn man mit den Geldgebern verhandelt oder seine Crew auf dem Filmset dirigieren muss, braucht man vor allem klassisch männliche Stärken. Man kann da nicht in einem Minirock auftauchen und auf Verführung und Sanftheit setzen. Ich ziehe dann eine Latzhose an und muss die Schauspieler beruhigen, Solidarität zwischen allen Mitarbeitern herstellen und dafür sorgen, dass alle gut aussehen. Solche Beschützeraufgaben liegen eher Männern als Frauen. Vielleicht gibt es aus diesem Grund immer noch so wenige Regisseurinnen.“

Weibliche Perspektiven fehlen

Ähnlich äußerten sich kürzlich die Teilnehmerinnen einer neu ins Leben gerufenen Diskussionsreihe zum Thema Frauen im Filmgeschäft. Die Veranstaltungen unter dem Oberbegriff „Women in Motion“ finden nun regelmäßig am Rand des Filmfestivals in Cannes statt. Parker Posey, die an der Croisette im neuen Woody Allen-Film „Irrational Man“ zu sehen war, zeigte sich äußerst pessimistisch, was die Rolle von Frauen in der Filmbranche anbelangt: „Wir leben in überaus maskulinen Zeiten. Wir befinden uns im Krieg.“ Salma Hayek stimmte mit ein. „Allerdings stimmt mich zuversichtlich, dass wir in einer starken Position sind,“ sagte sie und erinnerte daran, dass Frauen 50 Prozent aller Kinokarten kauften. Hayek zufolge wäre der Anteil sogar noch höher, wenn weibliche Erzählweisen im Kino stärker vertreten wären: „Männer wissen nicht, was wir sehen wollen. Sie haben weiblichen Stimmen keine Gelegenheit gegeben, sich zu entwickeln.“

Die weibliche Stimme allein scheint nicht zu erreichen – zumindest an der Kinokasse. Natalie Portman stellte an der Croisette ihr auf der gleichnamigen Romanvorlage von Amos Oz beruhendes Regiedebüt „A Tale of Love and Darkness“ vor. Als ein Journalist sie fragte, warum sie auch gleich selbst die Hauptrolle übernahm, konterte sie trocken, anderenfalls hätte sie keine Finanzierung für ihren Film erhalten. 

Schöne Frauen kamen in „Carol“ gleich zwei vor. Eine Hauptdarstellerin (Cate Blanchett) ist hinreißender als die andere (Rooney Mara). Die Premiere wurde in Cannes mit ganz besonderer Spannung erwartet, und das obwohl Männer in „Carol“ zu Samenspendern und Verrätern degradiert werden. Sie sind bloße Statisten in einem sonst durchweg weiblichen Universum. Obwohl Cannes Queer-Filmen gegenüber als wenig aufgeschlossen gilt, wurde „Carol“ begeistert aufgenommen. Er war sogar im Gespräch für die Goldene Palme. Gedreht hat den Film allerdings wieder ein Mann. In den 68 Jahren, die es das Filmfestival Cannes nun gibt, hat erst eine Frau eine Goldene Palme verliehen bekommen: Jane Campion 1993 für „Das Piano“. 

Im August trifft sich die Branche im schweizerischen Locarno. Am 15. Juli wird das Programm vorgestellt. Welche Rolle Frauen beim diesjährigen Festival spielen werden (sowohl auf der Leinwand wie hinter der Kamera), wollten die Veranstalter auf Nachfrage noch nicht verraten.


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