Foto: Foto: Sascha Scherer

Closer to God in Heels (Gott näher in Stöckelschuhen)

Immer das gleiche Dilemma für uns Frauen: also rein in die hohen Hacken oder doch lieber die bequemen Treter nehmen? Die Frage ist quasi Philosophie und fast so alt wie die Menschheit. Spiel mit Erotik, gesellschaftlicher Stellung und Ansehen. Und warum Frauen über 50 durchaus das Recht haben, weiter auf >heißen Reifen< unterwegs zu sein.  

“Closer to God in Heels” – Diesen „göttlichen“ Spruch fand ich kürzlich auf einer ebenso göttlichen Tasche und WUMS glühten die Drähte vom Kopfkino heiß: Schöne Frauen, schöne Beine, graziles Gestöckel – gerne mit just dieser Tasche am Arm. Preis auf Anfrage. Ich frag‘ mal lieber nicht.

Erholt vom Aufflammen kühner Sehnsüchte ist mir klar: dieser Spruch spaltet die Nation. Nämlich in die Gruppe derer, die sie tragen und der anderen, die beim Tragen zuschauen. Gewollt oder ungewollt. Zugegeben: beim Thema Absatzschuh bin ich nicht gerne Zaungast, also lieber Träger oder besser
gesagt Trägerin. Dabei ist es beileibe weder eine Luftkissennummer noch in
irgendeiner Art und Weise mit dem Wort >wohltuen< in Verbindung zu bringen, wenn man sich vorstellt, mit 10 cm Hacken oder auch mehr von Termin zu Termin zu hetzen. Egal wie alt man ist. In mir ruft das vollautomatisch
Schmerzen hervor und Bilder von Füßen, die vermutlich spätestens jetzt jeder
sieht. Hühneraugen, offene Blasen? Ach was, Kleinigkeiten…

Bei der erotischsten aller Gangarten spielen auch lebenslängliche Folgen, wie
Sehnenverkürzungen, Veränderungen des Fußskeletts oder Wirbelsäulenschäden scheinbar eine untergeordnete Rolle. Hauptsache beim Spiel um die weiblichsten aller femininen Merkmale schwingt etwas buchstäblich Umwerfendes mit.

Da darf man schon mal die Frage stellen, warum die Mode- und Schuh-Designer das überhaupt machen und uns Mädels auf halsbrecherische Heels stellen, die ohnehin kaum eine beherrscht. Die Antwort ist so lapidar wie simpel: Das Bild vom Ballkleid mit Sneakers an den Füßen funktioniert einfach nicht. Und auch nicht das vom Laufsteg kunstvoller Roben mit „Flats“. Dass sie den Füßen mehr Spaß machen, macht sie leider nicht elegant. Kein Wunder also, dass wir beim Lauf auf der Stöckel-Show mitmachen – Schmerzen hin oder her. Die Herrschaften Louboutin und Konsorten können jedenfalls nicht über Absatz-Schwierigkeiten klagen. Im Gegenteil: der Run auf die angesagtesten Modelle ist groß und so manches Designerteilchen schnell vergriffen. Männer ermüden bei der oft langwierigen Suche nach den perfekten Pumps schon mal; beim formvollendeten Venus-Auftritt sind sie indes hellwach. Die (physischen)
Schwerpunkte verlagern sich also nicht nur beim weiblichen Geschlecht…. was übrigens schon ewig so ist.

Genauer gesagt ist der stelzige Balanceakt auf 2 Beinen keine Erfindung aus dem 20. Jahrhundert und keiner weiß, wem die Idee wirklich gehört. Indes ist sicher, dass schon die Damen im alten Ägypten über die Wirkung Bescheid wussten, denn man hat Vorläufer der späteren Pfennigabsätze in einem Grab in Theben aus dem Jahr 1000 vor Christus (!) entdeckt. Von da an schleicht sich der Schuh mit mehr oder weniger hohem Absatz durch die Zeit und durch die Geschichten der Wohlhabenden. Auch kleine, mächtige Männer mit hohen Perücken fanden bisweilen großen Gefallen daran. Immer im Paar mit Noblesse, purer Eleganz und dem Schein, höher zu stehen. Closer to God?

Frauen, die sich gut begründet dem Thema Stöckelschuh verweigern, können gemein sein. Gewollt oder gezwungenermaßen dem Schaulaufen des gleichen Geschlechts zuzusehen und ergo in den Vergleich gestellt schlechter abschneiden, ist und bleibt eine Mutprobe. Der flache Schuh trägt auch Signale, aber eben keine erotischen. Das bläht den kleinen Hauch vom hohen
Nichts zum Monster. Häme für die, die beim Tragen ins Straucheln geraten,
umknicken oder gar stürzen. Konkurrenz aus den höchst eigenen Reihen ist ein furchtbar fruchtbarer Boden für allerlei Gehässigkeiten. In diesem Punkt wünsche ich mir wirklich mehr Gelassenheit, nicht nur die gespielte. Oder Argumente, die ins ausgeleierte Horn des altersbedingten Nachlassens stoßen. Soll man deswegen mit über 50 auf den anmutigen Schritt pfeifen und klaglos verzichten, nur weil es jenen aus der Flachschuhabteilung ein Dorn im Auge ist? Nein da mache ich nicht mit. Solange mich meine Füße auf Heels tragen, werde ich all‘ jene Anlässe gerne annehmen, die das Tragen nur allzu erträglich und es in gewisser Weise kostbar machen. Nämlich dort, wo die Prioritäten auf dem Sitzen und nicht auf dem Laufen liegen. Tanzen geht auch barfuß. Keine muss, jede darf und das solange sie will.

Finde ich.

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