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Critical Whiteness – Begegnung oder Abgrenzung: Ist die Verordnung von Liebe pathetisch?

Können wir „deutsche Kartoffeln“ Liebe organisieren in einer Zeit, die soviel Hass produziert? Der Hass ist im Netz bereits organisiert. Im Angesicht von AfD und überall erstarkendem Rechtspopulismus können wir jeden Menschen brauchen, der die Hoffnung auf gelingende Vielfalt noch nicht aufgegeben hat. Es geht immer zunächst einmal um das Abbauen von erlittenen Demütigungen. Denn Demütigungen werden häufig zu Hass. Das Abbauen von Demütigungen gelingt am effektivsten durch die Erschaffung von menschlichen „Wärmebecken“, in denen jeder einzelne Mensch Anerkennung und echte Wertschätzung erfährt.

 

Wir werden uns einmischen.

Wir haben uns in der Vergangenheit zu vielem geäußert. Und wir, ACT, werden uns auch weiterhin einmischen. Wir wollen etwas bewegen. Zu einem Thema haben wir aber bisher geschwiegen. Zu unserer Herkunft. ACT hat einen Vorstand. Wir sind drei Frauen. Wir heißen Stefanie, Anna und Maike. Wir sind deutsche Kartoffeln. Wir sind „weiß“. Wir machen uns Gedanken, ob wir trotzdem sichtbar sein dürfen – in diesem Feld, in dem es so viel um Personen geht, die durch Hautfarbe und Herkunft Nachteile erleben in unserem Land und darüber hinaus. Dürfen wir in diesem Feld „mitspielen“ oder sind wir verdächtig – weil wir Kartoffeln sind?


Bild: Friederike Faber

Liebe organisieren

Uns hat Kübra Gümüsay auf der re:publica aus dem Herzen gesprochen. Sie forderte das Publikum auf, Liebe zu organisieren, weil der Hass im Netz bereits organisiert ist. Das hat auch uns noch mal zu unserer Kernfrage gebracht. Können wir Liebe organisieren in einer Zeit, die soviel Hass produziert? Können wir uns über alle bestehenden Probleme und Zuschreibungen hinweg begegnen? Und Vielfalt zum Glücksfall werden lassen? Was sollen wir tun? 

Begegnung wagen

Unserer Ansicht nach geht es bei allem, was wir versuchen,  zunächst einmal um die sehr persönliche Entscheidung jedes einzelnen Menschen, nämlich: Kann ich den Versuch – und vor allem das Risiko – wagen, mich gegenüber einem anderen Menschen zu öffnen und zu zeigen – oder grenze ich mich ab? Entsteht Resonanz, Wärme und eine wirkliche Begegnung oder bleibt zwischen uns eine Barriere? Was hindert uns immer wieder daran, einander zu begegnen?

Bezugnehmend auf den „Critical Whiteness Diskurs“ sind wir uns darüber im Klaren, dass wir im Vorstand von ACT „Weiße“ sind und somit immer und grundsätzlich eine Barriere zu Personen „of colour“ zwischen uns haben, die sich allein aus der Ungleichheit ergibt, die Personen „of colour“ in unserer Gesellschaft tagtäglich erleben. Wie gehen wir mit dieser Barriere um? 

Von Jugendlichen lernen

Bei ACT sprechen und gestalten die Jugendlichen. Durch sie haben wir einiges gelernt. Die meisten Widerstände und Frustrationen der Jugendlichen an Schulen haben wir als berechtigte Aggression gegen normierte Erwartungen erkannt. Viele Jugendliche können bis heute in unseren Schulen mit ihren Fähigkeiten, Gedanken, Biografien und Potentialen nicht sichtbar werden. Sie rebellieren zu Recht gegen ein System, das aus der Perspektive von „Kartoffeln“ („Weißen“) gedacht ist. Jugendliche, die nicht „deutsch“ aussehen oder auf andere Weise nicht den gesetzten Erwartungen entsprechen, sind nach wie vor ständigen Herabsetzungen und Demütigungen ausgesetzt. Vielen Lehrkräften (die meisten von ihnen „deutsche Kartoffeln“) ist das nicht bewusst – sie bemerken es oft gar nicht. Die wenigsten meinen es böse. Trotzdem bleibt die Diskriminierung.

Als ich damals an einer Schule in Neukölln anfing daran zu arbeiten, die Sichtweise der Jugendlichen zu verstehen, war dies der Beginn einer Reise ohne Rückfahrschein. Schon ein einziger Tag in ihrer Haut – z.B. ICH als irgendein 15-jähriges Mädchen mit Kopftuch – hätte mich auf die Palme gebracht – und genau deswegen natürlich systemische Sanktionen (und Demütigungen) gegen mich nach sich gezogen. Ich habe oft gedacht, dass ich wahrscheinlich noch viel schneller von der Schule geflogen wäre als meine Schüler_innen, die unter den gegebenen Umständen erstaunlich viel Gelassenheit und Souveränität an den Tag legten. Ich wäre wahrscheinlich nicht so tapfer mit den ständigen Zuschreibungen und Vorverurteilungen klar gekommen wie sie. Ich wäre viel wütender und viel verzweifelter gewesen. Ich frage mich, ob ich es bis zu einem Abschluss gebracht hätte.

Mir ist bewusst, dass diese Erkenntnis nicht ausreicht, um bestehende Ungerechtigkeit auszustreichen. Zu erkennen, dass ich privilegiert bin, erzeugt erst recht das Bedürfnis, etwas zu TUN. Und im Angesicht von AfD und überall erstarkendem Rechtspopulismus können wir jeden Menschen brauchen, der die Hoffnung auf gelingende Vielfalt noch nicht aufgegeben hat. Oder nicht?

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Kraft, Optimismus, Mut zum Handeln und selbständigen Denken sehr schnell im Keim erstickt werden kann – durch Beleidigungen, Vorverurteilungen, Herabsetzungen. So schnell kann man gar nicht gucken, wie Kraft und Selbstvertrauen dann verschwinden.

Das gilt für erwachsene Menschen genauso wie für Jugendliche. Das gilt für uns alle. Überall.

An den Schulen, an denen sich die Wut über mangelnde Teilhabe-Möglichkeiten und die daraus resultierende Resignation staut, wird darauf leider noch immer zu oft mit autoritären Maßnahmen reagiert: Verbote, Sanktionen und alles, was wertvoll oder schön ist, wird abgeschlossen, z.B. die denkmalgeschützte Aula. Die Jugendlichen werden immer weiter entmündigt, mit der Begründung, sie würden ja „sonst alles kaputt machen“. Entmündigung kann nicht die Lösung sein. Nirgends. Bei niemandem.


Bild: Friederike Faber

Da ich die grundsätzliche gesellschaftlich bestehende Ungerechtigkeit nicht abschaffen kann, habe ich über Jahre versucht, Jugendlichen zuzuhören und mit ihnen gemeinsam Arbeitsprinzipien zu entwickeln, bei denen sie alle sichtbar werden können. Das daraus entstandene Konzept des Partizipativen Theaterunterrichts ist keine bevormundende Methode, sondern – ganz im Gegenteil – ein ermöglichendes Prinzip, das unendlich viele individuelle Gestaltungs- und Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet und einen Herrschaftsdiskurs durch einen kollektiven Qualitätsdiskurs ersetzt. Nicht wir (Weißen) werden in dieser Arbeit sichtbar – sondern die Jugendlichen. 

Räume erschaffen

Auf diesem Prinzip des Ermöglichens größtmöglicher Vielfalt basiert die Arbeit von ACT. Das zweite, was wir bei ACT versuchen ist: Gelingende, wertschätzende Beziehungen aufzubauen. Wir erschaffen Räume, in denen Wärme und Resonanz spürbar wird. Denn: Wir erleben immer wieder, dass es zwei Sorten von Orten gibt: Es gibt Orte, an denen Menschen anfangen sich zu öffnen und zu zeigen – unabhängig von Herkunft und Geschichte. Und es gibt Orte, an denen keine_r mehr etwas sagt, keine_r sich mehr zeigt. Orte, ohne Resonanz, an denen es „Richtig“ und „Falsch“ gibt, an denen Angst herrscht, das „Falsche“ zu sagen, Orte, die Begegnung und Öffnung verhindern. Solche resonanzfreien Orte bergen eine hohe Gefahr, Gefühle von Demütigung und Minderwertigkeit hervor zu rufen. Von der letzten Sorte gibt es leider noch immer viel zu viele. Und sie erzeugen weiterhin immer neue Demütigungen.

Wir glauben, dass es immer zunächst einmal um das Abbauen von erlittenen Demütigungen gehen muss. Denn Demütigungen werden häufig zu Hass. Das Abbauen von Demütigungen gelingt am Effektivsten durch die Erschaffung von menschlichen „Wärmebecken“, in denen jeder einzelne Mensch Anerkennung und echte Wertschätzung erfährt. Solche „Wärmebecken“ entstehen durch das bewusste Suchen und Finden von Gemeinsamkeiten und die Anerkennung und Bestärkung des jeweils Eigenen, aber nicht durch die Betonung dessen, was uns trennt. Wir versuchen abgrenzende Labelungen zu vermeiden. Das ist unser Hauptanliegen bei ACT e.V.

Wärmebecken werden gebraucht

Unsere Erfahrung ist, dass es das „Wärmebecken“ braucht, damit jede einzelne Person sich traut, „ich“ zu sagen, und in ihrem einzigartigen Potential sichtbar werden kann. Durch die Suche nach dem Gemeinsamen und die Abwesenheit von Bewertung und „Beschriftung“ entsteht der Mut zum Eigenen. Wir haben noch so viel zu tun. Wir wissen um die bestehenden Ungerechtigkeiten und Unterschiede. Wir sind weiß. Wir wollen trotzdem mitmachen. Und mit euch gemeinsam „Liebe organisieren“. Sowohl im Netz als auch im wahren Leben. Dazu Kübra Gümüsay: Organisierte Liebe

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