Foto: Eigene Aufnahme

Danke Alice, aber wir müssen weiter

Wer würde bestreiten das wir Frauen ALICE SCHWARZER so einiges zu verdanken haben? Stimmt dumme Frage – leider zu viele. Aber was macht das zum Problem für den Feminismus?

 

Ich wünschte ich könnte behaupten, zu der Sorte Mensch zu zählen, die jede ihrer Gedanken und Argumente eingehend überprüft BEVOR sie laut geäußert werden. Was wäre es schön, wenn jeder Aussage, jeder Behauptung eine lückenlose Beweiskette oder doch zumindest ein fundierter Link folgen würde? 

Ist aber leider nicht so, deswegen schreibe ich ins Blaue, wo ich ein Problem in der aktuellen Frauenbewegung sehe. 

Margarete Stokowksi und Ronja von Rönne als neue Generation

Im Netzfeminismus mag sich sicher sehr viel tun, zumindest Margarete Stokowski und Ronja von Rönne sind in der breiten Öffentlichkeit sichtbar als junge Frauen, die sich dem buchstäblichen Forenmob tapfer stellen. Ungeachtet dessen, dass ich nicht jede Ihrer Positionen inhaltlich teile (Ja ich mag Ronja von Rönne erst seit dem sie den Preis für ihren Antifeminismus Artikel abgelehnt hat), sind sie doch neben der oben genannten Alice Schwarzer zumindest in der breiten öffentlichen Debatte angekommen. Sie bilden so zusagen die neue Generation. 

Engagement in Sachen Gleichberechtigung

Wir haben also junge, talentierte Frauen, denen es durchaus auffällt, dass in Sachen Gleichberechtigung noch einiges zu tun ist. Dieses Engagement muss breiter werden, sichtbarer und ja, ich meine dass Feminismus auch sexy sein kann. Hier liegt mein Problem mit der verehrten Frau Schwazer allerdings begraben. 

Auftritte wie aus der Zeit gefallen

Ihre öffentlichen Auftritte, auch und gerade als Folge der Kölner Silvesternacht, schaden in meinen Augen der gemeinsamen Sache. In den meisten Punkten stimme ich mit Ihren Aussagen vollkommen überein – wer sich inhaltlich damit befassen möchte, dem sei ein wenig Google ans Herz gelegt – aber die Form wirkt wie aus der Zeit gefallen. 

Alice Schwarzer heute noch ein Vorbild?

Da sitzt eine Frau, die sich ihrer Leistung um die Sache der Frauen sehr bewusst ist und dies mit einer unübersehbaren Selbstzufriedenheit vor sich her trägt. In ihrer Lautstärke, mit ihren ewigen Unterbrechungen und rhetorischen Machtdemonstrationen macht sie sich in aller Öffentlichkeit zur Karikatur. Ausnahmsweise, so selten es auch ist, liegt es weder an ihren unbequemen Wahrheiten, noch an dem Umstand, das sie eine Frau ist. Ihre Umgangsformen machen sie selbst zu einer derart unbequemen Gestalt, dass es mir schwer fällt, sie als Vorbild zu sehen. 

Echte Chancengleichheit für alle Geschlechter 

Ich bin mir sicher, auch wenn ich von dieser Zeit Aufgrund meiner Geburt im Jahr 1991 aktiv nichts miterleben durfte, dass es „früher“ nötig war, unbequeme Positionen so laut und so demonstrativ wie möglich hinaus zu schreien. Ja, für alle unsere Mütter die mitgingen bin ich dankbar, ich bin dankbar für die Radikalität der Frauenbewegung, die unsere jetzige Komfortsituation erst ermöglicht hat. Doch für die gemeinsame Sache, aus der Komfortsituation eine echte Chancengleichheit für alle Geschlechter zu machen, ist diese Art Publicity ein Bärendienst. 

Alice Schwarzer spinnt nicht

Die Klaus Dieters und Stefans dieser Nation schauen sich Schwarzers Auftritte wie diesen an und rufen ihren Maritas und Christines im selben Moment zu: „Du ich hab doch schon immer jesacht die olle Schwarzer spinnt… bringste mir nochn Bier?“ Nein Alice Schwarzer spinnt nicht. Aber sie sollte in einer Zeit, wo sich junge Frauen immer noch die Frage stellen wie sie denn nun sein sollen (süß, sexy oder dominant und seriös?) oder überlegen müssen ob sie mit Kindern einen Job bekommen, nicht die Hauptrolle spielen. 

Ich versinnbildliche mein Problem mit folgender Geschichte, die sich tatsächlich so zugetragen hat:

Ein spöttisches Schnauben – dann wandte sie sich ab

Eine liebe Freundin von mir ist aus vollem Herzen Feministin, ich beneide sie um ihr Bücherregal, ihr Wissen und ihre unermüdliche Vehemenz, mit der sie ihre Rechte einfordert und die Diskriminierung im Alltag erkennt und verurteilt. Die die EMMA abonniert hat als ich dieses Magazin noch nie in der Hand hatte. Für die Alice Schwarzer ein großes Vorbild war. Diese Freundin ging an einem sonnigen Tag mit ihrem Freund durch Köln und sah ihr Vorbild samt EMMA Redaktionssteam am Nebentisch im Café sitzen. Ihr Freund (ebenfalls bekennender Feminist) wollte ihr eine Freude machen und lotste sie zum Tisch der großen Schwarzer. Meine Freundin bekundete ihren großen Respekt für die Arbeit und das Lebenswerk und wurde dafür eingehend und kritisch von oben bis unten gemustert – sie trug ein leichtes Sommerkleid und ja, sie sieht tatsächlich sehr „Mädchen“, süß und wirklich hübsch aus. Ihr großes Vorbild bedachte sie mit einem spöttischen Schnauben – und wandte sich ab. 

Wie soll Feminismus zur Selbstverständlichkeit werden?

Was ich damit sagen will? Für Menschen, die sich nicht aktiv mit dem Thema Gleichberechtigung beschäftigen ist der Begriff „Feminismus“ ziemlich untrennbar mit Alice Schwarzer als Person verbunden. Viele halten sie für unhöflich, rechthaberisch, verbittert und laut. Eine Geschichte wie diese und Auftritte wie bei Anne Will und Konsorten verlangen nach einem neuen Image. Wie soll „Die Sache der Frauen“ eine Sache für Alle werden, wenn eine führende Feministin den Nachwuchs wegätzt, weil er nicht in ihr Weltbild passt? Wie soll Feminismus zur Selbstverständlichkeit werden, wenn damit erschreckend viele Menschen unangenehme Verhaltensweisen verbinden? 

Feminismus ist für uns alle da

Ich bin auch dann Feministin wenn ich roten Lippenstift trage und 12 cm High Heels besitze. Wir sind auch dann Feministinnen wenn uns das Gender* egal ist und wir uns an unseren Partner anlehnen. Und auch dann wenn wir vier Kinder großziehen und gerne basteln – wir sind nicht alle Alice Schwarzer, wir sind 50 Prozent und wir sollten viel viel sichtbarer werden. 

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